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BYND

Konstantin Arnold

STELLDICHEIN

Donnerstag, 14 Uhr hatten wir gesagt. Im Jardim de Torel. Ob am Brunnen, im Park oder unten bei dem kleinen Kiosk wollten wir dem Zufall überlassen. Dass Sie zu spät kommt, habe ich erwartet. Dass nach der zweiten Zigarette immer noch keine Spur von Ihr ist, nicht. Vielleicht hat Sie den Park verwechselt? Ist mir auch schon passiert. Vielleicht steht Sie im Stau auf der Ponte do Arbil, hat kein Benzin mehr oder keinen Handyakku? Meine Telefonnummer hätte Sie sowieso nicht. Vielleicht hat Sie mir im Internet eine Nachricht hinterlassen? Kein Smartphone, kein Facebook, keine Freundin! Dafür habe ich mich drei Tage lang auf dieses Treffen freuen können. Auch etwas wert. Wir hatten uns in einer Bar kennengelernt, die schon vierzig Jahre lang einen auf 20’er macht. Am Eingang steht ein Portier und kein Türsteher, und drinnen arbeiten Büfettiers und keine Kellner. Es ist eine gute Bar, um eine gute Frau kennenzulernen, aber auch Platz für gute Freunde, die sich gut alleine beschäftigen können und nichts gegen latenten Blickkontakt und völlig verführte Aufmerksamkeit einzuwenden haben. Eine Bar zum Angucken gebaut, zumindest wenn man nicht zu weit voneinander entfernt sitzt und im Zigarettennebel verschwindet. Dort, im Zigarettennebel sagte Sie, wenn wir ohne Absprache den gleichen Drink bestellen würden, hätte sie zwar immer noch einen Freund, würde sich aber vom Schicksal gezwungen fühlen, eine Runde mit mir durch einen Park meiner Wahl zu spazieren. Eiskalt ausgetrickst, weil Sie so viel klüger und vergebener ist, als ich. Ihre Schönheit geht mir bis zum Kinn und Ihre Locken hätten, wenn man sie ausfahren könnte, an diesem Abend bis zu mir nach Hause gereicht. Sie konnte über sich selbst lachen, wie Emily Ratajkowski und Sie sah Dinge in mir, über die wir dann gemeinsam lachten, wie Steve McQueen und Ali MacGraw. Ich zeigte Ihr, wie man nichts als das Gute in den Dingen sieht, und Sie mir, wie gut sich neurotischer Tatendrang in einem warmen Bett mit nackter Haut behandeln lässt. Nun Theorie, fragte die Praxis, was nun ist das Gute oder das noch viel Bessere daran, dass Sie jetzt nicht hier ist und ich 30 Minuten bis nach Hause laufe? Erstens, sagte die Theorie, werden wir so nie herausfinden müssen, dass Sie all die Dinge vielleicht nicht ist, die du seit dem Abend in der Bar in Ihr siehst und zweitens, fügt die Praxis hinzu, hat Ihr Freund nicht noch einen Grund, dir die Fresse zu polieren. Bis jetzt wäre ein einfacher Kinnhaken genug. Oder ein bisschen Schubsen. Für Ihre meterlangen Locken darf er mich auch gerne auf Portugiesisch beschimpfen und für Ihr klares Gesicht gebe ich nach dem Kampf eine Runde Bier aus. Es ist Frühling! Paarungszeit. Die Luft ist dick und frisch gewaschen. In der Avenida Liberdade hat man endlich den albernen Weihnachtsschmuck von den Bäumen genommen und überlässt den Blättern wieder den Dienst am richtigen Ambiente. Auf der Parkbank links von mir sitzt ein Mädchen, das genauso einsam scheint wie ich und auf der Parkbank rechts von mir löst ein portugiesisches Pärchen gerade zusammen Probleme, die sie alleine wahrscheinlich nicht hätten. In absoluter Ruhe und Kontenance. Er mit schwarzer Sonnenbrille und gemeißelter Frisur, Sie mit roten Fingernägeln, Espresso und Pelzmantel. Als wäre ihnen schon jetzt die Relativität klar, die die Zukunft irgendwann auf Gewesenes