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BYND

Konstantin Arnold

HABITUS

HABITUS

Gegenüber des Museo Calouste Gulbenkian, dem besten Museum mit dem besten Garten der Stadt, gibt es die besten grünen Oliven der Stadt. Steht man unmittelbar vor dem Haupteingang, begibt man sich einfach die zu großen Treppenstufen hinunter, biegt an der Hauptstraße nach rechts ab und verläuft sich von nun an, weil ich den Weg nicht weiter beschreiben möchte. Diese Oliven sind zu gut und zu billig und zu wenige, damit wir sie teilen könnten. Ich habe endlich Gold gefunden, nachdem ich mich bis zur Magenverstimmung durch die Tagesgerichte sämtlicher Tascas der Stadt gegessen habe. Der Stockfisch schlecht, die Chorizo zu fett oder einfach keine ansehnlichen Menüs, die von ansehnlichen Kellnerinnen transportiert werden. Und plötzlich stand sie da! Wie ein Eisbein in der Wüste. Einfach in das Erdgeschoss eines traditionellen Wohnhauses gezimmert. Grelles Licht, keinen Fernseher und eine riesige metallische Theke für sterile Stimmung, wie auf dem Operationstisch. Voller Fliesen. Noch ein paar ständig stehende Opas, die über Fußball reden und eine Zeitung vor sich liegen haben, weil neben Kaffee und Shamusa eben noch Platz ist. Gut geschlagenes Bifana mit Käse und Knoblauch und Piri-Piri, das du nur essen solltest, wenn du heute Abend nicht mehr küssen möchtest. Nicht zur Begrüßung, sondern so richtig, mit Zunge. Generell solltest du dich nach dem Mittag erst einmal hinlegen, weil du ein Kind aus drei Gängen mit dir rumträgst und wegen des Rotweins auf nüchternen Magen, etwas zu fröhlich für 14.30 Uhr bist. Aber keine Sorge! Carolina, eine 120 Kilo-Wirtin, die ihres Charakters nach zu urteilen jedoch ein absolutes Topmodel ist, pflegt zu sagen, dass jedes Essen erst durch Alkohol zu einer richtigen Mahlzeit wird. Also, verabschiede dich dankbar und versprich Carolina, dass du morgen unbedingt wiederkommen möchtest. Und dann, versuch dein Glück! Trau dich, finde dein Aschenputtel im Gastronomie-Gewerbe, von dem du selbst niemandem erzählen möchtest. Nicht einmal deinen Freunden. Ich finde, jeder sollte einmal alleine in einem solchen Restaurant gegessen haben, Mittag oder Abendbrot, ganz ohne Ablenkung auf das, was um dich herum passiert. Man muss die Wege dorthin nur kennen, um sich später über Umwege ärgern zu können. Und warum das ganze Essensgefasel? Weil man die Dinge leider nicht einfach so sagen kann. Man muss sie verpacken wie Weihnachtsgeschenke und verkaufen wie ein Marktschreier. Lieber zweimal lesen, als kein Mal. In irgendeinem sinnstiftenden Rahmen, in […]

