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BYND

Konstantin Arnold

NABELSCHAU

NABELSCHAU

Viele Viertel machen viele Backsteine zu einer Stadt, wie Charakter viele Eigenschaften zu einer richtigen Persönlichkeit werden lässt. Es gibt Viertel, die sich sehen lassen können, wie es Eigenschaften gibt, die man bei frischen Begegnungen durch Zigarettenrauch blitzen lassen sollte. Es gibt Viertel, die man voraussetzt, wie man voraussetzt, dass sich eine Person zu benehmen und zu organisieren weiß. Rathausplätze und Orte voller Ministerien. Gut gefegte Bürgersteige, glänzendes Kopfsteinpflaster, auf denen nichts als gute Manieren spazieren, mit denen man sich im Bewerbungsgespräch bei portugiesischen Schwiegereltern sehen lassen könnte. Es gibt Viertel, die da sind, wenn’s drauf ankommt und erst auffallen, wenn sie das nicht sind. Ihr wahres Gewicht erst zeigen, wenn keiner mehr weiß, wohin mit den Unentbehrlichkeiten, die eine Stadt zum Überleben braucht. Baumärkte und Saunaclubs, Kläranlagen, Vergnügungsparks mit Wasserrutschen und Einkaufszentren, in denen man sich etwas Neues kaufen könnte. Platz für Normales, Plattenbauten und Dinge, die für alle Städte gleich sind, wie Durst und Hunger für alle Persönlichkeiten gleich sind. Nicht der Rede wert, außer man hat sonst nichts zu erzählen oder kommt gerade frisch aus der Wüste. Es gibt Viertel, die nur einen Augenblick wert sind, in dem sie sich in gutem Wetter kleiden und ihre Alleen mit dichtem Ahorn dekolletieren. Antlitz, das viel erlebt und viel gesehen hat, ohne es den anderen zeigen zu müssen. Ohne, dass die Gegenwart davon Wind bekäme, weil die Menschen des Viertels von der Wiege bis zum Friedhof an alten Tagen hängen und von neuen träumen, bis der Moment schon wieder vorüber ist. Es gibt Viertel, die Polizisten brauchen, weil ihre Ursachen nie wirklich erzogen wurden. Oder die Feuerwehr, weil’s ständig brennt, wie es brenzlig werden kann, wenn Menschen keine Tropfen, sondern Eimer voller Alkohol für die heißen Steine nehmen, die den Weg in ihre Gegenwart gepflastert haben. Wanken mit den Erfahrungen, die auf ihnen gemacht wurden oder trinkfest sind wie Bauarbeiter, die zwischendurch eben verdient einen zischen, weil sie die Backsteine immerhin zu dem gemacht haben, was sie sind. Nobel, bis zum Hals vermietete Viertel, die ihre Tradition und Sehenswürdigkeit im schönsten Laternenlicht erstrahlen lassen. Blenden, über alle Macken ihrer wahren Geschichte hinweg. Wie eine Persönlichkeit, die sich selbst schmückt, mit allem, was von anderen gelobt und bewundert werden kann. Weit über die Ecken und Kanten hinaus, mit denen wir uns voneinander unterscheiden und sich Viertel erst richtig in Form bringen. Unreinheiten, die eine Wahrheit sagen, die eine Stadt mit all ihren Touristenattraktionen am liebsten umgehen, in Unerreichbarkeit verbannen würde. Metrostationen schließt, solange sich das Viertel nicht mit renoviert hat. Oder zumindest frische Marmorstatuen aufstellt, die bewundert werden können und der ganzen  […]

