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BYND

Konstantin Arnold

 

PARADIES

Ich war im Paradies. Ich habe es gesehen, geschmeckt, getrunken. Ich habe es gefühlt und bezahlt, benutzt und überwunden. Es ist warm und ruhig und weich. Groß und geborgen. Nicht wie ein bebender Busen groß und geborgen, mehr in sich eingerichtet wie eine mit schweren Möbeln vollgestellte Umarmung. Ein mit Erinnerungen tapeziertes Schulterklopfen. In der Luft schwebt die Gunst hoher Ahnen. Es ist dort und hier und da, nur nicht überall. Es kann öffnen und schließen. An guten und an schlechten Tagen, an denen du dich fettfrisst oder dir neuer Hunger kommt. Es ist immer da, für dich da! Ob du vor Einsamkeit flüchtest oder genug hast, von den grellen, heißen Plätzen des Lebens und etwas Schatten suchst im inneren deines Gerichtshofs. Es wärmt dich auf, nimmt dir das Gepäck und die Jacke ab, genauso wie dir das erste, durch knallrote Lippen gesagte Bom Dia, nach einer langen Bom-Dia-losen Zeit, den Winter abnimmt. Willkommen im Paradies. Hitler war auch schon da. Bis der kam, durfte jeder ins Paradies, du konntest sogar dein Pferd mit reinnehmen. Seither müssen Hunde und Wixer draußen bleiben. Moralisten und Männer mit antrainiertem Brustmuskeln. Alle, die gerne leise Radio hören, nicht wählen gehen, graue T-Shirts tragen und von Vanilleeis fickrig werden. Menschen mit Meinungen und Roboter, die das Leben auf Zahlen und Fakten reduzieren wollen. Denn im Paradies lebt man in einer glücklichen Zeit, weil man weiß, dass man in einer glücklichen Zeit lebt. Man ist allein, aber in Gesellschaft, sitzt zwischen hohen Lehnen und hohen Ahnen auf sanften Polstern, die über Weltkriege hinweg butterweich gefurzt wurden. Auf ihnen vollführen Männer und Frauen seitjeher einen endlos laufenden Spielfilm, den ewigen Gruß ihrer Geschlechter. Eine sich liebende Feindschaft, zwei fremde Welten, die versuchen, sich zwischen Lehen auf Polstern so nahe […]

LEKTION

Ich könnte minutenlang dasitzen und in die Luft starren, bis die Minuten zu Stunden und die Stunden zu Tagen werden. Ohne an einer Zigarette zu ziehen, die Menschen erlösen würde, ihnen das Gefühl gäbe, ich würde etwas Sinnvolles tun. Ich könnte stundenlang Brüste unter einem Wollpullover beobachten, den Rundungen beim Runden zu schauen. Bis aus dem Pullover Unterwäsche und aus der Unterwäsche nackter Busen werden würde. Und ich könnte wochenlang durch einen kalten, klaren Herbsttag laufen, immer dem kondensierten Atem nach, bis der Herbst zu Winter und der Winter dann zu Sommer werden würde. Wochen zu Monaten, Monate zu Jahren. Ich habe viel gesehen, war schon weit weg und nah dran, kenne mich aus in der Welt und habe Bilder gemacht, die hoffentlich ein Teil von mir geworden sind, obwohl ich nie darauf verlinkt wurde. Wenn ich etwas tue, stelle ich mir oft vor, ich würde es nicht tun. Und umgedreht. Angst habe ich auch manchmal, manchmal wenn mir irgendetwas etwas bedeutet. Ich kann meine Gedanken nur schwer vergessen und habe moralische Ansprüche, an denen ich so oft gescheitert bin, dass sie sich endlich auf mein Niveau herabbegeben haben.Ich selbst bin sportlich, breit von Natur aus, volles dunkelblondes Haar. Ein vielbeschäftigter Mann. Viel mit sich selbst beschäftigt. Gern allein, aber in Gesellschaft. Großgezogen von einem Model von Mutter, die meinte, Männer sollten um Himmelswillen nicht schön sein, sondern Geschichten zu erzählen haben. Daher mein windelweicher Kern. Ich bin jung, obwohl die Jüngeren wahrscheinlich sagen würden, dass ich schon alt wäre. Ich lebe schnell, voll, viel, noch schneller und das am liebsten an vielen verschiedenen Orten mit vielen verschiedenen Menschen. Die nicht verschiedenen Menschen sagen, ich wäre rastlos, hätte mich aber in Lissabons Gassen wiedergefunden. Gott sei Dank! Ich wohne in einem anderen Land, um frei zu sein und Dinge wahrzunehmen, die mir zu Hause nicht auffallen. Wäre ich in Portugal geboren, würde ich wahrscheinlich in Deutschland leben. Aber so rum ist’s besser. Deutschland ist kühl, sogar im Sommer und die Menschen müssen immer gleich wieder gehen und wenn sie gehen, Essen gehen, dann nur wenn jemand heiratet oder gestorben ist. Die Frauen sind emanzipiert, die Männer pünktlich. Die Wirtschaft boomt, weil die Mittagspause nur eine halbe Stunde dauert und in Portugal lieber alle leicht angesoffen zurück an die Arbeit kehren. Die Menschen lieben ihre Sprache, ihren Wein und leben von einer Höflichkeit, die sich nach innen neigt wie ein ernst gemeintes Kompliment an die Organe. Freundschaften gehen von der Sandkiste bis ins Grab, weit über ausgespannte Freundinnen und nie zurückgezahltes Geld hinaus. Das ist gut, denn je mehr Menschen ich kennenlerne, desto weniger Freunde habe ich. Je mehr ich kennenlerne, desto weniger mag ich. Ich mag Herbst, keine griechischen Frauen und glaube, dass ich nichts zu sagen habe, deswegen schreibe ich. In mir ist ein Schatz von unschätzbarem Wert verborgen, ein innerer Reichtum, etwas Kostbares, das verloren geht, wenn ich es nicht in echte Sätze packe. In eine zementgegossene Sprache, in Worte mit einer unmissverständlichen Bedeutung, Worte wie Felsen an denen das Gerede zerschellt. All das Gefasel, die immer gleichen Wendungen, zermalmt von einer Wahrheit, die lockt Unanständiges zu sagen, mit dem man die tonbandtreue Kaffeeküchenunterhaltung aus dem Takt in die Luft, in all ihre Buchstaben zersprengen könnte. Denkmäler der Klarheit. Worte so präzise, wie mit einem Skalpell geschrieben. Worte, ohne Echo, die für sich selbst sprechen können, ohne dass man etwas zu ihnen sagen müsste. Worte, die eine Geschichte erfinden, die wahr ist und nicht von Spießigkeit gewollt und von den Blicken anderer großgezogen wurden. Worte, die sich nicht im Ruf einer Sache sonnen, ohne ihren Teil zu dieser Sache beigetragen zu haben. Es nicht genauso anders machen, nur damit es bloß nicht gleich ist. Worte, die benutzt werden wollen und im stillen Detail ihre Weltläufigkeit […]

