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BYND

Konstantin Arnold

BOHEME

Willst du dich setzen? Ich bin sowieso eine gesunde Stunde zu früh, aber liebe es zu warten. Wieso? Um mit der Gewissheit, dass gleich etwas passiert, in einem traditionellen Straßencafé zu sitzen. Einem dieser Sechsecke, die nur aus einem Tresen, einer Bedienung und einem Moment bestehen. Grüne Metalltische, die Orte erst zu richtigen Plätzen werden lassen. Mitten auf einen breiten Bürgersteig gestellt oder direkt zwischen Ampeln und Ahorn. Irgendwie arrangiert. Denn zu viel Freiheit kann irgendwann auch zu einem Gefängnis werden. Hauptsache es gibt genug Straßen, genügend Möglichkeiten, aus denen man kommen könnte. Wenn man jetzt noch ein drittes Imperial bestellt, den Stift mal beiseitelegt, könnte man meinen, Lissabon wäre das Paris der 20er im Jahr 2017. Denn alles, was Boheme wirklich braucht, sind schwarzer Kaffee, ein Thema und zwei Menschen, die sich für Künstler halten. Gewagte These, die glaubhaft wird, wenn man gerade aufgehört hat “Paris – Ein Fest durchs Leben” anzufangen. Wenn sich die späte Sonne im glatten Kopfsteinpflaster spiegelt und die Welt und ihr Laub in ein Licht taucht, das viele gerne als Filter auf ihrem Handy hätten. Wie gesagt leicht einen Sitzen und umrungen von romantisch hervorstehenden Balkonen, die ins Dachgeschoss gebaut wurden, damit man sie morgens mit Kaffee betritt und beschließt, dass das Leben gut ist. Bisher konnte ich mich vor lauter Sehnsucht nicht sattsehen. Zu schön die Vorstellung mal mit solch einem Balkon zu wohnen, den ich jetzt, dank hoher Miete, betreten darf. Fantasie mit Realität bezahle. Immer in den fünften Stock laufe und erkenne, wie verdammt heiß es im Dachgeschoss wirklich ist. Fantasy Love, denn es kommt schließlich nicht auf den Kater an, sondern wo man mit ihm aufwacht! Lebt, wo andere Urlaub machen. Richtig liegt, wo andere falsch liegen und es irgendwie schafft, trotz Berufsverkehr und Flugverspätung Montag 18 Uhr wieder hier zu sein. Ein Leben für Zwei. Arbeit, Fliegen, Umziehen, Bestehen und dazwischen noch Zeit für Rotwein und Salzwasser haben. Die ganze Welt durch die eigenen Adern pressen, ohne dabei den Einkauf im Kühlschrank verkommen zu lassen. Lieber mit nicht ewig frischer Verpflichtung in Lissabon, als der Freigiebigkeit eines leeren Kühlschrank woanders. Immerhin kommt gleich eine Russin in dieses Café, die sich nichts aus ihrer Modelkarriere gemacht hat,  und wir essen Bifana. Ich schwitze zwar ein bisschen, möchte meine tabakfarbene Levi’s-Jacke aus Stilgründen aber nur ungern ausziehen und hoffe einfach, dass der Schweiß bis zur Begrüßung verflogen ist. Küsschen rechts, Küsschen links. Hier ist man sowieso immer falsch angezogen. Pfeift morgens der Wind durch die Dielen, ist mittags plötzlich Badewetter. Hat man sich für weniger entschieden, ist das nächste Café im Schatten und man friert sich die Eier kleiner. Hat man es endlich richtig, den Nagel mit dem richtigen Outfit auf den Kopf getroffen, steht auf einmal ein Deutscher im Urlaubsmodus neben dir, der dich mit seinen roten Flipflops anstarrt, während du dich in deinen langen Mantel flüchtest. Die Portugiesen sprechen dann von “Bife”, was all das meint, das ich mit roten Flipflops und Sonnenbrand sagen möchte. Steil bergauf! Selbstverständlich in Lissabons triefender Mittagshitze von einer Flasche Wasser zur nächsten schleppen. Ferngesteuert, von einem Reiseführer, der diktiert, was es überhaupt zu bewundern gilt. Der mit seinen selbstverherrlichenden Versprechungen, schönen Bildern und schönen Texten noch schönere Menschen in die Gassen einer Stadt zieht, die sich von Etiketten freischüttelt und deinen Alltag nicht an sich heranlässt. Solange man das Gefühl nicht loswird, sich für all das rechtfertigen zu müssen, was der gleichen Herkunft innewohnt, einfach lieber nichts sagen. Aber auch kein Portugiesisch sprechen. Dann könnte die Unterhaltung am Nachbartisch alles sein, alles, was du sie sein lassen möchtest. Noch ein Imperial bitte! Siehst du, sobald man eine Idee hatte, ist die meiste Arbeit schon getan. Menschen denken sowieso in Schubladen und können nur nachvollziehen, wenn es etwas Ähnliches in so einer Konstellation schon einmal gegeben hat. Vielleicht doch kein Imperial mehr bitte? Aber wieso schon? Jetzt auch noch vernünftig? Dann gäbe es in Bars bald nichts mehr zu erzählen, weil alles schon über Facebook, Instagram, Whatsapp, Snapchat und Tinder gesagt wurde. Früher haben Künstler, Maler, Kommunisten neben Schriftstellern, Prahlern, Komponisten gesessen, gegessen, gesoffen. Früher ist meine Mutter noch an Baustellen vorbeigelaufen, wenn Sie unbedingt Bestätigung wollte. Heute rede ich in Bars mit Italerinnen, die ein Foto vom Strand posten, wenn es ihnen Sonntagnachmittag an Aufmerksamkeit mangelt. Schwachsinn gehört in […]

