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BYND

Konstantin Arnold

REGEN IM RETIRO

REGEN IM RETIRO

Ja, das waren sie, Tage im Himmel. Tage, die für ein ganzes Leben gereicht hätten. Tage, die Nächte wurden, aus deren Träumen, die Tage waren, die Nächte wurden und wieder Tage und dann nichts, außer dem, was wir in diesem Text von ihnen aufbewahren. Diese Tage ließen sich leben, so wie man sich eines Tages an sie erinnern möchte. Sie sind vergangen und das ist schlimm und das ist schön so. Niemand kann uns diese Tage je wieder nehmen, denn sie sind passiert und ich bewahre meinen Teil von ihnen auf, in einer großen Brust, in der ich alle meine persönlichen Sachen aufbewahre. Wer sie mir nehmen will, muss mich töten, wie einen Stier, mitten ins Herz, dort wo die Tage sind, ohne die ich zu leben, nicht mehr imstande wäre, weil sie eben so passiert sind und für ein ganzes Leben gereicht hätten. Sie sind alles, was wir sind. Manche von ihnen waren so wahr, dass sie beim Leben einen anderen Menschen aus uns gemacht haben. Etwas Unzertrennliches, etwas Ausschließliches, etwas Heimliches, etwas, dass uns gehört, weil nur wir beide davon wissen. Und wenn wir morgen sterben müssten, weil man uns diese Tage wieder nähme, gäbe es heute nichts, dass wir an ihnen ändern würden. Der Tod konnte uns im Westin Palace sowieso am Arsch lecken, die hatten goldene Bidets und Klopapier mit Krone auf jedem dritten Blatt. Wir warteten unverwundbar und sauber auf ihn, draußen wüteten 38 Grad. In Deutschland gäbs sowas nicht. Wahrscheinlich, weil im Kalten das mit der Kacke nicht so schlimm ist, außerdem ist der Tod dort pünktlich. Die Menschen im Westin konnten sich gut hinter ihrer Zivilisation verstecken. Man konnte sie kaum noch erkennen. Sie saßen in sorglosen Anzügen und kurzen Röcken in der Lobby und verschränkten die Beine, so als würde es keine Eier geben oder niemanden, der guckt. So als hätte jeder von ihnen sein eigenes Badezimmer und müsste die Oliven und die Nüsschen, die es zu den Drinks gab, gar nicht selbst verdauen. Das imponierte uns und wir kannten uns zwar gut, aber nicht so gut, dass wir uns zur gleichen Zeit im selben Badezimmer aufgehalten hätten. Wir wollten uns auch nicht ein gemeinsames Badezimmer gut kennenlernen, einige Menschen hatten wir schon zu gut gekannt. Doch nichts konnte jenen Tagen etwas anhaben. Sie beschützen uns seither vor dem Tod, so wie uns die Klimaanlage im Westin vor den 38 Grad und die seine zwei Bäder vor dem besseren kennenlernen beschützt haben. Leider lassen sich diese Tage nicht so schönschreiben, wie man sie gelebt hat, aber sie werden im Prosagebirge durch ihre Einfachheit zu sehen sein, weil sie wahrhaft schön sind und aus ein paar Hügeln kein ganzes Gebirge gedichtet haben. Die Berge waren alle schon da, ich musste sie nur […]

