ÜBERN WINTER
Die Idee kam uns letzten Winter. Wir hatten gerade Feuerbachs Selbstportrait im Belvedere in Wien gesehen und saßen ums Eck im Café Goldegg bei Kaffee (mit Schuss) und Kuchen. Sie sagte, dass es schon ihr Traum wäre, mal eine Zeit lang in Italien zu leben und ich sagte, den Traum hätte ich auch schon gehabt und ich hätte es auch schon ein paar Mal probiert, wie Feuerbach, mit Rom, es wäre mir nur nie gelungen, mit italienischen Frauen. Ich fragte, ob sie alleine gehen will oder mit mir und ob ich es für sie tun soll oder aus mir heraus und sie sagte, dass sie nie ohne mich irgendwohin gehen würde, und ich es aus mir heraus tun soll und für sie, so wie Liebende eben sind. Ich sagte, gut, let’s go, nächsten Winter, dann hätten wir genug Zeit einen Ort zu finden. Sie war ganz perplex und fragte wirklich und ich sagte ja. Es gibt Leute, die ihre Träume leben und Leute, die das nicht tun, um sie weiter träumen zu können. Ich gehöre zu der ersten Variante. Die Zeit verging, der Sommer kam und ging und erinnerte uns daran. Wir hatten gerade einige Wochen auf Sizilien verbracht und den Plan, die Küste hochzufahren, um das Dorf mit Bar und Post zu finden, in dem wir den Winter über verbringen. Ich hatte mein Manuskript und einen Verleger, der das auch wollte und mir sogar Geld dafür gab, den Winter über daran zu arbeiten und davon zu leben und damit trinken zu können. Er hatte das nicht so gesagt, aber ich hatte das so verstanden. Wir hielten in einer Bucht, tiefstes Kalabrien, um zu schwimmen und dann in einem kleinen Dorf, für ein Eis. Das Dorf war ganz nett, vom Wasser umgeben, auf einer Anhöhe. Es gab eine schöne Piazza und einen Weinhändler, der auch Schaumwein da hatte und mir erzählte, dass man Napoleons Bruder hier umgebracht hätte, aber das Dorf gefiel ihr nicht. Sie war keine von diesen Leuten, die andere Leute brauchen, aber Kalabrien ist im Winter abgelegen und ganzjährig Mafia. Als am Flughafen saßen, rief Pippo an, mein Freund und Parmesanbauer, und fragte, ob wir nun was gefunden hätten und ich sagte nein. Er fragte, warum wir das nicht lassen und einfach sein Sommerhaus über den Winter bei Genua nehmen, weil das sowieso leer stehe, wir müssten nur den Strom selber zahlen. Außerdem hätte mir die Ecke doch sowieso immer schon gefallen. Ich kannte die Gegend, war schon oft mit dem Zug vorbeigefahren und hatte mir vorgestellt, wies wohl wäre, hier morgens schwimmen zu gehen und Focaccia zu kaufen, mit einer Corriere della Sera unter dem Arm, wie ein ganz normaler Mensch, der gut geschlafen hat. Irgendetwas von mir war da, so wie es auch in Lissabon, Rom, Wien und an der Riviera ist, etwas, dass ich nur wieder finde, wenn ich immer wieder und wieder an diese Ort zurückkehre. Ein Ort ist ja immer erst mal ein Gefühl und es schien, als ließe es sich dort gut arbeiten und leben und lieben und darauf käme es, als Schriftsteller, schließlich an. Ich fragte sie gar nicht erst und sagte zu und sagte ihr nach dem Telefonat nur,: Den Winter verbringen wir in Ligurien, wo die Enge der Berge auf die Weite des Meeres trifft. Wir flogen zurück, trafen die nötigen Vorbereitungen, schmissen eine Abschiedsparty und packten sehr verkatert unsere Sachen, was gar nicht so einfach war und gar nicht so wie sonst, wenn man nur für eine Zeit irgendwohin will und weiß, wie lang die ist. Es fällt einem auf, dass man ja Zimmerpflanzen hat, dreckiges Geschirr, Restmüll, Internetverträge, einen Kühlschrank, in dem noch Essen ist. Wo schafft man das hin und wohin mit dem Auto, ohne dass es von Möwen vollgeschissen wird? Schaltet man den Kühlschrank jetzt ab? Verkauft man das Auto, wohin mit den Pflanzen, verdammt, das ganze Essen, hier kommen die Zweifel. Von der Scheiße mit dem Übergepäck ganz abgesehen. Eigentlich ist es auch so, dass Leute eher aus dem Norden in den Süden fahren, nicht umgedreht, von Lissabon, nach Rapallo, aber Pippo meinte, die Winter dort wären mild und einzigartig, weil die Berge die kalten Nordwinde abfangen. Es gäbe eine Bucht, in der man schwimmen kann und viele Bars, in die man nach dem Schwimmen gehen könnte, um zu trinken. Außerdem änderte sich Lissabon doch sehr, Buchläden, Kneipen und Cafés, die mir zehn Jahre lang eine Heimat gewesen sind, schlossen und wurden zu Zaras. Nach so vielen Italienaufenthalten ist der Kaffee Portugals irgendwann nur noch warmes Wasser und solange morgens irgendwo noch Spülmittel in der Sonne trocknet und ich das riechen kann, ist für mich auch Südeuropa […]