LITANEI

Es war gestern und es war spät. Ich weiß nur, dass es ungebrochene, unverheiratete Männer waren. Noch nie verwundet. Mit Kurzhaarschnitten und ehrlicher Arbeit. Dreck unter den Nägeln und den nötigen Kraftausdrücken. Sie haben an langen bunten Strohalmen gezogen und vor qualmenden Drinks gesessen. Da waren Nüsse und Aschenbecher so klar wie Kristalle, die das kalte Licht der Röhrenlampen mit etwas mehr Wärme zurück in den Raum schleuderten. Die Männer wirkten nicht glücklich. Oder nur so glücklich wie Männer eben wirken, die den Großteil ihrer Zeit einer Sache nachgehen, die nicht ihre eigene Sache ist und die sie nur machen, weil sie alle machen und die sie nur tun, weil sie sie lange genug tun und sich von dieser Sache dann Dinge kaufen können. Einer der Männer hatte ein Telefon am Ohr. Er sprach langsam über Berge, vielleicht nur wegen der brennenden Zigarette und dem Strohhalm, den seine Lippen beim Reden jonglierten. Seine Stimme klang nach geschlagenem Blech und schepperte durch die Gespräche über den Tisch. Seine Ärmel waren hochgekrempelt und in der Hand hielt er einen dicken schwarzen Autoschlüssel. Oder das, was heutzutage noch von Autoschlüsseln übrig geblieben ist. Das sind meine letzten Erinnerungen, die letzten Zeichen von Zivilisation, ein Beweis dafür, dass man in einer gründlich globalisierten Welt polynesische Drinks von einem englischen Kellner in einer portugiesischen Kneipe serviert bekommen kann. Ein zerfallenes Haus, mehr Gefühl als Fassade. Am Rande einer Stadt, die von einem Hochplateau auf einem landschaftlichen Silbertablett getragen wurde, an deren Rändern die Berge Wache standen. Das ist alles! Dann haben uns schmale einspurige Straßen ins Nichts entführt. In die Empfangslosigkeit. Immer weiter weg. Straßen, wie in Berge geworfene Spaghetti, die weichgekocht nie geradeaus führen. Vorbei an immer kleiner werdenden Dörfern, tief durch die Dämmerung einer noch nie gemalten Landschaft. Links waren Olivenhaine, rechts wuchs der Wein. Auf den Straßen totgefahrenes Wild. Schweine, Füchse und andere Lebenszeichen. Irgendwann kam nur noch Wald, der an großen steilen Wänden hing. Hinter der Leitplanke wurde das Tal zur Schlucht, ohne ersichtlichen Grund, aber wir spürten, dass es tief war. Dann begann sich die Sonne den Horizont mit den Gipfeln der Berge zu teilen, flutete das Tal und legte nichts als brutalen Fels und Ununternehmbares frei. Hier angekommen, wo Kurzmitteilungen nicht mehr hinkommen, alle Gedanken dicht beisammen bleiben müssen, weil man aus den Tiefen der Täler zwischen den Höhen der Berge keinen einzigen von ihnen versenden kann, ist man richtig da, weil man richtig weit weg ist. Weil man Niemandem erzählen kann, wie steil die Bäume hier wirklich am Hang stehen und wie schön die Sonne auf den alten Schiefer der Dorfhütten scheint. So weit oben, so kurz vor Gott, an der Quelle zur Wasserleitung, die hier durch Brunnen ersetzt wird, hört man die Hunde bellen, die Glocken läuten, man hört das Wasser fließen. Kalt und klar. Die Elche vögeln im Wald und Spanien ist in spazierbarer Reichweite. Die Nächte sind so dunkel, dass man mit offenen Augen schlafen kann und die Tage so zeitlos, das man sie zu zählen beginnt, um nicht von ihnen vergessen zu werden. Hier oben im Norden ist Portugal mehr als ein breiter Strand. Der größte Unterschied zwischen den sonnenverbrannten Weiten des Südens und dem in den Himmel ragenden Norden des Landes ist der, dass sich ein betrogener Mann im Süden selbst umbringt, im Norden hingegen tötet er seine Frau oder deren Liebhaber. Die Kühe im Norden legen auch andere Fladen, tragen größere Glocken, fressen grüneres Gras und haben Hörner. Die Menschen, denen die Kühe gehören, sind forsch wie Forst und sprechen langsam, auch ohne brennende Zigarette und Strohhalm im Mund. Genauso langsam, wie der Mann mit dem Autoschlüssel am Telefon gesprochen hatte, als er sagte, dass vor ihm gerade ein hübsches Pärchen säße, das in den Bergen gerne Dinge benutzen würde, die keine Batterien brau[…]

PAMPA

Kaum geschwitzt, Schwimmen gewesen, beim Lesen eingenickt und ums Buch rum braun geworden. Fast alles erreicht. Nach einem harten Tag am Strand kehren wir heim. Auf langen Schotterpisten, die uns von der Dämmerung bis tief in die Nacht führen. Die Frauen spülen sich den Sand von den Waden, die Männer das Salz von den Eiern. Alle cremen sich danach ein. Irgendjemand öffnet den Wein, jemand anderes schneidet den Käse. Wer Oliven mag, spuckt ihre Kerne von der Veranda ins Dunkel und befruchtet die Pampa. Eine Landschaft, die immer noch brummt und leuchtet, wie den ganzen grellen Tag lang aufgeladen. Nachts ist es so klar, dass man den Himmel nur durch Sterne erkennen kann und der Mond scheint tadellos und voll, wie ein noch nie gedroschener Golfball. Es gibt Moskitos, ansonsten nichts auszusetzen. Die Kerzen kämpfen im Wind. Drinnen steht lauwarme Luft zusammen mit Möbeln und die Holzregale biegen sich unter den Schwergewichtstiteln nie gelesener Bücher. Abgewetzte Gesellschaftsspiele, Dorffotos von oben. Hausbacken. Mit einem weißen Hemd in der Hose bin ich zu schön angezogen für diese windelweichen Umgebungsbeschreibungen, portugiesisches Monopoly und Kafka, nichts als die Gesellschaft fressender und scheißender Nachbarn mit Glocke um den Hals. Es ist zwar schön, nur nicht idyllisch, dafür sieht man zu wenig. Harmonie, die kaum auszuhalten ist. Wenn mal ein Auto vorfährt, selten so wie Sternschnuppen, bellen die Hunde plötzlich durch Megafone der Angst. Und wenn dann doch keins kommt, fürchtet man, dass Einbrecher in dieser alles verschlingenden Finsternis gerade irgendwo ein Hoftor knacken. Spannung, die nur darauf lauert, von einem Ereignis erlöst zu werden. Wenn der Wind richtig steht, hallen aus der Ferne die einsam machenden Fetzen eines Volksfests. Konservierungsstoffe der Tradition, die den Norden jenes Südens zwar gelegentlich wieder beleben, aber auf Dauer nicht am Leben erhalten. Auch nicht mit Girlanden vor dem Kirchplatz und einem, der es am Akkordeon auf einem Biertisch kann. Im Dorf selbst gibt es eine Kneipe, in der Geburtstage, Trauerfeiern und Hochzeiten gefeiert werden. Manchmal am gleichen Tag, wenn gleichzeitig geboren oder gestorben wurde. Ein Ort aus dem Bilderbuch der Trivialitäten. Zu klein für zwei Kneipen, mit Leichen im Keller und einem Kreisverkehr, der sonntags ein sanft befahrener Marktplatz ist. Ein mit Ortschildern und familiären Ketten zusammengehaltenes Ungetüm der Urigkeit. Landwirtschaft statt Burnout. Ein Dialekt sie alle an Sitten zu knechten, ohne jene sie sich in der Welt nicht mehr zu Recht finden würden. Herkömmlichkeiten, die keine Schnösel aus der Hauptstadt sehen wollen, weil ihnen schon genug Bauern aus dem Nachbardorf die Arbeit stehlen, das gute Wetter rauben, die schönen Töchter schwängern. Und bloß weg mit Touristen, diese völlig verirrte Attraktion mit einem Stadtplan von der Welt. Eine Geld bringende Spezies, die hier nichts zum Ausgeben hat. Vor der Kneipe gibt es zwar Kuchen und kaltes Bier, aber nur aus einem einzigen Zapfhahn, der das Treiben am Tropf hält. Für das Volksfest selbst gibt es jemanden, der extra Biermarken ausgibt und einen, der das Zeug dann ausschenkt. Stimmung! Übermüdete Kinder rennen ahnungslos in viele tanzende Ehejahre und in der Luft liegt eine katholische Angst vor der Hölle, die pubertierende Jugendliche dazu bringt mit ihren eigenen Müttern zu tanzen. Ein ganzes Dorf ist auf den Beinen und die Alten sitzen auf weißen Plastikstühlen, wie man sie aus Schrebergärten oder von der Klagemauer kennt. Ein Gefühl wie beim Anblick von Bergen durch ein verregnetes Küchenfenster. Kolossal und trübselig, als würde es in der Welt nichts mehr zu verpassen geben.  Als würde zwischen die versteinerten Falten ihres langen Lebens kein einziges Stirnrunzeln mehr passen. Kein neuer Gedanke. Etwas, das sie vom Plastikstuhl haut. Ein lauter Donner, ein Beben, genau sowas das mich mittlerweile aufbrechen ließ, den Rufen des Volksfests zu folgen. Wie klären wir später, erst einmal stoße ich mit einem Kerl an, den sie den Dorfstärksten nennen. Er hat mal fünf Kisten Bier auf einen Schlag getragen, aus denen über die Jahre ein Amboss geworden ist. Prügeln tut er sich auch gerne, und er geht mir bis zum Kinn. Ich liebe Portugal. Früher ist er gerne schnell gefahren, heute freut er sich auf seinen Nachtisch und liebt es, wenn andere falsch liegen, damit er richtig liegen kann. Man bewundert ihn dafür. Er erzählt mir von seiner Flamme und zeigt von seinem Bäuchlein aus, auf die dort drüben. Eine recht ansehnliche 17-Jährige, die im Reich der Gepiercten, Schwangeren und Tätowierten, wohl die reinste Blume des Dorfes zu sein scheint. “Portugiesinnen”, brüllt er, “müssen getanzt werden” und marschiert mit Anlauf auf sie zu, wie auf einen Freistoß. Ich lehne mich wieder an die Kirchwand und zünde mir mit hochgeklapptem Kragen die nächste Zigarette an. Beim Einatmen schaue ich starr vor mich hin, beim Ausatmen schließe ich die Augen und stelle mir einen Augenblick lang vor, ich würde sie auf der Veranda wieder öffnen, sie vor mir, die Fetzen des Volksfestes in weiter Ferne, alles wäre gut. Wenn ich sie dann tatsächlich wieder aufmache, sehe ich den Dorfstärksten mit einer Minderjährigen tanzen, gelbe Girlanden, Dinosaurier auf Plastikstühlen. Ein kurzen orientierungslosen Moment lang fühle ich mich in eine Zeit versetzt, in der mein Vater noch aus den Tiefen der Pampa ins nächste Dorf kam, um beim Volksfest selber an der Kirchwand zu lehnen. Ich halluziniere, bis ich jemanden aufs Smartphone glotzen sehe. Mit einer Körpersprache, die hoffentlich darüber hinwegtäuschen kann, dass ich nichts Besseres zu tun habe, als mich hier so lange zu betrinken, bis ich das […]