UNGESAGTES

UNGESAGTES

An guten Tagen schrieb ich und ging dann ins Paco. An schlechten Tagen schrieb ich nicht und ging ins Paco. Wenn ich an guten Tagen ins Paco ging, wurden die Tage besser, an den schlechten gab es nichts, dass hätte schlechter werden können. Ich versuchte jeden Tag zu schreiben, so gut wie ich schreiben konnte, aber das Schreiben war eins von diesen fragilen Dingen, die von vielen anderen Dingen abhingen, die nichts mit dem Schreiben zu tun hatten. Bist du nach dem Paco noch woanders hin, konntest du am nächsten Tag nicht mehr schreiben. Hattest du von woanders ein Mädchen mitgenommen, die morgens aufwachen und frühstücken und Pläne machen wollte, konntest du nicht schreiben. Brauchtest du Geld, musstest du über Dinge schreiben, über die du nicht schreiben konntest. Und doch hatten diese Dinge immer alles mit dem Schreiben zu tun, denn sie fanden, früher oder später, ihren Weg in die Geschichten. Und wenn es sehr heiß war, wie in jenem Lissabonner Sommer als das Paco schloss, war es auch in den Geschichten sehr heiß oder es war gar nichts, weil es zu heiß war und man nicht schreiben konnte und am liebsten direkt ins Paco gegangen wäre. An den guten Wintertagen hingegen, wenn die Sonne hinter den Häusern und Hügeln hing und aus einem anderen müden Land, langsam und flach über den Fluss kam, fing ich schon sehr früh an, zu schreiben. Alles war noch aus und zu und kühl, nur die Markthalle, die sich den Platz vor dem Haus nahm, war immer schon wach. Die Fenster standen weit offen und das Straßenpflaster war nass. Irgendjemand blies auf einer Flöte über den Platz und ich schaute immer raus und konnte nie erkennen, wer da mit seiner Flöte über den Platz blies. Wenn ich gut vorankam und später durch die Stadt zum Paco ging, den steilen Weg zur Burg hinauf, durch schmale Gassen bis zum Largo da Graça hinunter und dann im Jardim Botto Machado ein Buch von Sherwood Anderson las, waren die Tage glücklich und grenzenlos. Ich sah hinunter zum Fluss, ich sah das Pantheon und den alten Bahnhof, dachte nicht viel und das, was ich dachte, war okay und klar. Es war meins, gewaltig und frei, mein Moment, mein Bahnhof, mein Pantheon, mein Fluss. Alles in mir, die ganze Welt in meinen Adern. Das einzige, was dem Glück jener Tage gefährlich werden konnte, waren Menschen und solange ich einer Verabredung aus dem Weg gehen konnte, tat ich das und die Tage blieben dann glücklich und ohne Telefon und frei. Oft hatte ich das Gefühl innerlich verabredet zu sein oder verabredet sein zu müssen. Dann lief ich einfach weiter als nur bis zum Jardim Botto Machado, so tief in die Gassen einer Stadt, dass ich mich selbst nicht wiederfinden konnte und niemandem hätte sagen können, wer ich war und wo ich bin. Begrenzt wurde das Glück also nur von Menschen, abgesehen von den sehr wenigen, die so gut waren, wie […]

