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BYND

Konstantin Arnold

VOM FEINSTEN

VOM FEINSTEN

Ich steh an der Bar im Orient Express, scheiß auf den Genetiv und warte auf Nicky. Apéro und dann Essen,  frisch gemacht, mit all den anderen Königlichen, Hochstaplern und Frischgemachten. Es ist die schönste Art zu reisen. Man lebt, liebt und liest (Oswald Spengler), kommt nicht einfach nur an, wird langsam drauf vorbereitet. Vor dem Fenster zieht der Brenner oder irgendein anderer Berg in der Dunkelheit vorbei, es wird Nacht und später lässt man sich, mit der vertrauten Gewissheit, dass irgendwo immer noch jemand wach ist und Europa lebt, in den Schlaf schaukeln. Es geht durch ein erhelltes Europa, vorbei an Dörfern und Städten, Wäldern und Steppen, hinter beschlagenen Fenstern holen Bauern die Ernte ein. Wenn der Zug hält, wird zwischen den Bergen geraucht, angeschossen, im Minirock, Bahnsteig 10, Wagons-Lits et des Grands Express Europées. Drinnen steht der Espumante und wird kalt. Das Abfahrtssignal enthält die ganze Geschichte von Abschied, Sehnsucht und Verlust. Meine Mutter meinte neulich am Telefon, dass ich die Suche nach einem Ort, an dem man für immer leben kann, Freundschaften mit Stammtischen pflegt, Schulden hat und über die Jahre redet, endlich aufgeben soll. Ich frag den Barmann nach Papier und schreibe ihr, dass meine rastlose Seele in diesem Zug wohl endlich ihr Zuhause gefunden hat, ein staatenloses auf Rädern, zwischen den Orten und ihren Göttern, ohne den Dunst irgendeines Vaterlandsmasochismus. Mario, der Maître, sagte, dass es den Perfekten Ort nicht gibt, er sagte, der perfekte Ort, das wären italienische Aperitifs auf französischen Terrassen mit portugiesischer Gastfreundschaft. Er weiß alles über diesen Zug. Er arbeitet hier seit ich lebe und erzählt, was das mit einem macht. Er sagt, er könnte sonst nichts, nur unterwegssein, von einem Ort zum nächsten, und wenn Winter ist und es ihm gefällt, bleibt er bis der Schnee schmilzt. Kurz nach dem Krieg hätte ein gewisser Mr. Sherwood all die verstreuten Wagons zusammengekauft, um die Goldenen Zeiten des Reisen wieder zu beleben. Daraus wäre dann Belmond entstanden. Es ist das Relikt einer untergegangenen Welt aus Briefbeschwerern, Passkontrollen, Telegrammen, Hauptstadtdepeschen, Gepäckträgern, Abendzeitungen, Manschettenknöpfen und eben Nachtzügen, die wie Dampfschiffe noch enorm romantische Zusammenkünfte zuließen. Das hätte man heute durch Tankstellen und Flugzeuge ersetzt. Da waren Könige auf der Flucht, Millionäre, Diplomaten und Agenten, die als Diplomaten und Millionäre getarnt waren. Da waren Hoheiten aus Osteuropa, Maharadschas auf dem Weg nach Paris, verwelkte Nacht-Clubtänzerinnen, die im Orient Vergessen suchten, Leute aus der Hochfinanz und Industrie, die unterwegs waren, um die Ölfelder des Ostens auszubeuten oder Balkankönigen Waffen zu liefern. Ian Flemming schickt seinen James Bond an Board, D.H.Lawrence bucht für die notgeile Lady Chatterley und ihren Vater ein Express Ticket, Christie schreibt Kriminalgeschichten. Klatsch, Intrigen und Flirts gediehen, aber die Literatur kann sich nicht erlauben so unglaublich wie das Leben in einem Zug zwischen Paris und Istanbul zu sein. Es geht durch Länder im Krieg, Reiche, die heute untergegangen sind. Straßburg, München, Wien, Orte, die Hier und Dort verbinden und einem erlauben, zwischen entschiedenen Handlungen und unwiderruflichen Entschlüssen keine Entscheidungen treffen zu müssen. Durch die Länder, Städte und Dörfer, durch die man kommt, kommt man um sie verlassen zu können und Mario wüsste sonst einfach nicht, wie Leben geht, gut ginge es ihm in der Fremde. Dann sieht man sich die Mitreisenden an, die typischen Engländer, laute Amerikaner und reiche Brasilianer in engen Anzügen. Deutsche mit Schweißflecken gibt es auch. Nur ein Paar verdient Aufmerksamkeit und eigentlich auch nur sie, sehr natürlich, mit blasser Haut und knallroten Lippen. Sie trägt ein schwarzes, enges Kleid mit Schlitz und scheint sehr selbstsicher. Man kann ihre Nippel sehen. Ich sehe besser raus, sehe das Tal und den Fluss und weiß wem die Berge sind. Die Nadelwälder fliegen im Halbdunkeln hinter den Regentropfen vorbei, als würde man zu viel belichten. In den Tälern ist Nacht, nur ein Paar Gipfel bekommen noch Sonne. Mario fragt, was ich denn da lese und ich sage, etwas, das mir zeigt, was ich nicht weiß und mich zum Trinken animiert, um es nicht mehr zu wissen. Dann schenkt er nach, und nach, und nach. Kurz bevor man zum Essen ruft, kommt sie dann, unsicher und auf mich fixiert. Sie zupfte an sich herum und fragte, ob sie richtig gekleidet wäre. Eigentlich süß, aber das sorgt in Männern für Wut. Als die kleine in dem aufgeschlitzten Kleid vorbeigeht, sehe ich sie an. Sie fragt, was das für ein Blick gewesen wäre. Ich sage, der eines Mannes, der eine selbstsichere Frau sieht, die er nicht kennt. Sie sagt, der einzige Unterschied zu der wäre, dass ich nicht das von ihr weiß, was ich von ihr wüsste. Eine Illusion, sage ich und kann meinen Blick zwischen dem Gespräch auf der vorbeiziehenden Landschaft ausruhen. Was denkst du, wenn du eine Frau siehst, die dir gefällt? Wenn ich sie sehe, höre ich auf meine innere Stimme. Und was sagt die Stimme? Dass ich das nicht sagen soll. Wieso nicht? Weil es sonst kaputt geht. Wenn ich etwas schönes sehe, muss ich es verstehen, durchschauen, verurteilen, beneiden, kommentieren, sein lassen, beschreiben, ficken, überprüfen oder vergessen. Es ist dasselbe, was ich die Sonne an der Amalfiküste aufgehen sehe oder ein Mittagessen mit Wein vor mir habe, nach dem wir Skifahren gewesen sind. Später, als ich nachts aufwachte, dachte ich darüber nach. Ich dachte darüber nach was Glück ist und dass es gar nicht erstrebenswert ist. Ich dachte, dass mir wohl was fehlt, etwas, das mir keine geben kann. Ich dachte, dass ich sie manchmal doof finde, wenn sie so redet, wie ich, weil ich mich doof finde und Sachen sage, wenn ich unsicher bin. Ich dachte, dass ich in solchen Situationen ihr Halt bin und dass sie die schönste ist und der Unterschied darin besteht, dass ich das, was ich von ihr weiß, von den anderen eben nicht wusste und weiter begehren will, was ich habe. Ich dachte, dass ich sie liebe und verstand etwas, dass ich schon lange wusste und hoffte, dass es mir irgendwann vielleicht auch ohne Beweis gelingt. Der Orient Express ist ein Ort, an dem man generell sehr gut Denken kann, man liegt oder sitzt, ist aber in Bewegung, ohne das Abwaschbare anderer Züge. Man schläft, fickt, liest, trinkt, isst, sieht raus und zieht sich zwischendurch um. Morgens liegt man lange da und denkt nichts. Sie erlaubte mir diesen Widerspruch. Beim Frühstück dann der Beweis, als die Kleine ohne das Kleid dasitzt. Mario bringt uns doppelten Espresso und meint, er werde immer traurig, wenn die ersten Pariser Vororte kommen. Dazwischen ausgedorrte Sonnenblumenfelder im Regen. Die Vororte wären genauso traurig und ausweglos, wie überall, nur das danach Paris kommt […]