AGUARDENTE

Ich sitze unter den Wolken neben der Stierkampfarena. Über mir dickes portugiesisches Ahorn und eine ausgerollte Markise. Der Bürgersteig liegt mir zu Füßen und all die zwischen den Pflastern verlorenen Zigarettenstummel auch. Der Flieder blüht wie verrückt, die Straßen sind leer. Vor mir tropft ein Käsetoast vor lauter Butter von einem Metalltisch und neben mir wird schon Wein getrunken, obwohl ich noch mit Mundgeruch am Kaffee hänge. Für einen Vormittag im Juni ist es zu dunkel. Die Luft riecht von weit hergekommen, dick und aufgeladen, man muss sie kauen, bevor man sie atmen kann. Ein bisschen als wäre die Welt vor dem Untergehen, weil sie jemand gestern nicht weiter gedreht hätte. Independence Day. Stimmung, die sich ausbreitet, wie ein großer, starker Sumoringer, der sichs nach dem Kämpfen in einer Zentrifuge gemütlich macht. Es blitzt, ohne zu donnern und die Kellner stellen die Stühle rein. Wie in der Bibel oder was man nach 2000 Jahren Christentum eben so denkt, wenn der Wind peitscht, die Blätter fliegen und die Wolkendecke aussieht wie die schlechte Laune des Herrn. Eine Art gemütliche Offenbarung mit Happy End oder bis Portugal ein Tor schießt. Auf den Straßen nichts als die Ungläubigen und ich, Aussätzige und Busfahrer, alle die Christiano Ronaldo scheiße finden und deswegen in der Hölle schmoren. Der Rest des Landes vor dem Fernseher, eine gespannte Nation. Wenn sich die Portugiesen mit Querpässen den Ball zu schieben, ist es so still, dass man sich atmen und kauen, seinen eigenen Stift schreiben, sich selbst Leben hören kann. Nichts ist so selbstverständlich wie das Funktionieren eines Herzens, bis man es während eines Fußballspiels schlagen hört. Unaufhaltsam in die Zukunft pumpend, ohne Stecker, ohne Lob,  ohne jemals ein oder ausgewechselt worden zu sein, ohne Garantie, irgendwo hin, die muskelbepackte Basis unsers Tuns. Ob man froh, müde, kalt oder traurig ist. Man kriegt die Krise, weil jeder Schlag ein Grund zum Feiern ist und man hofft, dass sich die Portugiesen weiterhin mit Querpässen im Ruhepuls der eigenen Hälfte den Ball zu schieben; oder ohne großes Tamtam endlich eine Bude schießen, damit diese aufgeladene Ruhe, die bisher ohne Sturm auskommen konnte, aufhört an alle leisen Dinge des Lebens zu erinnern, die man liebend gerne überhören möchte. Jene trügerische Stille, die alles was kommen wird, laut werden lässt. Und staubtrocken, bevor alles in dieser kurz vor dem Wolkenbruch gefangenen Spannung erlöst wird. Es ist gottverdammt heiß hier. Hitze so erdrückend, wie eine aus Harmonie geflochtene Steppdecke, die immer schwerer zu werden scheint, je mehr man unter ihr verdecken möchte. Meine beiden deutschen Achseln sind zu den Quellen eines bis zu meinen Füßen rinnenden Baches geworden. Mein Gesicht zu keiner küssenden Begrüßung bereit, übersäht mit nicht zu zivilisierender Menschlichkeit. Wie es dieses Land in seinen weißen Hemdchen, schicken Jacketts und Bügelfaltenhosen aushält? Ein aus dem Katalog ausgeschnittenes Wunderwerk portugiesischer Transpiration, das über diese Straßen schlendert, ohne auch nur ein Tröpfchen zu verlieren. Als müssten sie auf ihren Wegen keine Stufen steigen, keine Bahn erreichen, keinen heißen Gedanken zu Ende denken. Nichts tun, außer nicht schwitzen, ohne Eile vor sich hin spazieren, nur um Parkbänke zu besetzen, das Straßenbild zu verschönern, Plätze mit einem Leben zu füllen, das weder beschäftigt noch ständig besetzt sein möchte. Hauptsache trocken! Gerade jetzt, wo man glaubte, seine weiße Haut hinter portugiesischer Bräune unsichtbar zu machen, seine Lust an Disziplin mit zu spät gekommenen Minuten verschleiern zu können und die strammen deutschen Waden in Bügelfaltenhosen passen; gerade jetzt, wo man glaubte endlich verstanden zu haben, was es mit dem Südländisch auf sich hat, einer von ihnen ist, einer von den Antitranspiranten, steigen die Temperaturen und lassen alle deine trockenen Träume platzen, im Schweiß ertrinken. Trennen portugiesische Poren von zugezogenem Weizen, Sonnenbrand von im Mutterleib vorgebackener Haut. Egal wie lange du das schon machst mit dem hier sein, egal wie gut du deine Sardinen isst, egal mit wie viel Gewohnheit du deinen Espresso schlürfst, egal wie elegant du in Bügelfaltenhosen aussiehst, ein heißer Gedanke, ein zu schneller Schritt und deine deutschen Eier kochen sich wieder auf ihre originale Größe zurück. Deine übergestülpte Gelassenheit fliegt auf, wie ein vom Blitz erschreckter Donner, der deine südländischen Ambitionen in ihren Stützstrümpfen erschüttert. Portugal ist ein stolzes Weib, das nicht jeden an sich ran lässt. Heimatland sehnsüchtiger Pessimisten. Eine von seidenfeinen Nuancen durchtätowierte Gesellschaft, die am Tropf ihrer Geschichte hängt; es lange Zeit nur mit sich selbst getrieben hat, jetzt aber okay findet, dass man sich einmischt. Eine Gesellschaft, die im Urlaub nie in die Wildnis kacken würden und ihre Zivilisation auf klassischer Mode und einer gut funktionieren Kanalisation erbaut hat. Beschützt durch hohe Temperaturen und eine rigide Sensibilität, die hinter einer Leinenhemdfassade einer bizarren Ansammlung altmodischer Regeln folgt. Volltrunken mit Freundlichkeit, die nicht zum Überleben gebraucht wird  und verschlossen ist, wie eine staubige Flasche harter Schnaps. An jeder Ecke lauern Unterhaltungen, die dich ins nichts führen wollen und betrunken machen, bis du denkst, das Leben bestünde aus Mittagspausen und billigem Rotwein. Aus dicken Olivenölmuttis, aus großen romantisch verwilderten Einfahrten, die hinter ihren Toren auf endlos staubigen Alleen zur Erfüllung deiner südländischen Träume führen. Ein Leben mehr Kurve als Gerade. Eine Landschaft, die man ständig gießen möchte. Ein in der Ferne fahrendes Auto. Lautlos. Daneben eine Bucht. Ein mit Meer vollgelaufenes Aquarell mit Booten drauf, das sich plötzlich von den Klippen abtut als hätte es die Küste kaum kommen sehen. Als würden Meer und Land im Streit liegen, sich voneinander fernhalten. Häusern, die man vor lauter Grundstück kaum erkennen kann, aus demselben Stoff gebaut, aus dem Sehnsüchte sind. Alles nur etwas vergessener. Immer warm! Fahrrad fahren und Käse essen, Rosen gießen und betäubte Forellen in einem klaren Bach fangen. Eu encontro-me comigo. Große, weiße Fensterläden, die an etwas schwerem hängen, das vor lauter Staub um Luft ringt. Draußen riecht es nach trockenen Dünen und innen drin alt und nach mit Laken abgedeckten Dingen, die nicht mehr gebraucht, aber auch nicht weggeworfen werden können. Familientradition und Aberglaube. Mit Erinnerungen tapezierte Wände und Würde, die neben Heiligenfiguren im Regal steht. Reine unbefriedigte Madonnen, die ihre Töchter bis zum Auszug daran erinnern sollen, dass nur Schlampen mit dem Feuer spielen. Werte, die langsam einen neuen Putz bräuchten, sich bei reichen Verwandten bedanken, dich in die Knie zwingen vor Demut, auf dass sich deine angelesene Weltoffenheit vor diesen aufgegeilten Manieren verbeugt, die im tabulosen Deutschland in gesellschaftlicher Emanzipation versunken sind. Auf dass sich jeder seinen eigenen Zugang baue, ein großes Tor mit Allee dran oder eine romantisch verwilderte Einfahrt, hinter der sich die Lösung des Rätsels befindet. Zum selber entschlüsseln. Für jeden, der irgendwann in Bügelfaltenhose und Mantel in der Sauna die heißesten Dinger denken möchte und Teil dieses Wunders werden […]