VIER MEHR ALS SIE

VIER MEHR ALS SIE

So, und? Du weißt jetzt natürlich auch nicht, was ich mit meinem Leben anfangen soll, aber irgendwie muss ich damit anfangen. Du sitzt einfach nur so da und liest, wie ich so dasaß und versuchte habe anzufangen. Du tust das in der Bahn, an einem Tisch, ganz woanders, vielleicht an einer Ampel, hinter dir wird schon gehupt, im Rückspiegel siehst du den, der Hupt und einen kleinen, gelben Pickel. Kann sein, dass du gerade frisch vom Chinesen kommst, aus der Mittagspause mit dicken Buchhalterkollegen, die in ihren grauen Anzügen aussehen, wie billige Alpträume und von ihren Frauen sprachen, wie Männer, deren Namen man wieder vergisst. Männer, ohne Frauen. Männer, die sonst nie Frauen haben und alles, was sie von Frauen wissen, von Männern gehört haben. Am Arbeitsplatz angekommen, trinkst du noch einen schnellen Schluck Kaffee, rauchst, liest und hättest deine Mittagspause am liebsten alleine durchgemacht, um Bilanzen auszuwerten oder Paragraphen zu wälzen oder nichts über Frauen zu hören oder Menschen zu untersuchen, die lesen, lesen wie ich versucht habe anzufangen. So fangen wir an! Los geht’s! Bin gerade so gut drin. Ist immer noch besser, als aufzuhören oder einfach so weiterzumachen, wenn das Hirn nicht mehr weiß, wo es hindenken soll. Ist besser als Geburtstagsgrüße mit Kaufempfehlungen von Amazon oder Ansagen im Flugzeug. Besser als lange Ehejahre, Newsletter, Menschen, die frohe Weihnachten wünschen, nachdem man sie bezahlt hat und viel besser als die gestorbendste Abgestorbenheit, direkt hinter Menschen, die sich oft sagen, dass sie sich lieben, weil sie sich nicht mehr lieben, künstliche Dekorationsfrüchte. Ist aber eine andere Geschichte und ich will die hier nicht mit Dekorationsfrüchten ruinieren. Von dem Geld, das die kosten, sollte man sich lieber Kalaschnikows kaufen, Gummipuppen oder Briefmarken, durstigen Kindern in Afrika kaltes Mineralwasser spendieren. Alles besser als Dekorationsfrüchte, denn Dekorationsfrüchte sind tote Natur. Eine Form von toter Natur, die mir besonders viel Angst macht, weil sie dekoriert ist, aber den Tot kann man nicht mit Worten dekorieren. Egal wie schön die Früchte sind. Am Ende der Worte ist immer etwas tot. Miese Dinger, ein Satz über Dekorationsfrüchte und man klingt wie ein obstanbauender Friedhofswärter, den dieses Thema ernsthaft interessiert. Oder wie jemand, der sich gern Kokain von den Geschlechtsteilen ziehen lässt. Wollte ich schon immer einmal geschrieben haben, nur keine Ahnung wie die klingen, mit Sicherheit aufgeblasen. Ganz so schlimm ist es nicht, du wirst das ja am besten wissen. Du bist jener aufmerksame Leser, der über die Aufgabe des Dichters besser Bescheid weiß, als der Dichter selber. Du bist groß, klein, oder Arzt, Anwalt oder Psychopath, geht aber auch beides. Buchhalter oder der aus dem Marketing, den man an der Ampel angehupt hat, weil er unbedingt wissen wollte, wie ich anfange. […]