KAVALIER

KAVALIER

Mir ist das Ansprechen vergangen. Das Überzeugen, das Begeistern und sogar die, die dort drüben im senfgelben Pulli steht. Mir sind die Worte ausgegangen. Einfach alle verbraucht. Jetzt bleibt mir nichts anderes übrig, als bis zum Frühling mit Mantel in der Ecke zu stehen und an meinem Cognac zu nippen. Nicht zu schnell, denn noch einen kann ich mir nicht leisten. Entschuldigung, hättest du vielleicht eine Zigarette? Keine Sorge, diese Worte habe ich noch zu genüge auf Halde. Für die zu langen Nächte in kurzen Geschichten. Für zu viel getrunken, für zu viel geraucht. Für zu viel von zu vielem, nur eben zu wenig geschlafen. Eine ganze Generation voll bis unters Dach, bis genug zu viel ist oder die Kopfschmerzen länger bleiben, als einen einzigen Vormittag. Ich will nicht schneller reden, als meine Taten sprechen könnten, nichts vom Krieg erzählen, nichts klarstellen, obwohl es gar nichts zu sagen gibt. Nur, was sollte ich sonst tun, wenn ich nicht tanzen möchte? Nicht, dass ich nicht tanzen würde, aber ich entscheide mich eben ganz bewusst, es nicht zu tun. Sollten Männer überhaupt Tanzen? Natürlich, aber dann ganz oder gar nicht! Nicht zu irgendeinem Lied, mit irgendeiner Frau an genau diesem Ort. Sondern zu genau diesem Lied, mit genau dieser Frau an irgendeinem Ort. Nur, weil man gerade nichts Besseres zu tun hat oder es einfach nicht aushält, die eigenen Waden für ein paar Minuten stillzuhalten. Überall Gemenge. Portugiesisches Gelächter in hohen Räumen voller Tradition und jungem Putz. Musik, die klingt wie eine frivole Ode, in der alle einfach nur mittanzen. Schau genau hin, Herrgott, sieht das doof aus. So ungefühlt und unecht. So scheiße ich kann den Text nicht, will meine Lippen aber trotzdem bewegen. Dann noch Arsch an Schwanz, weit vor Mitternacht und Wortfetzen, die man nicht verstehen muss, um sie waden-wippend in den Gehörgang des Weibchens zu prügeln. Männer begehren und Frauen begehren die Begierde des Mannes, aber nehmt euch doch ein Zimmer, oder einfach einen Hocker an der Bar. Redet über die Mitesser, die hinter teurem Makeup liegen. Das Wetter wäre auch ein Thema. Immerhin baue ich mittlerweile eher auf den Sommer, als auf portugiesische […]

SAUDADE

SAUDADE

Gleich laufe ich wieder durch diese Straßen. Gleich atme ich wieder warme Luft, die riecht, wie frisch gewaschen, aber kurz vor dem Trocknen schon zusammengelegt wurde. Gleich fahre ich wieder ein Auto ohne Hupe durch das Herz einer südeuropäischen Hauptstadt. Wie ein Ritter ohne Rüstung. Gleich stehe ich wieder auf meinem Balkon und bekomme ein schlechtes Gewissen nur wegen des Ausblicks. Gleich will ich mich von hier in irgendeinen Freitagabend dieser Stadt stürzen. In eine leicht verregnete Aussicht, die fast vibriert und doch so greifbar ist, wie Wolken. Natürlich gar nicht so leicht in dieser Geschichte die Sonne scheinen zu lassen, wenn die Menschen draußen Handschuhe tragen und man nicht vom Ausdenken lebt, sondern alles aus Realität gewinnt. Sie presst wie eine junge Nektarine. So aufregend, so unreif und so vergänglich. Gleich, aber nur wenn der Abend nicht allzu lang war, schreibe ich, bis das Wetter besser wird, jeder Moment unvergänglich, und endlich unendlich bis zum Punkt am Ende eines Satzes. Gleich esse ich in grellen Straßenrestaurants von matten Aluminiumtabletts, die vor Abnutzung und saftigem Picanha strotzen. Weiße Einwegtischdecken zum Wegwerfen, als ob nichts gewesen wäre. Trinke roten Wein aus gläsernen Karaffen, bis alle Menschen Freunde werden. Manchmal fehlt mir die Lust auf Leute, aber meistens fehlt mir noch mehr Lust auf keine Leute, weil ich dann doch zu gerne über mich selber rede. Und jetzt? Gerade jetzt will ich in Lissabon wohnen und nicht woanders davon erzählen. Ich will irgendeine Bar so oft besuchen, bis sie Gewohnheit wird und mit kleinem Kaffee Zeitung lesen, ohne dabei gesehen zu werden, wie ich mit kleinem Kaffee Zeitung lese. Sein, statt gelten. Leben, was man leben kann und reden, was zu leben noch möglich ist. Ich will diesen Lebenshunger stillen, auch wenn ich hier selten bestellen konnte, was ich gerne gegessen hätte. Dafür ist mein Bar –und Bäckereivokabular erste Sahne. Ein paar lustige Wörter kenne ich auch, wenn es darum geht, eine Portugiesin in einer kurzen Unterhaltung zum Lachen zu bringen. Traue dennoch keiner Frau, die nachmittags keinen Wein mit dir trinken würde. Ihre Regeln nicht für dich bricht! Keine Moral besitzt, die […]