MUNDART

Ich musste dich einfach verlassen. Für ein lausiges 24 Stundenhotel in Flughafennähe. Eingerichtet mit Minderwertigkeitskomplexen und kostenpflichtigen Extras. Großer Fernseher, Rauchen verboten, Leitungswasser, so gelb wie die Sonne selbst. Menschen kommen hier her, um bald wieder gehen zu dürfen. Nicht schön, nur schön nah. Frühstück gibt es von fünf bis zehn, der ausgelatschte Teppichboden zeigt mir wo’s langgeht. Ich bin hängen geblieben. Wurde meiner selbst überlassen. Bin nicht mehr hier, aber auch immer noch nicht da. Irgendwo dazwischen, mit Zimmerservice und Rocky 2. Voller Gedanken, die einfach nicht bei der Sache bleiben, beschäftigt werden wollen oder sogar noch am Gepäckband liegen. In einem nicht weit entfernten Land, in dem 18 Uhr schon alle gegessen haben und sich Taxifahrer durch Nachtleben gezeichnetes Sicherheitsglas bezahlen lassen. Auf Abstand, alles auf Links. Die Pubs stinken nach Fußboden und verschüttetem Bier. Süßlicher Geruch, der sich im gesamten Commonwealth breitgetreten hat. Wie auch immer. Verbrauchte Stimmung, die darauf wartet, wieder entfacht zu werden, irgendwie brenzlig. Etwas das lauert und gewaltbereit in der Luft liegt. Testosteron, das erlöst werden möchte. Manieren, die eine Nummer zu eng sitzen und nach dem dritten Pint nur noch übers Ficken reden. Fast jodelnd, wie ein läufiges Tier im gebügelten Anzug. Hinter übergestülpter Freundlichkeit, in die sich jeden Morgen hinein gewunden wird, völlig überzogen. Und dann noch diese selbstgefällige Zufriedenheit, die andere Steckdosen braucht, um noch einmal betont zu werden. England bleibt hässlich, sogar seine schönsten Ecken sind irgendwie versalzen. Dafür gibt es in dieser von Frischhaltefolie behüteten Tradition wenigstens noch einige bescheuerte Regeln, die man brechen könnte. Ausgangssperren und Polizisten auf Pferden, die ohne richtige Kanone das Gute beschützen wollen. Alle paar Meter liegt ein bisschen Scheiße auf der Straße und dazwischen darf am Wochenende gekotzt werden. Kaum einer raucht, aber alle mögen Pommes und die Steinhäuser sind alt und unterscheiden sich durch Hausnummern. Ich will diesen Gleichmut, diese ganze Stadt, zusammenschlagen. Die ganzen Backsteine und Schaufenster, die mit der Schere geschnittenen Vorgärten, alle Parkverbotsschilder. Alles, nur die roten Telefonzellen dürfen stehen bleiben, weil sie an gute alte Tage erinnern, die man heute nur noch im Flugzeug oder auf dem Mount Everest erleben kann. Oben, über den Wolken, im Himmel, wo das Internet nicht hinkommt, weil dort das Wort Gottes herrscht. Was tut man nicht alles für seine Veröffentlichung? Mit pensionierten Polizisten um die Steinhäuser ziehen, fünf Pfund für ein Bier bezahlen, um morgens mit Kopfschmerzen am Strand ein paar flache Steine zu schnippen. Das Gefühl von Glück ist für alle gleich, nur der Weg dorthin für jeden anders. Die einen brauchen Fisch und Chips, endlich Feierabend und das Manchester gewinnt, die anderen müssen losfliegen, hängenbleiben, Rocky gucken, alles aufschreiben und wieder zurückfliegen, damit sie etwas in ihren Eingeweiden spüren, dass nicht nur von englischem Essen kommt. Es ist, als würden zwei Personen in mir leben. Die eine tut und macht, die andere sitzt im Sessel, isst Speck, überbacken mit Käse ohne dick zu werden, schaut Filme und erzählt mir unentwegt wies gemacht und erlebt werden müsste. Wie ein alles kommentierender Untertitel, selbst wenn gar nichts gesagt wird und man spaziert, oder schweigt und nur redet, um hin und wieder sicherzugehen, dass man noch hier ist, nicht anderswo. Mit seinen Gedanken in Lissabon oder bei den eigenen Notizen. Gedanken, die ständig beschäftigt werden müssen, wie ein dickes englisches Kind, das sich vor Hunger kugelt und fragt, ob meine Brustmuskeln kleiner geworden sind, weil sie in diesem großen Spiegel, in dem das Licht blöd fällt, so unbenutzt aussehen. Oder ob meine neue Levis 501 vielleicht nicht doch etwas zu gerade geschnitten wäre, an den Eiern kneift? Wie ein allgegenwärtiger Druck. Die subtile Angst, dass der Penis dieser Erde irgendwann um die Kurve gehen könnte, wenn die Menschen weiter so mit rechts onanieren. Unerhört, was man nicht alles denken kann. Jeder einzelne. Ich, und die ach so großen Briten. Mit ihren rasierten Beinen und geschminkten Gesichtern. Guten Manieren und Jahrhunderte alten Gotteshäusern, in denen man die Mütze abnehmen muss, aber Schweinerein im Kopf behalten darf. Eine Nation, die ihren eigenen Regeln nicht gewachsen ist und die Sau bis in den Urlaub geißelt, um sie in Lissabon raus zu lassen. Oh du Lissabon, wo gerade der Flieder blüht oder das, was ich mir unter Flieder vorstelle. Etwas lilafarbenes. Oh Lissabon, nirgends bist du so schön wie in diesem luftleeren Hotelzimmer, nirgends so Lissabon wie in Manchester. Nirgends so wolkenlos und heiter wie in meiner Vorstellung, in der gerade ein gewaltiger Sonnenuntergang stattfindet, obwohl es in Wahrheit bestimmt wieder bewölkt ist. Selbst im Juni, wenn der Duft von verbrannten Sardinen die Straßen schmückt und sich Mensch und Tourist durch deine Gassen pressen, wie ein ins Leben wollendes Baby. Etwas zu früh, dafür in den Feiertag hinein, mit Ausschlafen. Tradition hin oder her. Ein jeden Steine verschlingendes Straßenfest, in dem alte Omas mitfeiern, statt sich zu beschweren. Eine Riesenparty, die ohne polizeiliche Aufsicht irgendetwas feiern möchte, nur was weiß keiner. Oh du Lissabon, alle wollen mittlerweile zu dir und niemand will in mein Hotel nach Manchester. Alle, die etwas aus sich machen wollen und alle, die das nicht wollen aber darauf hoffen, dass du das für sie übernimmst. Sie von ihren überlaufenden Idealen entbindest, auf das sie Kreatives zur Welt bringen und heimkehren, bärtig und braungebrannt, als wandelnde Weisheit, die wahres Leben gelebt hat. Lissabon du Luder, den du es mittlerweile allen besorgst. In deinen schicken, schwarzen Taxis, die auf dem Weg in dein Innerstes schon alles preisgeben, was man braucht, um zwischen deinen Steinen ein gutes Leben zu haben. Deine schattige Eleganz, unter der sich das Treiben abkühlen kann und deine beißende Hitze, die sich jedem um den Hals wirft, der tagsüber zu viel von […]