FANTAST

FANTAST

So ging ich in eine Spielunke auf dem Land an die Bar, die dem Schönsten der Welt sehr fern war und bestellte Lösungen. Der Raum in dem man volle Teller auf Tische stellte (Restaurant oder Essen zu sagen, wäre übertrieben gewesen) gehörte einem Ehepaar, das seit vierzig Jahren gemeinsam volle Teller auf Tische stellte. Bei denen ging gar nichts mehr. Sein Name war João und für viele Leute aus der Stadt war er ein Arschloch. Für die Leute auf dem Land war João jedoch der, ders geschafft hatte. Eigener Raum, in dem ihn Leute dafür bezahlten, dass er volle Teller auf Tische stellte und seit 40 Jahren unglücklich verheiratet. Für einige war er also ein Arschloch und für die einigen anderen, der ders geschafft hatte. Nur sein Name João war für alle gleich. Er stand kurz vor der Rente und hatte in seinem Leben keine Frau vergewaltigt und niemanden überfahren, in seinen Augen also ein erfolgreiches Leben geführt. Und ich sags dir, wie er da so saß so kurz vor drei, als ich in den Raum kam. So kurz vor dem Wochenende und sein Steak mit den Pommes aß. Der Wein vor ihm auf einer rosafarbenen Tischdecke. Die Gardine, die geradeso wehte. So sah Trostlosigkeit aus. Seine Frau stand in der Küche, seit 40 Jahren da in der Küche, sie alle zu bekochen. Jeden Tag. Sie war schon lange verblüht, auch wenn nichts an ihr darauf hindeutet, dass sie in ihrer Jugend jemals geblüht hatte, schön war oder überhaupt etwas anderes gewesen war, als verblüht. Ihr fehlten mehr Zähne, als sie noch hatte, deswegen konnte sie gegen das Spucken beim Sprechen nicht viel machen. Als erstes fragte sie mich (Spucke) ob ich vorher schon mal (Spucke) in Fatima gewesen bin (Spucke). Ich sagte ja, einmal bei McDonalds, kurz von der Autobahn. Die anerzogene Gläubige in ihr erschauderte, dem Rest von ihr wars egal. Dann begann sie mir Fotos von Fatima zu zeigen. Der Kirche, dem Papst, der Jungfrau Maria. Auf allen dreien war eingetrocknete Spucke. Weil das mit den Fotos gut lief, holte sie noch eine andere Kiste heraus und begann mir Fotos von sich und João zu zeigen, damals in der Algarve, João beim Militär, die Hochzeit, Ferien, das erste Kind und dessen einjähriger Geburtstag, die Kinder des ersten Kindes und ihre einjährigen Geburtstage und so weiter. Warum, fragte ich sie, empfinde ich Symbole des harmonischen Zusammenseins (Mann und Frau, die einmal im Jahr Ferien machen) immer als Angriff auf meine Freiheit? Sie wusste gar nicht, was sie sagen sollte, damit sie spucken konnte. João, rief sie, João komm mal her und bring den Wein mit, rief sie (ganz viel Spucke, das mit der Spucke lassen wir ab jetzt weg). Bis sich João von der rosafarbenen Tischdecke auf den langen Weg zum Ursprung der Rufe seiner Frau machte, versuchte sie sich eine Antwort zusammen zu stacheln. Sie war eine liebenswerte Frau und ich mochte sie sehr. Das hat, was mit dem Alter zu tun, sagte sie. Und freute sich sehr über ihre Antwort. Sie dürfe das nicht Fall falsch verstehen, sagte ich. Ich hätte nichts gegen die Ehe, ich will an die Ehe glauben, deswegen bin ich gekommen. Leute, die gegen die Ehe sind, weil sie für die Freiheit des Einzelnen sind und Menschen verurteilen, die in Ehen sind, sind nicht besser als das, gegen was sie sind. Ich begann ihr von einer verheirateten Alten zu erzählen, älter als meine Mutter ist sie gewesen, mit der ich vor einigen Jahren eine Affäre hatte. Es war das einzige in meinem Leben, das bisher mit dem Alter zu tun hatte. Unsere Affäre bestand mehr aus Ausstellungen besuchen, im Park spazieren und ein bisschen Fummeln, als aus den Dingen, aus denen Dingen, aus denen gewöhnliche Affären sind. Sie hatte aber immer nur morgens Zeit, sagte ich ihr, kurz nach dem Frühstück. Nüchtern und mit Müsli im Bauch konnte ich unmöglich eine Frau flachlegen, die älter war, als meine eigene Mutter. Sie schaute sehr verdutzt und kreuzigte sich ein paar Mal. Dann kam João. Er schien die Sache auf eine ländliche lässige Art sehr ernst zu nehmen. So wie das Reparieren eines Autos, wenn es sonst nichts zu reparieren gibt. Er setzte sich und […]