FAMOS

FAMOS

Die Häuser stehen da, als wäre nichts gewesen. Die Straßen folgen immer noch den gleichen Schildern und der Platz, mit der Seefahrerstatue in der Mitte, liegt genauso gelangweilt und befahren wie sonst auch in der Hitze des Nachmittags. Der Himmel ist blau, die Sonne heiß und der Wind bläst frisches Deo unter die glühenden Achseln der Stadt. Die Tageskarten der Lokale hängen wie handgeschriebene Gardinen in den Fenstern, Wand an Wand, sodass man sich zwischen ihnen kaum noch neuen Hunger anlaufen könnte. Besetzte Bänke, die Orte erst zu richtigen Plätzen werden lassen und eine Stimmung, die durch Bäume und Fassaden bis zur Atmosphäre aufsteigt. Es riecht nach aufgeheizter Luft, nach Spülmittel und Kopfsteinpflaster, nach einer halben Millionen Menschen. Nach nicht mehr nur ausziehen, sondern richtig nackig machen, denn alle drehen auf, wenn sie die Heizung abdrehen können und ihr Leben endlich wieder mit nach draußen nehmen. Dorthin, wo es dreckig werden kann, benutzt wird und schwitzt, wie ein Fußball ohne das Schwitzen oder ein Mensch ohne das Benutzen, wie ein richtig aufreibendes Leben eben, das du nicht selbst in die Hand nehmen kannst, weil es dich fest im Griff hält. Am Schlafittchen packt, an den Eiern deines Egos und dir im Gegenzug eine tiefere Etage in das Haus deines Lotterlebens zimmert, das eigentlich nur hoch hinauswollte. Das Leben, das mich im Griff hält, hält meistens auch eine Zigarette, an der es ziehen kann, wie eine heimliche Affäre, bevor es erleichtert ausatmet, als würde man sich gerade frisch geliebt haben. Es kann grüßen, wie eine Fremde und elegant Platz nehmen, als würde die ganze Welt dabei zugucken. Es kann Bier trinken wie ein alter Freund, der vertraut ist, weil ihr genügend erzählen könntet und es kann Grillhühnchen mit Messer und Gabel wie ein […]

IDOL

IDOL

Die Flitterwochen sind vorüber. Nun zeigt sich Taubenscheiße auf den romantisch hervorstehenden Balkonen und der fließende Verkehr zieht sich in Wahrheit wie stundenlanges Kaugummi durch die Straßen der Stadt. Der Marktplatz vor dem Haus ist nicht mehr schön und frisch und authentisch, sondern muss morgens unbedingt schon vor Sonnenaufgang beliefert werden. Mit sieben Lastern, die frische Früchte und lautes Treiben vom Land bringen. Und Schinken, der zwar in Portugal groß geworden ist, aber in Spanien seine luftgetrocknete Vollendung finden durfte. Das läuft immer so, die Spanier können das mit dem Lufttrocknen einfach besser. Und das mit dem lautlosen Markt beliefern. Laster, Treiben, Serrano-Schinken klingen zusammen nicht mehr nach einer südländischen Symphonie, nach wildem Temperament, sondern wie die Abgase eines wütenden Orchesters. Wie ein Lieblingslied, das leider zur falschen Zeit läuft. Wie plötzlich Pickel! Auf einem Gesicht, das bisher so schön geglänzt hat. Sonnenverbrannt, aalglatt. Nichts auszusetzen. Makellos bis auf den allerletzten Backstein. Kein Stau zu lang, kein Laster zu laut, kein Tag zu heiß und keine Bedienung zu langsam. Und wie über Nacht sind die Hügel plötzlich zu steil, der Ausblick zu weit, die Balkone voller Scheiße und die Langsamkeit läuft fast schon rückwärts. Alle Fenster zu, alle Affen tot und im Sommer gibt’s dann keine Frischluft, die nicht vom Lärm verseucht ist. Alles schreit zu verständlich, wenn man anfängt Portugiesisch zu sprechen und in den Unterhaltungen, die uns im öffentlichen Nahverkehr umgeben, soweit Kronjuwelen vermutet hatte. Rosenblüten des Dialogs, die mehr vom Leben fordern als nur schlecht bezahlte Arbeit. Fragen des Durchschnitts, Antworten der Gewohnheit, das Allerprofanste. Oder, wie erst gestern im Bus, die letzte Hoffnung in einen Präsidenten und seinen schicken Pullunder, einen echten Mann des Volkes, der im Sommer mit weißem Haar und ohne Leibwächter schwimmen geht und pro Tag ein Buch liest. In Lissabon geboren und in Merino und Alpaka aufgewachsen. Keine Fauxpas, keine Affären, bis auf den Pullunder. Alles, was er sagt, sagt er mit einer Stimmlage, der man glaubt, weil sie brummt wie die eines Vaters. Oder noch früher das Wort Gottes. Nett, auf eine unfreundliche Art und Weise. Alles, was er ins Mikrofon sagt, klingt nach der allerletzten Wahrheit, wie alles wird gut. Alles, in einem Land, das soweit gut ohne Nachrichten ausgekommen ist, weil mein Speisekartenvokabular keine Naturkatastrophen und Skandale übersetzen konnte. Maximal den Wetterbericht und das Madonna mitten in der Innenstadt ein belegtes Brötchen gegessen hat. Einfach so! Auf offener Straße. So eine Hure. Grund zum Auszusteigen, obwohl der Bus noch nicht ganz dort ist, wo ich hingehöre. Zwar da, aber nicht ganz […]