wirft. Wenn man jetzt einfach die Augen schließt, das Pärchen einmal ausblendet, klopft und sägt und presslufthämmert es plötzlich aus jeder Himmelsrichtung. Hin und wieder mischt sich eine Hupe oder die Sirene eines Krankenwagens unter das Großstadtorchester und hin und wieder beklagt sich ein Bauarbeiter in einem Solo, Stimmlage zwischen Marlboro und Sagres, über zu dicken Zement oder einen stumpfen Winkelschleifer. Man kann die Mieten richtig steigen hören. Von Estrella bis Arroios. Von Alfama bis in die letzten dreckigen Winkel industrieller Unzumutbarkeit von Marvila. Wer unter der Brücke schlafen möchte, zahlt in Alcantara einen portugiesischen Monatslohn für ein Zimmer ohne Fenster. Ohne Ausblick auf eine europäische Weltstadt, die lange genug vergessen wurde, um sich noch zu erinnern, was sie im Innersten eigentlich ausmacht: ein romantisch verschlafenes Küstendorf, das nun kurz vor dem Platzen ist und vom Rest der Welt aufgekauft wird. Orte, die rund um die Uhr pulsierende Gettos waren, sind nun gut bestuhlte Oasen für Kaffee und Kuchen mit richtigen Öffnungszeiten. Wohnungen, in denen man sich die Klinke in die Hand und die Spritzen in die Venen drückte, funkelnde Airbnb’s mit weißem Stuck und gutem Wlan. Orte, die man nicht für erwähnenswert gehalten hat, von denen man dachte hinter ihnen käme das Nichts, verbinden sich plötzlich und nehmen einen ganzen Platz ein. Orte, von denen man nicht wusste, ob sie dir an der nächsten Ecke deine Brieftasche stehlen oder dich stundenlang auf ein Mädchen warten lassen, sind kalkulierbarer geworden. Folgen irgendeinem idiotischen Vorbild, versuchen etwas zu sein, was sie nicht sind. Ob Mensch oder Kaffeehaus, bei beiden unerträglich. Der Deutsche will wissen, was er isst, der Franzose hat seine Standards. Der Engländer hätte gerne Bohnen und Bacon zur Torte und der Amerikaner baut darauf, dass alles bald sowieso aussieht wie zuhause. Jung und Hip. Tradition gegen Trend. Und kein Grund mehr zu verreisen. Ein Gassenkampf. Gassen im Kampf gegen jungen Putz und erbarmungslose Presslufthämmer, die die Vorstellungen ihrer Investoren in alte Fassaden schreiben. Deshalb mit gutem Gewissen in die nächste Tasca, vielleicht möchte mich das Mädchen links von mir, das genauso verlassen scheint, begleiten. Ist jetzt nicht ganz mein Typ, aber solange Sie nicht über Nachhaltigkeit diskutieren möchte, alleine Dinieren noch viel weniger. Außerdem sollen wir uns nur zum Mittag etwas Gesellschaft leisten. Laut Übersetzung ist eine Tasca ein kleines volkstümliches Lokal, indem du außer Getränken auch einfache Speisen serviert bekommst. Reis mit Pommes, Pommes mit Reis, Zwiebeln mit Tomate und eine Scheibe unpaniertes Rindfleisch, das aussieht wie ein gut benutzter Waschlappen. Zäh wie Pferdehaar. Egal, Ei drauf und fertig! Selten darf man essen, was man gern bestellt hätte, aber solange nicht Cozido Portuguesa draufsteht, ist eine portugiesische Tageskarte jedes Risiko wert. Der Service unfreundlich und ungewaschen, dafür aber ehrlich und billig und voll mit Gluten. Wer hier laktosefrei will (wie meine Begleitung), bekommt ein Glas frische Kuhmilch, wer vegetarisch isst (wie meine Begleitung), darf sich sein Bifana im Hinterhof gleich selbst schlachten. Natürlich meterhohe Theken, an denen die Tradition steht und bis auf eine Heilige Irene an der Wand, keinen Zentimeter für Dekoration übrig. Wie sehr ich diese Orte für ihre unbeeindruckte Notwenigkeit […]