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BYND

Konstantin Arnold

PAMPA

Kaum geschwitzt, Schwimmen gewesen, beim Lesen eingenickt und ums Buch rum braun geworden. Fast alles erreicht. Nach einem harten Tag am Strand kehren wir heim. Auf langen Schotterpisten, die uns von der Dämmerung bis tief in die Nacht führen. Die Frauen spülen sich den Sand von den Waden, die Männer das Salz von den Eiern. Alle cremen sich danach ein. Irgendjemand öffnet den Wein, jemand anderes schneidet den Käse. Wer Oliven mag, spuckt ihre Kerne von der Veranda ins Dunkel und befruchtet die Pampa. Eine Landschaft, die immer noch brummt und leuchtet, wie den ganzen grellen Tag lang aufgeladen. Nachts ist es so klar, dass man den Himmel nur durch Sterne erkennen kann und der Mond scheint tadellos und voll, wie ein noch nie gedroschener Golfball. Es gibt Moskitos, ansonsten nichts auszusetzen. Die Kerzen kämpfen im Wind. Drinnen steht lauwarme Luft zusammen mit Möbeln und die Holzregale biegen sich unter den Schwergewichtstiteln nie gelesener Bücher. Abgewetzte Gesellschaftsspiele, Dorffotos von oben. Hausbacken. Mit einem weißen Hemd in der Hose bin ich zu schön angezogen für diese windelweichen Umgebungsbeschreibungen, portugiesisches Monopoly und Kafka, nichts als die Gesellschaft fressender und scheißender Nachbarn mit Glocke um den Hals. Es ist zwar schön, nur nicht idyllisch, dafür sieht man zu wenig. Harmonie, die kaum auszuhalten ist. Wenn mal ein Auto vorfährt, selten so wie Sternschnuppen, bellen die Hunde plötzlich durch Megafone der Angst. Und wenn dann doch keins kommt, fürchtet man, dass Einbrecher in dieser alles verschlingenden Finsternis gerade irgendwo ein Hoftor knacken. Spannung, die nur darauf lauert, von einem Ereignis erlöst zu werden. Wenn der Wind richtig steht, hallen aus der Ferne die einsam machenden Fetzen eines Volksfests. Konservierungsstoffe der Tradition, die den Norden jenes Südens zwar gelegentlich wieder beleben, aber auf Dauer nicht am Leben erhalten. Auch nicht mit Girlanden vor dem Kirchplatz und einem, der es am Akkordeon auf einem Biertisch kann. Im Dorf selbst gibt es eine Kneipe, in der Geburtstage, Trauerfeiern und Hochzeiten gefeiert werden. Manchmal am gleichen Tag, wenn gleichzeitig geboren oder gestorben wurde. Ein Ort aus dem Bilderbuch der Trivialitäten. Zu klein für zwei Kneipen, mit Leichen im Keller und einem Kreisverkehr, der sonntags ein sanft befahrener Marktplatz ist. Ein mit Ortschildern und familiären Ketten zusammengehaltenes Ungetüm der Urigkeit. Landwirtschaft statt Burnout. Ein Dialekt sie alle an Sitten zu knechten, ohne jene sie sich in der Welt nicht mehr zu Recht finden würden. Herkömmlichkeiten, die keine Schnösel aus der Hauptstadt sehen wollen, weil ihnen schon genug Bauern aus dem Nachbardorf die Arbeit stehlen, das gute Wetter rauben, die schönen Töchter schwängern. Und bloß weg mit Touristen, diese völlig verirrte Attraktion mit einem Stadtplan von der Welt. Eine Geld bringende Spezies, die hier nichts zum Ausgeben hat. Vor der Kneipe gibt es zwar Kuchen und kaltes Bier, aber nur aus einem einzigen Zapfhahn, der das Treiben am Tropf hält. Für das Volksfest selbst gibt es jemanden, der extra Biermarken ausgibt und einen, der das Zeug dann ausschenkt. Stimmung! Übermüdete Kinder rennen ahnungslos in viele tanzende Ehejahre und in der Luft liegt eine katholische Angst vor der Hölle, die pubertierende Jugendliche dazu bringt mit ihren eigenen Müttern zu tanzen. Ein ganzes Dorf ist auf den Beinen und die Alten sitzen auf weißen Plastikstühlen, wie man sie aus Schrebergärten oder von der Klagemauer kennt. Ein Gefühl wie beim Anblick von Bergen durch ein verregnetes Küchenfenster. Kolossal und trübselig, als würde es in der Welt nichts mehr zu verpassen geben.  Als würde zwischen die versteinerten Falten ihres langen Lebens kein einziges Stirnrunzeln mehr passen. Kein neuer Gedanke. Etwas, das sie vom Plastikstuhl haut. Ein lauter Donner, ein Beben, genau sowas das mich mittlerweile aufbrechen ließ, den Rufen des Volksfests zu folgen. Wie klären wir später, erst einmal stoße ich mit einem Kerl an, den sie den Dorfstärksten nennen. Er hat mal fünf Kisten Bier auf einen Schlag getragen, aus denen über die Jahre ein Amboss geworden ist. Prügeln tut er sich auch gerne, und er geht mir bis zum Kinn. Ich liebe Portugal. Früher ist er gerne schnell gefahren, heute freut er sich auf seinen Nachtisch und liebt es, wenn andere falsch liegen, damit er richtig liegen kann. Man bewundert ihn dafür. Er erzählt mir von seiner Flamme und zeigt von seinem Bäuchlein aus, auf die dort drüben. Eine recht ansehnliche 17-Jährige, die im Reich der Gepiercten, Schwangeren und Tätowierten, wohl die reinste Blume des Dorfes zu sein scheint. “Portugiesinnen”, brüllt er, “müssen getanzt werden” und marschiert mit Anlauf auf sie zu, wie auf einen Freistoß. Ich lehne mich wieder an die Kirchwand und zünde mir mit hochgeklapptem Kragen die nächste Zigarette an. Beim Einatmen schaue ich starr vor mich hin, beim Ausatmen schließe ich die Augen und stelle mir einen Augenblick lang vor, ich würde sie auf der Veranda wieder öffnen, sie vor mir, die Fetzen des Volksfestes in weiter Ferne, alles wäre gut. Wenn ich sie dann tatsächlich wieder aufmache, sehe ich den Dorfstärksten mit einer Minderjährigen tanzen, gelbe Girlanden, Dinosaurier auf Plastikstühlen. Ein kurzen orientierungslosen Moment lang fühle ich mich in eine Zeit versetzt, in der mein Vater noch aus den Tiefen der Pampa ins nächste Dorf kam, um beim Volksfest selber an der Kirchwand zu lehnen. Ich halluziniere, bis ich jemanden aufs Smartphone glotzen sehe. Mit einer Körpersprache, die hoffentlich darüber hinwegtäuschen kann, dass ich nichts Besseres zu tun habe, als mich hier so lange zu betrinken, bis ich das […]