DEMENTI

DEMENTI

Regen, endlich ein Grund irgendwo Urlaub zu machen. Ein Grund die Stadt zu verlassen. Ihr zu zeigen, dass es noch ohne sie geht, andere gibt, andere Städte, in denen noch andere Mütter wohnen, die auch schöne Töchter haben. Sevilla oder Cádiz oder noch weiter südlich. In einem fernen Land, in dem es nicht durch die Decke regnet. Ganz Europa versinkt im Schnee, von Berlin bis nach Mallorca. Schnee, der hier nur noch geschmolzen ankommt und dich nass macht. Nass wie Hund. Die Wohnung nass, alles nass, sogar das Internet nass, weil in Lissabon die Welt in langen Kabeln von Haus zu Haus hängt. Wenn Lissabon nass ist, ist es hässlich. Praça do Comércio hässlich, die Brücke hässlich, sogar die schöne Kopiererin aus dem Kopierladen hässlich. Man verkriecht sich nach innen, in dickes Gemäuer, die eigenen vier Wände, den dicksten Rollkragenpullover, soweit wies nur geht, bis einem schlecht wird, weil man innen angekommen ist und plötzlich über Dinge nachdenkt, über die man nicht nachdenkt, wenn einem die Sonne permanent ins Gesicht scheint. Verlorene Liebe, vergessene Freunde, neue Ziele. Klingt wie ein Lied von den Onkelz! Egal, Lissabon hat sich etwas zu sicher gefühlt, sich das Make-Up wegschiffen lassen, abends nicht mehr in Schale geworfen, weil sowieso alle kommen, auch wenn es regnet. Die sonnigste Stadt Europas versinkt mit 2800 Sonnenstunden im Jahr, hinter Valletta (ist aber eine Insel) und Marseille (ist gelogen), im Regen, sonnt sich auf einer Statistik. Natürlich ist Regen nichts Neues. Nichts Neues für Statistiken, nichts Neues für mich -mir ist er so vertraut wie der Klang von Skateboards und der Geruch von Kuhscheiße, nur eben etwas zu Nass für den trockenen Traum vom Tajo. Statistisch gesehen, gibt es wichtigere Themen als das Wetter. 2007 gab es im Parque das Nações zum Beispiel die längste La-Ola-Welle der Welt im mit 8453 Menschen. Nur möchte ich mich hin und wieder meinen deutschen Gepflogenheiten hingeben dürfen. Dem Scheißwetter, den Statistiken, den Rufen meiner Vorfahren folgen, mit denen ich nichts zu besprechen hätte, wenn es nichts zu meckern gäbe. Wir müssen uns einfach beschweren, weil uns die schweren Dinge, die tief in unserem inneren auf […]

