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BYND

Konstantin Arnold

UNTERWEGS II

UNTERWEGS II

Es wurde ein sehr romantischer Roadtrip außerhalb der Zeit. Mindestens einer rauchte immer und nichts passierte unter 0,5 Promille. Bis zum Abend hatten wir keine eine Ahnung, wo wir blieben und vögelten nach langen Fahrten in billigen Hotels. Links standen Olivenhaine, rechts wuchs der Wein. Ich hatte die Schnauze voll von großen Dîners und Kellnern, die dauernd fragen, wie irgendetwas gewesen war. Wir fuhren von einer einfachen Mahlzeit zur Nächsten, durch viele kleine Dörfer, wo die Leute auf Plastikstühlen saßen, wie man sie aus dem Schrebergarten oder von der Klagemauer kennt. Wenn wir zu beschwipst waren, um weiterzufahren, kauften wir Pflaumen von denen oder fuhren trotzdem einfach weiter und verließen uns auf die schmalen Straßen einer noch nie gemalten Landschaft, von denen die alten Italiener vor den Bar Centrales sagten, sie würden die Schwächen der Männer wegwaschen und die Traurigkeit der Dinge, und bis in die Wirklichkeit unserer Träume führen. Solche Geschichten ließen sich natürlich schöner schreiben, als die, die nicht so sind und nur so geschrieben werden. Es war eine Mischung aus Grand Tour und Bildungsreise, die vor allem dazu diente, Erfahrungen in erotischen Dingen zu sammeln, Provinzialität abzuschütteln, Nationalstolz, und die Anmaßung zu glauben, die Erde gehöre uns, wenn wir nur lange genug auf ihr stehen. Erst wenn das, was man tut, hört, fühlt und sieht, eins wird, weil man sich beim Fahren die Gedanken wegblasen lässt und das im Rückspiegel sieht, während Puccini läuft (nessun dorma) und das Meer vorbeizieht oder die Berge, die Welt Gottes, ist das ein sehr lebenswerter Moment. Wir hatten viele davon. In einer Haltebucht der Poebene und auf dem Parkplatz vor Florenz, wo sie Burger aus Chianina-Rindern machen, der größten und schwersten Rinderrasse der Welt. Und wie wir erst sehr spät nachts in Ferrara ankamen und kein Hotel fanden und kein Caffé, vor dem man halten konnte, um nach einem zu fragen. Daniele hatte uns ein Lokal empfohlen, das lange zu war und auch kein Grund. Zum Mittag hatten wir mit dem Schweinerücken vom Grill gegessen und Schaumwein getrunken und sahen von seinem Haus über das Land. Er hatte uns all die Täler gezeigt und meinte, die wären arm dran. Er sagte, es wäre ein schlechtes Jahr für den Wein gewesen, und auch für die Trüffel, nicht so sehr für ihn, aber für die da unten, vom Piemont bis in die Hölle der Toskana. Wir tranken danach noch einen Etna Bianco, weil Daniele nicht nur seinen Wein wollte, was ich sympathisch fand. Erst am frühen Abend kamen wir dort los. Wir fuhren durch die Poebene. Die Sonne ging gerade über den endlosen Feldern unter, als wären die das Meer. Hinter uns wurden die Berge immer blasser, wie lila Pinselstriche, denen langsam die Farbe ausging. Da waren Fischer mit Fangnetzen und Nebel, der alles verhüllt und für Vorstellungen sorgt, die Antonioni mit seinen Filmen geschaffen hatten. Wir fuhren an scheuen Birken vorbei, kleinen Caffés, in denen die Leute nett waren, aber den Menschen dort blieb nichts anderes übrig, als sehr nett zu sein. Ich hatte ihr im Frühling ein Buch geschenkt, dass ich in Palermo geklaut hatte und in Ferrara spielt und sie erzählte mir davon und den Gärten der Finzi-Contini. Als wir nach Ferrara reinfuhren, sagte sie, die Stadt wäre genau wie das Buch, langweilig, ein bisschen wahllos und schön, aber eben auch nicht mehr. Wir tranken ein Bier und aßen irgendwas Typisches auf den glatten Marmortreppen irgendeines Palastes und ich sagte zu ihr, dass aus solchen Momenten meist schöne Erinnerungen entstehen und man eines Tages mit Freude dran denkt, wie wir in Ferrara Bier tranken und was typisches aßen und sonst nichts. Ein paar Studenten, die ein paar Stufen weiter unten saßen empfahlen uns ein Hostel und meinten das wegen einer Messe für Umweltsanierung und Kreislaufwirtschaft hier sonst alles belegt wäre. Der Rezeptionist war ein kleiner Mann, der meinte, er hätte schon noch was frei. Ich fragte, was schon noch was bedeutet und wovon das abhängig wäre. Er sagte, das wüsste er auch nicht und erklärte, was er auch nicht wüsste und eh schon tat und er erklärte so viel, dass man ihm nicht weiter zuhören konnte. Wenn man ihn fragte, wo man denn das Cabrio hinstellen könnte, kam er einem mit dem Sanierungsplan der Stadt, dem Parkplatzproblemen seiner Mutter und dem Netz aus Einbahnstraßen. Er hätten deswegen auch Diabetes gehabt, von einem Bruder, väterlicherseits, der einen Citroen Picasso hatte, ein großes Auto, das er nicht einparken konnte. Es war bald drei Uhr, zum Heulen. Dafür frühstückten wir am nächsten Morgen schön im Innenhof unter Bäumen. Sie sagte, ihren wären die vom Klo auch schon aufgefallen, weil die Äste fast bis ans Fenster gehen. Melancholien, wie sie sonst nur die Tuilerien im Herbst in einem erzeugen können. Danach besuchten wir Antonionis Grab, das auf einem schönen, grünen Friedhof in der Sonne lag. Der Backstein grenzte sich klar vom blauen Himmel ab, dazu der Geruch von Linden, die langsam wärmer wurden. Es gab auch eine Burg, die ich aber nicht für voll nahm, bis mir später jemand erzählte, dass die zu den besten Italiens zählt und zur selben Familie, wie die Villa d’Este. Das hatte immer irgendwas mit Minderwertigkeitskomplexen zu tun, den Antonioni in Avventura schön beschreibt. Seine Filme konnte ich trotzdem nicht ausstehen, sie waren früher mal modern, was sie heute natürlich alt macht. Sie waren aktuell und dadurch nicht ewig. Das unterscheidet ihn von Fellini, Visconti, Pausolini und vielleicht auch Sorrentino, aber das werden wir erst sehen, wenn […]

