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BYND

Konstantin Arnold

DEMENTI

Regen, endlich ein Grund irgendwo Urlaub zu machen. Ein Grund die Stadt zu verlassen. Ihr zu zeigen, dass es noch ohne sie geht, andere gibt, andere Städte, in denen noch andere Mütter wohnen, die auch schöne Töchter haben. Sevilla oder Cádiz oder noch weiter südlich. In einem fernen Land, in dem es nicht durch die Decke regnet. Ganz Europa versinkt im Schnee, von Berlin bis nach Mallorca. Schnee, der hier nur noch geschmolzen ankommt und dich nass macht. Nass wie Hund. Die Wohnung nass, alles nass, sogar das Internet nass, weil in Lissabon die Welt in langen Kabeln von Haus zu Haus hängt. Wenn Lissabon nass ist, ist es hässlich. Praça do Comércio hässlich, die Brücke hässlich, sogar die schöne Kopiererin aus dem Kopierladen hässlich. Man verkriecht sich nach innen, in dickes Gemäuer, die eigenen vier Wände, den dicksten Rollkragenpullover, soweit wies nur geht, bis einem schlecht wird, weil man innen angekommen ist und plötzlich über Dinge nachdenkt, über die man nicht nachdenkt, wenn einem die Sonne permanent ins Gesicht scheint. Verlorene Liebe, vergessene Freunde, neue Ziele. Klingt wie ein Lied von den Onkelz! Egal, Lissabon hat sich etwas zu sicher gefühlt, sich das Make-Up wegschiffen lassen, abends nicht mehr in Schale geworfen, weil sowieso alle kommen, auch wenn es regnet. Die sonnigste Stadt Europas versinkt mit 2800 Sonnenstunden im Jahr, hinter Valletta (ist aber eine Insel) und Marseille (ist gelogen), im Regen, sonnt sich auf einer Statistik. Natürlich ist Regen nichts Neues. Nichts Neues für Statistiken, nichts Neues für mich -mir ist er so vertraut wie der Klang von Skateboards und der Geruch von Kuhscheiße, nur eben etwas zu Nass für den trockenen Traum vom Tajo. Statistisch gesehen, gibt es wichtigere Themen als das Wetter. 2007 gab es im Parque das Nações zum Beispiel die längste La-Ola-Welle der Welt im mit 8453 Menschen. Nur möchte ich mich hin und wieder meinen deutschen Gepflogenheiten hingeben dürfen. Dem Scheißwetter, den Statistiken, den Rufen meiner Vorfahren folgen, mit denen ich nichts zu besprechen hätte, wenn es nichts zu meckern gäbe. Wir müssen uns einfach beschweren, weil uns die schweren Dinge, die tief in unserem inneren auf Ihre Bearbeitung warten, solange egal sein dürfen. Solange am Büfett zu wenig Salami liegt, solange es entweder viel zu heiß oder viel zu nass ist, solange früher alles besser war, solange hilft ein Regenschirm gegen Tränen und  der Spießbraten von Oma gegen innere Leere. Wenn jedoch eine ganze Stadt auf gutem Wetter gebaut wurde, ist das Wetter alles entscheidend, der allmächtige Dirigent im Ablauf deines täglichen Lebens. Richter über gute oder schlechte Laune. Trockenen Humor und feuchte Träume. Drinnen geht gar nichts, wenn einfach alles für draußen gedacht wurde.  Immer wenn es regnet (klingt wie ein anderes Lied), suchst du vergeblich nach einer Heizung an der du dich wärmen, einem Kamin an dem du dich trocknen und einer Schulter, an der du dich ausweinen könntest, weil du wieder zu weit gegangen bist, zu weit in dich rein. Für die neuen Ziele, gibt es immerhin Vorsätze (z.B. 2018 keine Superlative mehr benutzen) und für die vergessenen Freunde Kurzmitteilungen,Gefällt mir‘s und noch viele weitere Gefühlsausbrüche, die das Internet für vergessene Freunde bereithält (wenn es nämlich nicht im Internet steht, ist es nämlich nie passiert). Für die verlorene Liebe hingegen reichen romantisch kombinierte Sonderzeichen leider noch nicht aus. Dafür muss richtig Zunge her. Dafür musste mir Milan Kundera , ein tschechischer Schriftsteller, der manchmal zu weit in sich reingeht, eine romantische Entschuldigung schreiben. Was für die einen seit Jesus-Geburt die Bibel ist, ist für mich seit dem es regnet “Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins”, 5. Teil, Kapitel 8-12. Amen! Gewöhnlich freue ich mich, wenn ich in Büchern (oder Filmen) auf Szenen meines Lebens treffe, die mir beruhigend zeigen, dass ich zwar anders, aber immer noch ein Teil von Allem bin. Nur bitte schlecht formuliert, damit ich keine Sätze sehe, auf die ich irgendwann gerne einmal selber gekommen wäre. Jetzt habe ich den Kopfsalat, weil der alte Revoluzzer geschrieben hat, was ich schon lange dachte, lange bevor ich zu Ende denken konnte. Bevor ich einfach sagen konnte, was so schwer zu denken ist, wenn dir in Lissabon meistens die Sonne in das Gesicht scheint und man aus sich raus kommt, den Mauern, der Wohnung, dem Rollkragenpullover, aus sich selbst, soweit wies geht, bis man fast explodiert vor lauter Freude. Jetzt ist dieser Satz blockiert, für immer und ewig Milan seiner (kein Superlativ!). Und ich trage ihn mit mir herum, als literarisches Mahnmal, als romantische Rechtfertigung meiner fehlenden Bindungsbereitschaft, als welterklärende Legende, als Formel eines selbstgefälligen Lebens, als kleinen, aus Neid zusammengeknüllten Papierfetzen am Ende meines Notizbuchs, als schriftliche Entschuldigung. Immerhin stecken hinter Frauengeschichten angebrochene Herzen, die Vornamen haben und Hobbys, und hinter meinen 96 Kilo ein kleines Sensibelchen, dass das alles nicht gewollt hat. Alles nun wegen oder dank des Regens? Wochenlang Regen, der den letzten trockenen Sonntag vor dem Regen, zur reinen Legende aufsteigen lässt, die in einen alten Bilderrahmen gepackt wurde und nun direkt neben unserem verregneten Fenster hängt, das mittlerweile aussieht wie ein Bullauge, der Ausblick eines U-Boots. Damals, als es noch trocken war, der Asphalt vor Hitze flimmerte und man Zigaretten in Wasser tauchen musste, bevor man sie in die Natur werfen durfte, am letzten Sonntag vor dem Regen, saßen wir, mit ganzem Herzen, Vornamen und Hobbys auf einem alten Bekannten, einem Miradouro. Einem Aussichtspunkt, der gerade seinen zweiten Frühling feiern durfte und lichterloh in uns aufging, obwohl er alt und bekannt war. Zweiter Frühling für den semantischen Wortklang und Lichterloh für die Theatralik. Ist ja immer hin eine Legende. Ein Ort, für den auch wir alt und bekannt waren, der schon unzählige Bekanntschaften wie unsere überstanden hatte. Kommen und gehen, in sich rein und aus sich rauskommen sah. Bekanntschaften, die den Tag nach der Nacht miteinander und die verkaterte Anspruchslosigkeit an das gemeinsame Sein gerne auf ihm verbringen mochten. Ein Ort der Tag für Tag mit Füßen getreten, mit Zigaretten beworfen, bespuckt und vollgefurzt (nicht von Ihr) wurde, konnte es wahrscheinlich kaum erwarten, endlich nass zu werden. Wir hatten an jenem Sonntag vor dem Regen rein gar nichts vor, außer Kaffee zu bestellen. Sie trug einen königsblauen Wollpullover, in dem Ihr Lachen für einen Kinofilm gereicht hätte und ich ein weißes Leinenhemd, das nicht mal für die Werbung dazwischen genug gewesen wäre. Ich kam gerade von einer anderen, einer anderen Stadt wieder. Aus Tagen meines alten Lebens auf platzsparenden Fensterplätzen, in denen ich mich von Flughäfen ernährte und in unpersönlichen Hotelzimmern an Vertrautheit und Vollendung versuchte. Ich hätte erwartet, beim ersten Eintreten in Zimmer 308 an meine […]

