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BYND

Konstantin Arnold

IDOL

Die Flitterwochen sind vorüber. Nun zeigt sich Taubenscheiße auf den romantisch hervorstehenden Balkonen und der fließende Verkehr zieht sich in Wahrheit wie stundenlanges Kaugummi durch die Straßen der Stadt. Der Marktplatz vor dem Haus ist nicht mehr schön und frisch und authentisch, sondern muss morgens unbedingt schon vor Sonnenaufgang beliefert werden. Mit sieben Lastern, die frische Früchte und lautes Treiben vom Land bringen. Und Schinken, der zwar in Portugal groß geworden ist, aber in Spanien seine luftgetrocknete Vollendung finden durfte. Das läuft immer so, die Spanier können das mit dem Lufttrocknen einfach besser. Und das mit dem lautlosen Markt beliefern. Laster, Treiben, Serrano-Schinken klingen zusammen nicht mehr nach einer südländischen Symphonie, nach wildem Temperament, sondern wie die Abgase eines wütenden Orchesters. Wie ein Lieblingslied, das leider zur falschen Zeit läuft. Wie plötzlich Pickel! Auf einem Gesicht, das bisher so schön geglänzt hat. Sonnenverbrannt, aalglatt. Nichts auszusetzen. Makellos bis auf den allerletzten Backstein. Kein Stau zu lang, kein Laster zu laut, kein Tag zu heiß und keine Bedienung zu langsam. Und wie über Nacht sind die Hügel plötzlich zu steil, der Ausblick zu weit, die Balkone voller Scheiße und die Langsamkeit läuft fast schon rückwärts. Alle Fenster zu, alle Affen tot und im Sommer gibt’s dann keine Frischluft, die nicht vom Lärm verseucht ist. Alles schreit zu verständlich, wenn man anfängt Portugiesisch zu sprechen und in den Unterhaltungen, die uns im öffentlichen Nahverkehr umgeben, soweit Kronjuwelen vermutet hatte. Rosenblüten des Dialogs, die mehr vom Leben fordern als nur schlecht bezahlte Arbeit. Fragen des Durchschnitts, Antworten der Gewohnheit, das Allerprofanste. Oder, wie erst gestern im Bus, die letzte Hoffnung in einen Präsidenten und seinen schicken Pullunder, einen echten Mann des Volkes, der im Sommer mit weißem Haar und ohne Leibwächter schwimmen geht und pro Tag ein Buch liest. In Lissabon geboren und in Merino und Alpaka aufgewachsen. Keine Fauxpas, keine Affären, bis auf den Pullunder. Alles, was er sagt, sagt er mit einer Stimmlage, der man glaubt, weil sie brummt wie die eines Vaters. Oder noch früher das Wort Gottes. Nett, auf eine unfreundliche Art und Weise. Alles, was er ins Mikrofon sagt, klingt nach der allerletzten Wahrheit, wie alles wird gut. Alles, in einem Land, das soweit gut ohne Nachrichten ausgekommen ist, weil mein Speisekartenvokabular keine Naturkatastrophen und Skandale übersetzen konnte. Maximal den Wetterbericht und das Madonna mitten in der Innenstadt ein belegtes Brötchen gegessen hat. Einfach so! Auf offener Straße. So eine Hure. Grund zum Auszusteigen, obwohl der Bus noch nicht ganz dort ist, wo ich hingehöre. Zwar da, aber nicht ganz angekommen. Nur fühle ich mich nach drei Haltestellen schon wie ein Busfahrer und nach dem Lauschen kleinkarierter Allerweltsgespräche viel zu gewöhnlich. Ohne überhaupt ein Wort mitgeredet zu haben. Wieso überhaupt eine eigene Welt schaffen, wenn man sich doch umsonst am überlaufenden Brunnen von der hier betrinken könnte? Wieso fühle ich mich nach so einem Spruch wie ein Alkoholiker und nach einem Spaziergang im Freien, als ob ich nie rote Marlboros geraucht hätte? Nach einem Absatz wie ein Autor und nach einem Telefonat mit Mutti wie ein Autor, der doch bitte vor Mitternacht zu Hause sein möchte? Ein Machtwort, das mir verbietet, mich in den Bars der Stadt bis weit nach Mitternacht vor dem Leben zu verstecken. Von jenen Bars, die bis zum Morgengrauen geöffnet sind ganz zu schweigen. Hauptsache raus bevor die Karos kleiner werden oder ich mir Hemden mit welchen kaufe, nur weil das der Präsident tut. Weg hier! Vor Gewöhnlichkeit flüchten. Ins Definitionslose, in die ungetrübte Wahrheit. Dorthin, wo der Pfeffer wächst und die Laster mit den frischen Früchten herkommen, die man nur isst, wenn man wirklich hungrig ist und wo man nur schläft, wenn man wirklich müde ist. Wirklich Wahrhaftig ist und keinen Pullunder trägt, nur weil das der Präsident tut. So weit weg, bis es ernst wird. Oder echt oder sogar beides. So zeigt sich, was Lissabon und mich wirklich verbindet. Nur der Traum von romantisch