UNTERWEGS I

UNTERWEGS I

Acht Uhr morgens im Herbst. Wir befinden uns auf der Straße, die von Torri del Benaco um den nördlichen Largo di Garda rum führt. Ihr Kopf wippt dauernd ab, weswegen ich versuche, die Kurven gerader zu fahren. Bei den vielen Zebrastreifen, über die Massen ausgeschlafener Ostdeutscher gehen, kann ich nichts machen. Die Nacht war lang und ging bis jetzt. Wir sind beim Finale der Opern Saison in Verona gewesen und haben am Ufer des Sees geschlafen. Sie in einem schwarzen Kleid von Dolce Gabbana, ich in einem dunkelgrauen Anzug von Brioni mit Schattenstreifen. La Traviata geht sau lang, aber in den Pausen konnte man raus auf die Piazza in die Caffés und sich selber aufführen. Frauen stolzierten mit ihren Männern übers Trottoir, auf dem sich in solchen Schuhen, ohne Männer, nicht stolzieren lässt. Wir kamen spät in die Stadt und zogen uns noch am Cabrio um, sie malte sich die Lippen im Rückspiegel rot. Nach der Aufführung hatten wir mit den Sängern in einer Gasse gesessen, in der sie um die Zeit auch noch was zu Essen da hatten. Der Tenor war nett, aber seine Stimme schwach und richtig Trinken konnte der deswegen auch nichts. Er fragte, obs mir gefallen hätte und ich meinte, das Bühnenbild wäre schön, die Kostüme, vor allem die Frauen in Uniformen, die sich leicht mit nehmen ließen, diese ganze Welt aus Straßenlaternenlicht, Sex, Saufen und Schlägereien, bei denen keiner Zähne verliert oder sich etwas einfängt, so wie der Heine. Er sagte kniekehelentief, dass wir das hier leben, aber das dort erleben und ich wusste nicht, wovon er spricht, wollte aber nicht weiter fragen. Der dritte Akt war dann nur noch nervig, wenn Violetta singt, dass sie stirbt und ewig nicht stirbt, anstatt ihren letzten Worte mit Sterben die nötige Bedeutung zu verleihen. Das ganze Libretto ist Mist, italienischer Kitsch, ganz und gar nicht Puccini und schlimm für Dumas, der die Kameliendame schrieb, ein großes Buch. In Verona gabs dann nur Scheiß und der war teuer. Also hörten wir HipHop und fuhren zum See. Soweit so gut, wenn die Menschen nicht alles bebaut und abgesperrt hätten, was sie noch nicht bebauen konnten. Wir fanden ein Stück Steinstrand zwischen zwei Campingplätzen und legten uns auf ein großes Handtuch, dass wir in einem Hotel geklaut hatten. Bis der Wind im Morgengrauen von den Bergen kam, war das auch nicht unangenehm. Außerdem hatte ich genügend romantische Idole im Kopf, die das auch getan hätten, Eichendorfs Dichter und ihre Gesellen. Möwen schrien und irgendwann nahmen wir das persönlich, ein paar besoffene Holländer kamen glaube ich auch noch vorbei und als die ersten Ostdeutschen vom Camping kamen, um sieben Uhr morgens schwimmen zu gehen und das Urlaub zu nennen, tat ich kein Auge mehr zu und legte mein Jackett um sie, um zu frieren. Rauchen konnte ich um diese Zeit noch nicht, obwohl das sinnvoller daherkommt, als ein Mensch, der nur dasitzt und denkt. Nach einer Weile trug ich sie ins Auto und fuhr zum Hotel, dass wir uns auf der anderen Seite des Sees reserviert hatte. Ich glaube ich trank im Halbschlaf irgendwo Caffé und las Corriere della Garda. Es ging die ganze Zeit am See lang, aber den See sah man nicht. Man sah nur hässlich Häuser und Schilder mit Zimmer frei und wusste, wo der See ist. Da waren Reisebusse, Horden, keine Menschen, die reisen, sondern gereist werden müssen. Da waren Münchner, die vier Stunden fahren, um dann in zu engen Hosen vor einem Spritz von ihrer Südländlichkeit zu erzählen; Männer, die in Turnschuhen ihre Frauen anschreien, obwohl die den Rucksack tragen und die Schachteln f6, ich sah unglückliche Deutsche, die versuchten nicht deutsch und glücklich zu sein, was sie noch viel unglücklicher macht, das darf und kann nicht das Ziel sein; Menschen mit Kindern, die mit anderen Menschen mit Kindern hier Ferien machen und das Italien nennen. Dieser See war genauso, wie ich ihn mir durch die Erzählungen von Leuten vorgestellt habe, die bei runden Geburtstagen in kurzen Karohemden an der Raufasertapete lehnen und ein Glas warmen Sekt in der Hand halten und ihr Leben in Leben und Arbeiten unterteilen. Meine Psychologin sagt aber, dass all diese Menschen in mir wären. Die Idee dieser Reise war klar. Wir wollten ein paar Weingüter besuchen, an denen wir uns einen Sommer lang betrunken hatten und losfahren, wenn all anderen heimfahren, die dann nicht mehr Sommer haben. Dazu ein paar byzantinische Mosaike in Ravenna und Fresken in der Toskana, die man nicht als Ziel sehen kann, sondern als Möglichkeit für das, was auf dem Weg zu ihnen passiert. Ein paar Leute hatten uns auch eingeladen, die meine Sachen mochten und was ich über den Wein schrieb, nämlich nichts. Es war Erntezeit, was die schwierigste und aufregendste Zeit für die Winzer ist und daher die schlechteste für einen Besuch. Aber wenn man Winzer zur Erntezeit besucht, die schwitzen und stinken, weiß man besten wie ihr Wein schmeckt. Es ist die ehrlichste und wichtigste Zeit und wie die Keller der Winzer riechen, so schmecken die Weine dann auch. Daniele Piccinins Keller, zum Beispiel, ist sauberer als ein OP-Saal und so schmeckt sein Wein auch. Sauber, gerade, neurotisch, sehr gut mit Knochenmark. Dagegen riecht der von La Distesa unaufgeräumt und vergoren im Glas. Außerdem war der Winzer überhaupt nicht gastfreundlich, wie fast alle politisch korrekten, linken Leute, die mit ihren Palästinaflaggen im Blumenbeet, die Welt im Nahen Osten in Ordnung bringen wollen. Ich kann seine Weine seitdem nicht mehr trinken, obwohl ich die vorher wundervoll fand, mineralisch, einfach, nicht moralisch, genau wie ich die Bilder Picassos nicht mehr mag, seitdem ich weiß, was […]

DURCHN WIND

DURCHN WIND

Irgendwann wurde es so heiß, dass man nirgends mehr hingehen konnte. Glückliche Paare fuhren auf ihren Vespas an uns vorbei, ohne zu schwitzen, während wir im Schatten auf den Bus warteten, der oft nie kam. Ich dachte darüber nach, was für eine Welt uns mit so einem Ding offen stehen würde und träumte mich am Abend mit den jungen Mädchen auf den Dingern davon. Rückenfrei, braungebrannt, frisch vom Strand. Body Lotion und Jugend wehte ihnen nach. Noch zu viel Parfüm. Ein Freund, der woanders wohnte und sah, wie’s mir ging, lieh mir seine. Er meinte, dass es gut für mich und meine Beziehung wäre, wenn ich sie ab und an auch mal auf einer sehe. Die Italienerinnen tragen kurze Röcke und haben hohe Stiefel dazu an. Das ist Napoleonisch und symbolisiert Macht, wenn man an Königin Christina von Schweden denkt, oder Katharina die Große, die mit höfischen Konventionen bricht und sich in Gardeuniform und Stiefeln auf einem Schimmel zeigt, wie die auf ihren Vespas. Meine Gedanken kommen da nicht mit. Es passiert im Vorbeifahren und alles, was einem dann bleibt, sind Haare, die aus einem Helm kommen und dieses nackte Stück Bein zwischen Stiefeln und Minirock, das mehr zeigt, als er verspricht. Es gibt keine schönere Position für schöne Frauen in der Öffentlichkeit, als auf einer Vespa, im Vorbeifahren, an denen das Vorbeifahren das Schöne ist. Kein selber Tanken, kein bei dreißig Grad im Sommerkleid an einer Trockenmauer lehnen und aus einen Strohhalm trinken, Yoga und Joggen schon gar überhaupt gar nicht. Dagegen ist es auf einem schnellen Motorrad nur billig und vulgär, wenn sie hinten drauf sitzen wie auf einem Pimmel. Die Vespa ist im Laufe ihrer Geschichte üppiger und elektronischer geworden. Während die Ur-Vespa von 1946 als mechanisch, leicht taillierte Alltagslösung für Frauen in langen Kleidern, mit gefallenen Männern, daherkam, sieht man heute dicke, braungebrannte Opis mit offenen Helmen auf alten, keuchenden Silberdingern, die sich nach dem Lunch mit Zigarillo im Mundwinkel die Berge hoch kämpfen und für Entspannung sorgen. Seine Vespa war ein hässliches, neues Ding, aber besser als keine Alte. Auf einmal konnten wir von einem Ort zum nächsten, ohne zu schwitzen. Manchmal fuhr ich nach dem Schwimmen für ein bisschen Wind in der  Gegend rum, bis zur Dämmerung, über die Berge. Schon nach wenigen Metern hängt man die Gedanken ab. Steht in Verbindung mit der Zeit, fährt schneller langsam, wird Teil der Umgebung, liefert sich aus, ist sichtbar, zum Trotz aller abgedunkelten Range Rover und verlässt sich auf die schmalen Straßen einer oft gefahren Landschaft. Wir konnten uns morgens nun in Paraggi an den Quallen verbrennen, in Santa  Margarita Frühstücken, in San Michele di Pagana Arbeiten, in Rapallo Mittagessen, in Zoagli Schwimmen, in Camogli Bücher von Seneca kaufen oder gebrauchte Ventilatoren und in Chiavari irgendwas abgeben, alles an einem Tag. Wir konnten morgens direkt vorm Caffé halten und an der Bar stehen, mit dem Gefühl schon geschwommen zu sein und unsere Helme neben den Caffé legen und für einen Augenblick vergessen, dass wir nicht hier geboren wurden. Wir konnten Freunde besuchen, die in den Bergen Häuser hatten, mit Fenstern, in denen nur Meer war und Himmel. Und abends konnten wir in die eine Bar, die ich schon oft im Vorbeifahren gesehen hatte, mit glücklichen Leuten auf der Mauer, so wie ich es gerne hatte. Weiter hoch ist ein Kirchplatz, mit Kastanien und anderen Bäumen unter denen ich ihr seitdem das Fahren nach drei Sbagliato beibringe. Gegenüber war die Bar, in der man auch gut an der Theke stehen konnte, mit Lastwagenfahrern von überall und Handwerkern aus der Gegend. Man konnte direkt vor der Bar halten und musste durch alle durch und sagte oft Ciao. Auf dem Rückweg fuhr man dann nur noch fünfzig und genoss es über den Hügeln von Santa zu sein, was viel besser war als über den Hügel Palermos oder denen von Nizza, die gar keine richtigen Hügel sind und voller Polizei. Manchmal nahmen wir uns frittierte Meeresfrüchte mit oder Käsefocaccia und machten auch diesen Traum war, obwohl es dort oben immer nette Leute gab, die ihr Essen mit einem teilten und aus ihren Leben erzählten, vom Leben in Mailand und Sterben in Berlin. Hier, in diesem kleinen Scheißloch, zwischen den Orten, an keiner besonderen Stelle, auf dem Weg woanders hin, mit dem Zigarettenautomat und den Leuten an der Theke, war die italienische Seele zuhause. Man feierte zu dieser Zeit viele Feste auf den Dörfern und wir fuhren zu allen hin. Aßen, tranken, Tanzten.  Manchmal kamen wir zu spät, weil die Zeit eine fürchterliche Erfindung ist. Sie treibt uns an, in guten und in schlechten Zeiten, gibt den kosmischen Takt, ob man gerade damit einverstanden ist oder nicht. Die Kirchtürme messen dieses Vergehen, Klingen der Glocken pro Stunde, Abschied, Verweile doch, du bist so schön. Dann fuhren wir rum, fanden nichts mehr das offen hat und vögelten hungrig hinter den Leitplanken. Am nächsten Morgen wacht man dafür früh auf und hat den Tag vor sich und die Vespa, mit der man durch den fahren kann. Die Oliven links, das Meer rechts und in den Bergen immer jemand, der um die Zeit schon Feuer macht. Dann schwammen irgendwo und fühlten uns frisch und schön, braun und schmuckbehangen, wie in einer Gucci-Werbung, während der Wein kalt wurde und man das Leben meistert. Einmal machten wir eine lange Tour und fuhren hinter die Bergen in ein Tal, das nichts mehr mit dem Meer zu tun hatte, aber auffallend viele Küchengeschäfte. Niemand wohnte hier und niemand, den wir kannten, kannten jemanden, der hier wohnte und dem wir davon erzählen konnten. Wir fuhren durch viele kleine Dörfer, in denen man keine Wahl hatte und so gut glücklich sein konnte. Kleine einspurige Straßen,  Mittägliche Ruhe, nichts zum Vergleichen, fast statisch, wie ein Renaissance Bild. Rechts Oliven, links stand der Wein. Oben an den Hängen sahen die Kirchen über das […]