TABU

Mir bleiben zwei Nächte im fünften Stock einer großen Wohnung am Mercado de Arroios. Es gibt noch kein warmes Wasser, aber kaltes, das zumindest nicht mehr nach Schwimmbad schmeckt. Einen schicken WLAN Router, nur noch keine Kaffeetasse, die alles gut werden lässt und auch noch kein schweres Whiskeyglas. Noch keinen Kühlschrank, aber unbenutzte Weingläser und eine Flasche russischen Wodka. Die Haustür lässt sich mit einem Autoschlüssel öffnen und von der Matratze auf dem Fußboden, kannst du ohne Glühbirnen bis nach Graca gucken. Ich habe ein großes Schneidebrettchen gekauft, obwohl ich eigentlich nur essen gehe. Ich habe nach gutem Geschirr geschaut, obwohl ich in meiner Freizeit lieber nach besseren Wörtern suche. Ich habe einen einstigen Albtraum wahr gemacht und Dinge gekauft, die mich am Boden halten. Waschmaschine, Klobürste und Esstisch. Am Boden einer großen Wohnung mit kleinem Balkon über den Dächern einer Stadt, in der du nachts nur schwer von einem noch besseren Leben träumen könntest. Morgens weckt dich ein Augenblick, für den andere vor Sonnenaufgang extra auf einen Berg klettern. Für den du nichts, als aufwachen brauchst. Und abends hupen dich die Portugiesen in den Schlaf. Fast zu schön schien diese Vorstellung, mal mit solch einem Balkon zu wohnen, den ich jetzt, dank hoher Miete, betreten darf. Fantasie mit Realität bezahle. Immer in den fünften Stock laufe und erkenne, wie verdammt heiß es im Dachgeschoss wirklich ist. Fantasy Love, denn es kommt schließlich nicht auf den Kater an, sondern wo man mit ihm aufwacht! Lebt, wo andere Urlaub machen. Wegfliegt, wo andere zuhause bleiben und richtig liegt, wo andere falsch liegen. Dank ziemlich teurer Matratze. Ich habe einfach alles vermisst. Den Verkehr, die vollgepackten U-Bahnen, den Schweiß, der dir die Stirn herunter rinnt, weil du im November endlich eine Wollmütze tragen möchtest. Die schmuck gekleideten Frauen, die zierlichen Fassaden. Den Klang der Stöckelschuhe, die in eiligem Tempo über glattpoliertes Kopfsteinpflaster geschliffen werden, das voller Laub und besetzten Bänken ist. Sogar den Fado! In Melodien gefasste Minderwertigkeitskomplexe eines stolzen Seefahrerstaates und sein vom Erdbeben gedemütigter Hochglanz. Lissabon ist ungestillte Sehnsucht, die man leben kann, ohne sie träumen zu müssen. Ein Film, in dem man unbedingt mitspielen möchte, auch wenn man als Statist nur im Hintergrund kleinen Kaffee trinkt. Aber ein Teil davon ist, von dem man keine Sekunde verpassen darf, weil es sich wie jugendliche Verschwendung anfühlt, auch nur einen Tag ohne dieses Treiben verbringen zu müssen. Nur vor die Tür, einatmen und Luft unter glühende Kohlen pusten. Diese Verve, die dich von einer Brücke immer wieder in ihre Stadt zieht, um dich mit deiner eigenen Wahrhaftigkeit bekannt zu machen. Lissabon ist eine Stunde früher, wenn in Deutschland am Morgen der Wecker zur Arbeit klingelt, wenn du zu spät bist, wenn du am Abend eigentlich ins Bett solltest, ist in dieser Stadt immer noch Zeit. Zeit, um vom Flughafen aus noch das Examen zu schaffen. Ich musste dich verlassen! Für einige Tage, die für eine ganze Ewigkeit sprechen können. Für Städte, die sich gegen dich anfühlen wie ein Haufen bewohnter Backsteine. Wie schwarzer Tee ohne Zucker. Wie noch eine Zigarette mit noch einer schönen Frau, obwohl du eigentlich schon längst essen möchtest. Essen, wie du möchtest! Shoppen, Frieren, sich betrinken. Immer geradeaus! In Tegel sollte ich mich vor dem Berliner Verkehr in acht nehmen, immerhin ist Freitagnachmittag. In Lissabon stehst du donnerstags zwei Stunden für 400 Meter. In Stockholm sollte ich mir die kleine Altstadt anschauen, die in Lissabon nichts weiter als eine kältere Gasse zum Wäscheaufhängen wäre. Trotzdem muss man den Schweden lassen, dass sie in dieser ewigen Dunkelheit eine ganze Menge Gemütlichkeit unterbekommen, die so greifbar ist, wie Wolken. Schwärzestes Schwarz, das den frühen Nachmittag zur tiefsten Mitternacht werden lässt und deiner inneren Uhr die Zeiger verdreht. Ich habe mich nach dem Frühstück wieder in mein wolkiges Hotelbett gelegt und André Rieu gehört und auf einer echten Underwood-Schreibmaschine entschieden, dass ich nicht mehr reisen möchte. Ein Leben ohne weiße Bettwäsche und sich ständig wechselnde WLAN-Passwörter leben will, auch wenn ich hier endlich wieder ein Auto mit ordentlichen Bremsen gefahren bin. Auch, wenn Schwedinnen aus reinster Aufmerksamkeit geschaffen wurden, zierliche Schulterpartien haben, die in noch grazilere Arme übergehen und in sanften Klavierfingern enden. Auch, wenn ich der einzige Gast im Amelia Hus bin und man für mich allein alle Kerzen des Hauses angezündet hat. Und auch, wenn dich Entfernung einige Dinge wirklich schätzen lässt und Existenzangst nicht schadet, hat mich die meine bis in eine schwedische Fjordlandschaft geführt. Für nichts verworfenes, sondern eine deutsche Zeitung, damit ich Schreibe und die Universität bezahlen kann, die ich kaum besuche. In Lissabon ist der Strand gerade so weit weg, dass man ihn jedes Mal aufs Neue zu schätzen weiß. In Schweden isst du Hirsch und Nachtisch. Trinkst teuren Wein bis der Arzt kommt und dir sagt, dass alles gut wird, auch wenn du wegen der ewigen Dunkelheit nach dem Mittag direkt wieder damit anfangen könntest. Alles voller Nelkenduft und Glühweingeruch, der dir den Atem raubt, wenn du nach dem Rauchen das Haus betrittst. Einmal musste ich kalt duschen, um wieder schätzen zu wissen, dass das Wasser hier aus vergoldeten Hähnen kommt. Zu guter Letzt ist es einfacher, in Portugal Zigaretten zu klauen, als in Schweden welche zu kaufen. Wie du siehst, geht es nicht mehr um Was, sondern Wie und das vor allem Wo. Immerhin bin ich erwachsen und mir gehört nun eine Waschmaschine. Zur Hälfte. Bisher habe ich Sie vor meinem inneren Auge gesehen, eben nur nie in echt. Man muss die Richtige eben nur finden, die richtige Stadt. Ich hätte nie gedacht, dieses Worte jemals zu schreiben, zu denken, geschweige denn zu fühlen: Heimweh. Heimweh nach gut gebräunter Routine und dem Wissen, wann genau hier der Bus fährt. Heimweh und eine Geschichte, die durch Verspätung zufällig in meinem Flugzeug gelandet ist und deswegen über Lissabon von Stockholm nach Rom fliegt. Ein amouröses Abenteuer gegen Prüderie, die nicht von alleine darauf losspielt, obwohl die Regeln beiderseits bekannt sind. Nur indem man Menschen anspricht, denen man noch keine SMS geschickt hat. Ihnen, ohne zu wissen woher sie kommen, die Möglichkeit nimmt, zu erzählen […]