VISAVIS

VISAVIS

Nicht Almada. Und auch nicht Aroeira. Weiter Südlich und dann irgendwo dazwischen. Definitiv von der Küstenstraße irgendwann nach links, wenn man lange genug Richtung Äquator gefahren ist. Auf einen genauen Ort möchte ich mich ungern festlegen und wie lange wir dort bleiben werden, noch viel weniger. Mindestens bis wir herauszufinden, was diese Gegend im Innersten ausmacht und warum sie so voller Dinge ist, die man nur im Urlaub gut gebrauchen kann. Die meisten Geschäfte verkaufen Swimming Pools und Wohnwagen, Kaugummis und was man sonst noch an den Kassen von Geschäften findet, die Swimming Pools und Wohnwagen verkaufen. Überall stehen hohe Bäume unter die große Häuser passen. Pinien und Villen, wenn mich nicht alles täuscht. Die Nadeln sind grün, die Hauswände bunt. Wirklich! Ein Ort wie ein einsames kanadisches Bergdorf ohne Berge und kalifornische Straßen ohne kalifornischen Verkehr. Das Bifana ist billig und das Wetter ist gut. Die Deutschen sind wenig und alles ist so friedlich, dass man glauben könnte schlechte Nachrichten seien, an dem Ort der nicht mehr Almada und auch nicht Aroeira ist, verboten. Sogar die Sirene der Krankenwagen klingelt gelassen und freundlich, als ob sowieso alles gut werden wird! Die meisten Häuser stehen leer und alleine und warten darauf, im Sommer benutzt zu werden. Von den meisten ist es ein ganzes Stückchen zum Strand, mit dem Bus und einigen Schritten zu Fuß. Von den Wenigsten, wenige Minuten, egal wie. Es ist ein Nirgendwo im Irgendwo, an dem wir vielleicht schon längst vorbeigefahren sind, weil sich der Ort, der nicht Almada und auch nicht Aroeira ist, keinem Durchreisenden offenbaren möchte. Keinem Ankömmling um den Hals wirft und nicht mit einfachen Reizen lockt. Dieser Ort hat keine knallroten Lippen, keinen tiefen Ausschnitt und keine langen Beine, die durch hohe Stiefel, nackte Knie und kurze Röcke in drei dich wahnsinnig machende Drittel geteilt sind. Dieser Ort sitzt mit Spliss in Strickjacke und Khakijeans direkt vor deiner Nase und hat kein Problem damit, dass du durch ihn durchguckst, weil dein Blick von einem dahinter sitzenden Drittel angezogen wird. Man kann seine Schönheit sehen, wie man die Stille hören kann. Nämlich gar nicht, wenn alles um dich herum nach Aufmerksamkeit giert! Eine Gegend, die alles sein kann, was man sie sein lassen möchte. Weil es keine Ortschilder gibt, noch keine Erinnerungen und Erfahrungen, die alles Mögliche in eine Schublade stopfen wollen, für die sie viel zu groß oder zu klein sind. Wir könnten den ganzen Tag vergessen, was wir eigentlich vorhatten und in Gedanken so von einem leerstehenden Haus ins nächste ziehen. Aus ihnen Luftschlösser machen, in denen Pina Colada fließt und Zigaretten umsonst sind. In einem fernen Land in dem Erfüllung in Orangen an Bäumen wächst, ohne Steuerpflicht und Zahnärzte. Wenn der Sommer dann wirklich kommt, im März, kannst du dich am Strand im Sand suhlen, bis die Haut rein wird und die Sauerei dann im Meer einfach wieder abspülen. Wer in diesem großen Dorfe oder dieser kleinen Stadt eine schöne Portugiesin sitzen hat, sollte das zusammen mit ihr tun. Portugiesinnen lieben Sand und Sauereien, die man danach einfach wieder abspülen kann. Nach […]