VOM FEINSTEN

VOM FEINSTEN

Ich steh an der Bar im Orient Express, scheiß auf den Genetiv und warte auf Nicky. Apéro und dann Essen,  frisch gemacht, mit all den anderen Königlichen, Hochstaplern und Frischgemachten. Es ist die schönste Art zu reisen. Man lebt, liebt und liest (Oswald Spengler), kommt nicht einfach nur an, wird langsam drauf vorbereitet. Vor dem Fenster zieht der Brenner oder irgendein anderer Berg in der Dunkelheit vorbei, es wird Nacht und später lässt man sich, mit der vertrauten Gewissheit, dass irgendwo immer noch jemand wach ist und Europa lebt, in den Schlaf schaukeln. Es geht durch ein erhelltes Europa, vorbei an Dörfern und Städten, Wäldern und Steppen, hinter beschlagenen Fenstern holen Bauern die Ernte ein. Wenn der Zug hält, wird zwischen den Bergen geraucht, angeschossen, im Minirock, Bahnsteig 10, Wagons-Lits et des Grands Express Europées. Drinnen steht der Espumante und wird kalt. Das Abfahrtssignal enthält die ganze Geschichte von Abschied, Sehnsucht und Verlust. Meine Mutter meinte neulich am Telefon, dass ich die Suche nach einem Ort, an dem man für immer leben kann, Freundschaften mit Stammtischen pflegt, Schulden hat und über die Jahre redet, endlich aufgeben soll. Ich frag den Barmann nach Papier und schreibe ihr, dass meine rastlose Seele in diesem Zug wohl endlich ihr Zuhause gefunden hat, ein staatenloses auf Rädern, zwischen den Orten und ihren Göttern, ohne den Dunst irgendeines Vaterlandsmasochismus. Mario, der Maître, sagte, dass es den Perfekten Ort nicht gibt, er sagte, der perfekte Ort, das wären italienische Aperitifs auf französischen Terrassen mit portugiesischer Gastfreundschaft. Er weiß alles über diesen Zug. Er arbeitet hier seit ich lebe und erzählt, was das mit einem macht. Er sagt, er könnte sonst nichts, nur unterwegssein, von einem Ort zum nächsten, und wenn Winter ist und es ihm gefällt, bleibt er bis der Schnee schmilzt. Kurz nach dem Krieg hätte ein gewisser Mr. Sherwood all die verstreuten Wagons zusammengekauft, um die Goldenen Zeiten des Reisen wieder zu beleben. Daraus wäre dann Belmond entstanden. Es ist das Relikt einer untergegangenen Welt aus Briefbeschwerern, Passkontrollen, Telegrammen, Hauptstadtdepeschen, Gepäckträgern, Abendzeitungen, Manschettenknöpfen und eben Nachtzügen, die wie Dampfschiffe noch enorm romantische Zusammenkünfte zuließen. Das hätte man heute durch Tankstellen und Flugzeuge ersetzt. Da waren Könige auf der Flucht, Millionäre, Diplomaten und Agenten, die als Diplomaten und Millionäre getarnt waren. Da waren Hoheiten aus Osteuropa, Maharadschas auf dem Weg nach Paris, verwelkte Nacht-Clubtänzerinnen, die im Orient Vergessen suchten, Leute aus der Hochfinanz und Industrie, die unterwegs waren, um die Ölfelder des Ostens auszubeuten oder Balkankönigen Waffen zu liefern. Ian Flemming schickt seinen James Bond an Board, D.H.Lawrence bucht für die notgeile Lady Chatterley und ihren Vater ein Express Ticket, Christie schreibt Kriminalgeschichten. Klatsch, Intrigen und Flirts gediehen, aber die Literatur kann sich nicht erlauben so unglaublich wie das Leben in einem Zug zwischen Paris und Istanbul zu sein. Es geht durch Länder im Krieg, Reiche, die heute untergegangen sind. Straßburg, München, Wien, Orte, die Hier und Dort verbinden und einem erlauben, zwischen entschiedenen Handlungen und unwiderruflichen Entschlüssen keine Entscheidungen treffen zu müssen. Durch die Länder, Städte und Dörfer, durch die man kommt, kommt man um sie verlassen zu können und Mario wüsste sonst einfach nicht, wie Leben geht, gut ginge es ihm in der Fremde. Dann sieht man sich die Mitreisenden an, die typischen Engländer, laute Amerikaner und reiche Brasilianer in engen Anzügen. Deutsche mit Schweißflecken gibt es auch. Nur ein Paar verdient Aufmerksamkeit und eigentlich auch nur sie, sehr natürlich, mit blasser Haut und knallroten Lippen. Sie trägt ein schwarzes, enges Kleid mit Schlitz und scheint sehr selbstsicher. Man kann ihre Nippel sehen. Ich sehe besser raus, sehe das Tal und den Fluss und weiß wem die Berge sind. Die Nadelwälder fliegen im Halbdunkeln hinter den Regentropfen vorbei, als würde man zu viel belichten. In den Tälern ist Nacht, nur ein Paar Gipfel bekommen noch Sonne. Mario fragt, was ich denn da lese und ich sage, etwas, das mir zeigt, was ich nicht weiß und mich zum Trinken animiert, um es nicht mehr zu wissen. Dann schenkt er nach, und nach, und nach. Kurz bevor man zum Essen ruft, kommt sie dann, unsicher und auf mich fixiert. Sie zupfte an sich herum und fragte, ob sie richtig gekleidet wäre. Eigentlich süß, aber das sorgt in Männern für Wut. Als die kleine in dem aufgeschlitzten Kleid vorbeigeht, sehe ich sie an. Sie fragt, was das für ein Blick gewesen wäre. Ich sage, der eines Mannes, der eine selbstsichere Frau sieht, die er nicht kennt. Sie sagt, der einzige Unterschied zu der wäre, dass ich nicht das von ihr weiß, was ich von ihr wüsste. Eine Illusion, sage ich und kann meinen Blick zwischen dem Gespräch auf der vorbeiziehenden Landschaft ausruhen. Was denkst du, wenn du eine Frau siehst, die dir gefällt? Wenn ich sie sehe, höre ich auf meine innere Stimme. Und was sagt die Stimme? Dass ich das nicht sagen soll. Wieso nicht? Weil es sonst kaputt geht. Wenn ich etwas schönes sehe, muss ich es verstehen, durchschauen, verurteilen, beneiden, kommentieren, sein lassen, beschreiben, ficken, überprüfen oder vergessen. Es ist dasselbe, was ich die Sonne an der Amalfiküste aufgehen sehe oder ein Mittagessen mit Wein vor mir habe, nach dem wir Skifahren gewesen sind. Später, als ich nachts aufwachte, dachte ich darüber nach. Ich dachte darüber nach was Glück ist und dass es gar nicht erstrebenswert ist. Ich dachte, dass mir wohl was fehlt, etwas, das mir keine geben kann. Ich dachte, dass ich sie manchmal doof finde, wenn sie so redet, wie ich, weil ich mich doof finde und Sachen sage, wenn ich unsicher bin. Ich dachte, dass ich in solchen Situationen ihr Halt bin und dass sie die schönste ist und der Unterschied darin besteht, dass ich das, was ich von ihr weiß, von den anderen eben nicht wusste und weiter begehren will, was ich habe. Ich dachte, dass ich sie liebe und verstand etwas, dass ich schon lange wusste und hoffte, dass es mir irgendwann vielleicht auch ohne Beweis gelingt. Der Orient Express ist ein Ort, an dem man generell sehr gut Denken kann, man liegt oder sitzt, ist aber in Bewegung, ohne das Abwaschbare anderer Züge. Man schläft, fickt, liest, trinkt, isst, sieht raus und zieht sich zwischendurch um. Morgens liegt man lange da und denkt nichts. Sie erlaubte mir diesen Widerspruch. Beim Frühstück dann der Beweis, als die Kleine ohne das Kleid dasitzt. Mario bringt uns doppelten Espresso und meint, er werde immer traurig, wenn die ersten Pariser Vororte kommen. Dazwischen ausgedorrte Sonnenblumenfelder im Regen. Die Vororte wären genauso traurig und ausweglos, wie überall, nur das danach Paris kommt […]