ALT GENUG

Auf meinem Schreibtisch steht eine angefangene Tasse Kaffee und eine leere Flasche Rotwein. Morgen und Abend. Meine Kerze ist durchgebrannt, mein Auto offengeblieben und der Wohnungsschlüssel steckt von außen noch in der Haustür. Ich habe vergessen, wie Samstagabend war, vergessen, was ich vergessen habe, Wasser zum Überkochen gebracht und die teuren Tomaten nach dem Bezahlen wahrscheinlich auf dem Kassenband gelassen. Und ich habe keine Ahnung, wie mein Portemonnaie dabei in meiner Hosentasche geblieben ist. Wir reden hier nicht von durchgezechten Nächten (nicht nur), sondern voller Pulle zwischen pflichtbewussten Lastern und lässigen Pflichten. Von allem nur das Beste. Morgens und abends. Zwischen dem Drang eines jeden Freitags und dem Wunsch guter Wellen am darauffolgenden Samstag. Surfen wäscht dich von deinen Sünden frei, spült dir die Marlboros aus der Lunge, lässt dich frisch und erholt aussehen, damit du noch einmal von vorne beginnen kannst. Bis hierher wusste ich nie, was morgen ist, konnte mich aber zumindest immer an gestern erinnern. Unsicherheit ist Teil meines Lebens, das sich die Dinge fügen, irgendwie auch. Dieses Urvertrauen ist unbezahlbar, teurer als jeder Fauxpas, wertvoller als jede Scherbe eines zu schnellen Lebens. Nur keine Angst, mein Opel fährt nicht schneller, als ich denken kann. Gerade mal 80! Aber das reicht zum Riskieren, zum draufgängerischen aufs Spielsetzen, zumindest, wenn jemand zuguckt, den ich gerne einmal küssen möchte. Immerhin besteht die Kiste aus Sekundenkleber und darf deswegen erst ab Mitternacht in den historischen Stadtkern. Dann gab es keinen Parkplatz und ich musste einfach direkt vor dem Verteidigungsministerium halten. Zu verlockend. Zu verboten. Glorreich gescheitert und Mutti eben doch wieder um Geld fragen. Zumindest, wenn niemand zuguckt, den ich gerne einmal küssen möchte. Aber keine Panik, auf der Bußgeldstelle sitzt selten jemand mit roten Fingernägeln, und seit es Instagram gibt, ist die Wahrscheinlichkeit gering, heute noch jemanden zu treffen, der wirklich Lederjacke ist. Hauptsache nicht noch ein Parkticket fürs Parkticket, weil Bezahlen in Portugal länger dauert, als jedes Bußgeld schmerzen könnte. Nummer 89 und wir sind erst bei 69. Freitagabend im Amt! Der Mann zu meiner Linken hört Astor Piazzolla auf einem benutzten Discman und die Frau zu meiner Rechten bringt den wirklichen Wert kostenloser Kurzmitteilung wie ein digitaler Dichter zum Ausdruck: “Bin gleich da!”, “Suche dann Parkplatz”, “Denke noch 10 Minuten!”, “Wird wahrscheinlich später”. Was waren das für Zeiten, in denen jeder Buchstabe richtig Geld kostete, Verabredungen wetterfesten Gehalt hatten, jedem unvorhersehbaren Schicksalsschlag zum Trotz. Zeiten, die noch Zeit hatten und frei von Verfügbarkeit waren. Das macht mich neidisch, weil ich keine Updates habe. Einfach nur dasitze, in diesen Wartesaal starre, wie ein smartphoneloser Irrer und von unserem neuen Apartment träume. Seinen Verpflichtungen und Möglichkeiten. Seinem gemieteten Ruck ins Erwachsenwerden. Unterschriften, Kautionen, Versicherungen! Im Falle von Erbeben? Wasser, Strom und Wireless Lan! Die elementaren Dinge auf dem Weg in eine Sesshaftigkeit, der noch die Möblierung fehlt. Selbst die Matratze. Eine Bindung, in der man verantwortungsbewusst entscheiden muss, ob der Kühlschrank überhaupt zum Parkett passt. Ohne Beziehungsversicherung. Denn von allen Dingen liebe ich die Freiheit am allermeisten und würde meine Beziehung zu ihr nur aufgeben, wenn danach noch eine viel größere Freiheit stünde. Oder eben Unsicherheit mit Ausblick. Den ganzen Tag im Bett mit Kaffee, Bob Dylan und Tinder. Gänzlich oberflächlich, aber das Auge trinkt nun mal mit und der Rotwein von gestern war nur gut, weil seine Flasche so schön edel und teuer aussieht. Vale do Rico Homem, irgendein Portugiese. Gekauft in Alfama. Lissabons ewiger Sehnsucht. Weltoffen und baufällig bis in jeden einzelnen Backstein. Durch Gassen voller […]

GRANTLER

Endlich ein neues Notizbuch begonnen. Feierlich mit schwarzem Tee und ohne Zucker. Ohne Anrede, weil Notizbücher natürlich nicht persönlich angesprochen werden wollen. Ein neues Kapitel, das mit Bauarbeitern und Bifana in einer Mittagspause beginnt. Irgendwo im Nirgendwo. Im waldbrandgefährdeten Nirwana. An einem Ort, der wahrscheinlich noch nie rote Flipflops gesehen hat. An dem man keine Liebesschnulzen und Ritterfilme guckt oder es zumindest nicht zugibt. An dem man keine Flüge nach Paris bucht, um im Dezember mal Mantel zu tragen und auch keinen silbernen Opel Corsa kauft, der 1985 gebaut wurde. Ich für meinen Teil hatte keinen Grund, das nicht zu tun, weil sich Uhren mittlerweile von alleine umstellen und man zu weit fahren muss, um endlich wieder Geld zu wechseln. Weil man Wiener Würstchen ohne Probleme in Frankfurt und Frankfurter nur mit einem Bier in Wien runter bekommt. Reisen ist eben auch nicht mehr das, was es niemals war. “- Heute also rein gar nichts erlebt. Nichts Neues. Irgendwie auch schön”. Zuhause auf Straßen, über die ich schon gestern geschrieben habe. Auf die endlich aber einmal etwas Regen fällt. Zu spät in Bars, aus denen wir schon oft getorkelt sind, einander angeschaut und dann nach Feuer gefragt haben. Nur, dass wir uns diesmal sogar wiedersehen. Wie im Liebesfilm. Kosmische Fügung oder Dank der Zigaretten. Rauchen schadet deiner Gesundheit und macht dein gesellschaftliches Leben zur blühenden Blumenwiese. Ob als Dessert, Pause oder rettender Anker, wenn dir deine Beschäftigungen ausgehen. Die Frauen, die wir getroffen, die Gespräche, die wir geführt und die Chefs, die wir mit Du ansprechen, waren jeden Sargnagel wert. Nur nicht zur Guillotine von Routine werden lassen! Kann man jeden Zug eigentlich nicht, oder gerade wegen dieses schlechten Gewissens erst wirklich genießen? Will man im Leben mögen oder nur gemocht werden? Amboss oder Hammer sein? Immer nur die gleiche Haarfarbe küssen? Ein und dasselbe! In Lissabon wohnen, bis der Arzt kommt! Weil Morgen doch so unsicher ist und Gestern eine ganze Menge Ehrfurcht erfordert. So wie verfallene Häuser von Cascais bis Parede. Sommerarchitektur, die unter die Haut geht, wenn es ab November die portugiesische Sonne nicht mehr schafft. Bewohnt von schlecht gelaunten Töchtern mit reichem Erbe, bezahlten Brüsten und vollgetankten Mini Coopern. So traurig, wie Wohlergehen eben sein kann und der personifizierte Wunsch das Aschenputtel unter ihnen zu finden. So wohlerzogen und demütig. So pferdestehelend und christlich. So ungeschminkt und ehrlich wie Profilbilder von 2012. Genauso wie in Ritterfilmen. Wenn man gerade keinen Kugelschreiber hat, braucht man einen, und wenn es nichts zu schreiben gibt, hat man fünfzehn. Von der Reinigung nebenan, irgendeiner Tankstelle oder dem Blumenladen, aus der mein Farn stammt. Nur niemals Kulis kaufen gehen, sollte gesagt sein. Mit zugeknöpfter Hose und festen Schuhen unter dem hauseigenen Schreibtisch, diszipliniert ab halb acht. Meistens schreibe ich morgens, bevor mein Kopf die Möglichkeit hatte, etwas Sündhaftes denken zu können oder ich vor lauter Kaffee eine Runde um den Block renne. Einmal habe ich überlegt, für einige Nächte in ein Hotel zu ziehen und dann einen Grund gefunden, es nicht zu tun. Wenn man will gibt es immer einen! Immer etwas auszusetzen. Von einem Mechaniker an meinem neuen, alten Opel oder denen, die mit Rotstift meine Klausuren kontrollieren. Ganz ehrlich? Ich fahre ein langsames Auto, das manchmal nicht anspringt und nur hupt, wenn es wirklich ernst wird. Ich schreibe auf einem langsamen Laptop, der irgendwie kein Tinder installieren kann, und muss nach zehn SMS den Speicher wechseln. Ich verfahre mich meistens und finde das gut so! Weil es der Zeit wieder Zeit gibt, Fehler zu machen. Nicht alles […]