BOHEME

BOHEME

Willst du dich setzen? Ich bin sowieso eine gesunde Stunde zu früh, aber liebe es zu warten. Wieso? Um mit der Gewissheit, dass gleich etwas passiert, in einem traditionellen Straßencafé zu sitzen. Einem dieser Sechsecke, die nur aus einem Tresen, einer Bedienung und einem Moment bestehen. Grüne Metalltische, die Orte erst zu richtigen Plätzen werden lassen. Mitten auf einen breiten Bürgersteig gestellt oder direkt zwischen Ampeln und Ahorn. Irgendwie arrangiert. Denn zu viel Freiheit kann irgendwann auch zu einem Gefängnis werden. Hauptsache es gibt genug Straßen, genügend Möglichkeiten, aus denen man kommen könnte. Wenn man jetzt noch ein drittes Imperial bestellt, den Stift mal beiseitelegt, könnte man meinen, Lissabon wäre das Paris der 20er im Jahr 2017. Denn alles, was Boheme wirklich braucht, sind schwarzer Kaffee, ein Thema und zwei Menschen, die sich für Künstler halten. Gewagte These, die glaubhaft wird, wenn man gerade aufgehört hat “Paris – Ein Fest durchs Leben” anzufangen. Wenn sich die späte Sonne im glatten Kopfsteinpflaster spiegelt und die Welt und ihr Laub in ein Licht taucht, das viele gerne als Filter auf ihrem Handy hätten. Wie gesagt leicht einen Sitzen und umrungen von romantisch hervorstehenden Balkonen, die ins Dachgeschoss gebaut wurden, damit man sie morgens mit Kaffee betritt und beschließt, dass das Leben gut ist. Bisher konnte ich mich vor lauter Sehnsucht nicht sattsehen. Zu schön die Vorstellung mal mit solch einem Balkon zu wohnen, den ich jetzt, dank hoher Miete, betreten darf. Fantasie mit Realität bezahle. Immer in den fünften Stock laufe und erkenne, wie verdammt heiß es im Dachgeschoss wirklich ist. Fantasy Love, denn es kommt schließlich nicht auf den Kater an, sondern wo man mit ihm aufwacht! Lebt, wo andere Urlaub machen. Richtig liegt, wo andere falsch liegen und es irgendwie schafft, trotz Berufsverkehr und Flugverspätung […]