EILAND

EILAND

Ich musste eigentlich nie nach Venedig. Die schwimmende Wasserstadt hat mich nicht interessiert. Ihr Ruhm ist gestohlen, er stammt aus Byzanz. Nicht, dass mich Bilder von Brücken, die über Kanälen schweben nicht auch ansprechen, aber ich hatte zu viele davon gesehen und zu viel davon gehört, von Leuten, die sich über Touristen aufregen und selber welche sind. Venedig war dann immer so, wie eine sehr schöne Frau oder ein sehr schöner Mann, aber ich glaube eine Frau, die ihre Irrtümer nicht kennt. Ich dachte, ich könnte leben und lieben, ohne die Hauptstadt der allgemeinen Sehnsucht zu sehen, weiter träumen von den großen Maskenbällen der Geschichte, einer Unbekannten in einem Hauseingang, Affären, Zeit, Morgenröte, romantischen Gondelstunden, einem Vorhang, der weht, nachdem man sich von einem ganz bestimmten Gefühl befreit hat und kriminellen Fickern, die im schwarzen Umhang über die Dächer flüchten. Dann kam ich zur Seuchenzeit das erste Mal da. Verurteilen sie mich, wir sehen uns in der Hölle. Ich sah leere Bilder vom Markusplatz und konnte die Leere nicht vergessen, sie kamen gleich nach Delfinvideos, aber die waren gelogen. Im Wasser Venedigs überlebt keine Seuche, sie würde sich mit dem Wasser Venedigs anstecken. Napoleon nannte Istanbul die Hauptstadt der Welt und den Markus Platz ihr Wohnzimmer und ich sah diese Bilder vom Markusplatz, man konnte ihn sehen, ohne Menschen, wie schön der Platz war. Also fuhr ich hin. Es war ein Septemberabend. Ich kam im Regen an und es dämmerte. In einigen Palästen brannten die Kronleuchter und strahlten gut restaurierte Gemälde an, die von prächtigen Dübeln gehalten wurden. Die meisten Fenster waren schwarz und sahen mit dunklen, nachdenklichen Augen geheimnisvoll auf das wenige, vorbeiziehende Leben. Es war eine schwere Dunkelheit, die von diesen venezianischen Palästen ausging und durch das Schwimmende wieder aufgehoben wurde. Im Regen der Seuchennacht schien die Stadt zu alter Romantik zu erwachen und ich konnte es kaum erwarten, im Hotelzimmer anzukommen und theatralische Musik laufen zu lassen. Es war die Vorstellung eines Ortes, den man so sonst nie findet. Etwas Echtes, nicht die Vorstellung von etwas Echtem. Ich lief durch die Gassen neben den Arkaden und stand alleine unterm Regenschirmen auf dem Markusplatz. Die Kellner des Caffè Florian stellten gerade die Tische rein. Der Abend sah aus wie der frühe Morgen eines nassen Tages, es   war nebelig und blau, es dämmert jedenfalls. Die Straßenbeleuchtung schaltete sich an und ein Mann ging über den Platz, auf dem Tauben grasten, wie kleine Kühe mit Flügeln dran. Ich aß und trank Valpolicella. In Harrys Bar gab es noch einen letzten Drink, der nach Bellini benannt wurde, der anscheinend so gelb gemalt hat und einen Montgomery 15:1, der für irgendein bescheuertes Heerverhältnis steht. Untrinkbar, aber das einzige, was noch offen hatte. Zwischen amerikanischen Karikaturen lernte ich ein paar Venezianer kennen. Wir teilten uns beim Rauchen den Schirm und beschwerten uns über die Drinks. Die letzte Runde wurde denen und mir verwehrt. Seitdem habe ich Hausverbot. Ich fragte, ob man noch irgendwo anders hingehen könne und sie sagten, dass man in Venedig ein Motorrad, ein Boot und einen Bus braucht, um jetzt noch irgendwo anders hinzukönnen. Ich ging zurück ins Hotel und schwor mir, nie wieder zu kommen. Seitdem stirbt die Stadt, aber ihr Untergang ist Teil der Erzählung. 2009 hat man sie schon mal beerdigt, als die Einwohnerzahl erstmals unter 60.000 sank. Jetzt liegt sie unter 50.000, bei 30 Millionen Touristen im Jahr. Die Rache der Kreuzfahrer sind Kreuzfahrtschiffe. Das Salzwasser steigt. Zerfrisst die Mauern. Menschen überschwemmen die Stadt. Schreien sich an, werden angeschrien von Verkäufern, Ladenbesitzern und Guides: kommen sie rein, können sie rausgucken, fahren sie Gondel, wollen sie das kosten und dies, essen sie hier, kotzen sie später. Ich weiß nicht, ob Jesus dasselbe mit Venedig machen würde, was er im mit den Händlern im Tempel macht. Es gibt kein Handwerk mehr. Keine Kneipen und Marmeladenläden, keinen Milchmann, nur noch Ramsch, den keiner braucht und der auch nicht schön anzusehen ist, wenn man abends, eingehakt, flanieren geht und in die Auslagen sieht. Es sind die gleichen Läden wie überall, oder es sind andere. Außerdem sind dauend Filmfestspiele. Die Frage ist, wo man dann wohnt. Das Gritti ist zu Gritti, das Cipriani zu voll, der Palazzo Papadopoli eigentlich nicht schlecht, bis Schweinsteiger da heiraten wollte, den Rest kannten wir nicht. Achso, das Danieli, ja, das Danieli, das war aber lange zu und ist jetzt  erst wieder offen, aber so, dass es auch zu bleiben könnte. Der Palast hat mal der Familie Dondola gehört, die maßgeblich für den vierten Kreuzzug verantwortlich war und Konstantinopel plünderte, auf dem Weg nach Jerusalem, womit ich meines Namens wegen schon so meine Probleme habe. George Sand und Alfred Musset sind hier abgestiegen, Zimmer 10, im Mezzanin, mit Blick auf die Ponte della Paglia. Eine der übertriebensten Liebesgeschichten der Literatur. Musset erkrankt schwer an Typhus und wird vom Hotelarzt gepflegt. Sand, die kleine Nutte, verliebt sich in den Arzt, betrügt Musset noch am Krankenbett und brennt mit dem Doktor durch. Musset schreibt darauf seine Bekenntnisse und stirbt. Sand schreibt Sie und Er, Mussets Bruder rächt sich und schreibt Er und Sie, um die Dinge gerade zu rücken. Auch Lord Byron lebte hier, der pickellose Popstar der Romantik war einer der ersten Stammgäste des Hauses, bevor der Palazzo 1822 in ein Hotel umgewandelt wurde. Hier logierte er, während seiner skandalös zusammengedichteten Jahre in Venedig, schwamm und hinkte, schrieb seine berühmten Verse über die Seufzerbrücke, fassungslos darüber, dass es mit den Frauen immer das gleiche ist. Wenn man jung ist, glaubt man, man müsse, um die Frauen zu kennen, mit möglichst vielen schlafen. Wenn man älter wird, schläft man mit einigen, um sich zu vergewissern, dass es immer die gleiche ist. Byron wurde nie älter. Er starb mit 36 während des griechischen Unabhängigkeitskampfes […]