VISAVIS

Nicht Almada. Und auch nicht Aroeira. Weiter Südlich und dann irgendwo dazwischen. Definitiv von der Küstenstraße irgendwann nach links, wenn man lange genug Richtung Äquator gefahren ist. Auf einen genauen Ort möchte ich mich ungern festlegen und wie lange wir dort bleiben werden, noch viel weniger. Mindestens bis wir herauszufinden, was diese Gegend im Innersten ausmacht und warum sie so voller Dinge ist, die man nur im Urlaub gut gebrauchen kann. Die meisten Geschäfte verkaufen Swimming Pools und Wohnwagen, Kaugummis und was man sonst noch an den Kassen von Geschäften findet, die Swimming Pools und Wohnwagen verkaufen. Überall stehen hohe Bäume unter die große Häuser passen. Pinien und Villen, wenn mich nicht alles täuscht. Die Nadeln sind grün, die Hauswände bunt. Wirklich! Ein Ort wie ein einsames kanadisches Bergdorf ohne Berge und kalifornische Straßen ohne kalifornischen Verkehr. Das Bifana ist billig und das Wetter ist gut. Die Deutschen sind wenig und alles ist so friedlich, dass man glauben könnte schlechte Nachrichten seien, an dem Ort der nicht mehr Almada und auch nicht Aroeira ist, verboten. Sogar die Sirene der Krankenwagen klingelt gelassen und freundlich, als ob sowieso alles gut werden wird! Die meisten Häuser stehen leer und alleine und warten darauf, im Sommer benutzt zu werden. Von den meisten ist es ein ganzes Stückchen zum Strand, mit dem Bus und einigen Schritten zu Fuß. Von den Wenigsten, wenige Minuten, egal wie. Es ist ein Nirgendwo im Irgendwo, an dem wir vielleicht schon längst vorbeigefahren sind, weil sich der Ort, der nicht Almada und auch nicht Aroeira ist, keinem Durchreisenden offenbaren möchte. Keinem Ankömmling um den Hals wirft und nicht mit einfachen Reizen lockt. Dieser Ort hat keine knallroten Lippen, keinen tiefen Ausschnitt und keine langen Beine, die durch hohe Stiefel, nackte Knie und kurze Röcke in drei dich wahnsinnig machende Drittel geteilt sind. Dieser Ort sitzt mit Spliss in Strickjacke und Khakijeans direkt vor deiner Nase und hat kein Problem damit, dass du durch ihn durchguckst, weil dein Blick von einem dahinter sitzenden Drittel angezogen wird. Man kann seine Schönheit sehen, wie man die Stille hören kann. Nämlich gar nicht, wenn alles um dich herum nach Aufmerksamkeit giert! Eine Gegend, die alles sein kann, was man sie sein lassen möchte. Weil es keine Ortschilder gibt, noch keine Erinnerungen und Erfahrungen, die alles Mögliche in eine Schublade stopfen wollen, für die sie viel zu groß oder zu klein sind. Wir könnten den ganzen Tag vergessen, was wir eigentlich vorhatten und in Gedanken so von einem leerstehenden Haus ins nächste ziehen. Aus ihnen Luftschlösser machen, in denen Pina Colada fließt und Zigaretten umsonst sind. In einem fernen Land in dem Erfüllung in Orangen an Bäumen wächst, ohne Steuerpflicht und Zahnärzte. Wenn der Sommer dann wirklich kommt, im März, kannst du dich am Strand im Sand suhlen, bis die Haut rein wird und die Sauerei dann im Meer einfach wieder abspülen. Wer in diesem großen Dorfe oder dieser kleinen Stadt eine schöne Portugiesin sitzen hat, sollte das zusammen mit ihr tun. Portugiesinnen lieben Sand und Sauereien, die man danach einfach wieder abspülen kann. Nach einem sonnendurchtriebenen Tag im Sand gehst du abends Choco essen, Choco Frito um genau zu sein. Weißer Tintenfisch, der so frittiert wird, wie du es heute wurdest, und den es am besten mit einem leichten Sonnenuntergang zu genießen gilt. In einem kleinen portugiesischen Lokal mit Ausblick, das vorher noch nie so viel Sonnenbrand und rote Flipflops gesehen hat. Dort gibt es den besten Fisch, die saubersten Muscheln, den Oktopus mit den meisten Fangarmen, die krümmsten Krabben, die älteste Bedienung und natürlich den frittiertesten Tintenfisch. Nach dem Abendessen ist tote Hose, weil die meisten Geschäfte keinen Alkohol, sondern Swimming Pools und Wohnwagen verkaufen. Außer du hast dein Choco Frito gerade nicht alleine gegessen. Dann gibt es sicherlich noch ein zweistöckiges Ferienhaus mit Pool unter Pinien, in dem ein paar warme Bier auf eure trockenen Lippen warten! Tu es! Tu es für mich! Denn die Portugiesin, mit der ich all das vorhatte ist weg. Vom Erdboden verschlungen und in Porto wieder aus dem Boden geschossen. Seit Sie weg ist mache ich mein Bett morgens wieder mit zwanghafter Ordnung und stelle meine Bücher und Magazine zufällig im 93 Gradwinkel zu einander auf. Die Klamotten liegen lässig und ich trinke Espresso, bis das Herz rast. Dann blättere ich durch mein Notizbuch und lese Gedanken, für die ich noch zu klein bin, zu unerfahren, viel zu nah dran. Kein Schwein will wissen, dass ich mal im Regen geknutscht, zwischendurch Choco Fritto gegessen und mit panierten Lippen weitergeknutscht habe. Wie leicht schreiben sich kurze Intermezzos, in denen man nicht genügen muss, nicht fürchten braucht, dass nicht alles wieder rauskommt, alles was man reingesteckt hat. Viele Frauen können viel von Freiheit erzählen, wenn die Nacht lang ist, aber nur eine kann sie dir auch am Tage danach wieder geben. Wenn diese Eine dann aber geht, solltest du auch gehen, spazieren im Park oder neue Klamotten einkaufen. Irgendwas tun, was du sonst nie tust. Schöne Situationen ohne ihre Zukunft zu betrachten oder noch mehr in einen Menschen investieren, den du sowieso schon kennst. Nur zu verlockend, dass internationale Junggesellen wie Ich, in Lissabon gerade im Trend sind und als schickes Accessoire gehandelt werden. Jede Portugiesin, die etwas von sich hält, sollte einen haben. Nur hier, an dem Ort der nicht Almada und nicht Aroeira ist, scheint dieser Trend noch lange nicht angekommen. Hier wird sich gefälligst mit dem Auto abgeholt und zwanzig Mal Essen gegangen. Hier werden Freunde noch gebraucht, um sich bei einem Date nicht zu alleine zu fühlen. Hier wird geredet, lange geredet, ganz lange, noch viel länger, bis man mit den Eltern redet und ohne mitgeredet zu haben plötzlich verheiratet ist. Einen Toast auf ewige Loyalität die kommenden Männerabende mit den übriggeblieben Kumpels. Ganz schnell weg hier! Noch weiter südlich gibt es einen Strand, an dem Ehepaare nackt baden und noch weiter nördlich einen, an dem sie sich in Badehose gegenseitig betrügen. Kein Witz! Fahr nicht durch Almada und auch nicht durch Aroeira und nimm die erste Abzweigung rechts, wenn du wieder weg vom Äquator fährst. Parke dein Auto vor den Dünen, schnalle den Sicherheitsgurt los und öffne eine Tageszeitung, ohne schlechten Nachrichten zu lesen. Wenn du dann nach rechts oder nach links schaust, siehst du Frauen und Männer, die mit zwei Autos kamen und sich nun in einem von ihnen Lieben. Irgendjemanden betrügen. Ihren Freund, Ihre Frau oder sich selbst. Bis niemand mehr da ist, den man betrügen könnte. Dafür gibt es sicherlich auch ein Wort auf Portugiesisch, weil Portugiesen für alles ein Wort haben. Für liebesvolles Kopfkraulen (carfunè) oder übertriebenes in Szene setzen (Gènero). Für alternatives Aussehen (Foleiro) und jemanden, der sonntags langsam fährt (Domingo-ueiro). Für frischen-Orangensaft-im-Sand-trinken, ohne dafür extra in den Urlaub fliegen zu müssen, gibt es kein Wort, weil es dafür diesen Ort gibt, an dem ich mich so gerne am Strand zwischen die Weite lege. Zwischen zwei Flussufer, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Zwischen zwei Seiten der […]