TABU

TABU

Mir bleiben zwei Nächte im fünften Stock einer großen Wohnung am Mercado de Arroios. Es gibt noch kein warmes Wasser, aber kaltes, das zumindest nicht mehr nach Schwimmbad schmeckt. Einen schicken WLAN Router, nur noch keine Kaffeetasse, die alles gut werden lässt und auch noch kein schweres Whiskeyglas. Noch keinen Kühlschrank, aber unbenutzte Weingläser und eine Flasche russischen Wodka. Die Haustür lässt sich mit einem Autoschlüssel öffnen und von der Matratze auf dem Fußboden, kannst du ohne Glühbirnen bis nach Graca gucken. Ich habe ein großes Schneidebrettchen gekauft, obwohl ich eigentlich nur essen gehe. Ich habe nach gutem Geschirr geschaut, obwohl ich in meiner Freizeit lieber nach besseren Wörtern suche. Ich habe einen einstigen Albtraum wahr gemacht und Dinge gekauft, die mich am Boden halten. Waschmaschine, Klobürste und Esstisch. Am Boden einer großen Wohnung mit kleinem Balkon über den Dächern einer Stadt, in der du nachts nur schwer von einem noch besseren Leben träumen könntest. Morgens weckt dich ein Augenblick, für den andere vor Sonnenaufgang extra auf einen Berg klettern. Für den du nichts, als aufwachen brauchst. Und abends hupen dich die Portugiesen in den Schlaf. Fast zu schön schien diese Vorstellung, mal mit solch einem Balkon zu wohnen, den ich jetzt, dank hoher Miete, betreten darf. Fantasie mit Realität bezahle. Immer in den fünften Stock laufe und erkenne, wie verdammt heiß es im Dachgeschoss wirklich ist. Fantasy Love, denn es kommt schließlich nicht auf den Kater an, sondern wo man mit ihm aufwacht! Lebt, wo andere Urlaub machen. Wegfliegt, wo andere zuhause bleiben und richtig liegt, wo andere falsch liegen. Dank ziemlich teurer Matratze. Ich habe einfach alles vermisst. Den Verkehr, die vollgepackten U-Bahnen, den Schweiß, der dir die Stirn herunter rinnt, weil du im November endlich eine Wollmütze tragen möchtest. Die schmuck gekleideten Frauen, die zierlichen Fassaden. Den Klang der Stöckelschuhe, die in eiligem Tempo über glattpoliertes Kopfsteinpflaster geschliffen werden, das voller Laub und besetzten Bänken ist. Sogar den Fado! In Melodien gefasste Minderwertigkeitskomplexe eines stolzen Seefahrerstaates und sein vom Erdbeben gedemütigter Hochglanz. Lissabon ist ungestillte Sehnsucht, die man leben kann, ohne sie träumen zu müssen. Ein Film, in dem man unbedingt mitspielen möchte, auch wenn man als Statist nur im Hintergrund kleinen Kaffee trinkt. Aber ein Teil davon ist, von dem man keine Sekunde verpassen darf, weil es sich wie jugendliche Verschwendung anfühlt, auch nur einen Tag ohne dieses Treiben verbringen zu müssen. Nur vor die Tür, einatmen und Luft unter glühende Kohlen pusten. Diese Verve, die dich von einer Brücke immer wieder in ihre Stadt zieht, um dich mit deiner eigenen Wahrhaftigkeit bekannt zu machen. Lissabon ist eine Stunde früher, wenn in Deutschland am Morgen der Wecker zur Arbeit klingelt, wenn du zu spät bist, wenn du am Abend eigentlich ins Bett solltest, ist in dieser Stadt immer noch Zeit. Zeit, um vom Flughafen aus noch das Examen zu schaffen. Ich musste dich verlassen! Für einige Tage, die für eine ganze Ewigkeit sprechen können. Für Städte, die sich gegen dich […]

 