GLEICHFALLS II

GLEICHFALLS II

Es war heiß in Europa und wir überlegten, wo wir hinkönnen können und welches Hotel uns aufnehmen würde. Am Genfer See kannte ich eins, von dem man aufs Wasser gucken konnte. Dazu die Weine der Lavaux, Geschichten von Lord Byron und Mary Shelly, die hier 1816 einen Sommer ohne Sommer verbrachten. Außerdem: Richard Burton liegt dort da begraben, aber bei 38 Grad, ohne Wind. Im Zug, am nächsten Tag, dachte ich über all das nach. In Zügen kann man gut denken, vor allem, wenn der nah am Wasser lang fährt, wie kurz nach Zürich, über Brücken, Tunnel, viele Kurven und Steiles. Ich sah weiße Segelboote auf riesigen Seen, die den Meeren glichen. Sie sahen prähistorisch aus und lagen sehr tief vor hohen Felswänden oder an auslaufenden Ufern, die nur langsam flacher wurden. Hier war also der Wind, kurz nach Zürich, wenn man lange genug Richtung Landquart gefahren ist. Ich dachte an einen von diesen reichen Typen der letzten Nacht, einen, der zwar wusste, was der Genfer See ist, aber nicht, dass man den Lac Léman nennt. Wir hatten ihn an der Bar kennengelernt. Er sprach viel vom Segeln und sah sich meine Freundin an. Ich hatte mit Segeln nichts am Hut, außer dass ich mal einem älteren Herren geholfen habe, sein schönes Holzboot aus dem Wasser zu ziehen. Sein Gesicht strahlte von den frühen Morgenstunden des Meeres, aber das schien den Typen nicht zu interessieren. Er erzählte mir von seinem Segel Club, in dem fast geschiedene Manager außer Dienst verlernt haben mit ihren Frauen über Gefühle zu reden. Die Geschichte war unerträglich, man trank auch kein Bier in ihr. Alle kamen nur mit ihren Tesslas uns sahen sich nach ihrer sehr gut bezahlten Arbeit im Polohemd und Tennisschuhen ihre Segelboote an, als wäre das schon Sport. Ich sagte, bei uns gäbe es auch so einen Club, in Santa Margarita, gegenüber von der Bar, wo ganz Mailand in den Ferien einen auf Aperitivo macht. Da segeln nur Adlige, die jene Zeile im Leoparden zitieren, in denen Don Fabrizio über die Auserwähltheit einer höheren Rasse spricht und sich für das Salz der Erde hält. Er fragte, ob ich sonst keine Erfahrungen hätte und ich sagte, ich hätte es probiert, aber nie genug Wind gehabt oder viel zu viel. Ich hätte es in Australien probiert, auf Madeira, vor Lissabon, auf dem Lago di Como und ich hätte es satt, es immer nur probiert zu haben. Er erzählte mir von einer Frau, die einen genuesischen Marquis im Vatikan geheiratet hätte und sich dann scheiden ließ, aber noch gut mit dem befreundet wäre. Seitdem lebe sie auf einem Boot in Venedig, einem Palast in Rom und einem großen Haus in Portofino, das ich vielleicht kenne. Die hätte kein Boot, aber Freunde, die welche hätten. Ich lehnte dankend ab. Diese Leute lassen dich immer nur leer zurück und man überlegt sie beim Zuhören mit welchem Gegenstand zu erstechen. Sie sprechen von ihren Booten und wollen dich anrufen, was sie nie tun. Ich führte meine Freundin einmal im Abendkleid auf den berühmtesten Platz Italiens für irgend so ein scheiß Dinner und konnte es nicht erwarten, den schnellstens wieder zu verlassen.  Der Zug fuhr immer weiter hoch.  Steile Nadelwälder am Hang, die ich langsam so oft gesehen habe, das sogar mir klargeworden ist, dass die da stehen. Ich weiß nach welcher Kurve, was für ein Tunnel kommt und dass das nach Spinas irgendwann Semadan sein muss, mit seinen hässlichen Häusern und meiner Angst vor Spritzputz. Dieses Engadin hat immer irgendwas dunkles, dass das Licht aufnimmt und in tiefen Tönen an die Welt zurückgibt. Mit einem Unbehagen, das mir langsam vertraut geworden ist. In dem Tal sind vier Seen. Zwischen Silvaplana und Silsersee, steht auf 1820 Metern ein Waldhaus und bietet eines der schönsten Gebirgspanoramen der Welt, mit Blick auf die Seen und Berge, die sich auf beiden Seiten in die Ferne auf machen. Ein Blick, so synchron, dass er schon schon von Thomas Mann, Hesse und Chagall geguckt wurde. Dazu die Kulturentourage, die solche Besuche nach sich ziehen, Wutwanderer aus aller Herren Länder, ältere Paare mit Igelschnitt und Schweizer, die nie Hallo sagen und sich beschweren, wenn man zu laut Luft geholt hat. Es ist der unsexuellste Ort der Welt. Man verabscheut ihn und kommt trotzdem immer wieder. Ich war schon drei Mal hier, weil immer alles, wie immer ist. Die gleichen Kellner tragen tagsüber Manschettenknöpfe in hellen Anzügen und verteilen in dunklen am Abend Häppchen, die man überall, wo man isst, mit denen vergleicht. Man vergleicht jedes Hotel mit diesem Haus, es ist der Maßstab, obwohl die Italienischen Concierge langsam so werden, wie Schweizer. Alles, was ich je über Hotels geschrieben habe, nimmt hier seinen Anfang. Ich habe hier Sachen gelesen und geschrieben und abgeschrieben von Leuten, die sie sicher auch auch irgendwo abgeschrieben haben und so weiter. Die Belle Epoque Kapelle bläst im Freien zum Mittag, Tag für Tag, während man unten ein paar Bälle Tennis drischt. Luft und Stille, die nach schweren, heißen Tagen voll italienischer Menschen, genau das richtige sind.Schöner, als ins Waldhaus zu kommen, ist dann nur ins Waldhaus zurückzukommen […]