MENINA

Maria Terreira hat weiche Hände und eine Nase, die aussieht wie eine Skisprungschanze in die Liebe. Maria Terreira spricht kein Englisch und lebt in einem schweren Haus mit jungem Putz, der neben einer dicht befahrenen Hauptstraße ziemlich alt aussieht. Der Boden ihrer Wohnung besteht aus kalten Fliesen und an der Wand hängen billige Gemälde über gelber Tapete, deren Wahllosigkeit etwas Kreativität in ihr getaktetes Leben bringen –zeigen sollen, dass hier noch mehr drin ist. Wenn Maria Terreira freitags Freunde besuchen, dürfen alle im Badezimmer schminken und im Wohnzimmer rauchen, weil Sie nach dem zweiten Muskateller die gedämpften Töne ihres durchgetakteten Lebens satt hat. Maria Terreira kann sich nicht von Gegenständen trennen, die ihr vor der Jahrtausendwende geschenkt wurden. Die Zimmer sind voller schwerer Möbel aus vergangenen Leben, die ihre kleine Wohnung noch kleiner werden lassen und Maria Terreira davon abhalten sollen, leichtfertig alles hinzuschmeißen, ohne schweres Haus und kalte Fliesen in Gedanken irgendwo neu anzufangen. Es herrschen Dunkelheit und Dekoration, die Ihr manchmal Angst machen, wie Unternehmungen, die gar nichts verändern. Zu nichts führen und keiner absehbaren Funktion folgen. Dich weder reifen noch stärker werden lassen und erst ganz am Ende ihre eingebildete Schicksaalhaftigkeit enthüllen, durch die wir uns wichtig fühlen. Maria Terreira möchte Platz für Zufälle lassen, weil sie alles liebt, was sich weit außerhalb ihres Zuständigkeitsbereichs befindet. Alles, was sich Ihrer Kontrolle entzieht. Männer, Jahreszeiten und das letzte Oberteil in genau Ihrer Größe. Wenn Winter ist, es in Lissabon durch die Decken regnet und man seinen Atem vom Bett aus bis in alle Unendlichkeit verfolgen kann; wenn man sich drinnen wärmer anziehen muss, als draußen und Schreiben will, ohne dabei Fingerkuppen zu verlieren; wenn endlich diese verfluchte Kälte aufhört, die eigentlich gar nicht kalt ist, aber durch kalte Fließen, jungen Putz und gelbe Wände, an denen billige Gemälde hängen, noch viel kälter ist. Dann ist endlich Sommer! Und es ist so heiß, dass Maria Terreira erst nachmittags das Haus verlassen kann, ohne sich von einem Ort zum nächsten schwitzen zu müssen. Auf dem Weg von einem Ort zum nächsten geht Maria Terreira stets auf der Schattenseite eines sonnendurchflutenden Lebens und lässt nachts alles laufen, wenn Sie sich ohne Ventilator vom verschwitzten Bauch auf den noch trockenen Rücken windet. Weil Maria Terreira dann die meiste Zeit draußen verbringt, ähneln sich die meisten portugiesischen Wohnungen in ihrer Anspruchslosigkeit von innen, und unterscheiden sich in ihrer anspruchsvollen Eitelkeit von außen. Meistens sitzt Maria Terreira auf kleinen Plätzen, die Touristen zu klein sind und widmet sich den übersehenen Kleinigkeiten ihrer eigenen Empfindung. Wenn Maria Terreira an einem leerstehenden Haus vorbeiläuft, und an seiner faltigen Fassade bis zum letzten Balkon empor guckt, fragt Sie sich, was in den einzelnen Wohnungen wohl getan, gesagt und gedacht wurde. Und wie sich diese drei Welten in ihrer Wahrheit voneinander unterscheiden. Maria Terreira liebt es durch eine Straße zu spazieren, kurz bevor deren Läden schließen, um in die vom Feierabend erfüllten Gesichter ihrer Angestellten zu blicken, die einer Regelmäßigkeit nachgehen, die Ihr so langweilig und ewig erscheint, dass Sie Ihr Angst macht. Die gleiche Angst spürt Maria Terreira, wenn Sie an Porto und das von Ihrem Vater bezahlte Jurastudium denkt, oder an Unternehmungen die rein gar nichts verändern. Um sich abzulenken, beginnt Sie nun innerlich jedes einzelne Restaurant zu zählen, an dem Sie vorbeiläuft. Nur keine Dönerläden, denn Dönerläden findet Maria Terreira blöd. Seitdem Sie in Lissabon lebt, ist Maria Terreira nicht mehr die alte, sagen Freundinnen, die noch immer in Ihrer Heimat leben. Das findet Sie blöd, weil die alte Maria Terreira eine jüngere war und jetzt nicht mehr leben will, wie es eine Welt ohne Muskateller von Ihr erwartet. So kommt Sie auf drei wahre Freunde und 87 Restaurants auf zwei Kilometern, ohne Dönerläden. Und durch eine Unternehmung, deren Schicksaalhaftigkeit sich erst am Ende offenbart hat, auf mich. Maria Terreira hat mich vor vier Tagen auf einem Maskenball kennengelernt. Portugiesen lieben Masken und Bälle, weil Sie bei 30 Euro Eintrittsgeld zeigen können, wer es aus der Krise wie ein Phoenix geschafft hat. Die Liebe seines Lebens erkennt man so natürlich nicht, weil alle Masken tragen und sich beweisen müssen, wie im echten Leben. Dort im echten Leben, wo nichts als Schönheit besticht, weil meine Eier mit 27 immer noch das Sagen haben und über den wahren Gehalt eines Charakters entscheiden. Dort, wo alle seitjeher nichts als geliebt werden wollen, jedoch seit neustem hoffen, dass es noch etwas dauert, bevor irgendjemand kommt, der die Leere unseres Daseins dann unter gewissen Voraussetzungen mit etwas Sinn zu füllen vermag. Alles kann warten! Portugiesen sind sowieso immer zu spät, wegen des Verkehrs und wegen des Wetters. Man hat eben gute Gründe, die wir in Deutschland nicht haben. Lieber zu spät, geschminkt und gelassen, als gerade noch rechtzeitig und übersäht mit Schweißflecken. Für den Maskenball war das egal, alles erlaubt und ich in meinem schwarzen Rollkragenpullover. In ihm fühle ich mich wie ein kopfzerbrechender Intelligenzboxer, ein armer Schriftsteller mit reichem Erbe, sehe in Wahrheit aber aus wie ein Fußballer, der einen schwarzen Rollkragenpullover trägt. Wie Jemand, der sich keine Gedanken machen braucht, weil das der Pullover übernimmt. Irgendwie auch eine Verkleidung. Wirklich! Schon mal im schwarzen Rolli den Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeine durchgeblättert? Schon mal im schwarzen Rolli die Beine verschränkt, soweit wie’s geht, dabei aus großen Gläsern Rotwein getrunken und Oliven gegessen und mit Hartkäse im Mund über den Wert von Währung gestritten? Maria Terreira sagt, dass man sich nie genügend Gedanken machen kann, aber bitte nicht im schwarzen Rolli! Zumindest nicht ohne dabei über sich selber zu lachen. Denn wenn die Balance und ihre Gegensätze ausbleiben, wird das hier schnell zu kopfig und man verliert den Spaß am Erleben und beginnt über Möwen zu schreiben und Bäume, weil man nichts mehr erlebt, was man schreiben könnte. Wir aber korrespondieren live aus Maria Terreiras Schlafzimmer. Dort steht ein großes, reifes Bett, das man aus drei Seiten besteigen kann. Trotz all der Möbel haben wir die erste Nacht auf einer nicht ausgeklappten Ausklappcouch geschlafen. So eng, dass wir eins waren, so dass sich ein Stück Stoff (z.B. ein schwarzer Rolli) wie kilometerlange Fernbeziehung angefühlt hat, die an schlechter Skype-Verbindung und Zeitverschiebung scheitert. Unterwäsche, wie ein Gefängnis und Socken, wie ein abgeschnürter Sack aus dem keine Wurzeln schlagen. Von diesem Moment an wollten wir uns vornehmen, jeden Tag gemeinsam zu verbringen, die Sache nicht in Einmaligkeit versinken zu lassen. Nach Abzug zweier darauffolgender Tage des stolzen Abwartens, bleiben Maria Terreira und mir noch 20 Tage, bevor Sie zurück in ihr altes Leben zieht. Zurück zu Ihrer Familie, Ihrer Angst und Ihren Pferden. Maria Terreira liebt Pferde und ich Mädchen, die Pferde lieben. Maria Terreira isst, bevor Sie sich nach einer langen Nacht Schlafen legt, gerne Bifana, ein einfaches Brötchen mit Fleisch und portugiesischem Geist, das ich gerne mitesse, bevor ich mich dazulege. Maria Terreira liebt späte Abende und ich ihre langen Morgen. Sie mag, dass ich groß bin und ich, dass Sie klein ist. Sie kennt Antworten, für die ich die richtigen Fragen stelle und wir schätzen einander vor allem die schlechten, und nicht nur ihre guten Seiten. Mit jedem weiteren verbrachten Tag spüren wir, dass wir nicht jene sind, für die wir uns halten. Trotzdem können wir genießen, weil eine begrenzte Anzahl an Tagen für die nötige Magie und einen Abschluss sorgt, um den wir uns nicht selber sorgen müssen. Von ganz alleine die Kurve kriegen! Wie die ganz Großen. Denn dies ist eine Geschichte von Orten und ihren Zusammenhängen. Einzelne Fetzen, die sich plötzlich verbinden und einen Horizont erweitern, indem sie sich verkleinern. Weniger werden, nicht mehr nur für sich selbst stehen und dich behutsamer auswählen lassen, je mehr du von ihnen gesehen hast. Am Morgen ihrer Abreise wollte Maria Terreira, dass ich Sie begleite. Zur Tür, zum Bahnhof, nach Porto und bis an das Ende ihres Lebens. Ich wollte auch, dass ich das wollte, habe es aber nicht einmal zum Bahnhof geschafft, weil die Metro wirklich direkt vor unserem Haus fährt. Maria Terreira war die meiste Zeit einsilbig geblieben, aber zum Abschied sagte Sie auf Portugiesisch, dass Sie die Zeit mit mir sehr genossen hat (glaube ich) und auf Englisch, dass mein […]