EILAND

EILAND

Ich wollte nie nach Venedig. Die Wasserstadt hat mich nicht interessiert. Nicht, dass mich Bilder von Brücken, die über Kanälen schweben nicht ansprechen, aber ich hatte zu viele davon gesehen und zu viel davon gehört, von Leuten, die sich über Touristen aufregen und selber welche sind. Venedig war dann so, wie eine sehr schöne Frau oder ein sehr schöner Mann, aber ich glaube eine Frau, die ihre Irrtümer nicht kennt. Ich dachte, ich könnte leben und lieben, ohne die Hauptstadt der Sehnsucht zu sehen, weiter träumen von den großen Maskenbällen der Geschichte, einer Unbekannten in einem Hauseingang, Affären, Zeit, Morgenröte, romantischen Gondelstunden, einem Vorhang, der weht, nachdem man sich von einem ganz bestimmten Gefühl befreit hat und kriminellen Fickern, die im schwarzen Umhang über die Dächer flüchten. Dann kam ich zur Seuchenzeit das erste Mal da. Verurteilen sie mich, wir sehen uns in der Hölle. Ich sah leere Bilder vom Markusplatz und konnte die Leere nicht vergessen, sie kamen gleich nach Delfinvideos, aber die waren gelogen. Im Wasser Venedigs überlebt keine Seuche, sie würde sich mit dem Wasser Venedigs anstecken. Napoleon nannte Istanbul die Hauptstadt der Welt und den Markus Platz ihr Wohnzimmer und ich sah diese Bilder vom Markusplatz, man konnte ihn sehen, ohne Menschen, wie schön der Platz war. Also fuhr ich hin. Es war ein Septemberabend. Ich kam im Regen an und es dämmerte. In einigen Palästen brannten die Kronleuchter und strahlten gut restaurierte Gemälde an, die von prächtigen Dübeln gehalten wurden. Die meisten Fenster waren schwarz und sahen mit dunklen, nachdenklichen Augen geheimnisvoll auf das wenige, vorbeiziehende Leben. Es war eine schwere Dunkelheit, die von diesen venezianischen Palästen ausging und durch das Schwimmende wieder aufgehoben wurde. Im Regen der Seuchennacht schien die Stadt zu alter Romantik zu erwachen und ich konnte es kaum erwarten, im Hotelzimmer anzukommen und theatralische Musik laufen zu lassen. Es war die Vorstellung eines Ortes, den man so sonst nie findet. Etwas Echtes, nicht die Vorstellung von etwas Echtem. Ich lief durch die Gassen neben den Arkaden und stand alleine unterm Regenschirmen auf dem Markusplatz. Die Kellner des Caffè Florian stellten gerade die Tische rein. Der Abend sah aus wie der frühe Morgen eines nassen Tages, es   war nebelig und blau, es dämmert jedenfalls. Die Straßenbeleuchtung schaltete sich an und ein Mann ging über den Platz, auf dem Tauben grasten, wie kleine Kühe mit Flügeln dran. Ich aß und trank Valpolicella. In Harrys Bar gab es noch einen letzten Drink, der nach Bellini benannt wurde, der anscheinend so gelb gemalt hat und einen Montgomery 15:1, der für irgendein bescheuertes Heerverhältnis steht. Untrinkbar, aber das einzige, was noch offen hatte. Zwischen amerikanischen Karikaturen lernte ich ein paar Venezianer kennen. Wir teilten uns beim Rauchen den Schirm und beschwerten uns über die Drinks. Die letzte Runde wurde denen und mir verwehrt. Seitdem habe ich Hausverbot. Ich fragte, ob man noch irgendwo anders hingehen könne und sie sagten, dass man in Venedig ein Motorrad, ein Boot und einen Bus braucht, um jetzt noch irgendwo anders hinzukönnen. Ich ging zurück ins Hotel und schwor mir, nie wieder zu kommen. Seitdem stirbt die Stadt, aber ihr Untergang ist Teil der Erzählung. 2009 hat man sie schon mal beerdigt, als die Einwohnerzahl erstmals unter 60.000 sank. Jetzt liegt sie unter 50.000, bei 30 Millionen Touristen im Jahr. Die Rache der Kreuzfahrer sind Kreuzfahrtschiffe. Das Salzwasser steigt. Zerfrisst die Mauern. Menschen überschwemmen die Stadt. Schreien sich an, werden angeschrien von Verkäufern, Ladenbesitzern und Guides: kommen sie rein, können sie rausgucken, fahren sie Gondel, wollen sie das kosten und dies, essen sie hier, kotzen sie später. Ich weiß nicht, ob Jesus dasselbe mit Venedig machen würde, was er im mit den Händlern im Tempel macht. Es gibt kein Handwerk mehr. Keine Kneipen und Marmeladenläden, keinen Milchmann, nur noch Ramsch, den keiner braucht und der auch nicht schön anzusehen ist, wenn man abends, eingehakt, flanieren geht und in die Auslagen sieht. Es sind die gleichen Läden wie überall, oder es sind andere. Außerdem sind dauend Filmfestspiele. Die Frage ist, wo man dann wohnt. Das Gritti ist zu Gritti, das Cipriani zu voll, der Palazzo Papadopoli eigentlich nicht schlecht, bis Schweinsteiger da heiraten wollte, den Rest kannten wir nicht. Achso, das Danieli, ja, das Danieli, das war aber lange zu und ist jetzt  erst wieder offen, aber so, dass es auch zu bleiben könnte. Der Palast hat mal der Familie Dondola gehört, die maßgeblich für den vierten Kreuzzug verantwortlich war und Konstantinopel plünderte, auf dem Weg nach Jerusalem, womit ich meines Namens wegen schon so meine Probleme habe. George Sand und Alfred Musset sind hier abgestiegen, Zimmer 10, im Mezzanin, mit Blick auf die Ponte della Paglia. Eine der übertriebensten Liebesgeschichten der Literatur. Musset erkrankt schwer an Typhus und wird vom Hotelarzt gepflegt. Sand, die kleine Nutte, verliebt sich in den Arzt, betrügt Musset noch am Krankenbett und brennt mit dem Doktor durch. Musset schreibt darauf seine Bekenntnisse und stirbt. Sand schreibt Sie und Er, Mussets Bruder rächt sich und schreibt Er und Sie, um die Dinge gerade zu rücken. Auch Lord Byron lebte hier, der pickellose Popstar der Romantik war einer der ersten Stammgäste des Hauses, bevor der Palazzo 1822 in ein Hotel umgewandelt wurde. Hier logierte er, während seiner skandalös zusammengedichteten Jahre in Venedig, schwamm und hinkte, schrieb seine berühmten Verse über die Seufzerbrücke, fassungslos darüber, dass es mit den Frauen immer das gleiche ist. Wenn man jung ist, glaubt man, man müsse, um die Frauen zu kennen, mit möglichst vielen schlafen. Wenn man älter wird, schläft man mit einigen, um sich zu vergewissern, dass es immer die gleiche ist. Byron wurde nie älter. Er starb mit 36 während des griechischen Unabhängigkeitskampfes […]