ALT GENUG

Auf meinem Schreibtisch steht eine angefangene Tasse Kaffee und eine leere Flasche Rotwein. Morgen und Abend. Meine Kerze ist durchgebrannt, mein Auto offengeblieben und der Wohnungsschlüssel steckt von außen noch in der Haustür. Ich habe vergessen, wie Samstagabend war, vergessen, was ich vergessen habe, Wasser zum Überkochen gebracht und die teuren Tomaten nach dem Bezahlen wahrscheinlich auf dem Kassenband gelassen. Und ich habe keine Ahnung, wie mein Portemonnaie dabei in meiner Hosentasche geblieben ist. Wir reden hier nicht von durchgezechten Nächten (nicht nur), sondern voller Pulle zwischen pflichtbewussten Lastern und lässigen Pflichten. Von allem nur das Beste. Morgens und abends. Zwischen dem Drang eines jeden Freitags und dem Wunsch guter Wellen am darauffolgenden Samstag. Surfen wäscht dich von deinen Sünden frei, spült dir die Marlboros aus der Lunge, lässt dich frisch und erholt aussehen, damit du noch einmal von vorne beginnen kannst. Bis hierher wusste ich nie, was morgen ist, konnte mich aber zumindest immer an gestern erinnern. Unsicherheit ist Teil meines Lebens, das sich die Dinge fügen, irgendwie auch. Dieses Urvertrauen ist unbezahlbar, teurer als jeder Fauxpas, wertvoller als jede Scherbe eines zu schnellen Lebens. Nur keine Angst, mein Opel fährt nicht schneller, als ich denken kann. Gerade mal 80! Aber das reicht zum Riskieren, zum draufgängerischen aufs Spielsetzen, zumindest, wenn jemand zuguckt, den ich gerne einmal küssen möchte. Immerhin besteht die Kiste aus Sekundenkleber und darf deswegen erst ab Mitternacht in den historischen Stadtkern. Dann gab es keinen Parkplatz und ich musste einfach direkt vor dem Verteidigungsministerium halten. Zu verlockend. Zu verboten. Glorreich gescheitert und Mutti eben doch wieder um Geld fragen. Zumindest, wenn niemand zuguckt, den ich gerne einmal küssen möchte. Aber keine Panik, auf der Bußgeldstelle sitzt selten jemand mit roten Fingernägeln, und seit es Instagram gibt, ist die Wahrscheinlichkeit gering, heute noch jemanden zu treffen, der wirklich Lederjacke ist. Hauptsache nicht noch ein Parkticket fürs Parkticket, weil Bezahlen in Portugal länger dauert, als jedes Bußgeld schmerzen könnte. Nummer 89 und wir sind erst bei 69. Freitagabend im Amt! Der Mann zu meiner Linken hört Astor Piazzolla auf einem benutzten Discman und die Frau zu […]

GRANTLER

Endlich ein neues Notizbuch begonnen. Feierlich mit schwarzem Tee und ohne Zucker. Ohne Anrede, weil Notizbücher natürlich nicht persönlich angesprochen werden wollen. Ein neues Kapitel, das mit Bauarbeitern und Bifana in einer Mittagspause beginnt. Irgendwo im Nirgendwo. Im waldbrandgefährdeten Nirwana. An einem Ort, der wahrscheinlich noch nie rote Flipflops gesehen hat. An dem man keine Liebesschnulzen und Ritterfilme guckt oder es zumindest nicht zugibt. An dem man keine Flüge nach Paris bucht, um im Dezember mal Mantel zu tragen und auch keinen silbernen Opel Corsa kauft, der 1985 gebaut wurde. Ich für meinen Teil hatte keinen Grund, das nicht zu tun, weil sich Uhren mittlerweile von alleine umstellen und man zu weit fahren muss, um endlich wieder Geld zu wechseln. Weil man Wiener Würstchen ohne Probleme in Frankfurt und Frankfurter nur mit einem Bier in Wien runter bekommt. Reisen ist eben auch nicht mehr das, was es niemals war. “- Heute also rein gar nichts erlebt. Nichts Neues. Irgendwie auch schön”. Zuhause auf Straßen, über die ich schon gestern geschrieben habe. Auf die endlich aber einmal etwas Regen fällt. Zu spät in Bars, aus denen wir schon oft getorkelt sind, einander angeschaut und dann nach Feuer gefragt haben. Nur, dass wir uns diesmal sogar wiedersehen. Wie im Liebesfilm. Kosmische Fügung oder Dank der Zigaretten. Rauchen schadet deiner Gesundheit und macht dein gesellschaftliches Leben zur blühenden Blumenwiese. Ob als Dessert, Pause oder rettender Anker, wenn dir deine Beschäftigungen ausgehen. Die Frauen, die wir getroffen, die Gespräche, die wir geführt und die Chefs, die wir mit Du ansprechen, waren jeden Sargnagel wert. Nur nicht zur Guillotine von Routine werden lassen! Kann man jeden Zug eigentlich nicht, oder gerade wegen dieses schlechten Gewissens erst wirklich genießen? Will man im Leben mögen oder nur gemocht werden? Amboss oder Hammer sein? Immer nur die gleiche Haarfarbe küssen? Ein und dasselbe! In Lissabon wohnen, bis der Arzt kommt! Weil Morgen doch so unsicher ist und Gestern eine ganze Menge Ehrfurcht erfordert. So wie verfallene Häuser von Cascais bis Parede. Sommerarchitektur, die unter die Haut geht, wenn es ab November die portugiesische Sonne nicht mehr schafft. Bewohnt von schlecht gelaunten Töchtern mit reichem Erbe, bezahlten Brüsten und vollgetankten Mini Coopern. So traurig, wie Wohlergehen eben sein kann und der personifizierte Wunsch das Aschenputtel unter […]