MENINA

MENINA

Maria Terreira hat weiche Hände und eine Nase, die aussieht wie eine Skisprungschanze in die Liebe. Maria Terreira spricht kein Englisch und lebt in einem schweren Haus mit jungem Putz, der neben einer dicht befahrenen Hauptstraße ziemlich alt aussieht. Der Boden ihrer Wohnung besteht aus kalten Fliesen und an der Wand hängen billige Gemälde über gelber Tapete, deren Wahllosigkeit etwas Kreativität in ihr getaktetes Leben bringen –zeigen sollen, dass hier noch mehr drin ist. Wenn Maria Terreira freitags Freunde besuchen, dürfen alle im Badezimmer schminken und im Wohnzimmer rauchen, weil Sie nach dem zweiten Muskateller die gedämpften Töne ihres durchgetakteten Lebens satt hat. Maria Terreira kann sich nicht von Gegenständen trennen, die ihr vor der Jahrtausendwende geschenkt wurden. Die Zimmer sind voller schwerer Möbel aus vergangenen Leben, die ihre kleine Wohnung noch kleiner werden lassen und Maria Terreira davon abhalten sollen, leichtfertig alles hinzuschmeißen, ohne schweres Haus und kalte Fliesen in Gedanken irgendwo neu anzufangen. Es herrschen Dunkelheit und Dekoration, die Ihr manchmal Angst machen, wie Unternehmungen, die gar nichts verändern. Zu nichts führen und keiner absehbaren Funktion folgen. Dich weder reifen noch stärker werden lassen und erst ganz am Ende ihre eingebildete Schicksaalhaftigkeit enthüllen, durch die wir uns wichtig fühlen. Maria Terreira möchte Platz für Zufälle lassen, weil sie alles liebt, was sich weit außerhalb ihres Zuständigkeitsbereichs befindet. Alles, was sich Ihrer Kontrolle entzieht. Männer, Jahreszeiten und das letzte Oberteil in genau Ihrer Größe. Wenn Winter ist, es in Lissabon durch die Decken regnet und man seinen Atem vom Bett aus bis in alle Unendlichkeit verfolgen kann; wenn man sich drinnen wärmer anziehen muss, als draußen und Schreiben will, ohne dabei Fingerkuppen zu verlieren; wenn endlich diese verfluchte Kälte aufhört, die eigentlich gar nicht kalt ist, aber durch kalte Fließen, jungen Putz und gelbe Wände, an denen billige Gemälde hängen, noch viel kälter ist. Dann ist endlich Sommer! Und es ist so heiß, dass Maria Terreira erst nachmittags das Haus verlassen kann, ohne sich von einem Ort zum nächsten schwitzen zu müssen. Auf dem Weg von einem Ort zum nächsten geht Maria Terreira stets auf der Schattenseite eines sonnendurchflutenden Lebens und lässt nachts alles laufen, wenn Sie sich ohne Ventilator vom verschwitzten Bauch auf den noch trockenen Rücken windet. Weil Maria Terreira dann die meiste Zeit draußen verbringt, ähneln sich die meisten portugiesischen Wohnungen in ihrer Anspruchslosigkeit von innen, und unterscheiden sich in ihrer anspruchsvollen Eitelkeit von außen. Meistens sitzt Maria Terreira auf kleinen Plätzen, die Touristen zu klein sind und widmet sich den übersehenen Kleinigkeiten ihrer eigenen Empfindung. Wenn Maria Terreira an einem leerstehenden Haus […]