GLEICHFALLS II

GLEICHFALLS II

Es war heiß in Europa und wir überlegten, wo wir hinkönnen können und welches Hotel uns aufnehmen würde. Am Genfer See kannte ich eins, von dem man aufs Wasser gucken konnte. Dazu die Weine der Lavaux, Geschichten von Lord Byron und Mary Shelly, die hier 1816 einen Sommer ohne Sommer verbrachten. Außerdem: Richard Burton liegt dort da begraben, aber bei 38 Grad, ohne Wind. Im Zug, am nächsten Tag, dachte ich über all das nach. In Zügen kann man gut denken, vor allem, wenn der nah am Wasser lang fährt, wie kurz nach Zürich, über Brücken, Tunnel, viele Kurven und Steiles. Ich sah weiße Segelboote auf riesigen Seen, die den Meeren glichen. Sie sahen prähistorisch aus und lagen sehr tief vor hohen Felswänden oder an auslaufenden Ufern, die nur langsam flacher wurden. Hier war also der Wind, kurz nach Zürich, wenn man lange genug Richtung Landquart gefahren ist. Ich dachte an einen von diesen reichen Typen der letzten Nacht, einen, der zwar wusste, was der Genfer See ist, aber nicht, dass man den Lac Léman nennt. Wir hatten ihn an der Bar kennengelernt. Er sprach viel vom Segeln und sah sich meine Freundin an. Ich hatte mit Segeln nichts am Hut, außer dass ich mal einem älteren Herren geholfen habe, sein schönes Holzboot aus dem Wasser zu ziehen. Sein Gesicht strahlte von den frühen Morgenstunden des Meeres, aber das schien den Typen nicht zu interessieren. Er erzählte mir von seinem Segel Club, in dem fast geschiedene Manager außer Dienst verlernt haben mit ihren Frauen über Gefühle zu reden. Die Geschichte war unerträglich, man trank auch kein Bier in ihr. Alle kamen nur mit ihren Tesslas uns sahen sich nach ihrer sehr gut bezahlten Arbeit im Polohemd und Tennisschuhen ihre Segelboote an, als wäre das schon Sport. Ich sagte, bei uns gäbe es auch so einen Club, in Santa Margarita, gegenüber von der Bar, wo ganz Mailand in den Ferien einen auf Aperitivo macht. Da segeln nur Adlige, die jene Zeile im Leoparden zitieren, in denen Don Fabrizio über die Auserwähltheit einer höheren Rasse spricht und sich für das Salz der Erde hält. Er fragte, ob ich sonst keine Erfahrungen hätte und ich sagte, ich hätte es probiert, aber nie genug Wind gehabt oder viel zu viel. Ich hätte es in Australien probiert, auf Madeira, vor Lissabon, auf dem Lago di Como und ich hätte es satt, es immer nur probiert zu haben. Er erzählte mir von einer Frau, die einen genuesischen Marquis im Vatikan geheiratet hätte und sich dann scheiden ließ, aber noch gut mit dem befreundet wäre. Seitdem lebe sie auf einem Boot in Venedig, einem Palast in Rom und einem großen Haus in Portofino, das ich vielleicht kenne. Die hätte kein Boot, aber Freunde, die welche hätten. Ich lehnte dankend ab. Diese Leute lassen dich immer nur leer zurück und man überlegt sie beim Zuhören mit welchem Gegenstand zu erstechen. Sie sprechen von ihren Booten und wollen dich anrufen, was sie nie tun. Ich führte meine Freundin einmal im Abendkleid auf den berühmtesten Platz Italiens für irgend so ein scheiß Dinner und konnte es nicht erwarten, den schnellstens wieder zu verlassen.  Der Zug fuhr immer weiter hoch.  Steile Nadelwälder am Hang, die ich langsam so oft gesehen habe, das sogar mir klargeworden ist, dass die da stehen. Ich weiß nach welcher Kurve, was für ein Tunnel kommt und dass das nach Spinas irgendwann Semadan sein muss, mit seinen hässlichen Häusern und meiner Angst vor Spritzputz. Dieses Engadin hat immer irgendwas dunkles, dass das Licht aufnimmt und in tiefen Tönen an die Welt zurückgibt. Mit einem Unbehagen, das mir langsam vertraut geworden ist. In dem Tal sind vier Seen. Zwischen Silvaplana und Silsersee, steht auf 1820 Metern ein Waldhaus und bietet eines der schönsten Gebirgspanoramen der Welt, mit Blick auf die Seen und Berge, die sich auf beiden Seiten in die Ferne auf machen. Ein Blick, so synchron, dass er schon schon von Thomas Mann, Hesse und Chagall geguckt wurde. Dazu die Kulturentourage, die solche Besuche nach sich ziehen, Wutwanderer aus aller Herren Länder, ältere Paare mit Igelschnitt und Schweizer, die nie Hallo sagen und sich beschweren, wenn man zu laut Luft geholt hat. Es ist der unsexuellste Ort der Welt. Man verabscheut ihn und kommt trotzdem immer wieder. Ich war schon drei Mal hier, weil immer alles, wie immer ist. Die gleichen Kellner tragen tagsüber Manschettenknöpfe in hellen Anzügen und verteilen in dunklen am Abend Häppchen, die man überall, wo man isst, mit denen vergleicht. Man vergleicht jedes Hotel mit diesem Haus, es ist der Maßstab, obwohl die Italienischen Concierge langsam so werden, wie Schweizer. Alles, was ich je über Hotels geschrieben habe, nimmt hier seinen Anfang. Ich habe hier Sachen gelesen und geschrieben und abgeschrieben von Leuten, die sie sicher auch auch irgendwo abgeschrieben haben und so weiter. Die Belle Epoque Kapelle bläst im Freien zum Mittag, Tag für Tag, während man unten ein paar Bälle Tennis drischt. Luft und Stille, die nach schweren, heißen Tagen voll italienischer Menschen, genau das richtige sind.Schöner, als ins Waldhaus zu kommen, ist dann nur ins Waldhaus zurückzukommen […]

GLEICHFALLS I

GLEICHFALLS I

Irgendwann war’s in einfach zu heiß und wir fuhren nach Deutschland. Ich hatte eine Lesung in Ingolstadt und eine Sache in Baden-Baden, die erst mal noch nichts zur Sache tut, aber schon mal gut klingt, wenn man bedenkt, dass wir von dort weiter ins Engadin gefahren sind, um vor der Hitze in die Berge zu flüchten, so wie Rilke, Hesse und die anderen Knochenlosen das getan haben. Der Italienische Sommer ist heiß und laut und voll und überhaupt nicht so, wie man sich den vorgestellt hat, wenn man dort sonst nur Ferien macht und die Urlaub nennt. Wir verbrachten ein paar Tage bei mir daheim, die Landschaft ist ähnlich, nur ohne glücklich angesoffene Leute in Trattorien. Es gibt dort auch keine Trattorien, nur Orte, in die Leute gehen, die ihr Leben vom Wetter abhängig machen und darüber reden, was sie eh schon tun: Geld ausgeben, schweigen, wieder gehen. Dabei ist das Land eigentlich schön, es fehlt nur der Wein und Leute, die sich an dem betrinken. Es gibt dort Dörfer, in weiter Landschaft, wie Paul Lübbecke die malt. Hügel mit kleinen Wäldern oben drauf und Felder, in denen der Wind klingt wie das Meer. Pappeln, die noch nie Erfolg gehabt haben, bei irgendwem, stehen am Straßenrand und vor allem diese Pappeln sind es, die standen schon da, als Oma aus Ostpreußen kam, heiratete, sich scheiden ließ und auf die Felder ging um zu schreien. Die standen da, als ich ein kleiner Junge war und Angst hatte, vor einem Land ohne Trattorien, in denen die Pappeln bis zum Himmel wachsen. Sie waren da, als meine Mutter schwanger war und von daheim weglief, um den Vater zu treffen. Alle wollen ihre Familie schützen, aber am wenigsten vor sich selbst. Man sieht die Pappeln schon vom Zug aus, sieht Flüsse und Felder, Burgen und Alleen, an denen rechts und links diese verdammten Pappeln stehen und Dörfer verbinden, deren Namen mir nicht mehr einfielen. Meine Psychologin meinte, es wäre gut, diese Orte mal wieder zu besuchen und einige Wege aus der Vergangenheit zu gehen, in denen man denkt. Ich sprach mit einem Bratwurstverkäufer, aus der Gegend, der meinen Vater kannte und Tarzan nannte und einem anderen Mann, der den nicht kannte und sich mit vollem Kofferraum oben, beim Sportplatz, wo die Russen mal waren und die Straße schmal wird, aufregte und meinte ich könnte nicht fahren. Ich fuhr ihm nach und fragte, was er meinte und meinte, dass ich mich hier an (den kahlen Laubwäldern) meiner Kindheit abarbeite und das der einzige Ort auf der Welt sei, an dem ich das kann und wohl fragen darf, woher er denn sei und was er hier wolle, mit seinem Greizer Kennzeichen, weil ich wirklich, endlich einmal auch von irgendwo bin. Ansonsten war diesmal alles gar nicht so schlimm und leer und voll leerer Leute, die so schlimm leer und abgestorben sind. Es war eher so wie Preller (der Ältere) Heimaten malt. Er malt sie wie die Bucht von Neapel, Sorrento oder Sommerabende vor Capri und bringt sie uns näher. Meistens ist der Ort, aus dem man kommt, der am weitesten entfernt. Schließlich bin ich dorthin gefahren, wo ich lange nicht gewesen war und auch nie mehr hinwollte und habe einen Teil von mir entdeckt, den ich nicht zu finden geglaubt hätte. Eine Form der Dankbarkeit, sowas wie Frieden, Herkunft, Abscheu, Licht, den Süden von Irgendwas. Es war daher schön in diesem Sommer und fast traurig, als wir abreisen mussten, was irgendwie viel schlimmer war, wie wenn man wütend ist, flucht und flieht. Man konnte fast vergessen, dass man in Deutschland ist, war ja nun auch schon bald Frankreich. Mit Orten, die Namen hatten, wie Kaiserstuhl, Tuniberg und Markgräfenland. Vor uns lag das Tor zur Badischen Weinstraße, eine große, warme Ebene voll Riesling und Spätburgunder bis zu den Vogesen, schon ein Cabrio wert. Ich stellte mir vor, wie die Franzosen hier im Krieg durch sind und den Deutschen das weggetrunken haben, was sie ihnen schuldig gewesen sind. Ich dachte an Eichendorf, der hier Wandern ging und soff und Wilhelm Hauff, der sein Kaltes Herz im Schwarzwald schlagen ließ. Ich dachte leider auch an Berliner, die einen auf Weinkenner machen und in engen Hosen und schmalen Schuhen vor einem Spritz in Baden-Baden sitzen und von ihren Toskana-Ferien erzählen. Hier wollte die Welt genesen, vor allem nachdem Cesar Ritz, Eisenbahn und Dampfmaschine für einen Urknall gesorgt haben, der Reisen zu einer luxuriösen und angenehmen Angelegenheit gemacht hat. Baden-Baden gab es, bevor es die Coté d’Azur gab, die Amalfiküste und auch das Engadin. Formentera, Marbella oder Santorini spielen nicht in dieser Liga. Das Kurdorf im Schwarzwald gilt als die Sommerhauptstadt des alten Europa. Basis Camp der Aristokratie. Vielleicht nicht so romantisch hinterm Eisernen Vorhang wie Karlsbad, eben etwas mehr renoviert, aber auch schön im Wald, mit Russen und Chinesinnen, die in Reizwäsche einen auf Junggesellenabschied im Dampfbad machen. Noch heute gilt: Baden-Baden im August für alle die auf Kumpels von Edward II. machen. Pferderennen, Heilwasser, das schönste Spielkasino der Welt. Das Fridrichsbad hat die Dimensionen eines Europäischen Parlaments. Bei Clara Schuhmann vollendet Brahms seine Lichtentaler Symphonie. Turgenev schreibt an Flaubert: Kommen sie nach Baden-Baden, hier gibt es Bäume, die sie sonst noch nirgends gesehen haben und eine Einkaufspassage, die die gleichen Sachen wie die Via Condotti in Rom oder die Rue de la Paix in Paris in den Auslagen hat. Anstatt der Kutschen, heutE Ferraris, Range Rover, Rolls Royce, aber immer noch Glücksspieler und Verführer, selbst wenn die engere Hosen anhaben […]