BREITBEINIG

BREITBEINIG

Es war eine heiße Lissabonner Sommernacht. Sie trug ein leichtes Kleid, lehnte an einer Wand und zog an einem Strohhalm. Ihr Blick wich mir aus, suchte dauernd andere Blicke, denen er ausweichen konnte. Lange würde sie das nicht mehr durchhalten. Unsere Blicke würden sich treffen, ineinander verhaken, kollidieren, Kernschmelze, irreparable, Boom. Ich guckte während ich redete oder redete ich besser gesagt, während ich guckte? Von weitem war sie Schönheit auf den ersten Blick. Eine von diesen eiligen Raketen, die man auf der anderen Straßenseite laufen sieht und sich fragt, warum man solche Frauen immer auf der anderen Straßenseite laufen sieht. Bügelfalte und gestiefelte Waden. Wie gerne würde ich mich bei Regen Mal mit ihr unter die gleiche Arkade flüchten. Ich ging hin und machte sie an. Es war ein weiter Weg zum Anmachen, einmal über den Platz. Zwischen uns lag ein Fest, das ich jetzt aufs Papier bringe, steil am Hang. Die Sprunggelenke auf Anschlag. Hindernisse. Menschen, Bühnen, Bierbänke. Viel zum Stolpern, hängen bleiben, Bier verschütten und sich dann wegen Bier verschütten prügeln müssen. Es war eng, wurde enger, am Engsten. Den Bühnen und Bierbänken doch egal. Feiertage! Das Leben war an. Einer singt der Rest singt mit. Die Sardinen braten, die Menschen tanzen. Die Touristen stehen ahnungslos da. Die Texte der Lieder sind herrlich unanständig. Während ich mich durch die Massen quetschte, erzählen sie also von einem, der sich eine Ziege anschaffen musste, weil die Mutter zu Arm war, um selber Milch zu geben oder vergleichen Geschlechtsverkehr mit dem Rein –und Rausfahren aus einer Garage. In der Mitte des Platzes stand ein großer, starker Jacaranda. Etwas Lilafarbenes, wunderschön, googel mal. Die Menschen saßen um ihn herum, aßen, tranken, rauchten, tanzten, schwitzen, lockten sich an. Die Touristen standen ahnungslos da. Und über allen der gleiche Himmel, sorglos und frei. Nur mit Girlanden und Rauch bedeckt. Ganz viel Rauch, der von den gebratenen Sardinen bis zur Atmosphäre aufstieg und sich wie ein Schleier aus Sehnsüchten über die Steilheit des Platzes legte. Es war heiß, aber das sagte ich bereits. Was ich jetzt damit sagen will, ist, es roch warm, nach […]

KLISCHEE

KLISCHEE

Er war lange weg gewesen und immer hatte er an das Dorf und das Mädchen gedacht. Das Dorf war eigentlich kein Dorf gewesen, es waren bloß Häuser, die sich an einer Küstenstraße versammelt hatten, kurz bevor der Fluss zu Meer wird. Viele Boote ankerten hier und wenn die Sonne am späten Nachmittag auf die Boote schien, hielten die Touristen mit ihren Autos an und knallten einander auf die Stoßstangen und fotografierten sich und die Boote und ihre Stoßstangen. Es war ein Ort, den man schon oft vom Meer und von der Straße aus gesehen hatte. Mehr nicht. Keine Sehenswürdigkeiten, nichts zum Durchfahren. Nur ein Fluss, der sich sehr nah an die Straße wagte und dazwischen lagen Gleise im Sand, über die ein Zug fuhr, der für die paar Häuser aber keinen Halt machte. Hinter den Häusern zog sich ein Park den Hang hinauf und in der Mitte des Parks war kein See. Es standen viele Büsten verstorbener Schriftsteller in dem Park und ihre Zitate waren in die Gassen eingelassen. Manchmal roch es nach Rasen. Am liebsten hatte er den Park, wenn sich der Himmel am Abend nach einem Regentag lichtete. Dann waren die Gassen leer und er konnte die Zitate lesen, während die schwere Sonne hinter den leuchtenden Hügeln ganz für ihn alleine ins Meer fiel. Manchmal liefen Paare mit ihren Hunden über sie hinweg, liefen so vor sich hin und schwiegen oder knutschten oder fotografierten sich knutschend, während ihre Hunde im letzten Licht des Tages auf die Zitate kackten. Es waren Szenen unter der sorglosen Ewigkeit einer südlichen Sonne. Er saß dann ganz oben und dachte an das Mädchen und schaute über kackende Hunde und den Park bis zur Straße hinunter. Die Atome tanzten im Licht und der Wind atmete warme Ferne. Ganz unten, hinter glühenden Gleisen, lag still der Ozean. Menschleeres Blau. Während er […]

