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BYND

Konstantin Arnold

LEKTION

Ich könnte minutenlang dasitzen und in die Luft starren, bis die Minuten zu Stunden und die Stunden zu Tagen werden. Ohne an einer Zigarette zu ziehen, die Menschen erlösen würde, ihnen das Gefühl gäbe, ich würde etwas Sinnvolles tun. Ich könnte stundenlang Brüste unter einem Wollpullover beobachten, den Rundungen beim Runden zu schauen. Bis aus dem Pullover Unterwäsche und aus der Unterwäsche nackter Busen werden würde. Und ich könnte wochenlang durch einen kalten, klaren Herbsttag laufen, immer dem kondensierten Atem nach, bis der Herbst zu Winter und der Winter dann zu Sommer werden würde. Wochen zu Monaten, Monate zu Jahren. Ich habe viel gesehen, war schon weit weg und nah dran, kenne mich aus in der Welt und habe Bilder gemacht, die hoffentlich ein Teil von mir geworden sind, obwohl ich nie darauf verlinkt wurde. Wenn ich etwas tue, stelle ich mir oft vor, ich würde es nicht tun. Und umgedreht. Angst habe ich auch manchmal, manchmal wenn mir irgendetwas etwas bedeutet. Ich kann meine Gedanken nur schwer vergessen und habe moralische Ansprüche, an denen ich so oft gescheitert bin, dass sie sich endlich auf mein Niveau herabbegeben haben.Ich selbst bin sportlich, breit von Natur aus, volles dunkelblondes Haar. Ein vielbeschäftigter Mann. Viel mit sich selbst beschäftigt. Gern allein, aber in Gesellschaft. Großgezogen von einem Model von Mutter, die meinte, Männer sollten um Himmelswillen nicht schön sein, sondern Geschichten zu erzählen haben. Daher mein windelweicher Kern. Ich bin jung, obwohl die Jüngeren wahrscheinlich sagen würden, dass ich schon alt wäre. Ich lebe schnell, voll, viel, noch schneller und das am liebsten an vielen verschiedenen Orten mit vielen verschiedenen Menschen. Die nicht verschiedenen Menschen sagen, ich wäre rastlos, hätte mich aber in Lissabons Gassen wiedergefunden. Gott sei Dank! Ich wohne in einem anderen Land, um frei zu sein und Dinge wahrzunehmen, die mir zu Hause nicht auffallen. Wäre ich in Portugal geboren, würde ich wahrscheinlich in Deutschland leben. Aber so rum ist’s besser. Deutschland ist kühl, sogar im Sommer und die Menschen müssen immer gleich wieder gehen und wenn sie gehen, Essen gehen, dann nur wenn jemand heiratet oder gestorben ist. Die Frauen sind emanzipiert, die Männer pünktlich. Die Wirtschaft boomt, weil die Mittagspause nur eine halbe Stunde dauert und in Portugal lieber alle leicht angesoffen zurück an die Arbeit kehren. Die Menschen lieben ihre Sprache, ihren Wein und leben von einer Höflichkeit, die sich nach innen neigt wie ein ernst gemeintes Kompliment an die Organe. Freundschaften gehen von der Sandkiste bis ins Grab, weit über ausgespannte Freundinnen und nie zurückgezahltes Geld hinaus. Das ist gut, denn je mehr Menschen ich kennenlerne, desto weniger Freunde habe ich. Je mehr ich kennenlerne, desto weniger mag ich. Ich mag Herbst, keine griechischen Frauen und glaube, dass ich nichts zu sagen habe, deswegen schreibe ich. In mir ist ein Schatz von unschätzbarem Wert verborgen, ein innerer Reichtum, etwas Kostbares, das verloren geht, wenn ich es nicht in echte Sätze packe. In eine zementgegossene Sprache, in Worte mit einer unmissverständlichen Bedeutung, Worte wie Felsen an denen das Gerede zerschellt. All das Gefasel, die immer gleichen Wendungen, zermalmt von einer Wahrheit, die lockt Unanständiges zu sagen, mit dem man die tonbandtreue Kaffeeküchenunterhaltung aus dem Takt in die Luft, in all ihre Buchstaben zersprengen könnte. Denkmäler der Klarheit. Worte so präzise, wie mit einem Skalpell geschrieben. Worte, ohne Echo, die für sich selbst sprechen können, ohne dass man etwas zu ihnen sagen müsste. Worte, die eine Geschichte erfinden, die wahr ist und nicht von Spießigkeit gewollt und von den Blicken anderer großgezogen wurden. Worte, die sich nicht im Ruf einer Sache sonnen, ohne ihren Teil zu dieser Sache beigetragen zu haben. Es nicht genauso anders machen, nur damit es bloß nicht gleich ist. Worte, die benutzt werden wollen und im stillen Detail ihre Weltläufigkeit […]