ÜBERN SOMMER II

ÜBERN SOMMER II

Es war auch der Sommer, in dem ich mit dem Schreiben aufhörte und alles noch beschissener fand und kein Geld hatte, wie immer, vielleicht sogar noch weniger als immer und nur Absagen bekam und falsche Freundlichkeit, dass sie mich in die Datenbank aufnehmen und ggf. auf mich zurückkommen. Es hatte nichts mit mir zu tun, sondern damit, was Zweig 1916 schrieb, dass die ganze Welt krank ist und nur Mist verlegt, den in fünf Jahren kein Schwein liest. Natürlich fühlt man sich Schuld daran, vor allem, wenn man keinen Vater hat, oder einen, der keiner ist, ohne das einem das jemand sagte, so wie ich. Man spürt die Distanz und macht sich verantwortlich. Die einfache Trauer darüber wäre besser gewesen. So sieht man, was die anderen machen, die alles besser machen, sogar was man besser kann, als die und leidet unter seinem Casanova Syndrom. Wenn ich etwas tat, stellte ich mir vor, ich würde es nicht tun und dachte, was ich sonst tun könnte und das alles Tun sinnlos war, wenn man es nicht beschrieben hatte. Es war dann aber immer noch besser, das Sinnlose zu tun, als nichts zu tun, und sich zusammen der Illusion hinzugeben, als wäre es das nicht, weiter zu leben, gerade weil es sinnlos ist und schön aus dem gleichen Grund, aus dem sich Menschen gut anziehen, wenn sie zu einer Krebsdiagnose gehen oder den Müll aufheben, selbst wenn niemand guckt. Ich fürchtete nicht der zu sein, für den ich mich gehalten hatte und hatte Träume, mit faulen Zähnen, ohne Schmerzen, was was wohl ein neues Kapitel im Leben bedeutet, glaubt man denen, die Träumen eine Bedeutung zu messen und sagen, Träume mit Zahnschmerzen stünden dagegen für irgendwas unterdrücktes.  Es war deshalb auch ein Sommer, der aus losen Zetteln bestand, Zerstreuungen, Geduld und Zitaten von Rilke, die ich am Spiegel kleben hatte und die Gedanken kommen und gehen ließ und erkannte, dass man sie gar nicht aufschreiben und lösen muss, damit sie das tun. Ich versuchte nicht zu denken oder den, der nicht denkt, damit zu stören, aber ohne Denken schien alles gewöhnlich, sinnlos und flach, wie ein Meer, dass still steht, zu blau und zu warm. Der Juli stellte sich ein, wie die Prophezeiung einer offiziell vereinbarten Hitze, die nun in Kraft trat. Rollläden hingen unten, wie müde Lider, das Meer lag da, wie eine heiße, mittelmeerblaue Pfütze und das Rauchen schmeckte so nicht. Die Boote schliefen abgedeckt in den Buchten und warteten auf ihre Besitzer, ohne Wind und Wellen, Gezeiten und Gefahren eines richtigen Meeres. Jeden Tag Sonne und heiße Nächte, von denen es in Lissabon nur wenige gibt. Dolce fucking Niente. Das Leben fühlte sich wie ein Nachmittag an, an dem schon zu viel geraucht wurde. Beschützt von Bergen, die nichts anderes zulassen als Südwind. Ich ging Mittags zum Strand wie Munchs Melancholiker, um ihn verlassen zu können und ging Abends allein wie in großen französischen Romanen. Ich las Zweig, Chekov, Montaigne, las das nichts neu ist unter der Sonne und wie Zweig immer alles so schön beschrieb, aber in zwanzig Sätzen, von denen auch einer gereicht hätte und hoffte, bisher nicht das gleiche getan zu haben. Chekov schrieb klar und stark und wie immer, von einem jungen Mann, der sehr spät aufstand, einen Dreitagebart trug, abends Wein trank und nichts tat, außer sich zu beklagen. Vom Schicksal zum Müßiggang gezwungen, betrachtete er den Himmel und wanderte manchmal bis spät irgendwo umher. So wie ich. Ein guter Morgen war dann schon, nach dem Aufwachen nicht zu rauchen und jemand der anstelle Feuerholz in den Hügeln verbrennt, sodass alles im Dunst lag, vernebelt durch die Träume der Nacht, die sich langsam im Tal auflösten und dahingingen, wo sie herkamen, ins Nichts. Ich hatte die Schnauze voll vom Strandleben. Alles kam mir fürchterlich klein vor und eng, leer, und ausgelotet, wie im Freibad. Ich hatte genug von schnorchelnden Leuten, die dabei ins Wasser pinkeln, geschwollenen Sprunggelenken, Sonnencreme, Luftmatratzen und Haut und fuhr abends nach Genua, um mich in den Gassen zu verlieren und der Vorstellung hier beim Schein einer Öllampe über den Dächern zu onanieren. Ich hatte ein Haus am Meer und das Meer, war verliebt in eine Frau, kurz davor verlegt zu werden und todunglücklich, weil ich fragen musste, wie der Tag war. Manchmal half ich dem Salamiverkäufer oder dem Winzer, an den Hängen der Cinque Terre, wo das Meer mehr Meer ist und nach dem Mittag alles verschwimmt. Dazwischen frittierte ich Meeresfrüchte im Unterhemd, kaufte Essen, schob mir jeden Abend eine Flasche rein und holte sie von Arbeit ab, bevor die Sonne hinter die Hügel fiel. Sie hatte erst keinen Job und dann einen, vierzig Stunden die Woche, mit Anwesenheitspflicht in einer anderen Bucht, was noch viel schlimmer ist. Es war eine schöne Bucht, in die wir oft spazierten und jeder mit seinen Gefühlen ging, wenn wir gestritten hatten. Das Meer und das Land verstanden sich prächtig, prügelten nicht aufeinander ein, wie in anderen Buchten, mit bunten Häusern, die sich ganz ans Wasser wagen. Man ging nah am Wasser lang, vor den Häusern, bis zum Ende der Bucht, wo der Kiosk war und ein Gefühl von zukünftigen Ereignissen. Boote lagen unter Planen im Winterschlaf. Vor einem rostigen Tor war das Logo eines Sport Clubs angebracht, in Form des Erzengels Michael, der den Teufel erlegt und vom Himmel zurück auf die Erde schickt. Ihm sind zahlreiche Wallfahrtsorte geweiht, die oft dramatisch auf Felsvorsprüngen erbaut wurden, um Himmel und Erde symbolisch zu verbinden, so wie hier. Den hellblauen Himmel, das dunkelblaue Meer, die gelbe Kirche, die oben auf dem Hügel der Landzunge unter den Pinien stand. Man kann diese Bucht nicht einfach so schreiben, man musste wohl hier leben, einen Sommer lang, um sie beschreiben zu können, so wie Cézanne sie gemalt hätte, mit dem Turm und den Felsen, die auf der Seite der Bucht ins Wasser fielen, wo die toten Soldaten unter Zypressen liegen und den Häusern auf der anderen, die fast so schön waren wie die Zypressen und die Fischer, die in ihnen Boote reparierten und alt wurden und den Villen weiter oben am Hang und den Zug, der hier nicht hielt. Es war ein Ort zwischen den Orten, wie man ihn sich vorstellt, wenn man den Anfang der Bibel liest, hinter den beiden Tunneln mit der Pizzeria in der Kurve, die weiter nach Portofino geht. Das Wasser schimmerte durch die Pinien, blau und klar, von Grund auf hell, und eine Treppe führte von der Kirche unter den Bäumen zum Strand hinab. Ich kannte keinen Strand auf der Welt, wo man sich nach dem Schwimmen van Dyck in der Kirche ansehen kann, nachdem man unter Pinien gegangen ist, die sich so sanft im Wind bewegen. Der wurde von Federico di Pagana in Auftrag gegeben, der der ganzen Bucht seinen Namen gab und eine Zeit Duke von Genua war und den Palast bauen ließ, mit den Parkanlagen, in dem heute der Souveräne Malteserorden sitzt, der meiner Meinung nach Caravaggio umgebracht hat und dann selber umgebracht wurde, vom Papst. Salvatore Ernesto Arbocò, ein Journalist, der in den 1910er Jahren Ars et Labor schrieb, war überzeugt, dass San Michele di Pagana das stille Ziel der empfindsamsten Seelen ist, die die Religion der Schönheit am meisten spürt. Er glaubte, es sei die schönste Bucht der Welt und vielleicht ist sie es, mit den Berge und Buchten in der Ferne bis Sestri, Zoagli und das was man für Zoagli hielt, Sam Benellis Haus […]