MAMMON

Ich kann meine eigenen Notizen nicht lesen. Nicht ein Wort. Nicht einmal entziffern. Alles voller Superlative und Asche. Fettflecken und Wörtern mit mehr als einer Bedeutung, die trotz gleicher Buchstaben hier eine andere Aussprache fordern. Angefertigt gestern Nacht in einem dunklen Restaurant in der Rua de O Século zwischen Schweinelende und Unterhaltungen mit Matilda. Ein besonderer Ort! Dunkel, charmant, in manchen Ecken noch viel dunkler, Bescheidenheit vom Zapfhahn bis zur Handseife, weil sein Besitzer nicht ahnt, wie charmant er wirklich ist. Manche Tische haben eine grüne Bankierlampe, die Stühle braune Sitzbezüge aus wildem Leder. Viele Tische haben Tischdecken, die in anderen Restaurants Teppiche wären und auf jedem einzelnen von ihnen steht ein großer schwarzer Aschenbecher. Man raucht hier zwischen Vorspeise und Hauptgang, in Gesprächspausen und kurz vor dem Ausholen, nach dem Essen sowieso und eigentlich sogar noch eine mehr zwischen jeder einzelnen Zigarette. Es gibt keinen Empfang und aus einem versteckten Lautsprecher singt eine leise Tina Turner, dass wir keine Helden mehr brauchen und du einfach der Beste bist. Wenn jemand dazwischen die Klingel gehört hat, sich die schwere Eingangstür öffnet und du die Türschwelle betreten darfst, begrüßt dich ein saftig-satt gegessener Opa wie seinen eigenen Enkel und begleitet dich und deine Begleitung an einen Tisch seiner Wahl. Einen, von dem er denkt, dass er zu dir passt. Zum Grund deines Kommens, zum Anlass dieses Diners, zum Verhältnis zu Matilda und dem alles verschlingenden Loch in deinem Bauch. Wohlüberlegt entscheidet er im Verlauf des Abends, welche Beziehungsprobleme er neben welches erste Date setzt. Welche Gewohnheit neben welche Wertschätzung. Welche Weltanschauung neben welchen Tunnelblick. Welche Gruppen guter Freunde neben einsame Nachtschwärmer kommen und wer von den wenigen hier anwesenden Touristen eine Lektion in kurzen Hosen verdient hat. Im Sommer wie im Winter. Alles aus Weisheit, Erfahrung und Langeweile, die aus über 40 Jahren Schweinelende-Servieren schöpfen können. Die Freude eines kleinen Mannes, der somit dem Laufe des Schicksals seine ganz eigene Prägung aufsetzen kann. Die alleinige Regie führt in einem Reich, dass er schon Jahrzehnte bestimmt und bewirtet, besser kennt als die eingestaubten Bedürfnisse seiner Ehefrau, zu der er nur spricht, wenn es etwas aus der Küche zu bestellen gilt. Es ist ein Ort, der sich durch die Traditionen zieht, durch Trends gekämpft hat und nun davon lebt, dass Enkel, Söhne und Väter hier alle das gleiche bestellen. Schweinelende mit Soße, Pommes und einem Ei für 16.25€. Im Verhältnis könntest du zwei Häuser weiter eine Karaffe Hauswein, Oliven, Steak und Reis, mit einem Kaffee zum Abschluss, für die Hälfte des Geldes verspeisen. Macht aber keiner, weil man hier für ein Ambiente bezahlt, das nichts als die Wahrheit aus mir und Matilda heraussprudeln lässt. Hier wird gesagt, was gedacht wurde und nicht gedacht, was gesagt werden sollte. Eine Atmosphäre, in der gute Unterhaltungen gedeihen, wenn du sie nur tüchtig weiter mit Wein gießt. Ach Matilda! Welch ein schöner Name? Matilda klang wie leichter Wein und leichte Zigaretten, die von einer jungen Frau mit dunkelbrauner Bobfrisur in einem leichten Sommerkleid geraucht werden. Matilda klang nach grazilen Schultern, die markant aus einem prallgefüllten Körper hervorstehen und in dünne Arme übergehen, bevor sie in gefalteten Klavierfingern enden. Alles von einer sanften Haut umgeben, die ein wenig zu eng sitzt und bei jeder noch so vorsichtigen Berührung zu platzen droht. Matilda klang nach neugierigen Augen, die dein Herz zum Rasen bringen und es mit ihren Klavierfingern dann wieder beruhigen, weil deine muskelbepackte Pumpe an ihren Schultern nicht nur zum Schlagen da ist und Sie auch nicht gleich platzt, wenn du sie fest anpackst. In echt ist Matilda ein Tinder-Date mit unbeeindrucktem Modelblick, der möglichst keinen Gesichtsmuskel für irgendeine Emotion oder einen Ausdruck verschwenden möchte. In echt ist Matilda ein Mädchen mit dunkelblonden Haaren, Mentholzigaretten durch Klick und starken Schultern, die früher sicherlich Kühe gemolken hätten. Zu schwermütig für leichte Sommerkleider und zu abhängig für unabhängige Bobfrisuren. Dafür spricht Matilda eine nackte Wahrheit, die man in seinem Leben unbedingt erfahren möchte, bis hierher aber nur im Vorbeigehen bewundern durfte. Wie ein Buch, das nicht mehr korrigiert werden muss, wie ein Brunnen, aus dem fertige Notizen sprudeln. Ohne Pause. Deswegen einfach nur so hingerotzt, kein Wort ausgeschrieben, nicht einmal Ästhetik (oder soll das etwa Erotik bedeuten?) und drauf verlassen, dass es der ausgeschlafene Konstantin schon richten wird. Was will mir mein Gestern heute mit diesem Blödsinn sagen? Anscheinend aufgeschrieben zwischen Proleten, Propheten und Poeten, steht hier. Und, dass man nicht schlecht geträumt haben muss, um morgens aufzuwachen und … und was? Was wollte ich hier sagen? Eine nicht benutzte Notiz brennt, wie das Salz einer Frau, die du nie gehabt hast. Wie ein Wort, das dir beim Kauen auf der Zunge liegt. Wie ein verlorener Gedanke, der wahrscheinlich die Welt verändert hätte. Gut, dass diese Stadt genügend Möglichkeiten bereithält, um dich sorglos von deinen nicht lesbaren Notizen abzulenken. Ausgehen oder vor zwölf im Bett liegen? Den Sonntagmorgen verschlafen oder früh aufstehen und gut erholt nichts erlebt haben, was man aufschreiben könnte. Dafür aber einen Abend lang Geld gespart, was mir mittlerweile fast wie verdienen vorkommt. Nun, ich bin immer noch hier (war nie wirklich weg)! Immer noch in Lissabon. Immer noch sesshaft und immer noch stolzer Besitzer einer eigenen Waschmaschine. Mein neues altes Auto ist mittlerweile Kernschrott, aber lieber hier mit kaputter Kiste, als in Hamburg mit funkelndem Volkswagen. Lissabon ist kein Ort, den man erst verlassen muss, um ihn schätzen zu wissen, keine Freundin, die man betrügen muss, um zu erkennen, was man an ihr gehabt hat. Es muss nicht erst regnen, damit man die Sonne hier Tag für Tag zu schätzen weiß. Ich denke so etwas wäre dann einfache Zufriedenheit, die sich ohne stetige Veränderung ertragen lässt. Ohne Dinge, die daran etwas ändern könnten, ohne finanzielle Bedrohung, die dich keine Sekunde vergessen lässt, dass du nicht an irgendeinem Rinnsal, sondern mitten am Tejo leben darfst. Auch, wenn mir ein kaputter Kühler zeigt, was ich an meinem Oldtimer wirklich gehabt habe, kann ich die Tragik dieser Schrottkiste, ihren finanziellen Ruin, immer hin in meinen Texten wiederverwenden. Erlebtes noch einmal benutzen oder um es mit der Wortgewalt eines Moralpredigers zu sagen: wahrhaft nachhaltig Erleben. Immerhin kann man von literarischer Selbstbefriedigung nicht blind werden, sondern zehren. Durch einen inneren Reichtum, von […]

