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BYND

Konstantin Arnold

SONNTAG

Es war ein später Nachmittag oder früher Abend, irgendwo dazwischen. Ich hatte gerade eine Story fertig geschrieben und wollte das feiern. Also nicht feiern, eher zelebrieren, irgendwie wertschätzen. Ich hatte noch 50€ im Dispo zur Verfügung und ging zum Weinhändler. Ich war arm, ständig arm, obwohl die Kohle ständig kam, ständig romantisch arm. Manchmal lehnte ich die Kohle sogar ab, so als ob ich welche hätte, nur, weil mir die Fresse des Redakteurs nicht passte oder das Rückgrat vom beschissene-Reportagen-schreiben schmerzte. Ich war arm, arm im Vergleich zu Menschen, die nicht arm sind, also eigentlich nicht arm und sehr zufrieden damit. Was ich hatte, investierte ich in Taxis, Zigaretten, Restaurants, Caféhäuser und Bücher. Keine Ahnung, was dann damit passierte. Der Weinhändler fragte mich, was es für eine Story wäre, die ich da fertig geschrieben hätte und empfahl mir eine schweineteure Flasche Portwein. Einen edlen Tropfen, zehn Jahre alt, so rot wie Blut, dass durch die wichtigsten Organe fließt. Man konnte nicht durchgucken. Ich nahm die Flasche, kaufte Zigaretten und drei frankierte Umschläge, in die ich dreimal meine frisch geschriebene Story steckte, um sie an drei deutsche Magazine zu schicken. Dreimal Hoffnung. Und mit dieser Hoffnung auf Geld ging ich essen. Essen in meinem Lieblingsladen. Ein geiler Schuppen, von gelangweilten Rentnern und Pensionären geführt, die Abstand von ihren Frauen brauchen. Eine Art Alt-Herren-Club, alles geile Hunde, Uniform Schnauzer, weiße Hemden, die es sich zum Ziel gemacht hat, nichts geringeres als das beste Grillhähnchen der Stadt zu verkaufen. Zum Spottpreis. Eine Flasche Hauswein, pralle Oliven, Käse, Brot, Grillhähnchen mit Antibiotika, Reis oder Pommes, Antibiotika, Pommes oder Reis, Salat und eine Tasse Kaffee für schlappe zehn Euro. Und sie haben Medaillen bekommen für ihre Hähnchen. Wie die meistens portugiesischen Restaurants erstrahlt der Laden in grässlicher Grelle, aber einer, die man sich schön trinken kann. Es ist laut und man kennt sich und ich komme oft allein her. Es gibt noch einen anderen Autor, der oft alleine herkommt. Wir sitzen uns oft gegenüber, mit aufgeschlagenen Notizbüchern an einen Tisch gegenüber, glaub mir, dass sieht unheimlich doof aus. Kürzlich habe ich mir vorgenommen im nächsten Jahr weniger Notizen zu machen. Ich mache immer Notizen, immer und überall, ob auf Tischdecken oder Hände. Sogar beim Joggen und Einkaufen mache ich Notizen. Ich frage an der Kasse oder einem Kiosk, an was auch immer ich eben vorbeirenne, nach Zettel und Stift. Er sagt, bei ihm wäre das ähnlich, weswegen ich unbedingt damit aufhören will. Er ist all das, was ich nie sein wollte. Alles, was mein Vater früher wahrscheinlich über Autoren dachte. Er ist alt, trägt billiges Aftershave, hat Geheimratsecken und das wenige Haar, was aus seinem Kopf quillt, ist fettig. Er spricht ständig, aus seinem dicken Bauch heraus, über Gefühle und schreibt Gedichte und sagt mir, ich müsse unbedingt auch Gedicht schreiben. Er spricht viel von Gott, ist  […]