MAMMON

MAMMON

Ich kann meine eigenen Notizen nicht lesen. Nicht ein Wort. Nicht einmal entziffern. Alles voller Superlative und Asche. Fettflecken und Wörtern mit mehr als einer Bedeutung, die trotz gleicher Buchstaben hier eine andere Aussprache fordern. Angefertigt gestern Nacht in einem dunklen Restaurant in der Rua de O Século zwischen Schweinelende und Unterhaltungen mit Matilda. Ein besonderer Ort! Dunkel, charmant, in manchen Ecken noch viel dunkler, Bescheidenheit vom Zapfhahn bis zur Handseife, weil sein Besitzer nicht ahnt, wie charmant er wirklich ist. Manche Tische haben eine grüne Bankierlampe, die Stühle braune Sitzbezüge aus wildem Leder. Viele Tische haben Tischdecken, die in anderen Restaurants Teppiche wären und auf jedem einzelnen von ihnen steht ein großer schwarzer Aschenbecher. Man raucht hier zwischen Vorspeise und Hauptgang, in Gesprächspausen und kurz vor dem Ausholen, nach dem Essen sowieso und eigentlich sogar noch eine mehr zwischen jeder einzelnen Zigarette. Es gibt keinen Empfang und aus einem versteckten Lautsprecher singt eine leise Tina Turner, dass wir keine Helden mehr brauchen und du einfach der Beste bist. Wenn jemand dazwischen die Klingel gehört hat, sich die schwere Eingangstür öffnet und du die Türschwelle betreten darfst, begrüßt dich ein saftig-satt gegessener Opa wie seinen eigenen Enkel und begleitet dich und deine Begleitung an einen Tisch seiner Wahl. Einen, von dem er denkt, dass er zu dir passt. Zum Grund deines Kommens, zum Anlass dieses Diners, zum Verhältnis zu Matilda und dem alles verschlingenden Loch in deinem Bauch. Wohlüberlegt entscheidet er im Verlauf des Abends, welche Beziehungsprobleme er neben welches erste Date setzt. Welche Gewohnheit neben welche Wertschätzung. Welche Weltanschauung neben welchen Tunnelblick. Welche Gruppen guter Freunde neben einsame Nachtschwärmer kommen und wer von den wenigen hier anwesenden Touristen eine Lektion in kurzen Hosen verdient hat. Im Sommer wie im Winter. Alles aus Weisheit, Erfahrung und Langeweile, die aus über 40 Jahren Schweinelende-Servieren schöpfen können. Die Freude eines kleinen Mannes, der somit dem Laufe des Schicksals seine ganz eigene Prägung aufsetzen kann. Die alleinige Regie führt in einem Reich, dass er schon Jahrzehnte bestimmt und bewirtet, besser kennt als die eingestaubten Bedürfnisse seiner Ehefrau, zu der er nur spricht, wenn es etwas aus der Küche zu bestellen gilt. Es ist ein Ort, der sich durch die Traditionen zieht, durch Trends gekämpft hat und nun davon lebt, dass Enkel, Söhne und Väter hier alle das gleiche bestellen. Schweinelende mit Soße, Pommes und einem Ei für 16.25€. Im Verhältnis könntest du zwei Häuser weiter eine Karaffe Hauswein, Oliven, Steak und Reis, mit einem Kaffee zum Abschluss, für die […]

STELLDICHEIN

STELLDICHEIN

Donnerstag, 14 Uhr hatten wir gesagt. Im Jardim de Torel. Ob am Brunnen, im Park oder unten bei dem kleinen Kiosk wollten wir dem Zufall überlassen. Dass Sie zu spät kommt, habe ich erwartet. Dass nach der zweiten Zigarette immer noch keine Spur von Ihr ist, nicht. Vielleicht hat Sie den Park verwechselt? Ist mir auch schon passiert. Vielleicht steht Sie im Stau auf der Ponte do Arbil, hat kein Benzin mehr oder keinen Handyakku? Meine Telefonnummer hätte Sie sowieso nicht. Vielleicht hat Sie mir im Internet eine Nachricht hinterlassen? Kein Smartphone, kein Facebook, keine Freundin! Dafür habe ich mich drei Tage lang auf dieses Treffen freuen können. Auch etwas wert. Wir hatten uns in einer Bar kennengelernt, die schon vierzig Jahre lang einen auf 20’er macht. Am Eingang steht ein Portier und kein Türsteher, und drinnen arbeiten Büfettiers und keine Kellner. Es ist eine gute Bar, um eine gute Frau kennenzulernen, aber auch Platz für gute Freunde, die sich gut alleine beschäftigen können und nichts gegen latenten Blickkontakt und völlig verführte Aufmerksamkeit einzuwenden haben. Eine Bar zum Angucken gebaut, zumindest wenn man nicht zu weit voneinander entfernt sitzt und im Zigarettennebel verschwindet. Dort, im Zigarettennebel sagte Sie, wenn wir ohne Absprache den gleichen Drink bestellen würden, hätte sie zwar immer noch einen Freund, würde sich aber vom Schicksal gezwungen fühlen, eine Runde mit mir durch einen Park meiner Wahl zu spazieren. Eiskalt ausgetrickst, weil Sie so viel klüger und vergebener ist, als ich. Ihre Schönheit geht mir bis zum Kinn und Ihre Locken hätten, wenn man sie ausfahren könnte, an diesem Abend bis zu mir nach Hause gereicht. Sie konnte über sich selbst lachen, wie Emily Ratajkowski und Sie sah Dinge in mir, über die wir dann gemeinsam lachten, wie Steve McQueen und Ali MacGraw. Ich zeigte Ihr, wie man nichts als das Gute in den Dingen sieht, und Sie mir, wie gut sich neurotischer Tatendrang in einem warmen Bett mit nackter Haut behandeln lässt. Nun Theorie, fragte die Praxis, was nun ist das Gute oder das noch viel Bessere daran, dass Sie jetzt nicht hier ist und ich 30 Minuten bis nach Hause laufe? Erstens, sagte die Theorie, werden wir so nie herausfinden müssen, dass Sie all die Dinge vielleicht nicht ist, die du seit dem Abend in der Bar in Ihr siehst und zweitens, fügt die Praxis hinzu, hat Ihr Freund […]