MEINEID

Ich muss hier raus! Weil sich gerade eine Gruppe kaufkräftiger Chinesen mitten in meinem Zimmer über neue Wandfarbe unterhalten hat, während ich noch nicht einmal wusste, welches Boxershort ich heute überhaupt tragen möchte. Ein ganzes Apartment schneller gekauft, als du Gentrifizierung sagen kannst. Guten Morgen. Von einem Viertel ins Nächste. Doch draußen ist immerhin Frühherbst! Ein langer Moment, in dem du den Sommer zu schätzen weißt, weil dir der Herbst zeigt, wie es ohne ihn sein wird. Klare Luft, verwelkte Blätter, du weißt, selbst wie Herbst aussieht. 18 Grad, die fast bereit sind für Handschuhe, weil man sich im Leben leider an alles gewöhnt. Die sonnigste Sonne, die gesündeste Gesundheit, die auffälligste Freundin. An eine gut gelaunte Vielfalt verschiedenster Nationalitäten, die hier in kultureller Eintracht leben und sich wundern, warum dass der Rest Europas nicht kann. Lissabon ist ein (von-überall) Herkunftseldorado, verteilt auf wunderschöne Plätze. Ob verliebt, verlobt oder verlassen. Das ist eine Devise! Lieber obdachlos hier, als mit vier Wänden und ohne Ausblick woanders. Davon singt schon der Fado! In Melodien gefasste Minderwertigkeitskomplexe eines stolzen Seefahrerstaates und sein gedemütigter Hochglanz. Man muss sich schon nah sein, aber stets dem Nächsten am nächsten. Ja, wir klagen auf hohem Niveau und Europa ist ein tolles Pflaster. So voller Prada, Penner und Espresso. Zumindest fehlt es mir immer, wenn ich zu weit weg bin, aber wie man Zäune baut und sich dabei weltmännisch fühlt, muss mir mal jemand erklären. Genauso wie gut geplante Improvisation und warum Italienrinnen immer ein abgepacktes Stück Parmesan im Handgepäck tragen! Ein ganzes Land genau mein Typ! Manchmal sieht man hier den Wald vor lauter schönen Frauen nicht und manchmal nimmt mir eine von ihnen rigoros den Wind aus der hart arbeitenden Performance. Denn allein die Pflege meines Zimmerfarns ist schon Aufwand genug und das Ding wohl das teuerste, was ich je besessen habe, bedenke man seinen eigentlichen Nutzen. Man kann ihn anschauen, hin […]