MEINEID

Ich muss hier raus! Weil sich gerade eine Gruppe kaufkräftiger Chinesen mitten in meinem Zimmer über neue Wandfarbe unterhalten hat, während ich noch nicht einmal wusste, welches Boxershort ich heute überhaupt tragen möchte. Ein ganzes Apartment schneller gekauft, als du Gentrifizierung sagen kannst. Guten Morgen. Von einem Viertel ins Nächste. Doch draußen ist immerhin Frühherbst! Ein langer Moment, in dem du den Sommer zu schätzen weißt, weil dir der Herbst zeigt, wie es ohne ihn sein wird. Klare Luft, verwelkte Blätter, du weißt, selbst wie Herbst aussieht. 18 Grad, die fast bereit sind für Handschuhe, weil man sich im Leben leider an alles gewöhnt. Die sonnigste Sonne, die gesündeste Gesundheit, die auffälligste Freundin. An eine gut gelaunte Vielfalt verschiedenster Nationalitäten, die hier in kultureller Eintracht leben und sich wundern, warum dass der Rest Europas nicht kann. Lissabon ist ein (von-überall) Herkunftseldorado, verteilt auf wunderschöne Plätze. Ob verliebt, verlobt oder verlassen. Das ist eine Devise! Lieber obdachlos hier, als mit vier Wänden und ohne Ausblick woanders. Davon singt schon der Fado! In Melodien gefasste Minderwertigkeitskomplexe eines stolzen Seefahrerstaates und sein gedemütigter Hochglanz. Man muss sich schon nah sein, aber stets dem Nächsten am nächsten. Ja, wir klagen auf hohem Niveau und Europa ist ein tolles Pflaster. So voller Prada, Penner und Espresso. Zumindest fehlt es mir immer, wenn ich zu weit weg bin, aber wie man Zäune baut und sich dabei weltmännisch fühlt, muss mir mal jemand erklären. Genauso wie gut geplante Improvisation und warum Italienrinnen immer ein abgepacktes Stück Parmesan im Handgepäck tragen! Ein ganzes Land genau mein Typ! Manchmal sieht man hier den Wald vor lauter schönen Frauen nicht und manchmal nimmt mir eine von ihnen rigoros den Wind aus der hart arbeitenden Performance. Denn allein die Pflege meines Zimmerfarns ist schon Aufwand genug und das Ding wohl das teuerste, was ich je besessen habe, bedenke man seinen eigentlichen Nutzen. Man kann ihn anschauen, hin und wieder in die Sonne stellen und dann für jedes gefallene Blatt trotzdem eine Träne vergießen. Also habe ich mich gefragt, warum ich mir das überhaupt antue und warum ich mein Bett jeden Morgen so gerne mit militärischer Akribie mache? Dafür, dass ab und zu mal jemand reinkommt und auf Chinesisch “wow” sagt? Oder schlichtweg für mich, weil Schreiben sowieso schon alles abverlangt und man keinen seiner einhundert Prozent damit verschwenden möchte, Zuhause nach dem eigenen Portemonnaie zu fahnden. Wenn man dann noch auf den Bus wartet, ohne dabei auf das Smartphone zu glotzen, ist man eigentlich immer bereit! Denn in Momenten, in denen mal nichts geschieht, kann schließlich noch das Meiste passieren. Nur dummerweise arbeite ich viel, um die Universität zu bezahlen, die ich gar nicht besuche. Zu der mich niemand zwingt, weshalb Rebellion hier zwecklos. Genauso wie Laufen zu gehen, obwohl man gerade erst zur Tür rein ist oder Leben jeden Tag fertig leben, obwohl dafür eigentlich noch ein halbes Jahrhundert Zeit ist. Vor allem in Portugal, denn hier fängt sowieso alles später an, hat immer noch Zeit, selbst zu hart gekochte Eier. Das Essen bei unserem Lieblingschinesen bekommt man selten serviert, bevor man sich aus Hunger und Langweile mit ein paar Tsingtao betrunken hat. Dafür haben wir dort ein eigenes Zimmer mit Balkon und Aschenbecher. Auf einer Etage, in der du auf Pferde wetten, Fingernägel lackieren und deine Brüste vergrößern kannst. Letzteres ist natürlich gelogen, obwohl es vorstellbar wäre und sich sprachlich hervorragend in diese Klimax einreiht. Genauso wie Bars nach Mitternacht, in denen wir langsam zu richtigen Männern gereift sind. Trinken Old Fashioned aus schweren Gläsern, bis wir nicht mehr gehen können. Rauchen Malboros bis uns der Hals brennt und trinken, für lange Nächte in kurzen Geschichten, Kaffee nur schwarz, so wie richtige Cowboys. So wie die Jungs bei portugiesischen Stierkämpfen, die sich, durch Tradition gezwungen, auf einen 600 Kilo Bullen werfen, der dich umnietet wie ein Opel Corsa. Man muss diesen Mist nicht gut finden, aber anschauen, ab und zu wegschauen, Bifana essen und Bier trinken, sollte man mindestens einmal im Leben gemacht haben. Dann rebelliert es sich besser! Auch, wenn man dafür eine ganze Stunde ins portugiesische Inland fahren muss. So weit, wie noch nie! In ein Dorf, das wahrscheinlich noch nie rote Flipflops gesehen hat. Ins waldbrandgefährdete Nirwana. Vor der Schlacht, die mehr Überlebens –als Wettkampf ist, treffen sich die Forcados (von forcado – gezwungen) im engsten Kreis mit Familie und Freunden, um zu beten, sich gemeinsam einen anzusaufen und ordentlich vollzuessen. Fürs Verständnis: in der Arena gibt es Bullen, bunt angezogene Typen auf Pferden, noch bunter gezogene Typen ohne Pferd, dafür aber mit einem Bettlacken, und eben die Forcados. Die Krassesten der Krassesten, die Männer unter den Memmen, die sich im Jackett auf einen Bullen stürzen, wie wir auf die letzte Blondine, bevor im Club das Licht angeht. Todernst, denn letzten Monat sind bei diesem römischen Spektakel zwei Menschen ums Leben gekommen. Dafür gibt es Schweigeminuten, Ehren, Zigaretten, Rituale. Unüberhörbar, wenn 5000 Menschen für eine Minute einfach mal die Schnauze halten. Nachdem die Forcados mit Familie und Freunden im engsten Kreis gebetet, gesessen und getrunken haben, geht es vollgegessen zum Stadion, wo sie mit Familie und Freunden weitertrinken. In solch einem Outfit nicht zu schwitzen ist eine Leistung, darin männlich auszusehen, eine Meisterleistung, die nur einem echten Furcado vorbehalten ist. Passiert trotz vollem Bauch und all der Ehren etwas, d.h. wird jemand durch die Luft geschleudert, zertrampelt oder am Hoden verletzt […]