STELLDICHEIN

Donnerstag, 14 Uhr hatten wir gesagt. Im Jardim de Torel. Ob am Brunnen, im Park oder unten bei dem kleinen Kiosk wollten wir dem Zufall überlassen. Dass Sie zu spät kommt, habe ich erwartet. Dass nach der zweiten Zigarette immer noch keine Spur von Ihr ist, nicht. Vielleicht hat Sie den Park verwechselt? Ist mir auch schon passiert. Vielleicht steht Sie im Stau auf der Ponte do Arbil, hat kein Benzin mehr oder keinen Handyakku? Meine Telefonnummer hätte Sie sowieso nicht. Vielleicht hat Sie mir im Internet eine Nachricht hinterlassen? Kein Smartphone, kein Facebook, keine Freundin! Dafür habe ich mich drei Tage lang auf dieses Treffen freuen können. Auch etwas wert. Wir hatten uns in einer Bar kennengelernt, die schon vierzig Jahre lang einen auf 20’er macht. Am Eingang steht ein Portier und kein Türsteher, und drinnen arbeiten Büfettiers und keine Kellner. Es ist eine gute Bar, um eine gute Frau kennenzulernen, aber auch Platz für gute Freunde, die sich gut alleine beschäftigen können und nichts gegen latenten Blickkontakt und völlig verführte Aufmerksamkeit einzuwenden haben. Eine Bar zum Angucken gebaut, zumindest wenn man nicht zu weit voneinander entfernt sitzt und im Zigarettennebel verschwindet. Dort, im Zigarettennebel sagte Sie, wenn wir ohne Absprache den gleichen Drink bestellen würden, hätte sie zwar immer noch einen Freund, würde sich aber vom Schicksal gezwungen fühlen, eine Runde mit mir durch einen Park meiner Wahl zu spazieren. Eiskalt ausgetrickst, weil Sie so viel klüger und vergebener ist, als ich. Ihre Schönheit geht mir bis zum Kinn und Ihre Locken hätten, wenn man sie ausfahren könnte, an diesem Abend bis zu mir nach Hause gereicht. Sie konnte über sich selbst lachen, wie Emily Ratajkowski und Sie sah Dinge in mir, über die wir dann gemeinsam lachten, wie Steve McQueen und Ali MacGraw. Ich zeigte Ihr, wie man nichts als das Gute in den Dingen sieht, und Sie mir, wie gut sich neurotischer Tatendrang in einem warmen Bett mit nackter Haut behandeln lässt. Nun Theorie, fragte die Praxis, was nun ist das Gute oder das noch viel Bessere daran, dass Sie jetzt nicht hier ist und ich 30 Minuten bis nach Hause laufe? Erstens, sagte die Theorie, werden wir so nie herausfinden müssen, dass Sie all die Dinge vielleicht nicht ist, die du seit dem Abend in der Bar in Ihr siehst und zweitens, fügt die Praxis hinzu, hat Ihr Freund nicht noch einen Grund, dir die Fresse zu polieren. Bis jetzt wäre ein einfacher Kinnhaken genug. Oder ein bisschen Schubsen. Für Ihre meterlangen Locken darf er mich auch gerne auf Portugiesisch beschimpfen und für Ihr klares Gesicht gebe ich nach dem Kampf eine Runde Bier aus. Es ist Frühling! Paarungszeit. Die Luft ist dick und frisch gewaschen. In der Avenida Liberdade hat man endlich den albernen Weihnachtsschmuck von den Bäumen genommen und überlässt den Blättern wieder den Dienst am richtigen Ambiente. Auf der Parkbank links von mir sitzt ein Mädchen, das genauso einsam scheint wie ich und auf der Parkbank rechts von mir löst ein portugiesisches Pärchen gerade zusammen Probleme, die sie alleine wahrscheinlich nicht hätten. In absoluter Ruhe und Kontenance. Er mit schwarzer Sonnenbrille und gemeißelter Frisur, Sie mit roten Fingernägeln, Espresso und Pelzmantel. Als wäre ihnen schon jetzt die Relativität klar, die die Zukunft irgendwann auf Gewesenes wirft. Wenn man jetzt einfach die Augen schließt, das Pärchen einmal ausblendet, klopft und sägt und presslufthämmert es plötzlich aus jeder Himmelsrichtung. Hin und wieder mischt sich eine Hupe oder die Sirene eines Krankenwagens unter das Großstadtorchester und hin und wieder beklagt sich ein Bauarbeiter in einem Solo, Stimmlage zwischen Marlboro und Sagres, über zu dicken Zement oder einen stumpfen Winkelschleifer. Man kann die Mieten richtig steigen hören. Von Estrella bis Arroios. Von Alfama bis in die letzten dreckigen Winkel industrieller Unzumutbarkeit von Marvila. Wer unter der Brücke schlafen möchte, zahlt in Alcantara einen portugiesischen Monatslohn für ein Zimmer ohne Fenster. Ohne Ausblick auf eine europäische Weltstadt, die lange genug vergessen wurde, um sich noch zu erinnern, was sie im Innersten eigentlich ausmacht: ein romantisch verschlafenes Küstendorf, das nun kurz vor dem Platzen ist und vom Rest der Welt aufgekauft wird. Orte, die rund um die Uhr pulsierende Gettos waren, sind nun gut bestuhlte Oasen für Kaffee und Kuchen mit richtigen Öffnungszeiten. Wohnungen, in denen man sich die Klinke in die Hand und die Spritzen in die Venen drückte, funkelnde Airbnb’s mit weißem Stuck und gutem Wlan. Orte, die man nicht für erwähnenswert gehalten hat, von denen man dachte hinter ihnen käme das Nichts, verbinden sich plötzlich und nehmen einen ganzen Platz ein. Orte, von denen man nicht wusste, ob sie dir an der nächsten Ecke deine Brieftasche stehlen oder dich stundenlang auf ein Mädchen warten lassen, sind kalkulierbarer geworden. Folgen irgendeinem idiotischen Vorbild, versuchen etwas zu sein, was sie nicht sind. Ob Mensch oder Kaffeehaus, bei beiden unerträglich. Der Deutsche will wissen, was er isst, der Franzose hat seine Standards. Der Engländer hätte gerne Bohnen und Bacon zur Torte und der Amerikaner baut darauf, dass alles bald sowieso aussieht wie zuhause. Jung und Hip. Tradition gegen Trend. Und kein Grund mehr zu verreisen. Ein Gassenkampf. Gassen im Kampf gegen jungen Putz und erbarmungslose Presslufthämmer, die die Vorstellungen ihrer Investoren in alte Fassaden schreiben. Deshalb mit gutem Gewissen in die nächste Tasca, vielleicht möchte mich das Mädchen links von mir, das genauso verlassen scheint, begleiten. Ist jetzt nicht ganz mein Typ, aber solange Sie nicht über Nachhaltigkeit diskutieren möchte, alleine Dinieren noch viel weniger. Außerdem sollen wir uns nur zum Mittag etwas Gesellschaft leisten. Laut Übersetzung ist eine Tasca ein kleines volkstümliches Lokal, indem du außer Getränken auch einfache Speisen serviert bekommst. Reis mit Pommes, Pommes mit Reis, Zwiebeln mit Tomate und eine Scheibe unpaniertes Rindfleisch, das aussieht wie ein gut benutzter Waschlappen. Zäh wie Pferdehaar. Egal, Ei drauf und fertig! Selten darf man essen, was man gern bestellt hätte, aber solange nicht Cozido Portuguesa draufsteht, ist eine portugiesische Tageskarte jedes Risiko wert. Der Service unfreundlich und ungewaschen, dafür aber ehrlich und billig und voll mit Gluten. Wer hier laktosefrei will (wie meine Begleitung), bekommt ein Glas frische Kuhmilch, wer vegetarisch isst (wie meine Begleitung), darf sich sein Bifana im Hinterhof gleich selbst schlachten. Natürlich meterhohe Theken, an denen die Tradition steht und bis auf eine Heilige Irene an der Wand, keinen Zentimeter für Dekoration übrig. Wie sehr ich diese Orte für ihre unbeeindruckte Notwenigkeit […]

HALLODRI

Damals als alles besser war, Rauchen noch als gesund galt, hinter dem Horizont das Ende der Welt lag und man Gedanken vom Hirn über die Hand durch den Kugelschreiber direkt auf das Papier brachte, ohne sie dann wieder löschen zu können. Damals als Cais do Sodrè ein Ort der Begegnung zwischen Nah und Fern war, an den man die Ladung der Handelsschiffe bewundern konnte und die Frauen an Land in den Kneipen der Docks auf abenteuerliche Seemänner warteten, um sich noch näher und ihrem Alltag noch ferner zu sein. Damals als man sich noch von einer guten Geschichte ficken ließ und dann sicherlich auch von damals redetet und rauchte, weil es gesund war, war eigentlich alles wie heute nur eben von gestern. Der Buchdruck von gestern, die Smartphones von heute. Der Mars von morgen so weit weg wie das Amerika von gestern (oder heute) und die wenigen in Frage kommenden Frauen im abgelegenen Heimatdorf, die weder Mutter noch Cousine waren, mit Tourismus und Internet ins unermessliche getrieben. Da haben wir’s! Nicht alles war besser. Damals rationale Zweckgemeinschaft mit Fortpflanzungsdoktrin, ohne Zufälle in denen man zur gleichen Kohlrabi greifen könnte, ohne Schicksal und ohne Kondome. Heute alles voller Romantik und Einwegbeziehungen, die sich durch gelbes Laternenlicht träumen und an der nächsten Ecke miteinander Schluss machen, weil man in Sachen Urlaubsplanung einfach zu unterschiedliche Vorstellungen hatte. Der eine wollte Mittag inklusive, die andere in den Straßen selbst nach guten Restaurants suchen. Wie soll man da nur zusammenfinden. Vor allem wenn an jeder Ecke alles noch Schönere, noch Neuere noch Spannendere lauert. Förmlich vibriert, weil hier die Erde öfters bis 4,9 Mw (Momenten-Magnitude) bebt. Das heißt laut Definition sichtbares Bewegen von Zimmergegenständen und Erschütterungsgeräusche ohne Schäden. Übersetzt und praktisch bedeuten 4,9 Mw, dass du dich erst einmal fragst, ob du spinnst, weil es bis 5 Mw auch noch der Alkohol sein könnte. Aber keine Panik! Lissabon ist ein Parnass, Sitz der Musen, eine Libertin in der Brandung, gebaut ohne selbstauferlegte Disziplin, der man ohnehin nicht gewachsen wäre. Eine Naturgewalt und so etwas passiert hier ständig. Deshalb ist es nie zu spät für die wahre Liebe und ein portugiesisches Mädchen, weil portugiesische Mädchen immer noch viel später sind. Vor allem wenn du einen Tisch für 10 Uhr im Zé da Mouraria hast und du dich nach einer Dreiviertelstunde um eine Mahlzeit deines Lebens beraubt fühlst. Warten wäre so schön, wenn man nur auf hungrigen Magen rauchen könnte oder wir uns nicht zwischen Erasmusbar und Irish Pub in Cais do Sodrè, sondern zwischen Pinien und Ausblick im Jardim de Torel treffen würden. Denn von dort hätte man einen anderen Blick auf die Stadt. Einen ehrlichen, ganz ohne kirchliche Highlights und restaurierte Prunkbauten. Dort gibt es wilde Hühner und Enten und Obdachlose, die kämpfende Enten wie Ringrichter auseinanderhalten und dich nach dem Spektakel nach Geld fragen. Dort gibt es Tische, auf denen man Backgammon spielt und genug Wege und Bänke, um den ganzen Tag nichts als Selbstverständliches zu tun und seine Zeit mit poetischen Kleinigkeiten zu verschleudern. Alles in meinem neuen, schicken schwarzen Rollkragenpullover, in dem ich mich so besonnen und intelligent fühle, so kreativ wie Kandinsky, ganz ohne es sein zu müssen. In dem ich mich so gerne mit einem abgekauten Kugelschreiber durch die befohlenen Werke der Weltliteratur blättere, um dabei in der Sonne etwas braun zu werden. Schließlich kommt es nicht auf die Ziele an, sondern was man dazwischen so treibt. Zurück nach Cais do Sodrè, unserer Straßenecke zwischen irischem Exportschlager und Erasmusklüngel, von der aus man sie nun endlich von weitem sieht. Fast eine ganze Stunde zu spät, im schwarzen Mantel, mit einem Gang als hätte sie der Welt etwas zu sagen. Dort vorne! Die, die so unbeschwert läuft, fast fliegt, ohne zu schweren Koffer. Eine Frau, die nichts von dir fordert, außer dass du nichts von ihr forderst und beim Straße überqueren ganz fest ihre Hand hältst. Manchmal sagt sie zum Verabschieden, dass ich bis zum nächsten Mal nicht sterben solle und ich bitte sie dann, vom selben Zynismus getrieben, nicht zu heiraten, bis wir uns wieder sehen. Immerhin haben wir Pläne und wollen im Sommer nackt im Sand von Praia do Meco liegen. Einem FKK Strand im Süden der Stadt, an den man sich legt, wie Gott uns geschaffen hat und dann erkennt, dass so ausgezogen sämtlicher Reiz wie hinfort geblasen ist, weil nun Vorstellung mit Realität korrigiert wird. Oft überlegen wir montags, ob wir freitags in ein Konzert möchten, in eine Ausstellung oder eine Filmpremiere, die wir natürlich verpassen, weil sich keiner von uns an vorbestellte Tickets binden möchte und sie, wie gesagt, immer zu spät ist. Dann ist der Laden ausverkauft und wir sitzen wieder auf den Treppen der Eingangshalle (Theater mit Untertiteln gibt es leider nicht) und bestellen zwei Imperal zum Preis von einem (Euro Fünfzig) bis die Happy Hour vorbei ist. Das Einzige, was wir dann verpassen, ist unsere Zeit nicht mit einer Geschichte zu verschwenden, die wir nicht selbst geschrieben haben. Je mehr Freiheit du möchtest, desto weniger Sicherheit kann man dir eben bieten. Je mehr Sicherheit du brauchst, desto weniger Freiheit sei dir gegönnt. Nach der Happy Hour haben wir so viel Geld gespart, dass wir uns einen Pisco Sour leisten und uns all die Dinge vorstellen, die ohne einen Drink niemals gesagt wurden wären. All die Plätze, die man nie betreten hätte und wir beginnen all die Orte zu vermissen, die wir noch nie gesehen haben. Es ist eine Frau, wie ich sie schon oft beschrieben habe (keine Pfarrerstochter, kann aber Fernando Pessoa zitieren und kennt den Refrain von In Da Club), mit der ich jetzt endlich auf dem Weg in die Zé da Mouraria bin. Eine versteckte gemütliche Tasca, eine schöne Unterhaltung Entfernt vom verruchten Cais do Sodrè, das sich mittlerweile mit Raufbolden, Drogendealern und Exilanten füllt, die ihren ganzen Co-Workspace oder Freunde von zuhause durch die engen Gassen führen. Eine richtige Secession, die wir hier (über) betreiben und wahrscheinlich so gedreht, dass es vorzüglich in diese Geschichte passt. In meinen Magen passt mittlerweile die ganze Welt und etwas Rotwein mit Käse bevor der Kellner […]