VASALL

Es hat genau 38 Minuten gedauert, bis ich mein neues Leben infrage gestellt habe. Basiswissen Finanzierung, freiwillig, noch bis 22 Uhr, für ganz Dumme und Schlaue, die sich unbedingt profilieren möchten. Im Reich der Blinden ist der Einäugige König und ich habe beide Augen offen und trotzdem nichts verstanden. Weil dem portugiesischen Dozenten manchmal die englischen Worte fehlen und schon wieder ein Passagierflugzeug über unsere Köpfe fegt, das mich mit ohrenbetäubendem Lärm alle 15 Minuten an die Freiheit mein altes Leben erinnert. Ich könnte jetzt in irgendeiner Redaktion sitzen, um die Welt fliegen, in Schanghai neun Euro für Filterkaffee bezahlen und irgendwann erkennen, dass es keinen Spielplatz ohne Zäune gibt. Keinen Job auf der Welt, der ohne Schreibtisch in völliger Muße funktioniert. Dass in unserer wunschlosen Vorstellung immer alles schöner ist. Noch viel schöner, am allerschönsten. Selbst die Realität. Aber von hier, aus der letzten Reihe, umgeben von 21 jährigen Masterstudenten und cremegelben Wänden thront diese Vorstellung in einem funkelnden Luftschloss meiner Fantasie. Es ist nicht leicht in diesem Seminarraum zu sitzen, wenn man schon Apfelmus vom Baum der Erkenntnis machen konnte und ausgerechnet heute, am ersten Tag, noch ein Hammerhonorar auf das Bankkonto seiner journalistischen Vergangenheit überwiesen bekam. Was zur Hölle tue ich hier? Lässt sich das noch mit Bauchgefühl oder strebsamen Portugiesinnen begründen? Mit horrenden Studiengebühren bezweifeln, oder mit fast tiefgefrorenen Käsecroissants aus der Kantine gar als absolute Schnapsidee verurteilen? Ruhig bleiben, ist ja erst Tag eins von 363 und ich habe immer noch nicht entscheiden, wer ich in meiner akademischen Peergroup überhaupt sein möchte. Der alles unterhaltende Mittelpunkt oder das sprachlose Geheimnis der letzten Reihe, das nur kommt, um wieder gehen zu dürfen und stets Besseres zu tun hat? Eigentlich will ich nichts sagen und trotzdem irgendwie gefragt werden. Ja, ich habe auch mal in Australien studiert und ja, ich komme schon länger nach Lissabon. Im portugiesischen Fernsehen war ich auch mal und am zweiten Tag schon nicht mehr in der Uni. Dafür glücklich surfend auf der anderen Seite des Flusses, der Lissabon davor bewahrt, irgendetwas mit dieser Sportart zu tun zu haben. Entschuldige den Ausflug, aber […]

AMOURÖS

Liebesgrüße aus einem Leben im Urlaubsmodus. Meinem Farn geht es prächtig und mir übrigens auch. Wolkenlos und vollgegessen. Mal verkatert, mal ausgesurft, lässt sich die Leichtigkeit eines Freitagvormittags hier von Montag bis Sonntag genießen. Am Stra­nd zwischen Ärschen, von denen einer braungebrannter ist, als der nächste. Einer beschäftigter, als der andere, weil es Knochenarbeit gleichkommt, von morgens bis abends so unantastbar wie möglich zu bleiben. Morgens bin ich in Praia Grande fast am Espresso ertrunken und abends habe ich auf einer Charityparty trockenen Rotwein mit dem österreichischen Botschafter gekübelt. Er im eleganten Leinenhemd und ich in abgeschnittenen Jeanshosen. Umzingelt von weiß gedeckten Tischen auf englischem Rasen, die durch dezente Gitarrenmusik bis zur Kulisse eines südeuropäischen Liebesfilms aufsteigen. Vorspeisen, Hauptgänge und für jede Lebenslage das richtige Besteck. Portugiesisches Highlife möchte ich meinen, das all die Dinge richtig macht, die andere wohl falsch machen. Einfach grenzenlos erlaubt, sich an einem Montagabend die Kante zu geben, ohne dafür Dienstagmorgen gerade (auf) zu stehen. Immer ruhig zu schlafen, weil teure Villen nicht in Autobahnnähe gebaut werden und die Milch im Kühlschrank einfach nie ausgeht. Weil Umtriebigkeit irgendwann gezwungener Maßen zu einem gemütlichen Boxspringbett führen muss und die Menschen auf Lissabons Kopfsteinpflaster natürlich selbst für ihre Umstände verantwortlich sind. Schon mal zum Platzen vollgefressen an einem Obdachlosen vorbeigegangen? Nicht an einem der fordert oder Haschisch verkauft, sondern dich bettelnd keines Blickes würdigt. Nicht aus angetrunkener Überheblichkeit, sondern weil ihm die Würde fehlt, um aufrichtig nach vorne zu gucken. Demut ist kraftvoll und eines der wichtigsten Bestandteile eines soliden Charakterbaukastens, auch wenn er das Fischbrötchen am Ende gar nicht wollte! Wann sind genug zu viel und die Gründe zum Entsagen zu […]