GLEICHFALLS I

GLEICHFALLS I

Irgendwann war’s in einfach zu heiß und wir fuhren nach Deutschland. Ich hatte eine Lesung in Ingolstadt und eine Sache in Baden-Baden, die erst mal noch nichts zur Sache tut, aber schon mal gut klingt, wenn man bedenkt, dass wir von dort weiter ins Engadin gefahren sind, um vor der Hitze in die Berge zu flüchten, so wie Rilke, Hesse und die anderen Knochenlosen das getan haben. Der Italienische Sommer ist heiß und laut und voll und überhaupt nicht so, wie man sich den vorgestellt hat, wenn man dort sonst nur Ferien macht und die Urlaub nennt. Wir verbrachten ein paar Tage bei mir daheim, die Landschaft ist ähnlich, nur ohne glücklich angesoffene Leute in Trattorien. Es gibt dort auch keine Trattorien, nur Orte, in die Leute gehen, die ihr Leben vom Wetter abhängig machen und darüber reden, was sie eh schon tun: Geld ausgeben, schweigen, wieder gehen. Dabei ist das Land eigentlich schön, es fehlt nur der Wein und Leute, die sich an dem betrinken. Es gibt dort Dörfer, in weiter Landschaft, wie Paul Lübbecke die malt. Hügel mit kleinen Wäldern oben drauf und Felder, in denen der Wind klingt wie das Meer. Pappeln, die noch nie Erfolg gehabt haben, bei irgendwem, stehen am Straßenrand und vor allem diese Pappeln sind es, die standen schon da, als Oma aus Ostpreußen kam, heiratete, sich scheiden ließ und auf die Felder ging um zu schreien. Die standen da, als ich ein kleiner Junge war und Angst hatte, vor einem Land ohne Trattorien, in denen die Pappeln bis zum Himmel wachsen. Sie waren da, als meine Mutter schwanger war und von daheim weglief, um den Vater zu treffen. Alle wollen ihre Familie schützen, aber am wenigsten vor sich selbst. Man sieht die Pappeln schon vom Zug aus, sieht Flüsse und Felder, Burgen und Alleen, an denen rechts und links diese verdammten Pappeln stehen und Dörfer verbinden, deren Namen mir nicht mehr einfielen. Meine Psychologin meinte, es wäre gut, diese Orte mal wieder zu besuchen und einige Wege aus der Vergangenheit zu gehen, in denen man denkt. Ich sprach mit einem Bratwurstverkäufer, aus der Gegend, der meinen Vater kannte und Tarzan nannte und einem anderen Mann, der den nicht kannte und sich mit vollem Kofferraum oben, beim Sportplatz, wo die Russen mal waren und die Straße schmal wird, aufregte und meinte ich könnte nicht fahren. Ich fuhr ihm nach und fragte, was er meinte und meinte, dass ich mich hier an (den kahlen Laubwäldern) meiner Kindheit abarbeite und das der einzige Ort auf der Welt sei, an dem ich das kann und wohl fragen darf, woher er denn sei und was er hier wolle, mit seinem Greizer Kennzeichen, weil ich wirklich, endlich einmal auch von irgendwo bin. Ansonsten war diesmal alles gar nicht so schlimm und leer und voll leerer Leute, die so schlimm leer und abgestorben sind. Es war eher so wie Preller (der Ältere) Heimaten malt. Er malt sie wie die Bucht von Neapel, Sorrento oder Sommerabende vor Capri und bringt sie uns näher. Meistens ist der Ort, aus dem man kommt, der am weitesten entfernt. Schließlich bin ich dorthin gefahren, wo ich lange nicht gewesen war und auch nie mehr hinwollte und habe einen Teil von mir entdeckt, den ich nicht zu finden geglaubt hätte. Eine Form der Dankbarkeit, sowas wie Frieden, Herkunft, Abscheu, Licht, den Süden von Irgendwas. Es war daher schön in diesem Sommer und fast traurig, als wir abreisen mussten, was irgendwie viel schlimmer war, wie wenn man wütend ist, flucht und flieht. Man konnte fast vergessen, dass man in Deutschland ist, war ja nun auch schon bald Frankreich. Mit Orten, die Namen hatten, wie Kaiserstuhl, Tuniberg und Markgräfenland. Vor uns lag das Tor zur Badischen Weinstraße, eine große, warme Ebene voll Riesling und Spätburgunder bis zu den Vogesen, schon ein Cabrio wert. Ich stellte mir vor, wie die Franzosen hier im Krieg durch sind und den Deutschen das weggetrunken haben, was sie ihnen schuldig gewesen sind. Ich dachte an Eichendorf, der hier Wandern ging und soff und Wilhelm Hauff, der sein Kaltes Herz im Schwarzwald schlagen ließ. Ich dachte leider auch an Berliner, die einen auf Weinkenner machen und in engen Hosen und schmalen Schuhen vor einem Spritz in Baden-Baden sitzen und von ihren Toskana-Ferien erzählen. Hier wollte die Welt genesen, vor allem nachdem Cesar Ritz, Eisenbahn und Dampfmaschine für einen Urknall gesorgt haben, der Reisen zu einer luxuriösen und angenehmen Angelegenheit gemacht hat. Baden-Baden gab es, bevor es die Coté d’Azur gab, die Amalfiküste und auch das Engadin. Formentera, Marbella oder Santorini spielen nicht in dieser Liga. Das Kurdorf im Schwarzwald gilt als die Sommerhauptstadt des alten Europa. Basis Camp der Aristokratie. Vielleicht nicht so romantisch hinterm Eisernen Vorhang wie Karlsbad, eben etwas mehr renoviert, aber auch schön im Wald, mit Russen und Chinesinnen, die in Reizwäsche einen auf Junggesellenabschied im Dampfbad machen. Noch heute gilt: Baden-Baden im August für alle die auf Kumpels von Edward II. machen. Pferderennen, Heilwasser, das schönste Spielkasino der Welt. Das Fridrichsbad hat die Dimensionen eines Europäischen Parlaments. Bei Clara Schuhmann vollendet Brahms seine Lichtentaler Symphonie. Turgenev schreibt an Flaubert: Kommen sie nach Baden-Baden, hier gibt es Bäume, die sie sonst noch nirgends gesehen haben und eine Einkaufspassage, die die gleichen Sachen wie die Via Condotti in Rom oder die Rue de la Paix in Paris in den Auslagen hat. Anstatt der Kutschen, heutE Ferraris, Range Rover, Rolls Royce, aber immer noch Glücksspieler und Verführer, selbst wenn die engere Hosen anhaben […]