VASALL

Es hat genau 38 Minuten gedauert, bis ich mein neues Leben infrage gestellt habe. Basiswissen Finanzierung, freiwillig, noch bis 22 Uhr, für ganz Dumme und Schlaue, die sich unbedingt profilieren möchten. Im Reich der Blinden ist der Einäugige König und ich habe beide Augen offen und trotzdem nichts verstanden. Weil dem portugiesischen Dozenten manchmal die englischen Worte fehlen und schon wieder ein Passagierflugzeug über unsere Köpfe fegt, das mich mit ohrenbetäubendem Lärm alle 15 Minuten an die Freiheit mein altes Leben erinnert. Ich könnte jetzt in irgendeiner Redaktion sitzen, um die Welt fliegen, in Schanghai neun Euro für Filterkaffee bezahlen und irgendwann erkennen, dass es keinen Spielplatz ohne Zäune gibt. Keinen Job auf der Welt, der ohne Schreibtisch in völliger Muße funktioniert. Dass in unserer wunschlosen Vorstellung immer alles schöner ist. Noch viel schöner, am allerschönsten. Selbst die Realität. Aber von hier, aus der letzten Reihe, umgeben von 21 jährigen Masterstudenten und cremegelben Wänden thront diese Vorstellung in einem funkelnden Luftschloss meiner Fantasie. Es ist nicht leicht in diesem Seminarraum zu sitzen, wenn man schon Apfelmus vom Baum der Erkenntnis machen konnte und ausgerechnet heute, am ersten Tag, noch ein Hammerhonorar auf das Bankkonto seiner journalistischen Vergangenheit überwiesen bekam. Was zur Hölle tue ich hier? Lässt sich das noch mit Bauchgefühl oder strebsamen Portugiesinnen begründen? Mit horrenden Studiengebühren bezweifeln, oder mit fast tiefgefrorenen Käsecroissants aus der Kantine gar als absolute Schnapsidee verurteilen? Ruhig bleiben, ist ja erst Tag eins von 363 und ich habe immer noch nicht entscheiden, wer ich in meiner akademischen Peergroup überhaupt sein möchte. Der alles unterhaltende Mittelpunkt oder das sprachlose Geheimnis der letzten Reihe, das nur kommt, um wieder gehen zu dürfen und stets Besseres zu tun hat? Eigentlich will ich nichts sagen und trotzdem irgendwie gefragt werden. Ja, ich habe auch mal in Australien studiert und ja, ich komme schon länger nach Lissabon. Im portugiesischen Fernsehen war ich auch mal und am zweiten Tag schon nicht mehr in der Uni. Dafür glücklich surfend auf der anderen Seite des Flusses, der Lissabon davor bewahrt, irgendetwas mit dieser Sportart zu tun zu haben. Entschuldige den Ausflug, aber es war Sonnenuntergang, es wurde Vollmond, es war Bier nach einer vier Fuß-Session trinken, die gebrochen ist wie ein linker Pointbreak und definitiv besser, als mich mit meinen frisch vermählten Kommilitonen in Auslandsjahren zu messen. Alles, um der aufgedunsenen Behäbigkeit des Kennenlernens zu entfliehen. Gesprächen, in denen nur gefragt wird, um selbst reden dürfen. Voller Eitelkeit und Kalkül, die sich hinter guten Manieren und lächelnder Höflichkeit verstecken. Und das jetzt ganze zwei Jahre? Wenn schon sesshaft, dann so richtig? Dann in einer Konstellation, die sich anfühlt wie plötzliche Verpflichtung, die ich gar nicht habe kommen sehen. In der es nichts zu klären gibt, wie arrangierte Hochzeit, an der ich hoffentlich wachse und eben viel über Auslandssemester in Australien reden muss. Verdammt bin ich glücklich! Weil ich gefunden habe, für was ich gekommen bin und die Dealer in meiner Straße endlich aufgehört haben, mich nach Haschisch zu fragen! Surfen, Schreiben und das Letzte verrate ich nicht! Obwohl das sicherlich niemanden so brennend interessiert, wie mich selber und vielleicht einen indischen Kioskbesitzer, den ich mittlerweile sogar mit Vornamen grüße, wenn ich mir zum Wochenende meine Marlboros kaufe. Er heißt Ashish, hat meinen Namen wahrscheinlich schon wieder vergessen, und seinen Laden zum muslimischen Opferfest geschlossen, weil er unbedingt mal selber eine Kuh schlachten wollte. Gleich um die Ecke ist ein Platz, an den ich mich gerne mit meinen Notizen zwischen die Menschen setze und schräg gegenüber ein Straßenstrich, der steil bergaufgeht. Lissabon ist eine Goldgrube! Man muss nur vor die Tür gehen und kräftig einatmen. Im Erdgeschoss meines Hauses hat ein Ukrainer ein vegetarisches Restaurant eröffnet. Heißt für mich bald einen Stammgastrabatt und hungrige Frauen, die auf ihre Ernährung achten. Das wäre dann eine Gepflogenheit oder eben genau das, was ich nie hatte. Ich weiß, wo man mitternachts hier noch portugiesische Brötchen herbekommt und war gestern bei einem pakistanischen Friseur, der wegen seiner kurzen Arme und hervorstehender Plauze wirklich geradeso meine Frisur erreichen konnte. Kann das alles noch Zufall sein? Wobei ich Wandstuck erst einmal haben musste, um zu merken, dass ich ihn schon immer wollte. Und diese romantisch hervorstehenden Balkone, die ins Dachgeschoss gebaut wurden, damit man sie morgens mit einem Kaffee betritt und beschließt, dass das Leben gut ist! Alleine die Vorstellung mit so einem Balkon zu wohnen, ist von hier unten so schön, dass ich gar nicht wüsste, ob ich überhaupt einziehen würde. Fantasy Love, denn es kommt schließlich nicht auf den Kater an, sondern wo man damit aufwacht! Mir jetzt zu folgen, wird genauso schwer, wie mit deinen Augen bei deiner Freundin zu bleiben, wenn hinter ihr gerade eine dieser Frauen vorbeiläuft, die ich dir gerne vorstellen möchte. Also konzentrier dich! Solange wir sie nicht ansprechen, kann sie alles sein. Alles, was wir sie sein lassen möchten. Eine klavierspielende Human Rights-Studentin, die manchmal alleine in den Park geht. Eine von drei italienischen Geschwistern, die Fernando Pessoa zitieren kann und trotzdem den Refrain von “In Da Club” kennt; sich ihrer bezaubernden Wirkung vollends bewusst ist, aber weiß, dass ein vollendetes Äußeres nichts weiter als ein Geschenk Gottes ist. Oder eben schlichtweg der Traum deiner durchgefeierten Nächte, der dich immer wieder nach draußen treibt. Auf die Suche nach Geschichten, deren Vornamen du noch nicht kennst. Es geht hier nicht ums Ficken, sondern den Reiz des Unbekannten. Darum, sich in den Blicken und Gesten des anderen, wahrzunehmen, wiederzufinden und letztendlich selbst zu spüren. Wer ist Sie? Was isst Sie? Und wie ist Sie überhaupt hier hergekommen? Soll das alles eine Lektion sein, in der man lieber höflich bleiben sollte, weil man sich immer zweimal sieht, wenn man nicht ständig die Zeitzone wechselt? Zu spät, wenn im Lux das Licht angeht und man mit einer betrunkenen Pocahontas in den elektronischen Sonnenaufgang guckt! Haselnussbraun, Haare wie schulterlange Seide, den Sonnenaufgang meine ich. Aus dem Katalog ausgeschnitten und direkt neben mich auf diese Terrasse gestellt. Wer glaubt, dass dieses zu perfekte Frauenbild aus dem Fernsehen stammt, sollte mal auf dieser Terrasse vorbeigucken. Oder morgen Nachmittag in Praia Grande. Dort (und auf dieser Seite etwas weiter unten) liegt die […]