DIVA

DIVA

Spät ist die Nacht. Spät und schwarz und einsam. Sie war schon schwarz und einsam, als ich aus der Nacht ins Café kam. Nur spät war sie noch nicht. Spät ist sie geworden. Keine Ahnung wie spät sie schon geworden ist, aber sie sieht nach Ende aus, nach zu spät. Eine leere Zeit liegt im Raum. Meine Fragen sitzen mit mir an der Bar und beobachten mich im Spiegel. Gut sehe ich aus, so hemdärmelig auf die Theke gelehnt, übersinnlich in Zigarettennebel gehüllt. Vor mir das Notizbuch, wie die ganz Großen. In der Luft liegen dreckige, alte 80er. Die Stimmung passt nicht zu den Gästen. Außer mir ist da nur noch ein dicker Mixer und eine Frau, die mit einem Mann am anderen Ende des Raumes zu ende plaudert. Die Frau sieht schön aus. Aber es braucht nicht viel, um schön auszusehen. Duft, Lippen, Pferdehaar und ein paar Zentimeter freigelegte Beine am anderen Ende des Raumes. Armselige Leidenschaften, die bedeuten gar nichts. Sie wiegen nicht, sie haben keinen Wert, sie haben nur viel gekostet. Denn alles, was Wert hat, wiegt, wenn es Leiden schafft. Vor Mitternacht trug sie einen schwarzen Rollkragenpullover, der durch ihre handvollen Brüste und den Gürtel ihrer Jeanshose zu einer straffgezogenen Figur gespannt wurde. Als es später wurde, pellte sie sich den Rollkragenpullover von der Haut und legte ein Oberteil frei, das nun nahtlos und weiß um ihr Dekolleté klebt. Ihre Haut sitzt eng. Drall, so als würde ihre Haut fast platzen. Ich mag es, wenn Haut fast platzt. Und mit ihr das Negligé oder die Lingerie, oder wie auch immer man das mit der Seide nennt. Außerdem mag ich Arme. Dünne, portugiesische Arme. Vor allem den Knick zwischen Oberarm und Schulterblatt, der beim Melden entsteht. Anoperieren kann man den nicht. Ja, was glaubst du denn? Natürlich, da ist immer noch Schönheit. Viel Schönheit. Sie sind alle noch schön, schöngemacht. Ich weiß nur nichts mehr mit ihrer Schönheit anzufangen, ihre Schönheit ist wertlos. Sie muss nicht mehr gelöst werden –höchstens in Worten aufgelöst werden, bis nichts mehr von ihr übrig ist, außer Schönheitschirurgie und Seide. Aber das ist Zwang. Einmal kam die schöne Frau an dir Bar und bestellte. Ihr Dekolletee holperte auf mich und den Mixer zu. Ich konnte den kurvigen Schatten zwischen ihren goldbraunen Brüsten im Spiegel sehen. Ein Riss in etwas Festem. Silikon. Die Erde bebte. Sie zahlte. Ihr Duft verweilte. Es waren junge, gemachte Brüste, die sie da trug. Felsenfest. Ihr Gesicht war durch die junggemachten Brüste gar nicht zu erkennen. Ob der Mann, oder das, was von dem Mann noch übrig ist, ihr Mann ist, kann ich nicht sagen. Wahrscheinlich schon, die Ärmste. Der Mann ist nicht, er hat. Und wenn er wäre, dann wäre er nicht nach innen, sondern würde nur nach außen leben. Er trägt fürchterlich weiße Turnschuhe, die sich höchstens zum Angeben eignen und eine Chinohose, die enger sitzt als Haut. Um seine Glatze hängt ein Schal. Hätte er eine Frisur, würde die sitzen. Und wie er redet, so angespannt sieht er aus wie ein steifer Pimmel mit Bart, der sich von seinem Erbe in der Freizeit gerne Kokain kauft. Als hätte man ihm das Fleisch schon seit der Muttermilch mit jenem Geld geflutet, aus dem er geworden ist. Ich stelle mir vor, wie er auf dem Perserteppich seines puritanischen Vaters in Kotze kniet und um Liebe fleht. Soll ich aufstehen und ihm aufs Maul hauen und dann mit Scheiße am Schuh auf seine unverschämt weißen Schlappen latschen? Nur wo um diese Zeit noch frische Hundescheiße herbekommen? Der Gedanke verf[…]