ESSENZ

Willst du zuerst die gute oder die noch bessere Nachricht hören? Es ist Samstag. Und du bist frei. Kerngesund, nur leicht verkatert. Im Vollbesitz deiner Kräfte. Voll mit Saft! Das sollte man erst einmal zu schätzen wissen. Willst du etwas tun, das du wirklich liebst, oder lieber eine Sache leben, die dich so lange genervt hat, dass du sie am Ende doch noch geliebt hast? Willst du wissen, was ich meine? Ein gelesenes Leben leben? Gut, das will ich auch, also komm und wir treffen eine Verabredung. A Tabacaria ist die Bar am Praca do Sao Paolo, vor die wir uns stellen, wenn wir uns gut fühlen. Drinnen ist meist kein Platz mehr und heute fühlen wir uns gut, weil wir vorher gut gegessen haben und nachher in einem alten Theater feiern wollen. A Tabacaria ist eine Bar wie im Bilderbuch, auch wenn es keine Bilder von Bars in Bilderbüchern gibt, weil sich der Bilderbuchleser nicht für gezapftes Bier interessiert. Noch nicht. Was diesen Ort so besonders macht, ist mir bis heute unerklärlich. Tradition und dunkles Holz mitten an die Ecke einer unbedeutenden Kreuzung gezimmert. Fertig ist die Atmosphäre. Ich konnte kein Foto schießen, aber Stimmung lässt sich mit Worten sowieso besser einfangen. Selbst für eine Geschichte, die gar nicht viel reden muss, um erzählt zu werden. Hinter der Theke tragen alle volles Brusthaar, das mit einer silbernen Halskette geschmückt und durch drei geöffnete Hemdknöpfe prächtig zur Schau gestellt ist. Bringst du im Sommer noch dein eigenes Hawaiihemd mit, kannst du eigentlich direkt heute Abend anfangen, die besten Drinks der Stadt zu mixen, ohne es dir auf deine Stirn zu schreiben. Die meisten Besucher drängen sich in einen engen dunklen Raum, in dem sicherlich auch einige dunkle Tische stehen, an denen Leute sitzen, die sich etwas zu erzählen haben. Der ganze Rest ist hier, um locker zu plaudern, sich mit einfachen Wörtern abzugeben, die man nicht hören muss, um sie zu verstehen -und natürlich um gesehen zu werden. Ich für meinen Teil sehe in der Tabacaria lieber, weil draußen, vor den saftig grünen Fliesen meistens Frauen mit Klasse und wenig Make-up stehen und ihre Zigaretten in die Spurrillen der Straßenbahnen werfen. Direkt an einer richtigen Straßenecke, auf einem ein Meter breiten Bürgersteig drängt sich also alles, was heute Nacht für mich die Welt bedeutet. Für dich auch? Na dann komm, wir holen uns noch Einen, bevor wir zu der Party in dieses alte Theater torkeln. Lass den Typen an der Bar ruhig machen, ohne dazwischen zu quatschen. Alles, was er tut, tut er mit Grazie. Voller Weisheit und Perfektion. Präzession in jeder Bewegung. Orangen schneiden, Kühlschrank nachfüllen oder abwaschen. Von unserem Drink ganz zu schweigen. Detail und Stil sind nicht notwendig, um Berge zu verschieben, aber entscheidend um den einen vom anderen Berg zu unterscheiden. Hier habe ich gelernt, dass Martini kein Wermut ist und Captain Morgan nicht aus Rum gemacht wird. Hier spielen sie die besten vergessenen Hits, obwohl erst zwei Leute im Raum sind und hier habe ich erkannt, dass Geduld nur funktioniert, wenn man sein Leben nicht Tag für Tag fertig leben möchte. Nach diesen alles erhellenden Weisheiten lehnen wir uns an das dunkle Holz der Theke und blicken auf die Bilder an der Wand, die sich in unserem Zustand nur schwer beschreiben lassen. Eine durchweg behagliche Atmosphäre, von hier bis auf das Damenklo. Irgendwie interessant, was sich mit einer Zigarette und einem Bier alles sagen lässt. Noch viel interessanter, wie sich das, was uns umgibt mit dem zusammentut, was uns ausmacht und tief in uns zu einer Idee reift, die irgendwann einfach raus muss. Eine richtige Essenz, die durch irgendeine Macke zustande kommt, die Menschen mit noch mehr Macken dann Kunst nennen. Ich nenne das Pissen. Oder Pissen müssen. Jedenfalls müsstest du mich einmal kurz entschuldigen. Ich kann dir aber eine kurze Geschichte hierlassen. Mein erster richtiger Roadtrip, 2011. Es war der erste Tag unserer Reise und meine reizende Begleitung und ich wollten unseren mit Erwartungen vollgepackten Seat Ibiza gerade ausparken, als wir rückwärts in einen gut polierten Porsche Cayenne gekracht sind. In das einzige spanische Kennzeichen auf einem französischem Lidl Parkplatz. Für einen niederträchtigen Blick durften wir, ohne zu bezahlen, einfach weiterfahren. Ein Moment, dessen Tragweite nicht hätte größer sein können. Ein Moment, von dem an einfach immer alles gut wurde, mich absolut nichts mehr stoppen konnte. Ich Hammer statt Amboss bin. Denn hier hatte sich alles entschieden. Nicht nur unser finanzielles Überleben, nicht nur unsere Weiterfahrt, sondern ein unbiegsamer Optimismus für alle Porsche Cayennes, die noch kommen mögen. Jetzt steigen wir aber erst einmal in irgendein Uber, weil es draußen schifft aus Eimern, zumindest für portugiesische Verhältnisse. In Deutschland würden wir bei diesem Wetter immer noch Flipflops tragen und ein paar Freunde zum Grillen einladen. Wir fahren zu dieser Party in diesem Theater, von dem ich gesprochen hatte. Irgendeine Privatparty, auf der wir keinen kennen und trotzdem reindürfen. Voller Balletttänzerinnen, Schauspielerinnen, Malerinnen, alles, was […]