NABELSCHAU

Viele Viertel machen viele Backsteine zu einer Stadt, wie Charakter viele Eigenschaften zu einer richtigen Persönlichkeit werden lässt. Es gibt Viertel, die sich sehen lassen können, wie es Eigenschaften gibt, die man bei frischen Begegnungen durch Zigarettenrauch blitzen lassen sollte. Es gibt Viertel, die man voraussetzt, wie man voraussetzt, dass sich eine Person zu benehmen und zu organisieren weiß. Rathausplätze und Orte voller Ministerien. Gut gefegte Bürgersteige, glänzendes Kopfsteinpflaster, auf denen nichts als gute Manieren spazieren, mit denen man sich im Bewerbungsgespräch bei portugiesischen Schwiegereltern sehen lassen könnte. Es gibt Viertel, die da sind, wenn’s drauf ankommt und erst auffallen, wenn sie das nicht sind. Ihr wahres Gewicht erst zeigen, wenn keiner mehr weiß, wohin mit den Unentbehrlichkeiten, die eine Stadt zum Überleben braucht. Baumärkte und Saunaclubs, Kläranlagen, Vergnügungsparks mit Wasserrutschen und Einkaufszentren, in denen man sich etwas Neues kaufen könnte. Platz für Normales, Plattenbauten und Dinge, die für alle Städte gleich sind, wie Durst und Hunger für alle Persönlichkeiten gleich sind. Nicht der Rede wert, außer man hat sonst nichts zu erzählen oder kommt gerade frisch aus der Wüste. Es gibt Viertel, die nur einen Augenblick wert sind, in dem sie sich in gutem Wetter kleiden und ihre Alleen mit dichtem Ahorn dekolletieren. Antlitz, das viel erlebt und viel gesehen hat, ohne es den anderen zeigen zu müssen. Ohne, dass die Gegenwart davon Wind bekäme, weil die Menschen des Viertels von der Wiege bis zum Friedhof an alten Tagen hängen und von neuen träumen, bis der Moment schon wieder vorüber ist. Es gibt Viertel, die Polizisten brauchen, weil ihre Ursachen nie wirklich erzogen wurden. Oder die Feuerwehr, weil’s ständig brennt, wie es brenzlig werden kann, wenn Menschen keine Tropfen, sondern Eimer voller Alkohol für die heißen Steine nehmen, die den Weg in ihre Gegenwart gepflastert haben. Wanken mit den Erfahrungen, die auf ihnen gemacht wurden oder trinkfest sind wie Bauarbeiter, die zwischendurch eben verdient einen zischen, weil sie die Backsteine immerhin zu dem gemacht haben, was sie sind. Nobel, bis zum Hals vermietete Viertel, die ihre Tradition und Sehenswürdigkeit im schönsten Laternenlicht erstrahlen lassen. Blenden, über alle Macken ihrer wahren Geschichte hinweg. Wie eine Persönlichkeit, die sich selbst schmückt, mit allem, was von anderen gelobt und bewundert werden kann. Weit über die Ecken und Kanten hinaus, mit denen wir uns voneinander unterscheiden und sich Viertel erst richtig in Form bringen. Unreinheiten, die eine Wahrheit sagen, die eine Stadt mit all ihren Touristenattraktionen am liebsten umgehen, in Unerreichbarkeit verbannen würde. Metrostationen schließt, solange sich das Viertel nicht mit renoviert hat. Oder zumindest frische Marmorstatuen aufstellt, die bewundert werden können und der ganzen Zügellosigkeit Manieren beibringt. Falsch parkenden Autos, die sich nach Sonnenaufgang vor dem Ordnungsamt auf frei gewordene Parkplätze flüchten, Trinker mit langen Geschichten vor kurzen Schnäpsen, Menschen, die in Hauseingängen wohnen und Männer, die ihren als Frau verkleideten Körper an andere Viertel verkaufen wollen. Wilden Wiesen, die es nie zu richtigen Parks bringen werden. Auf die Ellenbogen gestützte Schicksale, die von ihren Fensterbrettern aschen und über die Köpfe der Fußgänger klagen. Immer irgendeiner der etwas zu schreien hat, singt oder pfeift oder bunt angezogenen vor einem Laden eingeschlafen ist, der gerade öffnen will, um Sim-Karten und Fußballtrikots zu verkaufen. Chinesischen Plunder oder Dinge, die nach dem Benutzen kaputtgehen. Sogar sonntags, diese Heiden. Wenn die Kirche mit einem Amen lockt, bieten die meisten ihren Wein mit Samosa für einfach zum Preis von einem an. Happy Hour und die Hütte ist voll. Weil vorm Barmann alle gleich sind, egal von wo und egal wie sie hier hergekommen sind. Jeder bekommt seinen Drink, egal, ob er ihn selber halten kann oder nicht. Die meisten haben Mobiltelefone vor sich auf dem Tisch ausgebreitet, der Rekord liegt bei sechs. Bereit angerufen zu werden, um irgendetwas einzutüten, das vielleicht später in den Nachrichten zu sehen ist, die in jeder Bar im Hintergrund laufen. Nicht, dass das hier irgendjemand mitbekommen würde, aber so kann sich die Aufmerksamkeit der männlichen Kundschaft zumindest auf eine Kellnerin und eine Nachrichtensprecherin pro Bar verteilen. Kellnernd unter Wölfen, getrennt durch einen silbernen Tresen, der die guten von den Bösen unterscheidet, Menschen in Mitarbeiter und Kundschaft unterteilt und mächtig macht, weil man eben nur von einer Seite in die Theke fassen kann. Nur der größte und blutverschmierteste Fleischer des Viertels ist auch ohne Theke mächtig. Über zwei Meter steht er in der Luft. Grimmig und glatzköpfig, weil ihm da oben keiner mehr in die Augen gucken kann. Abgestumpft, ohne das er sich je wieder so richtig scharf machen kann, wie er es mit seinen Messern tut, die zu viel totes Fleisch geschnitten haben, oder zu wenig. Ein fleischerndes Fernsehprogramm mit Altersbeschränkung, das jeden der eintritt, auf eine indirekte Art und Weise, fast so wie Sterne, daran erinnert, dass er nichts ist. Anders beim Bäcker, der sein Kundenvertrauen mit Gitterstäben untermauert, die sein billiges Gebäck beschützen. Er fühlt sich sicher und er fühlt sich besser, weil er durch die Gitter andere beobachten kann, die sich schlechter fühlen. Bestellen kann mit ihm zum Spektakel werden, auf das all die Geldstücke, die er am meisten herausgeben muss, in sorgsam zurechtgelegter Effizienz gewartet haben. Keine Bewegung umsonst, kein Griff ins Leere, aber ab und an ein Griff ins Klo und danach direkt damit in die Theke. Eine Bäckerei auf Bereitschaft, Kaffee ohne Zugabe, eine Show, die Eintritt verlangen könnte und den Bäcker immer schneller arbeiten lässt, damit er so schnell wie möglich in ein besseres Viertel ziehen kann. Weg von rosigen Radioliedern, für die in diesen Straßen eh nie der richtige Moment läuft. Nur Menschen, die Fußballtrikots kaufen, Wurst und Brötchen. Bis auf das echte Leben passiert hier nichts, das für jemanden, der für ein Wochenende mit einem Rollkoffer angereist ist, wie richtiges Passieren aussieht. Keine Attraktionen, nichts zu sehen, nichts zu erleben, von dem man auf Postkarten berichten könnte. Ein schwarzes Loch im Reiseführer. Nicht einen Meter Gleise wert, über die historische Kabelbahnen fahren, an die man sich draußen dranhängt, wenn es drinnen zu voll ist. Mobilitätsmodels dieser Stadt, die fotografiert werden, bis sich der Lack löst. Nicht eine hippe Bar, die sich in einen Keller dieses Viertels verirrt hat und Menschen anziehen könnte, die duschen bevor sie trinken gehen und Manieren haben, die aus dem bestehen, was gelobt und bewundert werden kann. Nicht abgestumpft, aber abgeschliffen, damit Ecken und Kanten zur Not immer irgendwo reinpassen und eine bestimmte Form wahren. Es gibt sicherlich andere Viertel, in denen all das genauso passiert und ich keine Ahnung habe, dass es das tut. Zwischen Menschen passiert in Wahrheit auch immer mehr, als das was sich zwischen ihren Ecken und Kanten in diesen Zeilen ereignet. Es gibt immer mehr zu leben, als es zu schreiben gibt, mehr zu sehen, als man leben könnte und noch viel mehr, als man durch den Bildschirm eines Telefons erkennen kann. Die großen Fragen dieser Welt werden in diesem Viertel mit einem Satz beantwortet. Direkt am Tresen, wofür die da oben teure Anzüge und große Schreibtische brauchen. Scheißegal, was sich schickt, was du denkst oder gedacht werden sollte. Nur dass Gedacht wird, ist wichtig. Hier werden die Schlachten der Originalität geschlagen und gewonnen. Begabungen in lächerlichen Tätigkeiten versenkt. Hier unten sitzen einfach alle so lange vor ihren Lösungen, bis sie die Probleme nicht mehr sehen. Bis Zigaretten fehlen oder Benfica ein Tor schießt. Bis jemand […]