HALLODRI

HALLODRI

Damals als alles besser war, Rauchen noch als gesund galt, hinter dem Horizont das Ende der Welt lag und man Gedanken vom Hirn über die Hand durch den Kugelschreiber direkt auf das Papier brachte, ohne sie dann wieder löschen zu können. Damals als Cais do Sodrè ein Ort der Begegnung zwischen Nah und Fern war, an den man die Ladung der Handelsschiffe bewundern konnte und die Frauen an Land in den Kneipen der Docks auf abenteuerliche Seemänner warteten, um sich noch näher und ihrem Alltag noch ferner zu sein. Damals als man sich noch von einer guten Geschichte ficken ließ und dann sicherlich auch von damals redetet und rauchte, weil es gesund war, war eigentlich alles wie heute nur eben von gestern. Der Buchdruck von gestern, die Smartphones von heute. Der Mars von morgen so weit weg wie das Amerika von gestern (oder heute) und die wenigen in Frage kommenden Frauen im abgelegenen Heimatdorf, die weder Mutter noch Cousine waren, mit Tourismus und Internet ins unermessliche getrieben. Da haben wir’s! Nicht alles war besser. Damals rationale Zweckgemeinschaft mit Fortpflanzungsdoktrin, ohne Zufälle in denen man zur gleichen Kohlrabi greifen könnte, ohne Schicksal und ohne Kondome. Heute alles voller Romantik und Einwegbeziehungen, die sich durch gelbes Laternenlicht träumen und an der nächsten Ecke miteinander Schluss machen, weil man in Sachen Urlaubsplanung einfach zu unterschiedliche Vorstellungen hatte. Der eine wollte Mittag inklusive, die andere in den Straßen selbst nach guten Restaurants suchen. Wie soll man da nur zusammenfinden. Vor allem wenn an jeder Ecke alles noch Schönere, noch Neuere noch Spannendere lauert. Förmlich vibriert, weil hier die Erde öfters bis 4,9 Mw (Momenten-Magnitude) bebt. Das heißt laut Definition sichtbares Bewegen von Zimmergegenständen und Erschütterungsgeräusche ohne Schäden. Übersetzt und praktisch bedeuten 4,9 Mw, dass du dich erst einmal fragst, ob du spinnst, weil es bis 5 Mw auch noch der Alkohol sein könnte. Aber keine Panik! Lissabon ist ein Parnass, Sitz der Musen, eine Libertin in der Brandung, gebaut ohne selbstauferlegte Disziplin, der man ohnehin nicht gewachsen wäre. Eine Naturgewalt und so etwas passiert hier ständig. Deshalb ist es nie zu spät für die wahre Liebe und ein portugiesisches Mädchen, weil portugiesische Mädchen immer noch viel später sind. Vor allem wenn du einen Tisch für 10 Uhr im Zé da Mouraria hast und du dich nach einer Dreiviertelstunde um eine Mahlzeit deines Lebens beraubt fühlst. Warten wäre so schön, wenn man nur auf hungrigen Magen rauchen könnte oder wir uns nicht zwischen Erasmusbar und Irish Pub in Cais do Sodrè, sondern zwischen Pinien und Ausblick im Jardim de Torel treffen würden. Denn von dort hätte man einen anderen Blick auf die Stadt. Einen ehrlichen, ganz ohne kirchliche Highlights und restaurierte Prunkbauten. Dort gibt es wilde Hühner und Enten und Obdachlose, die kämpfende Enten wie Ringrichter auseinanderhalten und dich nach dem Spektakel nach Geld fragen. Dort […]