 

NORTON

NORTON

Norton war ein Säufer, aber einer von den Guten. Einer, der saufen musste, weil er sich sonst vorm Saufen fürchtete. Er trank Schnaps wie Bier und das Bier wie Wasser, aber nicht wie andere Briten. Er hatte weichen Händedruck und dachte keinen schlechten Gedanken. Jedenfalls versuchte er keinen schlechten Gedanken zu denken und deswegen kamen ihm die allerschlimmsten Gedanken. Er hatte nie Dreck unter den Nägeln und kannte keine Kraftausdrücke. Manchmal begann er zu zucken. Wenn er von Frauen sprach, sprach er ausschließlich von seiner Freundin. Nüchtern schwärmte er von antiken Philosophen und wenn der Schnaps in ihm anstieg, redete er nur noch über Russen. Tolstoi, Dostojewski. Puschkin und Knut Hamsun, auch wenn der kein Russe war, aber es war zwecklos, ihn in seinem Rausch zu unterbrechen. Ich kannte Norton von der Sprachschule, zu der uns unsere Freundinnen verdonnert hatten. Wir hatten beiden schöne Freundinnen. Sehr feste Portugiesisch sprechende Freundinnen. Freundinnen, zu denen wir nachts heimkehrten. Norton eine Brasilianerin, ein richtiges Feuerzeug, das ihn an den Eiern hatte, aber er mochte es an den Eiern gehabt zu werden, weil er sich fürchtete und schwarze Locken hatte. Ich meine Portugiesin, eine süße Kastanie, Mahagoni, mehr Streichholz, so beschrieb ich sie Norton. Vor uns lag die ganze Stadt ausgebreitet in der Sonne. Es war ein klarer Tag. Gestochen scharf. Lissabon brauchte keine Filter. Man konnte über den Fluss bis zu den Bergen Sesimbras gucken, oder mit seinem Blick den Tankern auf dem Fluss hinaus aufs Meer folgen. Am Meeresende waren Wolken, aber hier über der Stadt war der Himmel klar und der Wind blies von den Hügeln durch die Straßen hinunter zum Fluss, in dem sich die Stadt und der Tag spiegelten und mit ihm hinaus aufs Meer flossen. Hinter dem Fluss entspannte sich eine Ebene und der Himmel war dort sehr hoch, höher als auf den Hügeln und die Flugzeuge machten ihren bekannten Schlenker über den Ozean bevor sie über die Ebene weiter landeinwärts flogen. Aus der Ferne stieg Dampf auf und wir erreichten nun eine glühende […]