ÜBERN SOMMER I

ÜBERN SOMMER I

Es war der Sommer, in dem wir das gleiche Acqua di Parma trugen und ein Dorf gefunden hatten, mit Bar und Post, in dem wir einen Winter verbrachten und einen Sommer und dann vielleicht den Rest unseres Lebens. Der Traum, morgens, mit dem Rad, über den Markt einer kleinen, italienischen Stadt zu fahren, ohne doll treten zu müssen und zu grüßen, schien wahr geworden und ich suchte nach neuen Träumen in der wirklichen Welt, wo die Ereignisse sind und Konsequenzen haben und eine frühe Morgendämmerung die der Nacht verdrängt. Ich grüßte die Pfirsichverkäuferin, den Caffébesitzer und Literaturprofessor, den Salamiverkäufer, der das Puffbohnenfestival macht und den Priester, wobei der nie grüßt, der nickt immer nur. Den Vater des Salamiverkäufers grüßte ich auch, der war 92 und rief mich ran und manchmal hielt ich und saß mit ihm und hörte mir einen Morgen lang seine Geschichten an, mit denen die Zeit dann dahinging. Er war fast taub und blind und man konnte ihm gut zuhören, ohne reagieren zu müssen, und sich aufs Zuhören konzentrieren und das, was man nicht verstand mit Phantasie ausfüllen. Er sagte, ich bräuchte mir noch keine Gedanken machen, über Pensionen und Prostata und sollte mich auf den Sommer meines Lebens konzentrieren, in dem ich eben viel über den Sommer nachdachte und das Leben und dass das wirklich eines Tages endet und die Tage, an denen man sorglos Rauchen konnte, langsam gezählt sind. Kurz vor dem Haus sprach ich auf dem Rückweg noch mit dem Mechaniker, der aussah wie Rino Gaetano und auch so rauchte, langsam, bummelig, mit Locken, die Termine nicht einhaltend, aber am Leben. Er hatte einen Kalender mit Nacktbildern hinter sich, so wie ein Anwalt zwei Staatsexamen hinter sich hat und eine Brille mit Schlüssellochsteg trägt. Es kamen ständig Leute vorbei, die ihm ihre Autos brachten und in Gespräche verwickelten, so wie ich. Ciao, Buongiorno, Come va? So gings bis zum Lunch, dann Siesta, und dann nur noch ein bisschen tun, als würde man etwas tun, Pronto, Basta, Buona Serata und der Tag war auch rum. Ligurer sind verschlossene Leute, mit einer Art am Meer, die sonst den Bergmenschen eigen ist, das Gegenteil von Rom. Sie sprechen eine sorglose Sprache, die sich gut für den Sommer eignet, wenn die Welt einfach organisiert werden kann und in klare Kategorien passt, von bello bis bruto, caldo und multo caldo, pranzo und cena. Meiner Meinung nach hatten sie die einfachste, beste Form des Zusammenlebens gefunden, so wie sie ins Gespräch kamen und wieder raus und sich die Dinge hin und her spielten. Dass sie dabei so offen mit ihren Komplimenten umgehen, ist gut für Menschen mit Minderwertigkeitskomplexe, so wie mich. Das schreibt sich natürlich alles so leicht, aber man fing eben auch an, dieselben Leute zu grüßen und musste nett sein und konnte nicht einfach in die nächste Stadt ziehen und so sein, wie ich bin. Ich bin ein Reisender, der nicht gern nett ist und nervös wird, wenn er keine Bahnstation hat, von der er heute Nacht noch nach Zürich fahren könnte. Vor allem das Acqua di Parma erinnerte mich daran. Es roch nach Amalfi, Hotellobby, Mr. Arnold, Liebe, die schon früh morgens gemacht wird, Frühstücken, Schwimmen und im Sportwagen, am Abend, irgendwohin, den Tag davor und das Land und immer eine andere Stadt. Ich dachte, wir wären auf Grand Tour und leben nicht wirklich hier. Wie damals, als Maler in heiterer Gemeinsamkeit Raum und Zeit durchstreiften, einer den anderen fördernd, in enger Freundschaft, die ein Vaterland nie zugelassen hätte. In den Tagen bis hier her und manchen Nächten konnte ich bleiben, weil ich die Möglichkeit des Gehens hatte und die meiste Zeit in einem Zustand verbringe, den man vielleicht kennt, wenn man Ferien in Italien macht und ein bisschen zu viel getrunken hat. Jetzt haben wir sogar eine Einkaufskarte, mit der man Discount im Supermarkt bekommt. Wir hätten die auch gleich am Anfang machen können, das dauert zwei Minuten, ohne Ausweis, aber manche Dinge brauchen eben acht Monate. In so einem Markt lassen sich die Jahreszeiten besser ablesen, als an einem ganz Wald oder Bildern von Jan Wildens. Die ersten Pfirsiche kommen aus der Basilicata, der Mozzarella di Bufala wird schneller schlecht, Pasta aus Gragnano, Wein aus Veneto, Gorgonzola aus der Lombardei und Schinken aus Parma. Jetzt pflanze ich Zitronen, habe Freunde mit Boot, die uns zum Lunch einladen und versuche mich im Alltag trotzdem vor Caffés zu setzen, um meine besten Anzüge nicht für die Ferien aufzuheben und die dann Urlaub zu nennen. Eigentlich musste man hier im Sommer nirgendwohin, weil die Stadt im Sommer eine andere ist. Terrassen, von denen man nichts wusste, öffnen, Hotels und Caffés, nur die Strände schließen. Der Winter hier ist wie der Sommer, nur ohne all die Leute, die dann auch Sommer haben. Amerikaner kommen mit Turnschuhen von ihren Kreuzern auf Beibooten wie Piraten, die nicht selber reisen, sondern gereist werden müssen und immer sagen, woher sie sind, Stadt und dann Bundesstaat. Das Wo ersetzt das Wie. Die Reichen kommen aus Miami zurück, Mailand, Marbella, und wir bekamen trotzdem überall […]