AMOURÖS

Liebesgrüße aus einem Leben im Urlaubsmodus. Meinem Farn geht es prächtig und mir übrigens auch. Wolkenlos und vollgegessen. Mal verkatert, mal ausgesurft, lässt sich die Leichtigkeit eines Freitagvormittags hier von Montag bis Sonntag genießen. Am Stra­nd zwischen Ärschen, von denen einer braungebrannter ist, als der nächste. Einer beschäftigter, als der andere, weil es Knochenarbeit gleichkommt, von morgens bis abends so unantastbar wie möglich zu bleiben. Morgens bin ich in Praia Grande fast am Espresso ertrunken und abends habe ich auf einer Charityparty trockenen Rotwein mit dem österreichischen Botschafter gekübelt. Er im eleganten Leinenhemd und ich in abgeschnittenen Jeanshosen. Umzingelt von weiß gedeckten Tischen auf englischem Rasen, die durch dezente Gitarrenmusik bis zur Kulisse eines südeuropäischen Liebesfilms aufsteigen. Vorspeisen, Hauptgänge und für jede Lebenslage das richtige Besteck. Portugiesisches Highlife möchte ich meinen, das all die Dinge richtig macht, die andere wohl falsch machen. Einfach grenzenlos erlaubt, sich an einem Montagabend die Kante zu geben, ohne dafür Dienstagmorgen gerade (auf) zu stehen. Immer ruhig zu schlafen, weil teure Villen nicht in Autobahnnähe gebaut werden und die Milch im Kühlschrank einfach nie ausgeht. Weil Umtriebigkeit irgendwann gezwungener Maßen zu einem gemütlichen Boxspringbett führen muss und die Menschen auf Lissabons Kopfsteinpflaster natürlich selbst für ihre Umstände verantwortlich sind. Schon mal zum Platzen vollgefressen an einem Obdachlosen vorbeigegangen? Nicht an einem der fordert oder Haschisch verkauft, sondern dich bettelnd keines Blickes würdigt. Nicht aus angetrunkener Überheblichkeit, sondern weil ihm die Würde fehlt, um aufrichtig nach vorne zu gucken. Demut ist kraftvoll und eines der wichtigsten Bestandteile eines soliden Charakterbaukastens, auch wenn er das Fischbrötchen am Ende gar nicht wollte! Wann sind genug zu viel und die Gründe zum Entsagen zu wenig? Genug Freitagvormittag? Genug Fischbrötchen? Genug gegossen? Meinen königlichen Schwertfarn meine ich, denn wie mir eine durchreisende Französin mit Naturtalent einst zu verstehen gab, verlangt diese Pflanze eine ganze Menge Aufmerksamkeit (also nun auch genug französische Gartenratschläge?). Wann fängt es hier mittwochs mal an zu regnen, damit man sonnige Freitagvormittage wieder richtig zu schätzen weiß? Immerhin sehe ich den Sand vor lauter Ärschen nicht und finde die Verpflichtungen eines vollen Kühlschranks geradezu erdrückend! Immerhin hast du für das Steak bezahlt, das morgen schlecht wird. Freimütig gesagt, will ich etwas tun müssen, was ich nicht tun will und bei Partys endlich wieder eine Jacke tragen. Das passt irgendwie einfach besser zu mir und dem Wunsch meiner schwitzenden Ausstrahlung, eigentlich immer etwas Besseres zu tun zu haben. Mit israelischen Stewardessen im Casa de Alentejo zu Abend essen, ist besser. Artikel zu schreiben, die dann sterilisiert und ohne Zunder Platz in irgendwelchen Tageszeitungen einnehmen, definitiv nicht, und Menschen, bei denen man das Größte seiner Selbst sein kann, das Allerbeste. Nicht das Beeindruckendste oder Erstrebenswerteste, sondern schlichtweg das Ehrlichste. Denn eigentlich ist man nicht nur in jeder Sprache, sondern im Umgang mit jedem Einzelnen ein doch etwas anderer Mensch. Was für ein Wahnsinn das sein muss, wenn man bedenkt wie viele Einzelne sich wohl gerade an die Bars auf Lissabons Dachterrassen drängen. Orte, von denen ich nicht weiß, ob sie die schlimmsten oder besten Orte sein sollen, die je gebaut wurden. 95% von woanders. 75% davon Single, 61% Single mit Sonnenbrand, 58% weiblich, 22% mein Fall, 9% Französisch und bis Mitternacht kein Prozent genau mein Fall:

Kein Prozent: “Lissabon passt zu dir, aber nicht für immer”
Ich: “Was passt denn zu mir, für immer?”
Kein Prozent: “Nichts!

80% hier, um Menschen zu treffen, mit denen sie nicht hergekommen sind. 90% davon voller Selbstregulierung und Smalltalk. Haben die französischen Airbnb-Touristinnen, mit denen ich diesmal nicht Rauchen konnte deswegen aufgehört, wehzutun? Denn am meisten fehlen doch immer die, die man gestern nicht getroffen hat. Immer die, die man nicht angesprochen hat und immer die, die man noch nicht nackt gesehen hat. Kommen wir zum Punkt, reißen wir Kulissen ein. Im Notfall mit dummen Sprüchen, irgendetwas das provoziert und etwas von dir preisgibt, etwas, das hinter teurer Mascara und deinen Hobbies liegt. Und wenn nicht? Sind wir immer noch in einer der schönsten Städte der Welt, der wohl schönsten Europas. Gesund, ledig, gelangweilt. Trinken Gin auf einer Dachterrasse und blicken von hier voller Erwartungen in eine vollgepackte Zukunft und die Ponte 25 de Abril. Kann das Liebe sein? Eigentlich nicht, zumindest nicht nach dem Aufstehen. Wo sich in diesen Zeilen nun endlich ein paar schöne Portugiesinnen verstecken? Am Strand! Zu beschäftigt, damit schön zu sein. Noch schöner! Eine schöner als die andere. Haselnussbraun, Haare wie schulterlange Seide. Aus dem Katalog ausgeschnitten und hier in den Sand gesetzt. Wer glaubt, dass ein perfektes Frauenbild nur aus der Werbung stammt, sollte sich in Praia Grande an den Strand setzen. Voller Unsicherheit und katholischem Traditionsbewusstsein, dass jede Liaison verbietet, aber hauchdünne Bikini-Strings erlaubt. Die Liebe deines Lebens, gefangen hinter braun gebrannter Unnahbarkeit und bewacht durch die drohenden Ressentiments ihrer Freundinnen und Großväter. Natürlich nicht alle, aber alle Blicke, die ich damit meine, schauen durch dich durch, obwohl sie dich im innersten vielleicht sogar heiraten würden. Egal! Also zurück […]