ÜBERN SOMMER II

ÜBERN SOMMER II

Es war auch der Sommer, in dem ich mit dem Schreiben aufhörte und alles noch beschissener fand und kein Geld hatte, wie immer, vielleicht sogar noch weniger als immer und nur Absagen bekam und falsche Freundlichkeit, dass sie mich in die Datenbank aufnehmen und ggf. auf mich zurückkommen. Es hatte nichts mit mir zu tun, sondern damit, was Zweig 1916 schrieb, dass die ganze Welt krank ist und nur Mist verlegt, den in fünf Jahren kein Schwein liest. Natürlich fühlt man sich Schuld daran, vor allem, wenn man keinen Vater hat, oder einen, der keiner ist, ohne das einem das jemand sagte, so wie ich. Man spürt die Distanz und macht sich verantwortlich. Die einfache Trauer darüber wäre besser gewesen. So sieht man, was die anderen machen, die alles besser machen, sogar was man besser kann, als die und leidet unter seinem Casanova Syndrom. Wenn ich etwas tat, stellte ich mir vor, ich würde es nicht tun und dachte, was ich sonst tun könnte und das alles Tun sinnlos war, wenn man es nicht beschrieben hatte. Es war dann aber immer noch besser, das Sinnlose zu tun, als nichts zu tun, und sich zusammen der Illusion hinzugeben, als wäre es das nicht, weiter zu leben, gerade weil es sinnlos ist und schön aus dem gleichen Grund, aus dem sich Menschen gut anziehen, wenn sie zu einer Krebsdiagnose gehen oder den Müll aufheben, selbst wenn niemand guckt. Ich fürchtete nicht der zu sein, für den ich mich gehalten hatte und hatte Träume, mit faulen Zähnen, ohne Schmerzen, was was wohl ein neues Kapitel im Leben bedeutet, glaubt man denen, die Träumen eine Bedeutung zu messen und sagen, Träume mit Zahnschmerzen stünden dagegen für irgendwas unterdrücktes. Abends saß ich am Meer, sah mir die Boote beim Heimsegeln an und fragte mich, was wohl schöner ist, auf so einem Boot zu sein oder in Gedanken heim zu segeln und sich das zu fragen. Schreiben wollte ich nichts. Es war deshalb auch ein Sommer, der aus losen Zetteln bestand, Zerstreuungen, Geduld und Zitaten von Rilke, die ich am Spiegel kleben hatte. Ich ließ die Gedanken kommen und gehen, aber mehr gehen und erkannte, dass man sie gar nicht aufschreiben muss, damit sie das tun. Das Denken war bei der Hitze unmöglich. Ich versuchte nichts zu denken oder die, die nichts denken, zumindest nicht mit dem zu stören, was ich nicht dachte, aber ohne Denken schien alles gewöhnlich, sinnlos und flach, so wie das Meer, dass um diese Zeit still ist, warm, ohne Wind und tot. Der August stellte sich ein, wie das Urteil einer offiziell vereinbarten Hitze, die nun in Kraft getreten ist. Rollläden hingen unten, wie müde Lider, das Meer lag da, wie eine heiße, mittelmeerblaue Pfütze meiner Einzelkindheit und Rauchen schmeckte so nicht. Die Boote schliefen abgedeckt in den Buchten und warteten auf ihre Besitzer, wie in einem Freizeitpark, ohne die Gefahren eines richtigen Meeres. Dolce fucking Niente. Das Leben fühlte sich wie ein Nachmittag an, an dem zu viel geraucht wurde. Beschützt von Bergen, die nichts anderes zuließen als Südwind. Langeweile und Luftmatratzen. Ich ging zum Strand, um ihn verlassen zu können und sah nochmal zurück aufs Meer, wie in großen französischen Romanen. Jeden Tag Sonne und heiße Nächte, von denen es in Lissabon wenige gibt. Ich las Zweig, Chekov, Montaigne, las das nichts neu ist unter der Sonne und wie Zweig immer alles so schön beschreibt, aber in zwanzig Sätzen, von denen auch einer gereicht hätte und hoffte, bisher nicht das gleiche getan zu haben. Chekov schrieb klar und stark und wie immer, von einem jungen Mann, der sehr spät aufstand, einen Dreitagebart trug, abends Wein trank und nichts tat, außer sich zu beklagen. Vom Schicksal zum Müßiggang gezwungen, betrachtete er den Himmel und wanderte manchmal bis spät irgendwo umher. So wie ich. Ein guter Morgen war dann schon, nach dem Aufwachen nicht zu rauchen und jemand der anstelle Feuerholz in den Hügeln verbrennt, sodass alles im Dunst lag, vernebelt durch die Träume der Nacht, die sich langsam im Tal auflösten und dahingingen, wo sie herkamen, ins Nichts. Ich hatte die Schnauze voll vom Strandleben. Alles kam mir klein vor und eng, leer, und ausgelotet, abgesperrt und geregelt, mit Schlangen wie im Freibad, für Eiscreme und Mayonnaise. Ich hatte genug von schnorchelnden Leuten, die dabei ins Wasser pinkeln, geschwollenen Sprunggelenken, Sonnencreme und Haut, und fuhr abends nach Genua, um mich in den Gassen zu verlieren und der Vorstellung hinzugeben hier beim Schein einer Öllampe über den Dächern zu onanieren. Ich hatte ein Haus am Meer, das Meer, war verliebt in eine Frau, kurz davor verlegt zu werden und todunglücklich, weil ich die fragen musste, wie ihr Tag war. Manchmal half ich dem Salamiverkäufer oder dem Winzer, an den Hängen der Cinque Terre, wo das Meer mehr Meer ist und nach dem Mittag alles verschwimmt. Dazwischen frittierte ich Meeresfrüchte im Unterhemd, kaufte Essen, schob mir jeden Abend eine Flasche rein und holte sie von Arbeit ab, bevor die Sonne hinter die Hügel fiel. Sie hatte erst keinen Job und dann einen, vierzig Stunden die Woche, mit Anwesenheitspflicht in einer anderen Bucht, was noch viel schlimmer ist. Es war eine schöne Bucht, in die wir oft spazierten und jeder mit seinen Gefühlen ging, wenn wir gestritten hatten. Das Meer und das Land verstanden sich prächtig, prügelten nicht aufeinander ein, wie in anderen Buchten, mit bunten Häusern, die sich ganz ans Wasser wagen. Man ging nah am Wasser lang, vor den Häusern, bis zum Ende der Bucht, wo der Kiosk war und ein Gefühl von zukünftigen Ereignissen. Boote lagen unter Planen im Winterschlaf. Vor einem rostigen Tor war das Logo eines Sport Clubs angebracht, in Form des Erzengels Michael, der den Teufel erlegt und vom Himmel zurück auf die Erde schickt. Ihm sind zahlreiche Wallfahrtsorte geweiht, die oft dramatisch auf Felsvorsprüngen erbaut wurden, um Himmel und Erde symbolisch zu verbinden, so wie hier. Den hellblauen Himmel, das dunkelblaue Meer, die gelbe Kirche, die oben auf dem Hügel der Landzunge unter den Pinien stand. Man kann diese Bucht nicht einfach so schreiben, man musste wohl hier leben, einen Sommer lang, um sie beschreiben zu können, so wie Cézanne sie gemalt hätte, mit dem Turm und den Felsen, die auf der Seite der Bucht ins Wasser fielen, wo die toten Soldaten unter Zypressen liegen und den Häusern auf der anderen, die fast so schön waren wie die Zypressen und die Fischer, die in ihnen Boote reparierten und alt wurden und den Villen weiter oben am Hang und den Zug, der hier nicht hielt. Es war ein Ort zwischen den Orten, wie man ihn sich vorstellt, wenn man den Anfang der Bibel liest, hinter den beiden Tunneln mit der Pizzeria in der Kurve, die weiter nach Portofino geht. Das Wasser schimmerte durch die Pinien, blau und klar, von Grund auf hell, und eine Treppe führte von der Kirche unter Bäumen, die sich so sanft im Wind bewegen zum Meer. Ich kannte keinen Ort auf der Welt, wo man sich nach dem Schwimmen sonst noch einen van Dyck in der Kirche ansehen kann. Der wurde von Federico di Pagana in Auftrag gegeben, der der ganzen Bucht seinen Namen gab und eine Zeit Duke von Genua war und den Palast bauen ließ, mit den Parkanlagen, in dem heute der Souveräne Malteserorden sitzt, der meiner Meinung nach Caravaggio umgebracht hat und dann selber umgebracht wurde, vom Papst. Salvatore Arbocò, ein Journalist, der in den 1910er Jahren Ars et Labor schrieb, war überzeugt, dass San Michele di Pagana das stille Ziel der empfindsamsten Seelen ist, die die Religion der Schönheit am meisten spürt. Er glaubte, es sei die schönste Bucht der Welt und vielleicht ist sie es, mit den Berge und Buchten in der Ferne bis Sestri, Zoagli und das was man für Zoagli hielt, Sam Benellis Haus […]