KONSTANTINOPEL

KONSTANTINOPEL

Diese Geschichte beginnt wie alle Geschichten auf der Rückbank eines türkischen Taxis. Im Stau. Als Fortsetzung von einer, die noch nicht geschrieben wurde, aber schon fast fertig notiert ist. Vorausgesetzt, meine Gedanken flackern weiter so über die Seiten. Angezündet von religiösen Monumenten und dem Licht vorbei rauschender Straßenlaternen, Parfümwerbung, die verschleierten Frauen Freiheit verspricht und Ampeln, am dramatischsten ist Rot. Das Rot ist nicht das Problem, nur, dass es keiner beachtet. Einen Unfall mit Gewehren gab es deswegen auch schon und einige von den weißen Häuser, von denen Hemingway spricht, als er 1922 für eine Zeitung nach Konstantinopel kommt. Und das ist nur Fahrt vom Flughafen. In alten Büchern über den Orient kommen sie einem jetzt gern mit Gerüchen und den vielen verschiedenen Farben des Lichts, aber so reist ja heut keiner. Ich versuche mich an Details festzuklammern, an der Art wie dicht mein Taxifahrer auffährt und dabei telefoniert. Er fragt, Istanbul, nice, for Business? Ich sage nein und er fragt wieso dann jetzt? Na genau jetzt deswegen. Meine Freunde verdrehen den Kopf, meine Mutter riet mir bloß wieder nicht zu fliegen, aber meine Mutter rät mir auch so nie in ein Flugzeug zu steigen. Ob meine Heimatstadt dabei näher an Kiew liegt, als Istanbul an Teheran, ist egal. Man hat eine Vorstellung von der Welt, die sich aus 61 staatlichen Konflikten im Livestream über die Welt verteilt. Ich selbst habe kein Smartphone, was ich nicht für erwähnenswert halte, leider aber etwas Erwähnenswertes geworden ist. Die Nachrichten hole ich mir aus der Zeitung und von den heimlichen Korrespondenten ihrer Länder, den Taxifahrern. Was ich weiß, weiß ich von denen. Ich weiß auch ein paar andere Sachen von Nahost-Experten wie Daniel Gerlach, aber ich weiß sie lieber von denen, um mir die Welt, für meine Weltanschauung, selbst anzuschauen. Denn wenn sich Fronten verhärten und Menschen nicht mehr nur Meinungen haben, sondern auch noch einer Meinung sind, suche ich die Goldene Mitte. Geografisch gesehen, und auf Grundlage abendländischer (Ein)Bildung, ist diese Mitte nirgends besser zu finden als in Istanbul, das über 1600 Jahre Konstantinopel war und eine zentrale Brücke zwischen Europa und Asien darstellte. Als größte Stadt des Mittelalters war sie ein ein kulturelles, wirtschaftliches und religiöses Zentrum, das Ost und West verband, Europäisches Wissen im Mittelalter verwaltete und später mit byzantinischem Einfluss zurück nach Europa trug, um die Renaissance einzuleiten. Die Stadt fungiert als Schmelztiegel, in dem das griechisch-römische Altertum mit byzantinischer Kunst und islamische Kultur verschmolzen ist. Sie war Knotenpunkt des Handels zwischen Orient und Okzident. Ende der Antike. Metropole des Austauschs von Waren, Wissen & Ideen aus dem nahen, fernen und ferneren Osten. Auch in Zeiten von Konflikten. Bis zu den ersten Fotografien Mitte des 19. Jahrhunderts hatte man höchstens eine erhabene Vorstellungen von Konstantinopel, die sich aus Literatur, Malerei und märchenhaften Geschichten zusammensetzte, die solange durch die Welt getragen wurden, bis nur noch Märchen von ihnen übrig waren. Heute ist Istanbul eine Weltstadt der Möglichkeiten und Nebenberufen, trotz American Fashion und Billigtrikots von Zinedine Zidane. Dafür sorgen schon die Minaretten, die wie Antennen in den Himmel stechen und der Banalität jedes noch so geringen Tuns einen sakralen Hintergrund entgegen stemmen. Jeder muss in Istanbul deshalb irgendwo hin, ist fest davon überzeugt. Die Stadt wuselt, röchelt, rush houred, sieht benutzt aus, ist voller Menschen, die Schuppen, Drüsen und Geschlechtsteile und Klingeltöne haben, wie ich und der Taxifahrer. Ihm wäre das hier zu voll, aber im Taxi geht’s immer noch, solange es sich nur staut und nicht steht und einheimische Musik läuft. Die Zeit ginge so nicht verloren. In Deutschland gäbe es keine einheimische Musik, sagt er, vielleicht in Portugal oder Italien, aber vor allem in der Türkei. Er lehrt ein bisschen herum. Istanbul wäre nicht die Türkei, genauso wie Berlin nicht Deutschland ist, obwohl die Hauptstadt Ankara sei und Döner eine Erfindung der Deutschen. Auch nicht von einem Deutschen, sondern von Kadir Nurman, einem türkischen Gastronom, der als erster Mensch auf der Welt in den 70ern Fleisch in einen Fladen gesteckt hätte und das Istanbulische schuf, was so was ist, wie das Wienerische oder Beirut. Ankara wäre wie seine Ehefrau, Istanbul seine Geliebte. Ich frage, ob sich beide nicht mit einer vereinbaren ließe […]