SESSHAFT

Ich bin so oft schon durch diese Gassen gelaufen. Verloren gegangen über Kopfsteinpflaster, das durch die Jahrzehnte von Sandalen und Turnschuhen bis aufs Zahnfleisch poliert wurde. In festen Schuhen hält es ja kein Tourist aus, weil Urlaub immer irgendwas mit Flipflops zu tun haben muss, obwohl man sich nach acht getrost einen Mantel über die sonnenverbannten Schultern werfen kann. Von oben, über der Stadt, dort wo Tinder-Dates zu richtigen Beziehungen reifen, ist alle vier Minuten ein neues Flugzeug voller Erwartungen im Anflug. Von hier unten ein Orgasmus der Reiseromantik, ein Fernwehporno, trifft ein Kondensstreifen auf den nächsten. Wo fliegt der wohl hin, wo kommt der wohl her? Ein richtiges Vorstellungsidyll, das viel zu weit weg ist, um die Wahrheit zu sagen. Denn eigentlich ist im verspäteten Flieger aus Boston langsam die Luft leer. Sitzen kann nach zehn Stunden auch kein Schwein mehr und der Anschlussflug ist schon längst wieder im portugiesischen Nachthimmel verschwunden. Endlich gelandet, kommt die Rolltreppe erst, nachdem sich jeder Passagier voller Verlustängste an sein Handgepäck klammert und so den Piloten provoziert, endlich diese scheiß Tür aufzumachen. Stehend lässt sich die Zeit natürlich am leichtesten vorspulen, auch wenn das Aufgabegepäck versehentlicherweise doch in Boston vergessen wurde. Ein großes Airline-Entschuldigung und eine Packung Haribo! Wer die Dinge lieber lebt, als sie zu träumen, muss das mit der eigenen Fantasie bezahlen. Die Hürden des Alltags an einen Ort schleppen, der sonst eigentlich nur Urlaub bedeutet. Klopapier kaufen, Zahnarzt besuchen, die ganze Wahrheit portugiesischer Hinterhofromantik ertragen. Mit Menschen und ihren Wäscheleinen hinter glänzenden Fassaden. Bettlacken und Schlüpfer hängen wie Blätter über Essensresten und aufgerauchten Camel Lights. Mittlerweile grüße ich den dicken Chinesen gegenüber immer mit einem vorsichtigen Kopfnicken, das man auch als Nichtnicken interpretieren könnte. Morgens hustet sich ein alter Portugiese für eine Viertelstunde von seinen Camel Lights frei und abends hängt ein durchtrainierter Angolaner seine verschwitzten Handtücher zum Trocknen auf. Was die wohl von mir denken? Immerhin steht meine Balkontür 24 Stunden offen und bis neun tragen ich und mein Besuch nicht mal einen Bademantel. Lissabon ist nicht neu, aber anders. Wie eine lange Beziehung vor der ich mich so fürchte. In der man sich gerade neu kennenlernt und plötzlich all die Plätze vermisst, die man noch nicht besucht hat. Die Nirgendwos zwischen den Irgendwos, weil der Alltag von Menschen immer noch spannender ist, als ihre Abenteuer. Das heißt endlich eine Zimmerpflanze. Endlich Verantwortung übernehmen. Nur wie oft gießt man einen Farn, der schon vor 300 Millionen Jahren, weit vor den ersten Zimmern, für ordentlich Ambiente gesorgt hat. Die Oma im Blumenladen zeigt mir wie viel, nur wie oft kann mein spärliches Portugiesisch nicht wirklich sagen. Einmal die Woche? Einmal im Monat? Jeden Tag? Scheiße, das wäre zu viel! Alltag heißt auch: einmal Ikea und eine Offenbarung dessen, was im Leben nun wirklich zählt, was ich wirklich brauche. Kissen, Brettchen und eine silberne Schreibtischlampe. Ein widerverwendbarer Weinverschluss und mein Leben in Kisten. Entschuldigung, wo finde ich Korkmatten, mit denen ich mein knacksendes Bettgestell ruhigstellen kann? Es könnte immer noch mehr sein! Noch mehr Möbel, noch mehr Geld, noch mehr Wellen, noch mehr Handyakku! Es könnte aber auch noch weniger sein! Weniger Sonne, noch weniger Geld und dazu vielleicht auch noch Durchfall. Alles eigentlich die reinste Perspektivfrage. Ein Beispiel: Die letzte Woche haben wir in einem offenen Land Rover verbracht, der 1982 gebaut wurde und schon den Weg zum Strand zu einem Roadtrip werden lässt. Eine ganze Woche nur mit 60 km/h unterwegs zu sein, hat mir generell mal gut getan, obwohl der ständige Fahrtwind zu einer Nasennebenhöhlenentzündung und die pralle Mittagshitze zu einem gesunden Sonnenbrand geführt haben. Jedenfalls, um endlich etwas Sinn in diese selbstverherrlichende Grammatik zu bringen, war die Tankanzeige defekt. Genauso wie der Tempomat und der Rückwärtsgang. Illegal war das ganz ohne Sicherheitsgurte sowieso. Stehen geblieben, sind wir aber nicht in der Hektik einer Innenstadt oder der Einöde einsamer Landstraßen, sondern auf einem Seitenstreifen, der direkt zu einer Tankstelle führte. Kann das Zufall sein? Oder ein Lebenszeichen, was uns sagen will, dass wir es verdammt noch mal richtig machen? Vielleicht auch einfach nur solides Saldo auf dem Karmakonto, weil wir beim Fahren immer Rodriguez hören (I wonder) und gestern zwei Portugiesinnen aufgegabelt haben, die mit ihren Fahrrädern anscheinend durch einen Baumarkt gefahren sind. Meine Zimmerpflanze habe ich natürlich vergessen zu gießen, obwohl mir mein Besuch an diesem Morgen noch gesagt hat, dass solche Pflanzen eine ganze Menge Aufmerksamkeit brauchen. Natürlich auf Englisch! Französisch spricht hier keiner. Irgendwie interessant, dass man in jeder Sprache ein anderer Mensch ist. Mein deutsches Ich ist gelangweilt, mein englisches zu direkt und mein portugiesisches noch nicht vorhanden. Wir schreiben übrigens das Ende des Beispiels! Die kurze Atemnot, die mich an meinem ersten Morgen in der neuen Sesshaftigkeit geweckt hat, ist lange verflogen. Ich habe aufgehört auf dem Bürgersteig ständig Leute zu überholen und spaziere mittlerweile, ohne zu schwitzen. Nächste Woche zieht eine Italienerin in unser Apartment. Hoffentlich nicht zu attraktiv, sonst muss man auf dem Weg zur Dusche schon geduscht haben. Ich habe mein Leben eingerichtet und mit einem Mädchen oben, über der Stadt, umzingelt von Tinder-Dates und Kondensstreifen […]