FAMOS

Die Häuser stehen da, als wäre nichts gewesen. Die Straßen folgen immer noch den gleichen Schildern und der Platz, mit der Seefahrerstatue in der Mitte, liegt genauso gelangweilt und befahren wie sonst auch in der Hitze des Nachmittags. Der Himmel ist blau, die Sonne heiß und der Wind bläst frisches Deo unter die glühenden Achseln der Stadt. Die Tageskarten der Lokale hängen wie handgeschriebene Gardinen in den Fenstern, Wand an Wand, sodass man sich zwischen ihnen kaum noch neuen Hunger anlaufen könnte. Besetzte Bänke, die Orte erst zu richtigen Plätzen werden lassen und eine Stimmung, die durch Bäume und Fassaden bis zur Atmosphäre aufsteigt. Es riecht nach aufgeheizter Luft, nach Spülmittel und Kopfsteinpflaster, nach einer halben Millionen Menschen. Nach nicht mehr nur ausziehen, sondern richtig nackig machen, denn alle drehen auf, wenn sie die Heizung abdrehen können und ihr Leben endlich wieder mit nach draußen nehmen. Dorthin, wo es dreckig werden kann, benutzt wird und schwitzt, wie ein Fußball ohne das Schwitzen oder ein Mensch ohne das Benutzen, wie ein richtig aufreibendes Leben eben, das du nicht selbst in die Hand nehmen kannst, weil es dich fest im Griff hält. Am Schlafittchen packt, an den Eiern deines Egos und dir im Gegenzug eine tiefere Etage in das Haus deines Lotterlebens zimmert, das eigentlich nur hoch hinauswollte. Das Leben, das mich im Griff hält, hält meistens auch eine Zigarette, an der es ziehen kann, wie eine heimliche Affäre, bevor es erleichtert ausatmet, als würde man sich gerade frisch geliebt haben. Es kann grüßen, wie eine Fremde und elegant Platz nehmen, als würde die ganze Welt dabei zugucken. Es kann Bier trinken wie ein alter Freund, der vertraut ist, weil ihr genügend erzählen könntet und es kann Grillhühnchen mit Messer und Gabel wie ein erstes Date essen. Wenn wir so weiter bestellen, kann es bald mit der Leichtigkeit eines Kindes über die schweren Dinge des Lebens reden und sicherlich auch über die leichten, würde dieser Moment nicht fortlaufend unterbrochen werden. Weil die Welt diesen Rauchzeichen im Freien nicht wiederstehen kann. Werbung für Obdachlose, die auch Rauchen und Geschichten erzählen wollen oder Junkies, die sich die Mühe sparen und mit Anstrengung nach Geld und Zigaretten fragen, als müssten sie dir selbst welches geben. Die Jungs sind froh, dass die Kneipen den sich am Saus betrinkenden Braus endlich wieder vor die Tür gesetzt haben und all den kalten Rauch rauslassen, der sich einen ganzen Winter lang in ihnen angesammelt hat. Nicht das Lissabon das ganze Jahr über keine Sonnenbrille wert wäre, aber im letzten Winter nur eine, mit der man auch Tauchen konnte. Jetzt reicht ein luftiges Leinenhemd, in dem man Tischlern sowie Heiraten könnte und etwas gelbes Laternenlicht, in dem man vorsichtig die Beine verschränkt. Stimmung perfekt. Jetzt noch warten bis sie herüberguckt und dann mit einem Streichholz gelassen die eigene Marlboro anzünden, wie wir’s vorm Spiegel geübt haben. Es gibt eben für alles die richtigen Momente. Für kurze Blicke, lange Gedanken und ordinäre Witze. Für verschränkte Beine und etwas bequemere Sitze. Es gibt Momente, in denen das mit der Marlboro gewirkt hat und eben diesen einen, in dem meine Mickey-Rourke-Masche nicht einen kurzen ihrer Blicke wert war. Es gibt Momente so lang wie Tage, an denen du stark sein solltest, Momente für kurze Nächte voll langer Geschichten, in denen nichts als die Schwäche zählt und für jeden dieser Momente die richtige Begleitung, mit der nichts von beidem Relevanz hat. Es gibt Menschen, mit denen du dir den Abend schön trinken kannst und Menschen, die keinen einzigen Schnaps wert wären. Es gibt Menschen, mit denen du Kino brauchst und Theater, Konzerte und Nachrichten und noch viel mehr, über das man sich unterhalten könnte. Und es gibt Menschen, mit denen die Welt nicht die Welt bedeutet, weil man sich genug zu erzählen hat, an dem man sich berauschen, ach was besaufen könnte, lange bevor das gelbe Laternenlicht angeht und egal ist, was morgen ist, weil sich Gerade so verdammt ewig anfühlt. Am besten im Nirgendwo, weil für mehr einfach kein Platz ist. Keine Aufregung, keine schönen Fassaden, bloß keine Atmosphäre. Keine wilden Unternehmungen, die Geld kosten, das wir genauso glücklich für Urlaub an einer Tankstelle verwenden könnten. Zwei Wochen Diesel, statt Malediven. Für Leidenschaft, die nicht unterhalten werden möchte. Höchstens durch einen stumm geschalteten Fernseher in einer tristen Strandbar, in die gut ein 70. Geburtstag passen würde und die Stimmung mit all ihrer Schwarzwälderkirsch sowieso im Keller verschwunden ist. Wenn dann, aber mit Regen und Sturm, sodass die verregnete Plastikplane der Strandbar zumindest den Ausblick aufs Meer versperrt. Ein melancholisches Fado-Konzert wäre vielleicht auch noch erträglich. Zumindest wenn der Sänger ein Dinosaurier ist, der über die jungen Jahre seines Lebens singt, sodass wir dabei reifen könnten. Zusammen mit anderen Dinosauriern, die auch so geliebt haben wie er und Hände hatten, mit denen sie Zigaretten und Leben im Griff hielten. Von Frischluft umgebenes Leben ist eben gesund, von Frischluft umgebenes Rauchen und Trinken auch, beweist jede angetrunkene Übelkeit im Taxi, für die es eigentlich keinen wirklichen Grund gibt. Zu benommen, um angeschnallt mitzufahren, aber genau richtig, um sorglos in der Fado-Pause an eine Fassade zu pissen. Wunderschöne Fassaden mit Fliesen und einem Anstrich aus Geld und Gemütlichkeit. Teilnahmslose Fassaden, unbeeindruckt von Pisse und völlig überlegen, weil sie dich überleben werden, wenn sie einen reichen Chinesen finden, der Fliesen mag und Anstriche aus Gold und Gemütlichkeit. Jemanden, der glaubt, dass die Dinge mehr […]

