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BYND

Konstantin Arnold

ESSENZ

Willst du zuerst die gute oder die noch bessere Nachricht hören? Es ist Samstag. Und du bist frei. Kerngesund, nur leicht verkatert. Im Vollbesitz deiner Kräfte. Voll mit Saft! Das sollte man erst einmal zu schätzen wissen. Willst du etwas tun, das du wirklich liebst, oder lieber eine Sache leben, die dich so lange genervt hat, dass du sie am Ende doch noch geliebt hast? Willst du wissen, was ich meine? Ein gelesenes Leben leben? Gut, das will ich auch, also komm und wir treffen eine Verabredung. A Tabacaria ist die Bar am Praca do Sao Paolo, vor die wir uns stellen, wenn wir uns gut fühlen. Drinnen ist meist kein Platz mehr und heute fühlen wir uns gut, weil wir vorher gut gegessen haben und nachher in einem alten Theater feiern wollen. A Tabacaria ist eine Bar wie im Bilderbuch, auch wenn es keine Bilder von Bars in Bilderbüchern gibt, weil sich der Bilderbuchleser nicht für gezapftes Bier interessiert. Noch nicht. Was diesen Ort so besonders macht, ist mir bis heute unerklärlich. Tradition und dunkles Holz mitten an die Ecke einer unbedeutenden Kreuzung gezimmert. Fertig ist die Atmosphäre. Ich konnte kein Foto schießen, aber Stimmung lässt sich mit Worten sowieso besser einfangen. Selbst für eine Geschichte, die gar nicht viel reden muss, um erzählt zu werden. Hinter der Theke tragen alle volles Brusthaar, das mit einer silbernen Halskette geschmückt und durch drei geöffnete Hemdknöpfe prächtig zur Schau gestellt ist. Bringst du im Sommer noch dein eigenes Hawaiihemd mit, kannst du eigentlich direkt heute Abend anfangen, die besten Drinks der Stadt zu mixen, ohne es dir auf deine Stirn zu schreiben. Die meisten Besucher drängen sich in einen engen dunklen Raum, in dem sicherlich auch einige dunkle Tische stehen, an denen Leute sitzen, die sich etwas zu erzählen haben. Der ganze Rest ist hier, um locker zu plaudern, sich mit einfachen Wörtern abzugeben, die man nicht hören muss, um sie zu verstehen -und natürlich um gesehen zu werden. Ich für meinen Teil sehe in der Tabacaria lieber, weil draußen, vor den saftig grünen Fliesen meistens Frauen mit Klasse und wenig Make-up stehen und ihre Zigaretten in die Spurrillen der Straßenbahnen werfen. Direkt an einer richtigen Straßenecke, auf einem ein Meter breiten Bürgersteig drängt sich also alles, was heute Nacht für mich die Welt bedeutet. Für dich auch? Na dann komm, wir holen uns noch Einen, bevor wir zu der Party in dieses alte Theater torkeln. Lass den Typen an der Bar ruhig machen, ohne dazwischen zu quatschen. Alles, was er tut, tut er mit Grazie. Voller Weisheit und Perfektion. Präzession in jeder Bewegung. Orangen schneiden, Kühlschrank nachfüllen oder abwaschen. Von unserem Drink ganz zu schweigen. Detail und Stil sind nicht notwendig, um Berge zu verschieben, aber entscheidend um den einen vom anderen Berg zu unterscheiden. Hier habe ich gelernt, dass Martini kein Wermut ist und Captain Morgan nicht aus Rum gemacht wird. Hier spielen sie die besten vergessenen Hits, obwohl erst zwei Leute im Raum sind und hier habe ich erkannt, dass Geduld nur funktioniert, wenn man sein Leben nicht Tag für Tag fertig leben möchte. Nach diesen alles erhellenden Weisheiten lehnen wir uns an das dunkle Holz der Theke und blicken auf die Bilder an der Wand, die sich in unserem Zustand nur schwer beschreiben lassen. Eine durchweg behagliche Atmosphäre, von hier bis auf das Damenklo. Irgendwie interessant, was sich mit einer Zigarette und einem Bier alles sagen lässt. Noch viel interessanter, wie sich das, was uns umgibt mit dem zusammentut, was uns ausmacht und tief in uns zu einer Idee reift, die irgendwann einfach raus muss. Eine richtige Essenz, die durch irgendeine Macke zustande kommt, die Menschen mit noch mehr Macken dann Kunst nennen. Ich nenne das Pissen. Oder Pissen müssen. Jedenfalls müsstest du mich einmal kurz entschuldigen. Ich kann dir aber eine kurze Geschichte hierlassen. Mein erster richtiger Roadtrip, 2011. Es war der erste Tag unserer Reise und meine reizende Begleitung und ich wollten unseren mit Erwartungen vollgepackten Seat Ibiza gerade ausparken, als wir rückwärts in einen gut polierten Porsche Cayenne gekracht sind. In das einzige spanische Kennzeichen auf einem französischem Lidl Parkplatz. Für einen niederträchtigen Blick durften wir, ohne zu bezahlen, einfach weiterfahren. Ein Moment, dessen Tragweite nicht hätte größer sein können. Ein Moment, von dem an einfach immer alles gut wurde, mich absolut nichts mehr stoppen konnte. Ich Hammer statt Amboss bin. Denn hier hatte sich alles entschieden. Nicht nur unser finanzielles Überleben, nicht nur unsere Weiterfahrt, sondern ein unbiegsamer Optimismus für alle Porsche Cayennes, die noch kommen mögen. Jetzt steigen wir aber erst einmal in irgendein Uber, weil es draußen schifft aus Eimern, zumindest für portugiesische Verhältnisse. In Deutschland würden wir bei diesem Wetter immer noch Flipflops tragen und ein paar Freunde zum Grillen einladen. Wir fahren zu dieser Party in diesem Theater, von dem ich gesprochen hatte. Irgendeine Privatparty, auf der wir keinen kennen und trotzdem reindürfen. Voller Balletttänzerinnen, Schauspielerinnen, Malerinnen, alles, was […]