GUSTO

Ich habe für zwei Wochen keinen Weg auf mich genommen, den ich nicht bequem mit dem Skateboard hätte erledigen können. Ich habe Notizen ausgehalten, bis sie zu richtigen Geschichten gereift sind und meinen Bademantel einfach bis zum Mittag anbehalten. Hobby: Drei Bücher zum Nahen Osten in vier Tagen lesen und mit Hund im Wald spazieren. Alles überdurchschnittlich gut gebräunt. Ein paar Bilder von mir und dem Hund aus dem Wald gibt es auch, nur dann kam Kopenhagen. Ich wollte diese Geschichte eigentlich “Dilettant” nennen, nur dann kam Kopenhagen. Bis dahin hatte ich mir eingebildet, dass nichts so spannend ist, wie Urlaub im Nirgendwo. Bewusst Leben mit Müsli zum Frühstück und keinem Schnitzel mehr nach den Tagesthemen. Nur dann kam Kopenhagen. Bewusst Leben! Sich also permanent bewusst sein, dass alles eigentlich nur eine Show ist, die Erde eine Kugel und dann ab in die Klapse. Oder eben nach Kopenhagen. Fakt ist, dass es Luxus ist, wenn mir jemand auch nur einen Euro dafür zahlt, dass ich dort mal wieder die Zeit meines Lebens hatte. Gut, der Abschied. Immer wieder der gleiche Blues: wieder verkatert, wieder ein bisschen verliebt, wieder zu spät für den frühen Flug. Mir fehlen die Stunden, die wir nicht zusammen verbracht haben. Auch, wenn es immer mehr sein könnten und immer weniger, wenn es dann doch zu viele waren! So wie mit dem Geld, der Zeit oder Tequila. War es deswegen so schwer einen Artikel über diesen Wahnsinn zu schreiben, ohne sich mit zu viel Seriosität vor Skateboarding oder zu viel Skateboarding vor der Seriosität lächerlich zu machen? Fakt ist, gegen die Kopenhagen Open wirkt das Streetleague-Ereignis vor zwei Wochen, wie ein überteuerter Clubbesuch, in dem beim Tanzen plötzlich das Licht angeht und man seine müden Augen nicht mehr im Disconebel verstecken kann. Es ist grell, es ist warm, es ist noch viel greller und leider die Wahrheit. Was für ein Stilmittel! Jedenfalls Franky Villani, einer von zehntausend Skateboardprofis. Muss man nicht kennen, wenn man im Mittelfeld groß geworden ist, kannte ich bisher auch nicht, aber dann..kam Kopenhagen. Dieser Publikumswonneproppen steht, wie kein anderer für die Fleischwerdung des Skateboarding und den alten Schulfreund von damals, mit dem man nachmittags immer Cornflakes gegessen und King of Queens geschaut hat. Mein persönliches Highlight und was für schöne Erinnerungen! Damals, als das viele Reisen noch eine leidenschaftliche Utopie war, eine nicht enden wollende Begierde, eine ungestillte Sehnsucht oder einfach viel zu teuer. Oder damals, als sich die Stimme der Strandpromenadenmusikerin in Tel Aviv eingebrannt hat, wie ein unvergesslicher Sonnenbrand. Oder damals, als mir meine Oma sagte, dass ich so schön volles Haar habe und seither keine Mützen mehr getragen […]

TRUBEL

Frankfurt, wie immer. Hätte ich eine Frisur, würde die wahrscheinlich sitzen. Paris, Charles de Gaulle, vom Bus direkt in den Transit. Drinnen heißer als draußen, aber kein Grund, weshalb die Frisur hier nicht sitzen sollte. Keine Klimaanlage zum Ausfallen, kein laues Lüftchen. Nur viel zu wenig Schinken für ein belegtes Brötchen dieser Preisklasse. Selbstverständlich reklamiert. Wie es sich für einen richtigen Terminal Zwei eben gehört. Und in Biarritz? Wind, Regen, die Frisur scheißegal. Außer für einen braun gebrannten Herren im roten Cabriolet, der gerade noch versucht seine gekämmte Ordnung durch den Fahrtwind bis auf den Parkplatz zu retten. Grünes Poloshirt, weiße Haare, gelbe Gauloises. Ein richtiger Regenbogen. Woher ich das weiß? Weil ich ihn gerade nach einer Zigarette gefragt habe. Ich warte auf ein Taxi und er auf einen Golfkumpel aus Genf. Er sieht aus, wie jemand, der mit Urlaub mehr Geld verdient, als andere in Überstunden und redet mit der Leichtigkeit eines kiloschweren Bankkontos über die kleinen Dinge des Lebens. Haus am Luganersee, Segeln mit irgendeiner Schauspielerin, die ich seiner Meinung nach kennen müsste. Gal Gadot? Nein! Dafür kenne ich den Luganersee! Aus den Lebensgeschichten meiner fast 80-jährigen Lektorin, bei der ich mich erst letzte Woche mit einer Packung Pralinen und einer Flasche schlechtem Rotwein blicken ließ, um mal ohne Tastatur Danke zu sagen. Dass die Flasche danach leer war, obwohl des draußen noch viel zu hell war, ist ein anderes Thema. Wieso er sich nicht mit seinen kurzschwänzigen Kumpels in Monaco um die Wette misst, will ich wissen -hier am Atlantik fällt man doch beim Bezahlen schon mit Kreditkarte auf? Ich liebe Biarritz und jemand in Biarritz liebt mich. Kein Wunder! Ich liebe Biarritz auch. An einem Freitagabend trifft man hier die schönsten Frauen der Welt. Erstens, weil ich in Kolumbien oder Venezuela noch nicht war und sie in Norwegen wahrscheinlich zu viele Mützen tragen. Hier ist es heute viel zu heiß für lange Hosen, aber feste Schuhe werden in unbekümmerter Küstennähe zu einem Statement. Die Luft steht zwischen rauchenden Touristen und markanten Augenbrauen in roten Sommerkleidern, die mich nur bedingt auf die Unterhaltung konzentrieren lassen, die wir gerade führen. Jaja, ständige Veränderung kann irgendwann auch zur Gewohnheit werden und ja, es ist voll hier. Auf die Einbahnstraßen hat man Esstische gestellt. Rotweinatmosphäre, die von Antiterrorarchitektur und tonnenschweren Steinquadern beschützt wird. Große Fische vor kleinen Gläsern. Viele von hier, die meisten von woanders. Alle Hauptsache draußen, denn drinnen wird Bier bestellen zur Sauna. Überall Gemenge. Französisches Gelächter in baskischen Straßen voller Tradition und jungem Putz. Eine frivole Ode, aber ich schreibe ja keine Romane. Aber wenigstens noch all die parkenden Motorräder erwähnen (verdammt, ich brauche endlich ein Motorrad). Und vielleicht noch all die Händchen haltenden Traumfrauen mit knallroten Lippen (verdammt, ich brauche endlich eine Traumfrau ohne Händchen oder Träume ohne Lippen). Momente voller Ambiente, die nur darauf warten, gelebt zu werden. Ob unbedingt bis nach Mitternacht kann ich bei dieser Hitze nicht genau sagen. Scheiße ist das heiß! Und der Typ neben mir trägt sogar Levis, Stiefel und Schalenhelm ohne zu schwitzen. Cool und gelassen. Bewundernswert bis auf das Wohlstandspläuzchen. Dann lieber mit gutem Stoffwechsel unter verschwitztem Blickkontakt. Wie gerne würde ich morgen früh in einer Jugendstilvilla mit Balkon und verwildertem Garten aufwachen, der innerhalb seiner Mauern wuchern kann, wie er will. Schon vor neun Zigaretten rauchen und schwarzen Kaffee trinken, weil knallrote Lippen flüstern, man würde ewig leben. Nimmt man […]