ODYSSEE
Wo immer ich bin, geh ich gern baden und lese danach in der Sonne. Ich mag Boote, Pilze, Schaumwein, Blocksatz, die Dämmerung in der Odyssee und dieses Hotel auf den Klippen Sorrents, in das ich schon immer wollte und am Ende vieler Sommer immer auf den Klippen stehen sah, wenn wir aus Positano kamen, Paestum oder Ravello, was ein befreiendes Gefühl sein kann, nach den engen lebensbedrohlichen Straßen Amalfis. Das Hotel liegt am Meer, ohne richtig am Meer zu sein. Unten ist ein Stück Strand auf den aber nie Sonne fällt. Es gibt einen kleinen Hafen mit Pier, von dem man ins offene Meer springen kann. Hier lagen wir an den Nachmittagen auf den Steinen und sahen den Kindern beim Fischen zu, die uns beim Schwimmen zusahen. Wenn keine Kinder da waren, badeten wir nackt, mit Turnschuhen, wie Amerikaner, die über Steine klettern, auf denen handballgroße Seeigel kleben. Morgens frühstückten wir spät und lang. Mit uns war nur ein schwules Pärchen im Hotel, das auch lange frühstückte. Nach dem Frühstück spielte einer von denen Klavier in der Lobby. Die Lobby war weiß und hell und schön. Manchmal setzten wir uns dazu und hörten uns die hohen jammernden Töne an, die nach einem tragischen Familienleben und bezahlten Klavierstunden klangen. Das Klavier ist ein Seeleninstrument durch dessen Tasten sich Gefühle besser ausdrücken lassen, als mit Worten. Manches lässt sich nicht sagen, denn wenn man es sagt, sagt man das eine, aber das andere nicht. Im besten Fall, weiß man nicht, wie man es sagen soll und im schlimmsten Fall sagt man etwas, das man nicht für das Eigentliche hält. Man spürt dann geradezu die Sehnsucht, die den Blick und die Töne aus der Lobby in die Weite und Freiheit davonträgt. Nach dem Frühstück gingen wir ins Zimmer, liebten uns bei offenem Fenster und sahen uns danach die Gardine an, die vom Wind bewegt vor der Terrasse wehte. Diese Terrasse war ein Altar für den Blick und ihren Anblick vor diesem Ausblick. Man sah Ischia und Pompei, sah das was Kaiser Augustus sah und den kleinen Pier, vor dem wir schwammen. Capri sah man nicht, auch keine Jacht von Jeff Bezos oder das Haus von Wilhelm von Gloeden, der dort sein Arkadien hatte. Weiß und grün und blau. Manchmal sahen wir auch einfach nur fern, wenn Springreiten kam oder wir schliefen nochmal ein und wachten dann auf und wussten nicht wo wir sind, wer, warum und wie oft wirs am Nachmittag getan hatten. Dann kam die Abenddämmerung über den Golf und die letzten Boote fuhren rein, wie weiße Pinselstriche. Ich hielt mich an meinen Drink, anders war das kaum auszuhalten, genau wie sie kaum auszuhalten war, mit ihren nackten verschränkten Beinen und den Wasserfarben, die sie sich mitgebracht hatte, um das einzufangen. Sie hatte die Sonnenbrille dann nur auf der Nasenspitze, sodass ihre Augen über die Brille, bis auf Grund deiner Eier gucken konnten. Was soll man bloß mit dieser großen Schönheit machen? Man kann sie ficken, tausendmal, anschreien, zerdrücken, sie geht doch nicht Tod. Man kann sie aushalten, daliegen und genießen und sich eines Tages daran erinnern, wenn man mal daliegt und träumt von Sonne, Salzwasser und Sex. Man erinnert sich an all das zurück, ohne Erwartungen und Angst, dass man die nicht erreicht. Man hat erkannt, das man nie zufrieden ist, nur manchmal, wenn man schon Liebe hat und nicht auch noch glücklich sein muss. Liebe ist so viel mehr nur als Glück. Sie ist Leiden in Briefen, auch wenn meine Freunde meinen, ich hätte sonst wieder nichts getan. Es stimmt doch nicht, man hat doch gelebt und gelitten und Tage unter der Sonne verbracht und Liebe am Nachmittag gemacht, ohne Schuld. Man wacht aus einem Traum auf und lebt den nächsten. Zu lieben und man selbst zu sein, ist ein Full Time Job, schreibt sogar Sloterdijk, den sollten sie mal lesen, nicht nur mich. Abgesehen von dem und ein paar anderen Büchern (Homers Odyssee, Irmgard Keun) waren wir allein und genoss die Gesellschaft der Kellner und Kaiser, die als Büste den ganzen Tag vor dem Blau des Meeres standen. Abends roch es nach Salbei, Rosmarin, Minze und Zitronen, die langsam kalt wurden. Nach Rauch und Abendhimmel, aber man musste nicht rauchen, um den Blick zu sehen, man ging einfach und sagte, dass man mal raus geht uns sieht, ohne zu rauchen und ohne, dass jemand das ohne das Rauchen nicht versteht. Das war sehr schön. Künstler machen es möglich, indem sie es sichtbar machen, so dass wir das Schöne sehen in jedem Tag, solang keiner stirbt. Es gibt Orte auf der Welt, die das Versprechen am Morgen länger über den Tag halten und erst spät am Abend brechen. Wenn Streichhölzer brennen, ohne Wind. Man hörte das Wasser schwappen, unten gegen den Pier. Kurz vor Weihnachten wird es dunkel bevor die Tage zu ende sind. Dann geht die Weihnachtsbeleuchtung an und es ist angenehm, eingehakt durch die Gassen Sorrentos zu gehen und in die Auslagen der Geschäfte zu sehen. Sie kaufte mir einen grünen Mantel, der gut zu der Tasche passte, die sie mir auch gekauft hat und schenkte mir zu Weihnachten die Erkenntnis, dass mich das nicht schöner macht. Einmal hielt sie an einem Schießstand und ballerte einfach los, traf nichts. Ich ballerte dann auch, traf alles und fragte ein junges Mädchen, das zufällig neben mir stand, ob sie sich nicht eins von den Plüschdingern aussuchen will. Ich fühlte mich wie ein real life Garry Grant, der das auch ohne Drehbuch schafft. Nachts schrieb ich das ins Gästebuch und sie malte was dazu und der Direktor dankte ihr dafür. Er erzählte uns, wie er die Seuchenjahre hier verbrachte und mit seiner Familie den Weinkeller leer trank. Er fragte, was uns nach Sorrento geführt hatte und ich sagte, dass ich schon Jahr her wollte, das nach all den Jahren aber nicht mehr weiß. Et in Arcadia ego, vielleicht weil das gut klingt, Sorrento vor Weihnachten. Er sagte, Weihnachten mache ihn immer fertig. Sein Immunsystem erinnere sich dann immer an ein paar Erkrankungen, die er das ganz Jahr lang erfolgreich verdrängt. Ich sagte, wir hätten hier schöne, ruhige Tage gehabt, die wichtig sind, für die […]