IDOL

Die Flitterwochen sind vorüber. Nun zeigt sich Taubenscheiße auf den romantisch hervorstehenden Balkonen und der fließende Verkehr zieht sich in Wahrheit wie stundenlanges Kaugummi durch die Straßen der Stadt. Der Marktplatz vor dem Haus ist nicht mehr schön und frisch und authentisch, sondern muss morgens unbedingt schon vor Sonnenaufgang beliefert werden. Mit sieben Lastern, die frische Früchte und lautes Treiben vom Land bringen. Und Schinken, der zwar in Portugal groß geworden ist, aber in Spanien seine luftgetrocknete Vollendung finden durfte. Das läuft immer so, die Spanier können das mit dem Lufttrocknen einfach besser. Und das mit dem lautlosen Markt beliefern. Laster, Treiben, Serrano-Schinken klingen zusammen nicht mehr nach einer südländischen Symphonie, nach wildem Temperament, sondern wie die Abgase eines wütenden Orchesters. Wie ein Lieblingslied, das leider zur falschen Zeit läuft. Wie plötzlich Pickel! Auf einem Gesicht, das bisher so schön geglänzt hat. Sonnenverbrannt, aalglatt. Nichts auszusetzen. Makellos bis auf den allerletzten Backstein. Kein Stau zu lang, kein Laster zu laut, kein Tag zu heiß und keine Bedienung zu langsam. Und wie über Nacht sind die Hügel plötzlich zu steil, der Ausblick zu weit, die Balkone voller Scheiße und die Langsamkeit läuft fast schon rückwärts. Alle Fenster zu, alle Affen tot und im Sommer gibt’s dann keine Frischluft, die nicht vom Lärm verseucht ist. Alles schreit zu verständlich, wenn man anfängt Portugiesisch zu sprechen und in den Unterhaltungen, die uns im öffentlichen Nahverkehr umgeben, soweit Kronjuwelen vermutet hatte. Rosenblüten des Dialogs, die mehr vom Leben fordern als nur schlecht bezahlte Arbeit. Fragen des Durchschnitts, Antworten der Gewohnheit, das Allerprofanste. Oder, wie erst gestern im Bus, die letzte Hoffnung in einen Präsidenten und seinen schicken Pullunder, einen echten Mann des Volkes, der im Sommer mit weißem Haar und ohne Leibwächter schwimmen geht und pro Tag ein Buch liest. In Lissabon geboren und in Merino und Alpaka aufgewachsen. Keine Fauxpas, keine Affären, bis auf den Pullunder. Alles, was er sagt, sagt er mit einer Stimmlage, der man glaubt, weil sie brummt wie die eines Vaters. Oder noch früher das Wort Gottes. Nett, auf eine unfreundliche Art und Weise. Alles, was er ins Mikrofon sagt, klingt nach der allerletzten Wahrheit, wie alles wird gut. Alles, in einem Land, das soweit gut ohne Nachrichten ausgekommen ist, weil mein Speisekartenvokabular keine Naturkatastrophen und Skandale übersetzen konnte. Maximal den Wetterbericht und das Madonna mitten in der Innenstadt ein belegtes Brötchen gegessen hat. Einfach so! Auf offener Straße. So eine Hure. Grund zum Auszusteigen, obwohl der Bus noch nicht ganz dort ist, wo ich hingehöre. Zwar da, aber nicht ganz angekommen. Nur fühle ich mich nach drei Haltestellen schon wie ein Busfahrer und nach dem Lauschen kleinkarierter Allerweltsgespräche viel zu gewöhnlich. Ohne überhaupt ein Wort mitgeredet zu haben. Wieso überhaupt eine eigene Welt schaffen, wenn man sich doch umsonst am überlaufenden Brunnen von der hier betrinken könnte? Wieso fühle ich mich nach so einem Spruch wie ein Alkoholiker und nach einem Spaziergang im Freien, als ob ich nie rote Marlboros geraucht hätte? Nach einem Absatz wie ein Autor und nach einem Telefonat mit Mutti wie ein Autor, der doch bitte vor Mitternacht zu Hause sein möchte? Ein Machtwort, das mir verbietet, mich in den Bars der Stadt bis weit nach Mitternacht vor dem Leben zu verstecken. Von jenen Bars, die bis zum Morgengrauen geöffnet sind ganz zu schweigen. Hauptsache raus bevor die Karos kleiner werden oder ich mir Hemden mit welchen kaufe, nur weil das der Präsident tut. Weg hier! Vor Gewöhnlichkeit flüchten. Ins Definitionslose, in die ungetrübte Wahrheit. Dorthin, wo der Pfeffer wächst und die Laster mit den frischen Früchten herkommen, die man nur isst, wenn man wirklich hungrig ist und wo man nur schläft, wenn man wirklich müde ist. Wirklich Wahrhaftig ist und keinen Pullunder trägt, nur weil das der Präsident tut. So weit weg, bis es ernst wird. Oder echt oder sogar beides. So zeigt sich, was Lissabon und mich wirklich verbindet. Nur der Traum von romantisch hervorstehenden Balkonen oder die Realität von Taubenkacke. Der ferne Ruf einer europäischen Hauptstadt, die nur auf guter Laune gebaut wurde oder in Wahrheit wackelig auf Schutt und Wasser steht. Langsam bekommt jede Straße ihre eigene Geschichte, weil ich hier mal gewartet und da mal gegessen habe. Weil ich dort mit einem Mädchen in den Ausblick guckte, braune Kastanien aß und die Reste da vorn mit ihr über das Geländer schnipste. Ich weiter als Sie versteht sich. Fast bis unten an die Straßenecke, an der ich mich immer verlaufen habe und dann zwischen alten Häusern, die schön sind, weil sie alt sind, wiederfinden durfte. Häuser, die dich jetzt um dein Erlebtes definieren. Straßenecken, die dich erinnern, wie Denkmäler, anstatt für ihre uneinnehmbare Gegenwart zweier sich kreuzender Straßen zu stehen, die für alle gleich sind. Menschen und ihre unterschiedlichen Welten. Die eine, die des Touristen, der sich in ihnen um Kopf und Karohemden fotografiert und die andere, die des Anwohners, der im Schatten der Prunkbauten und ihrer riesigen Balkone seit Jahrzehnten sein Klopapier kauft. Wenn beide über die gleiche Straße gehen, geht doch jeder von ihnen über eine andere. Auweia! Dein schöner, unverblümter Blick für die Dinge, geraubt durch Zeit und entjungfert durch das Wissen, dass auf einem dieser riesigen, schattenspendenden Balkone, nicht einst ein König, oder zumindest mal Madonna, sondern schon immer eine Verkehrsgesellschaft residierte. Wie pervers soll diese Kiste erst mit zunehmendem Alter werden? Mit mehr Wissen, noch mehr Erfahrung, bis man eine Straße vor lauter Erinnerungen gar nicht mehr wiedererkennt? Und mit noch mehr Verkehr, durch den die dreckige Hitze flimmert, hinter der schöne Fassaden und Balkone schimmern, auf denen die Vogelscheiße so unmöglich noch zu erkennen ist. So wie der Charakter einer Frau, die man nur im Vorbeigehen gesehen hat oder der Sinn des Lebens, ohne den trotzdem irgendwie alles Sinn macht. Straßen, vollgebaut mit Erinnerungen, die dich unaufmerksam machen, unempfindlich und in Rollen zwingen, die dem, was du gerne einmal sein möchtest nicht hautnahe genug kommen. Nimm das Treiben des Marktplatzes und ihre einst so schön brummenden Lastwagen, die unendlich vielen Balkone, Unterhaltungen, die alles sein konnten oder das in alle Ewigkeit gezogene Verkehrskaugummi. Alles einst schön durcheinander, fantasievoll, ach so schön südländisch. Und nun zu früh, zu deutlich und viel zu lange. Nimm das süße Café am Hang, ein Ort zum Verlieben. Das, was so schön lässig dasteht und mit beachtlicher Anstrengung gebaut wurde, damit alles so aussieht, als wären die Handwerker gerade nur in Mittagspause gegangen. Perfekte Unvollkommenheit. Nichts als gelogen. Wenn du wüsstest, dass man sich dort genauso gut wieder verlassen könnte und deren Literaturdekoration aus alten Mathebüchern besteht? Wenn du wüsstest, dass man seinen Espresso dort durch einen Schalldämpfer trinken muss, damit alle in Ruhe auf ihre Macbooks tippen und sie keine echte Kuhmilch haben, von dort, wo die Laster herkommen, sondern nur Soja –und Reismilch, Mandelmilch bis hin zur laktosefreien Muttermilch? Wissen ist nicht Macht, sondern macht wählerisch und grantig. Aber wenn ich gewusst hätte, dass in dem versteckten Café am Parlament früher politische Hände geschüttelt wurden, Hände, die dann von Journalisten in einem noch versteckteren Café Überschriften erhielten, die dann im allerverstecksten Café der Stadt, kurz vor Druck, zur karrieresichernden Verhandlung an Politiker versteigert wurden, wäre ich doch schon längst einmal dagewesen und nicht blind an ihren Eingangstüren vorbeigegangen. Allein aus Neugier, weil’s eine geile Geschichte ist, die bisher aber eben nur Eingangstüre war, eine von vielen. Nichts als die Bedeutung ihrer funktionalen Gegenwart. Grünes Holz mit Klinke. Tritt ein und wir, ich und die Stadt, hätten das erste Tief, den Lauf der Dinge, gemeinsam überstanden. Als Zeichen unserer Zivilisation, wie eine kleiner Schnaps jetzt ein Zeichen unserer Zivilisation wäre, oder eine gut riechende Toilette oder Heiraten oder eine mit Mühe gezähmte Dschungelkatze. Als Beweis unserer kaum zu bändigenden Zuneigung oder das sich Mann und Stadt miteinander verheiraten lassen. Denn, wenn’s dich wirklich erwischt […]