hervorstehenden Balkonen oder die Realität von Taubenkacke. Der ferne Ruf einer europäischen Hauptstadt, die nur auf guter Laune gebaut wurde oder in Wahrheit wackelig auf Schutt und Wasser steht. Langsam bekommt jede Straße ihre eigene Geschichte, weil ich hier mal gewartet und da mal gegessen habe. Weil ich dort mit einem Mädchen in den Ausblick guckte, braune Kastanien aß und die Reste da vorn mit ihr über das Geländer schnipste. Ich weiter als Sie versteht sich. Fast bis unten an die Straßenecke, an der ich mich immer verlaufen habe und dann zwischen alten Häusern, die schön sind, weil sie alt sind, wiederfinden durfte. Häuser, die dich jetzt um dein Erlebtes definieren. Straßenecken, die dich erinnern, wie Denkmäler, anstatt für ihre uneinnehmbare Gegenwart zweier sich kreuzender Straßen zu stehen, die für alle gleich sind. Menschen und ihre unterschiedlichen Welten. Die eine, die des Touristen, der sich in ihnen um Kopf und Karohemden fotografiert und die andere, die des Anwohners, der im Schatten der Prunkbauten und ihrer riesigen Balkone seit Jahrzehnten sein Klopapier kauft. Wenn beide über die gleiche Straße gehen, geht doch jeder von ihnen über eine andere. Auweia! Dein schöner, unverblümter Blick für die Dinge, geraubt durch Zeit und entjungfert durch das Wissen, dass auf einem dieser riesigen, schattenspendenden Balkone, nicht einst ein König, oder zumindest mal Madonna, sondern schon immer eine Verkehrsgesellschaft residierte. Wie pervers soll diese Kiste erst mit zunehmendem Alter werden? Mit mehr Wissen, noch mehr Erfahrung, bis man eine Straße vor lauter Erinnerungen gar nicht mehr wiedererkennt? Und mit noch mehr Verkehr, durch den die dreckige Hitze flimmert, hinter der schöne Fassaden und Balkone schimmern, auf denen die Vogelscheiße so unmöglich noch zu erkennen ist. So wie der Charakter einer Frau, die man nur im Vorbeigehen gesehen hat oder der Sinn des Lebens, ohne den trotzdem irgendwie alles Sinn macht. Straßen, vollgebaut mit Erinnerungen, die dich unaufmerksam machen, unempfindlich und in Rollen zwingen, die dem, was du gerne einmal sein möchtest nicht hautnahe genug kommen. Nimm das Treiben des Marktplatzes und ihre einst so schön brummenden Lastwagen, die unendlich vielen Balkone, Unterhaltungen, die alles sein konnten oder das in alle Ewigkeit gezogene Verkehrskaugummi. Alles einst schön durcheinander, fantasievoll, ach so schön südländisch. Und nun zu früh, zu deutlich und viel zu lange. Nimm das süße Café am Hang, ein Ort zum Verlieben. Das, was so schön lässig dasteht und mit beachtlicher Anstrengung gebaut wurde, damit alles so aussieht, als wären die Handwerker gerade nur in Mittagspause gegangen. Perfekte Unvollkommenheit. Nichts als gelogen. Wenn du wüsstest, dass man sich dort genauso gut wieder verlassen könnte und deren Literaturdekoration aus alten Mathebüchern besteht? Wenn du wüsstest, dass man seinen Espresso dort durch einen Schalldämpfer trinken muss, damit alle in Ruhe auf ihre Macbooks tippen und sie keine echte Kuhmilch haben, von dort, wo die Laster herkommen, sondern nur Soja –und Reismilch, Mandelmilch bis hin zur laktosefreien Muttermilch? Wissen ist nicht Macht, sondern macht wählerisch und grantig. Aber wenn ich gewusst hätte, dass in dem versteckten Café am Parlament früher politische Hände geschüttelt wurden, Hände, die dann von Journalisten in einem noch versteckteren Café Überschriften erhielten, die dann im allerverstecksten Café der Stadt, kurz vor Druck, zur karrieresichernden Verhandlung an Politiker versteigert wurden, wäre ich doch schon längst einmal dagewesen und nicht blind an ihren Eingangstüren vorbeigegangen. Allein aus Neugier, weil’s eine geile Geschichte ist, die bisher aber eben nur Eingangstüre war, eine von vielen. Nichts als die Bedeutung ihrer funktionalen Gegenwart. Grünes Holz mit Klinke. Tritt ein und wir, ich und die Stadt, hätten das erste Tief, den Lauf der Dinge, gemeinsam überstanden. Als Zeichen unserer Zivilisation, wie eine kleiner Schnaps jetzt ein Zeichen unserer Zivilisation wäre, oder eine gut riechende Toilette oder Heiraten oder eine mit Mühe gezähmte Dschungelkatze. Als Beweis unserer kaum zu bändigenden Zuneigung oder das sich Mann und Stadt miteinander verheiraten lassen. Denn, wenn’s dich wirklich erwischt […]