CASANOVAS HEIMKEHR II

CASANOVAS HEIMKEHR II

Heut war wieder so ein Tag zum Steine schnippen. Ich komme mittlerweile jeden Tag, mein Rekord liegt bei zwölf, wenn ich die letzten Sprünge weglasse, die vielleicht trotzdem zählen. Es kommt aber nicht nur auf die Sprünge an, sondern die Weite und den Winkel und wie das Meer so drauf ist. Wichtig ist, dass man den Zeigefinger straff hält, um dem Stein den nötigen Spin zu geben und tief aus der Hocke kommt, so dass der Stein im ersten Kontakt nah an der Oberfläche bleibt und auf seiner eigenen Bugwelle gleitet. So werden die Sprünge nach hinten weiter. Ich weiß mittlerweile welcher Stein an welchen Tagen für welche Wellenbedingungen der beste ist. Man denkt, es sind die ganz flachen, perfekten, runden, aber wenn es Wind aus Nordwest hat, der die Wellen leicht aufbauscht, so wie heute, braucht man einen mit Gewicht, ellipsenförmig, von denen es am Strand nicht mehr viele gibt. Wird Zeit, dass ein letzter Wintersturm vorm Sommer noch ein paar neue bringt. Passiert ja sonst nichts, wenn man sich um die Zeit nicht schon betrinkt. Außer mir ist immer noch ein Typ da, der aber nicht Schnippt. Der sitzt nur auf den Felsen und liest die Zeitung in der Sonne, im roten Pullunder. Wir grüßen uns, ohne zu sprechen, so als hätten wir Zeit und müssten nichts überstürzen. Hätten wir andere Schwänze, sie würden wedeln, wenn wir uns sehen. Es war sonst nichts los, oder ich dachte, dass nichts los war, was das gleiche ist. Sie hatte immer noch keinen Job und ich arbeitete mich an meinen vatermörderischen Neurosen ab. Die Beweisphase begann, die kurz vor der Phase ist, in der ich morgens heimlich im Bad onaniere und Hunden auf den Arsch gucken muss. Ich versuche die Behauptungen meiner Ängste zu widerlegen, die sich einstellen, sobald mir etwas etwas zu wichtig ist. Ich versuche dann ihre Vergangenheit besiegen und meine und dann unsere und an der scheitere ich, wie in tausend und einer Nacht. Ich verliere die Lust und erleide Erschöpfungserscheinungen. Deshalb versuche ich schon seit einer Weile kein guter Mensch mehr zu sein und finde das schwieriger, als sonst irgendetwas; außer vielleicht zu verstehen, wo die eigene Interpretation der Dinge endet und sehr wohl der Vorwurf des anderen beginnt; oder zu wissen wie etwas ist, bevor es sich ändert, oder selber zu entscheiden, was richtig und falsch ist, zu denken und zu fühlen, was man fühlt und denkt und nicht, was man denken und fühlen sollte, weil man noch nicht schlecht genug ist. Anstand wäre doch zu sagen, ich habe geweint, weil ich dich liebe, aber das ist meine Sache. Es geht dich nichts an. Du sollst kommen und gehen, wenn du willst. Wenn du kommst, will ich mich freuen und wenn du gehst, nicht traurig sein, selbst wenn ich lüge.  Seit vorgestern hat sie nun einen Job, Vollzeit, mit Anwesenheit, was noch viel schlimmer ist. Ich freue mich für sie, trotz diverser Ressentiments, über die man mit niemandem reden kann. Die Leute würden sagen, dass das Leben nun mal so ist und kein Ponyhof. Gestern hatte ich deshalb einen Traum, in dem wir gekidnappt, wurden. Ich wusste nicht warum und fragte die Entführer. Einer meinte, dass könne er mir nicht sagen, aber wir hätten da Ideen, die die Leute nicht wissen dürfen und wären zu lange damit durchgekommen. Ich kann seitdem kaum mehr essen und sitze auf der Terrasse und rauche im Laternenlicht. Killing me Slowly. Die Spritpreise präsentieren die Nachrichten. Manchmal fliegt ein Flugzeug vorbei, dem ich weinerisch nachsehe. Ich bin ein Reisender. Seit ihrer Arbeit, lässt sich mein Leben vordenken. Den Winter über konnte ich hier sein, weil ich auch nicht hier sein konnte. Ich bin ein Reisender, der bleiben kann, solange er die Möglichkeit des Gehens hat. Etwas Geld, oder zumindest eine Kreditkarte. Im Gehen ist alles besser, auch das Bleiben, ohne Geld. Ich rief ein paar Freunde an, aber es stimmt nicht, was die sagen. Sie sagen, dass Frauen nun mal so sind und Männer eben so und Frauen Männer ändern und sie dann verlassen, sobald sie verändert genug sind. Auch das sie sagten, dass es doch schön ist, dass man jemanden an seiner Seite hat, wollte mir nicht einleuchten. Schön ist früh morgens, nach einem Streit, mit dem Fahrrad über den Markt einer kleinen italienischen Stadt zu kommen und zu grüßen. Schön ist, an ihrem Geburtstags mit frischen Blumen im Korb vorne dran in die neidischen Gesichter der Frauen auf der Promenade zu gucken, die keine bekommen. Schön ist, mit einer fertigen Geschichte am Strand zu liegen und den Augenblick zu genießen, bevor man sie als selbstverständlich erachtet und verbrennen will und so scheiße findet, dass es wohl gut sein muss […]

CASANOVAS HEIMKEHR I

CASANOVAS HEIMKEHR I

Eigentlich muss man in Palermo morgens mit dem Boot ankommen, so wie Goethe, nicht abends, am Flughafen, vierzig Minuten zu spät. Dann sieht man die Reinheit der Kontur, die Weichheit des Ganzen, das Auseinanderweichen der Töne im Licht, aber so reist ja heut keiner. In alten Büchern kommen sie einem immer pünktlich mit ihren Gerüchen und den vielen verschiedenen Farben ihrer Eindrücke, der Aufregung des Ankommens im Wind. Ich glaube Palermo ist altgriechisch und bedeute Zuflucht. Ein Blick aufs Meer, Hügel im Rücken wie ein Amphitheaters, vor denen sich das Leben ohne Drehbuch abspielt. Kaum ein Ort auf der Welt scheint so von der Natur gesegnet. Vielleicht nur Algier oder Rio. Ein Morgen hier heilt wie ein Abend am Golf von Neapel oder Trinken in Triest. Seit ich das letzte Mal in Palermo war, ist das alles nur noch schöner und schlimmer geworden. Dank den Bildern von Catel, die so kitschig sind, wie sie eben sind, wenn man die Dinge liebt, die man malt und schreibt. Dank Lampedusas Il Gattopardo und dem von Visconti, den ich seit einer Zeit lang versuche fertig zu gucken und schon fünf mal eingeschlafen bin, noch mehr als bei La Notte von Antonioni. Sizilien kommt einem immer erst mal spanisch vor, obwohl die Insel griechisch, ägyptisch, römisch, byzantinisch, normannisch, arabisch, französisch und dann erst spanisch war. Stützpunkt der Seefahrt, der Mafia, Wissenschaft und des Handels. Immer neue Eroberer haben sich im Laufe der Zeit ihrer Schönheit bemächtigt. Immer brachten sie fast alle um. Die restliche Bevölkerung vermischte sich mit den Eroberern und zeugte schwarzgelockte Frauen, denen der Blick aufs Meere die Augen blau gefärbt hat. Heute ist die Welt hier in Ordnung, weil die Sizilianer sind, wie sie eben sind und nicht auch auf glückliche Menschen machen, die sich über einen Kamm scheren lassen. Sie reden viel und ihre Freundlichkeit ist manchmal falsch und äußerst leidenschaftlich, aber ernstgemeint. 1860 landet Garibaldi mit seinen Tausend, darunter eine Frau und ein elfjähriger, auf Sizilien und befreit die Insel, im Zuge des Risorgimento, von sich selbst. Seitdem gehört Sizilien Italien, auch wenn sich das nicht so anfühlt, sobald man den Flughafen verlässt. Mir kommt es immer erst spanisch vor und dann afrikanisch, vor allem die Art wie die Taxifahrer überholen. Man ist näher an Tripolis als an Rom und vor der Schranke des Hotels ist es wie im mittleren Osten, mit Unterbodenspiegeln und Hunden, die kurz nach Sprengstoff suchen. Es gibt in Palermo zwei Hotels und ein noch paar andere, die es aber auch nicht geben muss. In einem wohne ich, im anderen ist Raymond Roussel gestorben. Autor, Dandy, Schwuler, Schachspieler, Weltreisender und Erfinder des Wohnmobils. Im Juli 1933 reist er von Paris nach Palermo. Es wird seine letzte Reise sein. In Palermo wird gerade das ausschweifende Fest der Heiligen Rosalia gefeiert, der Schutzheiligen der Stadt. Die italienische Luftwaffe überquert den Atlantik, die Faschisten feuern ihre Munition in den Nachthimmel, Stunden, in denen jeder Mann zu einer Frau geht, der eigenen oder der eines anderen. Große sizilianische Nacht. Während seines Aufenthalts ist Roussel stark drogenabhängig und physisch labil. Er versucht sich einmal die Pulsadern aufzuschneiden und Hotelangestellte zu bestechen, ihm beim Sterben zu helfen. Am 14. Juli ist das dann soweit. Durch eine Überdosis Schlafmittel, Zimmer 224. Irgendwie hat mich das immer abgehalten. Die Villa Igea hat eine nettere Geschichte, liegt aber außerhalb, neben einer Schiffswerft, vom Vorstadtmüll umgeben. Nicht weit vom Gerichtsgebäude, in dem am 10. Februar 1986 344 Mafiosi zu 2.665 Jahren Haft verurteilt wurden. Im Norden ist ein kleiner Strand, wo man morgens vorm Pellegrino Schwimmen kann. Kurz nach der Rechtskurve, die ich für ganz Palermo gehalten habe. Delon, Cardinale und Lancaster residierten hier während der Dreharbeiten zu Viscontis Il Gattopardo. Giovanni, der Restaurant-Chef erzählte einem gerne davon und davon, wie sich Delon an die Cardinale ranmachte und mit Visconti wettete, die Cardinale, aber nichts von eingebildeten Franzosen mit Babygesichtern wissen wollte. Giovanni ist ein richtiger Sizilianer, aber einer, der gerne reist und in den Vereinigten Staaten von Sizilien Willkommen heißt. Er ist verschwitzt, rund, schadenfroh, bewegt von der Geschichte, mit einer sehr entspannten Haltung zur Zeit. Ich hatte gute Zeiten hier und schlechte und Zeiten, an die ich mich nur erinnere, wenn ich hier her zurückkehre. Der Ort ist dann immer noch da, nur eben das Leben nicht, das ihn umgab. Ich erinnere mich an den Streit in Lissabon und den Flug hier her und wie ich versuchte, die Einsamkeit zu töten, aber man kann die Einsamkeit nicht töten, man macht sie mit Sizilianerinnen nur schlimmer. Ich erinnerte mich, dass dann Sonntag war und Regen und ich ihr, der allerersten einen Brief schrieb, schrieb, dass es mir einfach nicht gelingt, die Einsamkeit zu töten und man den Brief in der Brusttasche tagelang die Promenade lang trug und heute einer Frau gefolgt ist, die die gleiche Jacke trug wie sie, voll Angst zu erkennen, dass nicht es nicht sie ist und man das Gefühl verliert, das man gerade empfand. Wie jede, die man für sie hielt, einem nur klarmachte, wie sehr sie einem fehlt und dass das, was sie getan hat, überhaupt keine Rolle spielt, weil man sich nicht davon heilen könnte, zu lieben. Ich schrieb diesen Brief nüchtern in der Lobby dieses Hotels und sendete ihn an einem Freitag, per Einschreiben, beim Concierge, weil man sowas nicht sonntags ohne Sendungsverfolgung machen darf. Dann saß ich eine Weile in der Capella Pallatina und betrank ich mich danach in Straßen, in denen man Frauen mit einem Glas rumkriegt. Ich traf ein Mädchen mit und ging mit ihr Essen. Hinterher gingen wir tanzen, aber sie tanzte schlecht, wie alle Italiener und ich tauschte sie gegen eine Albanerin, die aussah wie Rosalia und ihren Arsch so an mir rieb. Die nahm ich einem Engländer ab, der sich schlagen wollte. Er forderte mich auf, mit ihm nach draußen zu gehen, aber ich fragte, warum. Er fing dann ein schreckliches Spektakel an und bevor die Polizei kam, rannten wir raus und trieben es vor einer byzantinischen Kirche im Stehen, mit Eisengeschmack im Mund […]