MARTINI

MARTINI

Jenen Winter verbrachten wir da, wo die spanische Königin einst ihre Sommer verbrachte. Wir wohnten in einem Gründerzeithotel mit Blick aufs Meer und tranken Martinis in der Hotelbar. Es war eine schöne Bar mit rotem Samt und Messing, die Kellner trugen Manschettenknöpfe und verteilten Häppchen. Die Bar war lang und hatte Polster, auf die man seine Ellenbogen beim Sprechen stützen konnte oder nichts sagte und einfach stumm stützte und dasaß und durch den Raum hinaus aufs Meer blickte. Das Hotel lag in der Mitte einer Bucht und auf den Armen der Bucht standen einzelne Häuser, die auf uns und die Bucht zurückblickten. Wenn der Sand bei Ebbe hart war, spazierten wir am Strand zum Ende der Bucht und den einzelnen Häusern und wieder zurück. Wir gewöhnten uns sehr an die Spaziergänge und liebten unsere Routine. Morgens lagen wir lange da, taten alles, machten nichts und schauten aus dem Fenster hinaus aufs Meer. Wir frühstückten. Wir lasen die Zeitung in der Lobby und erfuhren, dass alle ehemaligen ETA-Terroristen in die Politik gegangen wären. Seitdem blühe die Stadt wieder auf, trotz des vielen Regens. Das Wetter der Stadt war meistens schlecht, aber die Stadt war schön im Regen und die Restaurants hatten alle Sterne, zusammen mehr Michelin-Sterne als Paris und eine der höchsten Dichten an Sterne-Restaurants weltweit. Das lag wahrscheinlich an der spanischen Königin, die samt Aristokratenpack hier ihre Sommer verbrachte, dachten wir. Nachts gingen wir Tanzen. Es waren einsame baskische Discos. Wenn wir tagsüber zu viel Martini getrunken hatten, badeten wir im Meer. Dann gingen wir auf unser Zimmer, wickelten uns in Bademäntel ein, rubbelten uns trocken und bestellten mehr Martini aufs Zimmer. Einmal sind wir mit dem Riesenrad gefahren. Unter uns lag die Stadt, der kleine Teil des Universums, den wir uns einen Winter lang teilten.Wir gewöhnten uns sehr an den Ausblick aus unserem Zimmer. Und als der Tag unserer Abreise kam, waren wir traurig, so als würden wir etwas in diesem Ausblick zurücklassen. Das Riesenrad und das Baden im Martini. Es war ein schöner Ausblick, der weit über das Angucken hinausging und viel Glanz in die Fassaden der Häuser gebrachte hatte. Am Wochenende, an dem die Tamborrada begann, ein Fest zu Ehren der Stadt, welches an den spanischen Unabhängigkeitskrieg erinnern soll, verließen wir die Stadt. Im Festsaal des Hotels probten gerade 160 Trommler, viele waren angestellte des Hotels. Einige von ihnen waren sehr traurig, dass wir gingen und hörten für einen Augenblick auf zu trommeln. Vor allem der Kellner mit den grauen Koteletten von der Bar und unser Zimmermädchen, dem ich immer […]

NACHT

NACHT

Es ist Nacht und ich bin nackt. Tiefste Nacht, nur mit ein bisschen Gardine bekleidet. Ich stehe vor einem Balkonfenster, der Straße, dem Strand und dem Meer und halte nach Tatsachen Ausschau. Das Meer ist weiß vom Mond und es ist glatt, und die Brandung greift über den Strand an und zieht sich zurück. Kaum Wolken. Sterne. Greift an und zieht sich wieder zurück. Die Straße ist welliger als das Meer und das Pflaster der Straße ist nass und gelb, genauso nass und gelb wie die Straßenlaternen darüber oder die Scheinwerfer der spanischen Kennzeichen, die hin und wieder unter ihnen hindurch fahren. Keine Ahnung wie spät es ist, hinter der Straße ist Promenade und Sand. Eins noch, der Baum vor dem Balkonfenster ist groß und stark, aber kahl, also ob Wind weht, kann ich nicht genau sagen. Aber ich kann sagen, dass die Welt kalt aussieht, so durch Glas betrachtet. Die Welt sieht lange schon kalt aus. So lange und so kalt, dass man den Sommer glatt vergessen könnte und mit ihm die vollen Strände und vielen Touristen mit ihren Ärschen, die jetzt unter Hosen und Mänteln im Verborgenen liegen. Ich denke an Suppe, an Omas warme Milchsuppe, die sie mitEiern aus Weltkriegen machen konnte. Schmeckt vorzüglich. Dann denke ich an Schnaps. Kühlen, heißen Schnaps. Außerdem würde ich gern im Zimmer rauchen. Scheißrauchmelder, scheiß spanische Küche, Scheißminibar. Wenn wenigstens Kameras da wären, die mich filmen könnten, wie ich in tiefster Nacht nackt vor dem Balkonfenster ans Glas atme, vor mir nichts als Straße, Strand und Meer und hinter mir, im Bett, ein Mädchen im Mondschatten. Schnarchend und braun in die weißen Laken einer sorglosen Wolke gehüllt, aus der Kopf und Arme hängen. Die Brandung greift an. Ich habe Frauen auf dem Gewissen […]