HABITUS

Gegenüber des Museo Calouste Gulbenkian, dem besten Museum mit dem besten Garten der Stadt, gibt es die besten grünen Oliven der Stadt. Steht man unmittelbar vor dem Haupteingang, begibt man sich einfach die zu großen Treppenstufen hinunter, biegt an der Hauptstraße nach rechts ab und verläuft sich von nun an, weil ich den Weg nicht weiter beschreiben möchte. Diese Oliven sind zu gut und zu billig und zu wenige, damit wir sie teilen könnten. Ich habe endlich Gold gefunden, nachdem ich mich bis zur Magenverstimmung durch die Tagesgerichte sämtlicher Tascas der Stadt gegessen habe. Der Stockfisch schlecht, die Chorizo zu fett oder einfach keine ansehnlichen Menüs, die von ansehnlichen Kellnerinnen transportiert werden. Und plötzlich stand sie da! Wie ein Eisbein in der Wüste. Einfach in das Erdgeschoss eines traditionellen Wohnhauses gezimmert. Grelles Licht, keinen Fernseher und eine riesige metallische Theke für sterile Stimmung, wie auf dem Operationstisch. Voller Fliesen. Noch ein paar ständig stehende Opas, die über Fußball reden und eine Zeitung vor sich liegen haben, weil neben Kaffee und Shamusa eben noch Platz ist. Gut geschlagenes Bifana mit Käse und Knoblauch und Piri-Piri, das du nur essen solltest, wenn du heute Abend nicht mehr küssen möchtest. Nicht zur Begrüßung, sondern so richtig, mit Zunge. Generell solltest du dich nach dem Mittag erst einmal hinlegen, weil du ein Kind aus drei Gängen mit dir rumträgst und wegen des Rotweins auf nüchternen Magen, etwas zu fröhlich für 14.30 Uhr bist. Aber keine Sorge! Carolina, eine 120 Kilo-Wirtin, die ihres Charakters nach zu urteilen jedoch ein absolutes Topmodel ist, pflegt zu sagen, dass jedes Essen erst durch Alkohol zu einer richtigen Mahlzeit wird. Also, verabschiede dich dankbar und versprich Carolina, dass du morgen unbedingt wiederkommen möchtest. Und dann, versuch dein Glück! Trau dich, finde dein Aschenputtel im Gastronomie-Gewerbe, von dem du selbst niemandem erzählen möchtest. Nicht einmal deinen Freunden. Ich finde, jeder sollte einmal alleine in einem solchen Restaurant gegessen haben, Mittag oder Abendbrot, ganz ohne Ablenkung auf das, was um dich herum passiert. Man muss die Wege dorthin nur kennen, um sich später über Umwege ärgern zu können. Und warum das ganze Essensgefasel? Weil man die Dinge leider nicht einfach so sagen kann. Man muss sie verpacken wie Weihnachtsgeschenke und verkaufen wie ein Marktschreier. Lieber zweimal lesen, als kein Mal. In irgendeinem sinnstiftenden Rahmen, in dem immer noch das Wie und nicht das Was entscheidet. Also, jetzt mal ehrlich. Mag irgendwer Oliven? Ich meine darüber hinaus, dass wir seit dem 14. Lebensjahr daran gearbeitet haben Kaffee, Bier oder Wodka nicht nur cool, sondern auch endlich lecker zu finden? Wie du siehst, Boheme, ich habe es versucht! Ich lebe in einer renovierten Wohnung, ohne Isolierung mit romantischer Morgenkälte. Der Winter hier ist schrecklich, weil der Sommer so schön ist und man nach dem Aufstehen direkt in tüchtige Wintermode schlüpfen muss, um am Schreibtisch zu überleben. Dort schreibe ich für deutsche Zeitungen, um mir freitags ein Glas Wein und gutes portugiesisches Essen zu leisten und habe darüber hinaus keinen einzelnen Penny in der Tasche. Aber eine glänzende Kreditkarte für verschwenderische Momente und den von dir geforderten ausschweifenden Lebensstil. Ich habe alles Neumodische aus meinem Blickfeld geräumt und mich samstags mit einem Buch in den Park gesetzt. Nicht in den besten der Stadt, sondern Jardim de Estrela, weil dort bis auf einige Basketball spielende Kinder nichts ans 21. Jahrhundert erinnert. Ich habe vor dem Abendessen Aperitif getrunken und bin nach dem ersten Glas direkt zum zweiten übergegangen, um nach dem dritten an einer Bushaltestelle einfach mit einer älteren Frau zu flirten. Wahrscheinlich Mitte 70, elegant und schick, denn sogar ihr Regenschirm passte zu den Handschuhen. Gekleidet wie für die Hochzeit ihres ältesten Sohnes, aber eigentlich nur kurz aus dem Haus, um in Graca Blumen zu kaufen. Leider ist unterwegs dann die Straßenbahn stehen geblieben, weil in Bica ein Auto auf den Gleisen geparkt hat –ein Verkehrsdelikt gegen die Tradition. Ich habe mein Leben durch eine Kamera gesehen, versucht Schopenhauer zu lesen, ohne meine Lebensfreude zu verlieren und mich mit Mantel allein ins Café gesetzt. Gott (oder Hemingway), war das langweilig. Weil in der Vorstellung einfach alles besser ist, vor allem das Wetter. Ich glaube, dass ich mich nun wieder wie ein gewöhnlicher Sterblicher verhalten kann, der die Merkmale sprengt und Gegensätze zusammenbringt. Weiße Westen sehen mit ein paar Flecken sowieso noch viel weißer aus. Immerhin geh ich, während sie in den 20ern Holzkohle geholt haben, eine Runde surfen und sehe mit Notizbuch trotzdem aus wie ein Fitnessstudio. Zu muskulös, um richtig kreativ zu sein? Zu linientreu, um irgendetwas zu bewegen und zu gut erzogen für tagelange Exzesse. Trotzdem einer ehrlichen, gut bürgerlichen Arbeit nachgehen? Ich weiß zwar nicht, ob ich das hier gut kann, aber bin gewiss, dass ich vieles andere noch viel weniger kann. Wenn jemand im Nachruf einer Geschichte als draufgängerisch galt, war er das dann immer? Zu jeder Zeit? Draufgängerisch direkt nach dem Aufstehen, draufgängerisch auf dem Weg zum Klo. Draufgängerisch beim Kartoffeln kaufen und vor dem Abendessen tot, weil draufgängerisch beim Straße überqueren. Ist doch Blödsinn, ein Fluidum, viel zu mondän. Ostentativ oder irgendein anderes schickes Wort dieser Epoche. Demnach müssten die Helden unserer Vergangenheit auch irgendwie Mensch gewesen […]

KAVALIER

Mir ist das Ansprechen vergangen. Das Überzeugen, das Begeistern und sogar die, die dort drüben im senfgelben Pulli steht. Mir sind die Worte ausgegangen. Einfach alle verbraucht. Jetzt bleibt mir nichts anderes übrig, als bis zum Frühling mit Mantel in der Ecke zu stehen und an meinem Cognac zu nippen. Nicht zu schnell, denn noch einen kann ich mir nicht leisten. Entschuldigung, hättest du vielleicht eine Zigarette? Keine Sorge, diese Worte habe ich noch zu genüge auf Halde. Für die zu langen Nächte in kurzen Geschichten. Für zu viel getrunken, für zu viel geraucht. Für zu viel von zu vielem, nur eben zu wenig geschlafen. Eine ganze Generation voll bis unters Dach, bis genug zu viel ist oder die Kopfschmerzen länger bleiben, als einen einzigen Vormittag. Ich will nicht schneller reden, als meine Taten sprechen könnten, nichts vom Krieg erzählen, nichts klarstellen, obwohl es gar nichts zu sagen gibt. Nur, was sollte ich sonst tun, wenn ich nicht tanzen möchte? Nicht, dass ich nicht tanzen würde, aber ich entscheide mich eben ganz bewusst, es nicht zu tun. Sollten Männer überhaupt Tanzen? Natürlich, aber dann ganz oder gar nicht! Nicht zu irgendeinem Lied, mit irgendeiner Frau an genau diesem Ort. Sondern zu genau diesem Lied, mit genau dieser Frau an irgendeinem Ort. Nur, weil man gerade nichts Besseres zu tun hat oder es einfach nicht aushält, die eigenen Waden für ein paar Minuten stillzuhalten. Überall Gemenge. Portugiesisches Gelächter in hohen Räumen voller Tradition und jungem Putz. Musik, die klingt wie eine frivole Ode, in der alle einfach nur mittanzen. Schau genau hin, Herrgott, sieht das doof aus. So ungefühlt und unecht. So scheiße ich kann den Text nicht, will meine Lippen aber trotzdem bewegen. Dann noch Arsch an Schwanz, weit vor Mitternacht und Wortfetzen, die man nicht verstehen muss, um sie waden-wippend in den Gehörgang des Weibchens zu prügeln. Männer begehren und Frauen begehren die Begierde des Mannes, aber nehmt euch doch ein Zimmer, oder einfach einen Hocker an der Bar. Redet über die Mitesser, die hinter teurem Makeup liegen. Das Wetter wäre auch ein Thema. Immerhin baue ich mittlerweile eher auf den Sommer, als auf portugiesische Handwerker, wenn es um das Loch in meiner Decke geht. Geduld ist keine Tugend, sondern eine Mammutaufgabe. Trotzdem, ich warte so lange alleine in der Ecke und versuche in meinem Mantel mysteriös auszusehen und möglichst nicht zu schwitzen. Ist ja bald Frühling. Wer will mich dann denn endlich mit der Welt teilen? Vielleicht doch eine Kontaktanzeige? An schicksalhafte Zufälle glaube ich nicht. Daran, dass wir uns alle für etwas zu vorbestimmt halten, schon! Dass man zufällig jemanden liebt,  der zufällig im gleichen Land lebt, in der gleichen Stadt wohnt und zufällig in der gleichen Bar steht, scheint mir bei über sieben Milliarden Menschen dann doch etwas zu zufällig. Einzig und allein das Fliegen hat etwas schicksalhaftes, weil man sowieso schon so nah am Himmel ist und dich dein zufälliger Sitzplatz mit der Liebe deines Lebens bekannt machen kann. Außerdem gibt es über den Wolken kostenlos Rotwein, alles ist portioniert, sogar die Zeit, die man zusammen verbringt, bevor man wieder getrennte Wege fliegt. Es ist eine einzigartige Stimmung, dort oben, über den Wolken, wo die Sonne immer scheint. Nur hier unten, wo es gerade gießt aus Eimern, hätte ich gerne mehr als eine Romantik, die nicht ohne Zufälle auskommt, die ohne wahrscheinlich gar nicht existieren würde. Im Erdgeschoss unseres Hauses ist eine Druckerei, in der eine schöne Portugiesin arbeitet. Ein toller Charakter und immer etwas zu schick gekleidet für Kopiergeräte und Kugelschreiber. Vielleicht sollte ich mich einfach mal in Schale schmeißen, wenn ich diesen Text abhole. Wahrscheinlicher ist, dass das Leben am Ende nicht viel romantischer ist, als eine zeichenbegrenzte Kontaktanzeige selber: Mann, 59, schlank, Raucher und geschieden, sucht sportliche Partnerin zum Fahrradfahren und gemeinsamem Lachen, gerne auch Ausländerin. Oder, um es mit den Worten von heute zu sagen: Vegan, Schwanzlos, Laktosefrei und Nachhaltig sucht Frau oder Mann mit politisch vertretbaren Ansichten zum Reklamieren oder Gleichbehandeln, Intoleranz wird nicht toleriert. Alles für ein moralisch gerechtes Leben, genauso wie im Mittelalter. Dann bin ich alleine wahrscheinlich doch noch vollkommener. Außerdem gibt es genügend Menschen, die einem dabei helfen können, die eigene Einsamkeit wieder schätzen zu lernen. Man mag jemanden, aber die eigene Freiheit dann doch am meisten. Was soll’s, es meldet sich eh keiner: Junger Mann, 27, freiheitsliebend, fast 100Kg trotzdem sportlich, trotzdem Raucher, harte Schale,-zu weicher Kern, selbstbezogen und wahrscheinlich voller Beziehungsängste, sucht pferdestehlende Pfarrerstochter, die Fernando Pessoa zitieren kann, aber auch den Refrain von “In Da Club” kennt, zum gemeinsamen miteinandereinschlafen. Auch, wenn mir die Zeichen wahrscheinlich schon längst ausgegangen wären, können wir bei unserem ersten Date […]