ESSENZ

ESSENZ

Willst du zuerst die gute oder die noch bessere Nachricht hören? Es ist Samstag. Und du bist frei. Kerngesund, nur leicht verkatert. Im Vollbesitz deiner Kräfte. Voll mit Saft! Das sollte man erst einmal zu schätzen wissen. Willst du etwas tun, das du wirklich liebst, oder lieber eine Sache leben, die dich so lange genervt hat, dass du sie am Ende doch noch geliebt hast? Willst du wissen, was ich meine? Ein gelesenes Leben leben? Gut, das will ich auch, also komm und wir treffen eine Verabredung. A Tabacaria ist die Bar am Praca do Sao Paolo, vor die wir uns stellen, wenn wir uns gut fühlen. Drinnen ist meist kein Platz mehr und heute fühlen wir uns gut, weil wir vorher gut gegessen haben und nachher in einem alten Theater feiern wollen. A Tabacaria ist eine Bar wie im Bilderbuch, auch wenn es keine Bilder von Bars in Bilderbüchern gibt, weil sich der Bilderbuchleser nicht für gezapftes Bier interessiert. Noch nicht. Was diesen Ort so besonders macht, ist mir bis heute unerklärlich. Tradition und dunkles Holz mitten an die Ecke einer unbedeutenden Kreuzung gezimmert. Fertig ist die Atmosphäre. Ich konnte kein Foto schießen, aber Stimmung lässt sich mit Worten sowieso besser einfangen. Selbst für eine Geschichte, die gar nicht viel reden muss, um erzählt zu werden. Hinter der Theke tragen alle volles Brusthaar, das mit einer silbernen Halskette geschmückt und durch drei geöffnete Hemdknöpfe prächtig zur Schau gestellt ist. Bringst du im Sommer noch dein eigenes Hawaiihemd mit, kannst du eigentlich direkt heute Abend anfangen, die besten Drinks der Stadt zu mixen, ohne es dir auf deine Stirn zu schreiben. Die meisten Besucher drängen sich in einen engen dunklen Raum, in dem sicherlich auch einige dunkle Tische stehen, an denen Leute sitzen, die sich etwas zu erzählen haben. Der ganze Rest ist hier, um locker zu plaudern, sich mit einfachen Wörtern abzugeben, die man nicht hören muss, um sie zu verstehen -und natürlich um gesehen zu werden. Ich für meinen Teil sehe in der Tabacaria lieber, weil draußen, vor den saftig grünen Fliesen meistens Frauen mit Klasse und wenig Make-up stehen und ihre Zigaretten in die Spurrillen der Straßenbahnen werfen. Direkt an einer richtigen Straßenecke, auf einem ein Meter breiten Bürgersteig drängt sich also alles, was heute Nacht für mich die Welt bedeutet. Für dich auch? Na dann komm, wir holen uns noch Einen, bevor wir zu der Party in dieses alte Theater torkeln. Lass den Typen an der Bar ruhig machen, ohne dazwischen zu quatschen. Alles, was er tut, tut er […]