DEMENTI

Regen, endlich ein Grund irgendwo Urlaub zu machen. Ein Grund die Stadt zu verlassen. Ihr zu zeigen, dass es noch ohne sie geht, andere gibt, andere Städte, in denen noch andere Mütter wohnen, die auch schöne Töchter haben. Sevilla oder Cádiz oder noch weiter südlich. In einem fernen Land, in dem es nicht durch die Decke regnet. Ganz Europa versinkt im Schnee, von Berlin bis nach Mallorca. Schnee, der hier nur noch geschmolzen ankommt und dich nass macht. Nass wie Hund. Die Wohnung nass, alles nass, sogar das Internet nass, weil in Lissabon die Welt in langen Kabeln von Haus zu Haus hängt. Wenn Lissabon nass ist, ist es hässlich. Praça do Comércio hässlich, die Brücke hässlich, sogar die schöne Kopiererin aus dem Kopierladen hässlich. Man verkriecht sich nach innen, in dickes Gemäuer, die eigenen vier Wände, den dicksten Rollkragenpullover, soweit wies nur geht, bis einem schlecht wird, weil man innen angekommen ist und plötzlich über Dinge nachdenkt, über die man nicht nachdenkt, wenn einem die Sonne permanent ins Gesicht scheint. Verlorene Liebe, vergessene Freunde, neue Ziele. Klingt wie ein Lied von den Onkelz! Egal, Lissabon hat sich etwas zu sicher gefühlt, sich das Make-Up wegschiffen lassen, abends nicht mehr in Schale geworfen, weil sowieso alle kommen, auch wenn es regnet. Die sonnigste Stadt Europas versinkt mit 2800 Sonnenstunden im Jahr, hinter Valletta (ist aber eine Insel) und Marseille (ist gelogen), im Regen, sonnt sich auf einer Statistik. Natürlich ist Regen nichts Neues. Nichts Neues für Statistiken, nichts Neues für mich -mir ist er so vertraut wie der Klang von Skateboards und der Geruch von Kuhscheiße, nur eben etwas zu Nass für den trockenen Traum vom Tajo. Statistisch gesehen, gibt es wichtigere Themen als das Wetter. 2007 gab es im Parque das Nações zum Beispiel die längste La-Ola-Welle der Welt im mit 8453 Menschen. Nur möchte ich mich hin und wieder meinen deutschen Gepflogenheiten hingeben dürfen. Dem Scheißwetter, den Statistiken, den Rufen meiner Vorfahren folgen, mit denen ich nichts zu besprechen hätte, wenn es nichts zu meckern gäbe. Wir müssen uns einfach beschweren, weil uns die schweren Dinge, die tief in unserem inneren auf Ihre Bearbeitung warten, solange egal sein dürfen. Solange am Büfett zu wenig Salami liegt, solange es entweder viel zu heiß oder viel zu nass ist, solange früher alles besser war, solange hilft ein Regenschirm gegen Tränen und  der Spießbraten von Oma gegen innere Leere. Wenn jedoch eine ganze Stadt auf gutem Wetter gebaut wurde, ist das Wetter alles entscheidend, der allmächtige Dirigent im Ablauf deines täglichen Lebens. Richter über gute oder schlechte Laune. Trockenen Humor und feuchte Träume. Drinnen geht gar nichts, wenn einfach alles für draußen gedacht wurde.  Immer wenn es regnet (klingt wie ein anderes Lied), suchst du vergeblich nach einer Heizung an der du dich wärmen, einem Kamin an dem du dich trocknen und einer Schulter, an der du dich ausweinen könntest, weil du wieder zu weit gegangen bist, zu weit in dich rein. Für die neuen Ziele, gibt es immerhin Vorsätze (z.B. 2018 keine Superlative mehr benutzen) und für die vergessenen Freunde Kurzmitteilungen,Gefällt mir‘s und noch viele weitere Gefühlsausbrüche, die das Internet für vergessene Freunde bereithält (wenn es nämlich nicht im Internet steht, ist es nämlich nie passiert). Für die verlorene Liebe hingegen reichen romantisch kombinierte Sonderzeichen leider noch nicht aus. Dafür muss richtig Zunge her. Dafür musste mir Milan Kundera , ein tschechischer Schriftsteller, der manchmal zu weit in sich reingeht, eine romantische Entschuldigung schreiben. Was für die einen seit Jesus-Geburt die Bibel ist, ist für mich seit dem es regnet “Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins”, 5. Teil, Kapitel 8-12. Amen! Gewöhnlich freue ich mich, wenn ich in Büchern (oder Filmen) auf Szenen meines Lebens treffe, die mir beruhigend zeigen, dass ich zwar anders, aber immer noch ein Teil von Allem bin. Nur bitte schlecht formuliert, damit ich keine Sätze sehe, auf die ich irgendwann gerne einmal selber gekommen wäre. Jetzt habe ich den Kopfsalat, weil der alte Revoluzzer geschrieben hat, was ich schon lange dachte, lange bevor ich zu Ende denken konnte. Bevor ich einfach sagen konnte, was so schwer zu denken ist, wenn dir in Lissabon meistens die Sonne in das Gesicht scheint und man aus sich raus kommt, den Mauern, der Wohnung, dem Rollkragenpullover, aus sich selbst, soweit wies geht, bis man fast explodiert vor lauter Freude. Jetzt ist dieser Satz blockiert, für immer und ewig Milan seiner (kein Superlativ!). Und ich trage ihn mit mir herum, als literarisches Mahnmal, als romantische Rechtfertigung meiner fehlenden Bindungsbereitschaft, als welterklärende Legende, als Formel eines selbstgefälligen Lebens, als kleinen, aus Neid zusammengeknüllten Papierfetzen am Ende meines Notizbuchs, als schriftliche Entschuldigung. Immerhin stecken hinter Frauengeschichten angebrochene Herzen, die Vornamen haben und Hobbys, und hinter meinen 96 Kilo ein kleines Sensibelchen, dass das alles nicht gewollt hat. Alles nun wegen oder dank des Regens? Wochenlang Regen, der den letzten trockenen Sonntag vor dem Regen, zur reinen Legende aufsteigen lässt, die in einen alten Bilderrahmen gepackt wurde und nun direkt neben unserem verregneten Fenster hängt, das mittlerweile aussieht wie ein Bullauge, der Ausblick eines U-Boots. Damals, als es noch trocken war, der Asphalt vor Hitze flimmerte und man Zigaretten in Wasser tauchen musste, bevor man sie in die Natur werfen durfte, am letzten Sonntag vor dem Regen, saßen wir, mit ganzem Herzen, Vornamen und Hobbys auf einem alten Bekannten, einem Miradouro. Einem Aussichtspunkt, der gerade seinen zweiten Frühling feiern durfte und lichterloh in uns aufging, obwohl er alt und bekannt war. Zweiter Frühling für den semantischen Wortklang und Lichterloh für die Theatralik. Ist ja immer hin eine Legende. Ein Ort, für den auch wir alt und bekannt waren, der schon unzählige Bekanntschaften wie unsere überstanden hatte. Kommen und gehen, in sich rein und aus sich rauskommen sah. Bekanntschaften, die den Tag nach der Nacht miteinander und die verkaterte Anspruchslosigkeit an das gemeinsame Sein gerne auf ihm verbringen mochten. Ein Ort der Tag für Tag mit Füßen getreten, mit Zigaretten beworfen, bespuckt und vollgefurzt (nicht von Ihr) wurde, konnte es wahrscheinlich kaum erwarten, endlich nass zu werden. Wir hatten an jenem Sonntag vor dem Regen rein gar nichts vor, außer Kaffee zu bestellen. Sie trug einen königsblauen Wollpullover, in dem Ihr Lachen für einen Kinofilm gereicht hätte und ich ein weißes Leinenhemd, das nicht mal für die Werbung dazwischen genug gewesen wäre. Ich kam gerade von einer anderen, einer anderen Stadt wieder. Aus Tagen meines alten Lebens auf platzsparenden Fensterplätzen, in denen ich mich von Flughäfen ernährte und in unpersönlichen Hotelzimmern an Vertrautheit und Vollendung versuchte. Ich hätte erwartet, beim ersten Eintreten in Zimmer 308 an meine […]