SAUDADE

Gleich laufe ich wieder durch diese Straßen. Gleich atme ich wieder warme Luft, die riecht, wie frisch gewaschen, aber kurz vor dem Trocknen schon zusammengelegt wurde. Gleich fahre ich wieder ein Auto ohne Hupe durch das Herz einer südeuropäischen Hauptstadt. Wie ein Ritter ohne Rüstung. Gleich stehe ich wieder auf meinem Balkon und bekomme ein schlechtes Gewissen nur wegen des Ausblicks. Gleich will ich mich von hier in irgendeinen Freitagabend dieser Stadt stürzen. In eine leicht verregnete Aussicht, die fast vibriert und doch so greifbar ist, wie Wolken. Natürlich gar nicht so leicht in dieser Geschichte die Sonne scheinen zu lassen, wenn die Menschen draußen Handschuhe tragen und man nicht vom Ausdenken lebt, sondern alles aus Realität gewinnt. Sie presst wie eine junge Nektarine. So aufregend, so unreif und so vergänglich. Gleich, aber nur wenn der Abend nicht allzu lang war, schreibe ich, bis das Wetter besser wird, jeder Moment unvergänglich, und endlich unendlich bis zum Punkt am Ende eines Satzes. Gleich esse ich in grellen Straßenrestaurants von matten Aluminiumtabletts, die vor Abnutzung und saftigem Picanha strotzen. Weiße Einwegtischdecken zum Wegwerfen, als ob nichts gewesen wäre. Trinke roten Wein aus gläsernen Karaffen, bis alle Menschen Freunde werden. Manchmal fehlt mir die Lust auf Leute, aber meistens fehlt mir noch mehr Lust auf keine Leute, weil ich dann doch zu gerne über mich selber rede. Und jetzt? Gerade jetzt will ich in Lissabon wohnen und nicht woanders davon erzählen. Ich will irgendeine Bar so oft besuchen, bis sie Gewohnheit wird und mit kleinem Kaffee Zeitung lesen, ohne dabei gesehen zu werden, wie ich mit kleinem Kaffee Zeitung lese. Sein, statt gelten. Leben, was man leben kann und reden, was zu leben noch möglich ist. Ich will diesen Lebenshunger stillen, auch wenn ich hier selten bestellen konnte, was ich gerne gegessen hätte. Dafür ist mein Bar –und Bäckereivokabular erste Sahne. Ein paar lustige Wörter kenne ich auch, wenn es darum geht, eine Portugiesin in einer kurzen Unterhaltung zum Lachen zu bringen. Traue dennoch keiner Frau, die nachmittags keinen Wein mit dir trinken würde. Ihre Regeln nicht für dich bricht! Keine Moral besitzt, die sie für dich aufgeben könnte. Auch wenn dich ihre Beine noch stundenlang anstarren könnten. Nichts ist so verschwendet wie der Durchschnitt! Nichts nichtssagender als nur die richtigen Worte zur richtigen Zeit und das auch noch in richtiger Lautstärke. Das Feuer ist heiß, das Wasser ist nass. Das wissen wir und weiter? Etwas einmal richtig falsch zu machen, kann einem der eigene Perfektionismus danken. Daher liegen ich und mein Schnupfen zumindest braun gebrannt und parfümiert wieder im Bett, nachdem wir uns mit Fieber zu ein paar Liegestützen durchgerungen haben. Auch die benutzten Taschentücher fallen filmreif auf den Holzfußboden. Direkt neben bücherweise Weltliteratur, die so lässig aufgebahrt ist, dass man glauben könnte, ich würde sie benutzen. In einer Stadt, die deinen Alltag einfach nicht an sich heranlassen möchte, weil mein Doktor einfach schon wieder geschlossen hat. Dafür grillen sie hier auf den Straßen im Winter Kastanien und im Sommer Sardinen. Dafür sieht alles aus wie Urlaub. Dafür hat man hier ab Dezember wirklich einen Grund ins Café zu gehen, weil es zu Hause zieht und manchmal rein regnet. Und gestern? Gestern habe ich mir nach drei Tagen endlich wieder die Zähne geputzt und das Haus verlassen, um eine Handvoll Pimientos zu kaufen. Kleine grüne Paprika, die man in Salz und Olivenöl anbrät, bis sie schwarz werden. So lange habe ich mir über den Dächern die Zeit mit Gedanken über Moral vertrieben und im Liegen meine Flüge nach Paris gecancelt, weil ich mich bis hierher nun genug über den Antritt dieser Reise gefreut habe. Besser wird’s nicht! Man sagt auf Portugiesisch “Saudade”! Ein Wort mehr oder weniger für die Bäckerei, die Bar oder Frauen, die man erst heiraten sollte, bevor man sie anspricht. Ein Vokabular, das sich mit keiner einzigen Sehnsucht übersetzen lässt. Keiner sanften Melancholie, keiner französischen Muse, keiner tollen Persönlichkeit in schöner Unterwäsche, die ich in Paris gerne angeschaut hätte, ohne anzufassen. Allein für den Genuss der Vorstellung einfach gecancelt! Und weil sie Silvester dann doch lieber mit ihren Freunden feiern wollte. “Saudade” steht für irgendeine Sehnsucht, keine bestimmte, so wie Heimweh, keine unbestimmte, so wie das Fernweh, sondern für irgendeine Sache, in der man so tief drin war, dass sie schmerzt, fehlt oder ohne zumindest nicht mehr gelebt werden kann. Siehst du, seitdem ich einen fünfzig Euro Kugelschreiber zu Weihnachten bekommen habe, hat alles, was ich schreibe, direkt mehr Wert. Geht unter die Haut, und weil ich wahrscheinlich noch zu doll aufdrücke sogar bis auf folgende Rückseite. Manchmal würde ich dieses Notizbuch gerne zu Hause lassen und Urlaub fürs Gehirn machen. Aber um diese Bar zu betreten, die ich gerne zu meiner Stammbar machen würde, muss ich irgendetwas geschafft haben. Wäsche aufhängen oder etwas fertig schreiben. Am besten Mitte der Woche, ganz ohne Erwartungen. Dann sitzt drei Tische Weiter ein alter portugiesischer Handwerker, dessen Entfernung zu mir besser in Jahrzehnten als in Tischen ausgedrückt werden sollte. Ich verstehe kein Wort, nur dass er betrunken ist. Wie gesagt Bäcker, Bar und Frauen aber keine handwerklichen Fachausdrücke mit Fahne weit über dem Durchschnitt. Ich versuche ihm zu erklären, dass es bei mir rein regnet und was man dagegen tun kann. Normal ist es auf Portugiesisch ganz einfach: Loch in der […]