ÜBERN SOMMER I

ÜBERN SOMMER I

Es war der Sommer, in dem wir das gleiche Acqua di Parma trugen und ein Dorf gefunden hatten, mit Bar und Post, in dem wir einen Winter verbrachten und einen Sommer und dann vielleicht den Rest unseres Lebens. Mein Traum, morgens mit dem Rad, über den Markt einer kleinen, italienischen Stadt zu fahren, ohne doll treten zu müssen und zu grüßen, war wahr geworden und ich suchte nach neuen Träumen in der wirklichen Welt, wo die Ereignisse sind und Konsequenzen haben und eine frühe Morgendämmerung die der Nacht verdrängt. Ich grüßte die Pfirsichverkäuferin, den Caffébesitzer und Literaturprofessor, den Salamiverkäufer, der das Puffbohnenfestival macht und den Priester, wobei der nie grüßt, der nickt immer nur. Den Vater des Salamiverkäufers grüßte ich auch, der war 92 und rief mich ran und manchmal hielt ich und saß mit ihm und hörte mir einen Morgen lang seine Geschichten an, mit denen die Zeit dann dahinging. Er war fast taub und blind und man konnte ihm gut zuhören, ohne reagieren zu müssen, und sich aufs Zuhören konzentrieren und das, was man nicht verstand mit Phantasie ausfüllen. Er sagte, ich bräuchte mir noch keine Gedanken machen, über Pensionen und Prostata und sollte mich auf den Sommer meines Lebens konzentrieren, in dem ich eben viel über den Sommer nachdachte und das Leben und dass das wirklich eines Tages endet und die Tage, an denen man sorglos Rauchen konnte, langsam gezählt sind. Kurz vor dem Haus sprach ich auf dem Rückweg noch mit dem Mechaniker, der aussah wie Rino Gaetano und auch so rauchte, langsam, bummelig, mit Locken, die Termine nicht einhaltend, aber am Leben. Er hatte einen Kalender mit Nacktbildern hinter sich, so wie ein Anwalt zwei Staatsexamen hinter sich hat und eine Brille mit Schlüssellochsteg trägt. Es kamen ständig Leute vorbei, die ihm ihre Autos brachten und in Gespräche verwickelten, so wie ich. Ciao, Buongiorno, Come va? So gings bis zum Lunch, dann Siesta, und dann nur noch ein bisschen tun, als würde man etwas tun, Pronto, Basta, Buona Serata und der Tag war auch rum. Ligurer sind verschlossene Leute, mit einer Art am Meer, die sonst den Bergmenschen eigen ist, das Gegenteil von Rom. Sie sprechen eine sorglose Sprache, die sich gut für den Sommer eignet, wenn die Welt einfach organisiert werden kann und in klare Kategorien passt, von bello bis bruto, caldo und multo caldo, pranzo und cena. Meiner Meinung nach hatten sie die einfachste, beste Form des Zusammenlebens gefunden, so wie sie ins Gespräch kamen und wieder raus und sich die Dinge hin und her spielten. Dass sie dabei so offen mit ihren Komplimenten umgehen, ist gut für Menschen mit Minderwertigkeitskomplexe, so wie mich. Das schreibt sich natürlich alles so einfach, aber man fing eben auch an, dieselben Leute zu grüßen und musste nett sein und konnte nicht einfach in eine neue Stadt ziehen und so sein, wie ich bin. Ich bin ein Reisender, der nicht gern nett ist und nervös wird, wenn er keine Bahnstation hat, von der er heute noch nach Zürich fahren könnte. Vor allem dieses Acqua di Parma erinnerte mich daran. Es roch nach Amalfi, Sorte schöne Hotellobby, Good Morning Mr. Arnold und Liebe, die schon am frühen Morgen gemacht wird, Frühstück, Schwimmen und im Sportwagen irgendwohin, den Tag davor und das Land und immer eine andere Stadt. Ich dachte, wir wären auf Grand Tour und leben nicht wirklich hier. Wie damals, als Maler in heiterer Gemeinsamkeit Raum und Zeit durchstreiften, einer den anderen fördernd, in enger Freundschaft, die ein Vaterland nie zugelassen hätte. In den Tagen bis hier her und manchen Nächten konnte ich bleiben, weil ich die Möglichkeit des Gehens hatte und die meiste Zeit in einem Zustand verbringe, den man vielleicht kennt, wenn man Ferien in Italien macht, ein bisschen zu viel getrunken hat und das Urlaub nennt. Wir machten sogar eine Einkaufskarte, mit der man Discount im Supermarkt bekommt. Wir hätten die auch gleich am Anfang machen können, das dauert zwei Minuten, ohne Ausweis, aber manche Dinge brauchen eben acht Monate. Wir pflanzten Zitronen, schlugen Wurzeln, bekamen Freunde mit Booten, die uns zum Lunch einluden und versuchten uns im Alltag trotzdem vor Caffés zu setzen, um unsere besten Anzüge und Kleider nicht für die Ferien aufzuheben und die dann Urlaub zu nennen. Eigentlich muss man hier im Sommer nirgendwohin, weil die Stadt im Sommer eine andere ist. Terrassen, von denen man nichts weiß, öffnen, mit Hotels und Caffés, und die Strände schließen. Der Winter hier ist wie der Sommer, nur ohne all die Leute, die dann auch Sommer haben. Amerikaner kommen mit Turnschuhen von ihren Kreuzern auf Beibooten wie Piraten, die nicht mehr selber reisen, sondern gereist werden müssen und immer sagen, woher sie sind, Stadt und dann Bundesstaat. Das Wo ersetzt Wie. Die Reichen kamen aus Miami zurück, Mailand, Marbella, und wir bekamen trotzdem überall unseren Tisch. Ich hatte nicht gewusst, dass das hier ein Ort für die Leute wäre. Für mich war es einfach der Ort, an dem mein Kumpel Pippo ein Haus hatte. Häuser, die den ganzen Winter über verschlossen blieben, machten nun auf. Häuser, von denen man nur Meer und Himmel sehen konnte, kaum Welt. Segelboote kamen, weils schön ist und machten das Schöne noch Schöner […]

KONSTANTINOPEL

KONSTANTINOPEL

Diese Geschichte beginnt wie alle Geschichten auf der Rückbank eines türkischen Taxis. Im Stau. Als Fortsetzung von einer, die noch nicht geschrieben wurde, aber schon fast fertig notiert ist. Vorausgesetzt, meine Gedanken flackern weiter so über die Seiten. Angezündet von religiösen Monumenten und dem Licht vorbei rauschender Straßenlaternen, Parfümwerbung, die verschleierten Frauen Freiheit verspricht und Ampeln, am dramatischsten ist Rot. Das Rot ist nicht das Problem, nur, dass es keiner beachtet. Einen Unfall mit Gewehren gab es deswegen auch schon und einige von den weißen Häuser, von denen Hemingway spricht, als er 1922 für eine Zeitung nach Konstantinopel kommt. Und das ist nur Fahrt vom Flughafen. In alten Büchern über den Orient kommen sie einem jetzt gern mit Gerüchen und den vielen verschiedenen Farben des Lichts, aber so reist ja heut keiner. Ich versuche mich an Details festzuklammern, an der Art wie dicht mein Taxifahrer auffährt und dabei telefoniert. Er fragt, Istanbul, nice, for Business? Ich sage nein und er fragt wieso dann jetzt? Na genau jetzt deswegen. Meine Freunde verdrehen den Kopf, meine Mutter riet mir bloß wieder nicht zu fliegen, aber meine Mutter rät mir auch so nie in ein Flugzeug zu steigen. Ob meine Heimatstadt dabei näher an Kiew liegt, als Istanbul an Teheran, ist egal. Man hat eine Vorstellung von der Welt, die sich aus 61 staatlichen Konflikten im Livestream über die Welt verteilt. Ich selbst habe kein Smartphone, was ich nicht für erwähnenswert halte, leider aber etwas Erwähnenswertes geworden ist. Die Nachrichten hole ich mir aus der Zeitung und von den heimlichen Korrespondenten ihrer Länder, den Taxifahrern. Was ich weiß, weiß ich von denen. Ich weiß auch ein paar andere Sachen von Nahost-Experten wie Daniel Gerlach, aber ich weiß sie lieber von denen, um mir die Welt, für meine Weltanschauung, selbst anzuschauen. Denn wenn sich Fronten verhärten und Menschen nicht mehr nur Meinungen haben, sondern auch noch einer Meinung sind, suche ich die Goldene Mitte. Geografisch gesehen, und auf Grundlage abendländischer (Ein)Bildung, ist diese Mitte nirgends besser zu finden als in Istanbul, das über 1600 Jahre Konstantinopel war und eine zentrale Brücke zwischen Europa und Asien darstellte. Als größte Stadt des Mittelalters war sie ein ein kulturelles, wirtschaftliches und religiöses Zentrum, das Ost und West verband, Europäisches Wissen im Mittelalter verwaltete und später mit byzantinischem Einfluss zurück nach Europa trug, um die Renaissance einzuleiten. Die Stadt fungiert als Schmelztiegel, in dem das griechisch-römische Altertum mit byzantinischer Kunst und islamische Kultur verschmolzen ist. Sie war Knotenpunkt des Handels zwischen Orient und Okzident. Ende der Antike. Metropole des Austauschs von Waren, Wissen & Ideen aus dem nahen, fernen und ferneren Osten. Auch in Zeiten von Konflikten. Bis zu den ersten Fotografien Mitte des 19. Jahrhunderts hatte man höchstens eine erhabene Vorstellungen von Konstantinopel, die sich aus Literatur, Malerei und märchenhaften Geschichten zusammensetzte, die solange durch die Welt getragen wurden, bis nur noch Märchen von ihnen übrig waren. Heute ist Istanbul eine Weltstadt der Möglichkeiten und Nebenberufen, trotz American Fashion und Billigtrikots von Zinedine Zidane. Dafür sorgen schon die Minaretten, die wie Antennen in den Himmel stechen und der Banalität jedes noch so geringen Tuns einen sakralen Hintergrund entgegen stemmen. Jeder muss in Istanbul deshalb irgendwo hin, ist fest davon überzeugt. Die Stadt wuselt, röchelt, rush houred, sieht benutzt aus, ist voller Menschen, die Schuppen, Drüsen und Geschlechtsteile und Klingeltöne haben, wie ich und der Taxifahrer. Ihm wäre das hier zu voll, aber im Taxi geht’s immer noch, solange es sich nur staut und nicht steht und einheimische Musik läuft. Die Zeit ginge so nicht verloren. In Deutschland gäbe es keine einheimische Musik, sagt er, vielleicht in Portugal oder Italien, aber vor allem in der Türkei. Er lehrt ein bisschen herum. Istanbul wäre nicht die Türkei, genauso wie Berlin nicht Deutschland ist, obwohl die Hauptstadt Ankara sei und Döner eine Erfindung der Deutschen. Auch nicht von einem Deutschen, sondern von Kadir Nurman, einem türkischen Gastronom, der als erster Mensch auf der Welt in den 70ern Fleisch in einen Fladen gesteckt hätte und das Istanbulische schuf, was so was ist, wie das Wienerische oder Beirut. Ankara wäre wie seine Ehefrau, Istanbul seine Geliebte. Ich frage, ob sich beide nicht mit einer vereinbaren ließe […]