ALFA & OMEGA

ALFA & OMEGA

Jenen Winter verbrachten wir in Rapallo. Einer alten, italienischen Stadt, mit kleinen Gassen und Geschäften und einer Promenade, auf der man gut gehen kann. Ligurien, sehr 19. Jh. Der ausgeschlafene Mann, der seiner fellbedeckten Frau am Morgen die Pasta Fresca heimträgt und eine Corriere della Sera unter dem Arm hält, beherrscht das Bild, was die Küste zur Riviera Italiens macht. Früher hatte ich diesen Teil der Riviera nicht sehr ernst genommen und den Eindruck gehabt, die Welt nehme ihn nicht so ernst, wie die Französische, was daher rührt, dass man immer glaubt, die Welt interessiere sich nur für das, was einen interessiert. Frankreich nutzt das 19. Jahrhundert als Hintergrund seiner Gegenwart, während es hier an der Riviera di Levante nur noch Erinnerung ist, Napoleons Fenstersteuer, ein bunt bemaltes Herrenhaus unter Pinien, und Hotels, wie das Excelsior, das Miramare oder das Imperiale, wo 1922 der Vertrag von Rapallo unterzeichnet wurde. Früher kamen die Leute im Winter, jetzt kam keiner mehr, obwohl die Leute im Winter netter sind, die Wege leerer, die Parkplätze freier. Der Büffelmozzarella schmeckt besser, die Puntarelle wächst, Artischocken blühen und Farinata ist und bleibt ein traditionelles, ligurisches Wintergericht. Die Ladenverkäufer freuten sich, dass wir im Winter kamen und blieben, so wie früher. Früher wären die Leute immer im Winter gekommen und geblieben, sagten die dann mit einem Glas in der Hand und nur die, die nicht im Winter kamen und nicht tranken und dauernd gingen, fragten, warum wir nach Rapallo kamen im Winter und für wie lang. Ich konnte das nicht sagen. Zu sagen, dass es für immer wäre oder ein bisschen, ist beides falsch. Einen Winter in Italien leben, ist das schönste, was man mit sich und seiner Liebe überhaupt machen kann. Man kann hier gut leben und gut arbeiten, was das gleiche ist und darauf kommt es wohl an. Ansonsten muss man nichts, nicht mal krank werden oder dolce far niente und kann arbeiten, was eigentlich auch das schönste ist, was man hier machen kann. Künstler suchen, ungleich ihrer Passion, eine Atmosphäre von Trägheit und Leuten, die in der Sonne vor den Caffés sitzen und Mittagspause mit Wein machen, so als ob es gar keine Geschichte gäbe, die man noch fertig schreiben muss, so wie die hier. Man arbeitet bis zum Lunch und versucht dann noch mal bis zum Aperitif zu arbeiten, wenn einen die Liebe lässt. Manchmal geht der Tag so dahin. Die eigentliche Arbeit ist dann zum Arbeiten zu kommen, der Rest nur Schreiben. Man zieht sich was schickes an und geht eingehakt unter den Arkaden, um in die Auslagen der Geschäfte zu sehen. Begrenzt wird das Glück ja nur von Leuten, die fragen und wir trafen kaum Leute in diesem Winter und die, die wir trafen, fragten nur, obs sonst noch was sein kann und waren so gut wie die Wintertage selbst. An den guten Wintertagen machten wir lange Spaziergänge zu den Gasthäusern in den Bergen und kürzere nach San Michele di Pagana und Santa Margherita oder in die andere Richtung, an der Burg vorbei bis zu den Schienen, die weiter nach Zoagli, Chiavari, Sestri und La Spezia führen. Nach Portofino gingen wir nie. Es gab viele Wege, die man gehen konnte, nachdem man sich geliebt hatte und von der Via Paraggi a mare sagt man, es wäre der schönste Weg und vielleicht ist er es. Der geht ganz nah am Wasser lang und hinter den Gärten von Villen. Man kommt an all diesen Eingängen und Toren vorbei, durch die man über die Terrassen der Villen bis zum Meer gucken kann und das Meer liegt da hinter den Pinien bis zu den Bergen, die sich in der Ferne an ihren Rändern abzeichnen. Fischerboote kamen vom Meer und wir gingen oft, um am Ende des Tages in die Gesichter der Fischer zu sehen. Ihre Gesichter waren immer gleich, egal wie der Fang war und sie schienen unbeeindruckt von der Zeit und darüber, dass sie vergeht. Sie schnitten ihre Anchovis und legten sie in Salz und kümmerten sich um die Riviera, wie sie sich seit Generationen um die Riviera gekümmert hatten, indem sie Anchovis schnitten, sie in Salz einlegten und Geschichten erzählten, die sie so alt sind, wie die Geschichte selbst. Folgt man den Flüssen gelangt man ins Hinterland und fühlt siczh ganz anders als in Rapallo, Chiavari oder Genua und der Bucht der Märchen und der, der Stille, die Sestri Levante teilt. Dahinter kommt La Spezia und die der Poeten, die Byron angeblich durchgeschwommen ist und Botticelli als Hintergrund seiner Venus wählte. Die Venus selbst stammt aus Florenz, aber nur weil der hier nie eine Portugiesin aus dem Meer kommen gesehen hat. Dieses Hinterland hat Reize, hinter die man erst kommt, wenn man länger hier lebt. Es gibt keine Kolossen und Eifeltürme, die sich einem auf die Nase binden und niemandem, der einem sagt, dass man da unbedingt hin muss (wie ins U Giancu oder La Brinca). Das macht es sehr schön, weil man das selber für sich entscheiden muss und hier im Winter nur Leute findet, die das selber für sich entschieden haben. Nobelpreisträger wie Yeats und Hemingway hatten das selbst für sich entschieden, und Gerhard Hauptmann, von dem ich zwar nie was las, aber vor dem Haus schwimmen ging, in dem der wohl wohnte. Es bietet jedem, was er sucht, wenn er es selbst finden kann, ohne dass er es gezeigt bekommt, und zwingt dem Menschen keinen Lebensstil auf, wie die Nordsee, das Engadin oder Ägypten […]