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BYND

Konstantin Arnold

LEKTION

LEKTION

Ich könnte minutenlang dasitzen und in die Luft starren, bis die Minuten zu Stunden und die Stunden zu Tagen werden. Ohne an einer Zigarette zu ziehen, die Menschen erlösen würde, ihnen das Gefühl gäbe, ich würde etwas Sinnvolles tun. Ich könnte stundenlang Brüste unter einem Wollpullover beobachten, den Rundungen beim Runden zu schauen. Bis aus dem Pullover Unterwäsche und aus der Unterwäsche nackter Busen werden würde. Und ich könnte wochenlang durch einen kalten, klaren Herbsttag laufen, immer dem kondensierten Atem nach, bis der Herbst zu Winter und der Winter dann zu Sommer werden würde. Wochen zu Monaten, Monate zu Jahren. Ich habe viel gesehen, war schon weit weg und nah dran, kenne mich aus in der Welt und habe Bilder gemacht, die hoffentlich ein Teil von mir geworden sind, obwohl ich nie darauf verlinkt wurde. Wenn ich etwas tue, stelle ich mir oft vor, ich würde es nicht tun. Und umgedreht. Angst habe ich auch manchmal, manchmal wenn mir irgendetwas etwas bedeutet. Ich kann meine Gedanken nur schwer vergessen und habe moralische Ansprüche, an denen ich so oft gescheitert bin, dass sie sich endlich auf mein Niveau herabbegeben haben.Ich selbst bin sportlich, breit von Natur aus, volles dunkelblondes Haar. Ein vielbeschäftigter Mann. Viel mit sich selbst beschäftigt. Gern allein, aber in Gesellschaft. Großgezogen von einem Model von Mutter, die meinte, Männer sollten um Himmelswillen nicht schön sein, sondern Geschichten zu erzählen haben. Daher mein windelweicher Kern. Ich bin jung, obwohl die Jüngeren wahrscheinlich sagen würden, dass ich schon alt wäre. Ich lebe schnell, voll, viel, noch schneller und das am liebsten an vielen verschiedenen Orten mit vielen verschiedenen Menschen. Die nicht verschiedenen Menschen sagen, ich wäre rastlos, hätte mich aber in Lissabons Gassen wiedergefunden. Gott sei Dank! Ich wohne in einem anderen Land, um frei zu sein und Dinge wahrzunehmen, die mir zu Hause nicht auffallen. Wäre ich in Portugal geboren, würde ich wahrscheinlich in Deutschland leben. Aber so rum ist’s besser. Deutschland ist kühl, sogar im Sommer und die Menschen müssen immer gleich wieder gehen und wenn sie gehen, Essen gehen, dann nur wenn jemand heiratet oder gestorben ist. Die Frauen sind emanzipiert, die Männer pünktlich. Die Wirtschaft boomt, weil die Mittagspause nur eine halbe Stunde dauert und in Portugal lieber alle leicht angesoffen zurück an die Arbeit kehren. Die Menschen lieben ihre Sprache, ihren Wein und leben von einer Höflichkeit, die sich nach innen neigt wie ein ernst gemeintes Kompliment an die Organe. Freundschaften gehen von […]

LITANEI

LITANEI

Es war gestern und es war spät. Ich weiß nur, dass es ungebrochene, unverheiratete Männer waren. Noch nie verwundet. Mit Kurzhaarschnitten und ehrlicher Arbeit. Dreck unter den Nägeln und den nötigen Kraftausdrücken. Sie haben an langen bunten Strohalmen gezogen und vor qualmenden Drinks gesessen. Da waren Nüsse und Aschenbecher so klar wie Kristalle, die das kalte Licht der Röhrenlampen mit etwas mehr Wärme zurück in den Raum schleuderten. Die Männer wirkten nicht glücklich. Oder nur so glücklich wie Männer eben wirken, die den Großteil ihrer Zeit einer Sache nachgehen, die nicht ihre eigene Sache ist und die sie nur machen, weil sie alle machen und die sie nur tun, weil sie sie lange genug tun und sich von dieser Sache dann Dinge kaufen können. Einer der Männer hatte ein Telefon am Ohr. Er sprach langsam über Berge, vielleicht nur wegen der brennenden Zigarette und dem Strohhalm, den seine Lippen beim Reden jonglierten. Seine Stimme klang nach geschlagenem Blech und schepperte durch die Gespräche über den Tisch. Seine Ärmel waren hochgekrempelt und in der Hand hielt er einen dicken schwarzen Autoschlüssel. Oder das, was heutzutage noch von Autoschlüsseln übrig geblieben ist. Das sind meine letzten Erinnerungen, die letzten Zeichen von Zivilisation, ein Beweis dafür, dass man in einer gründlich globalisierten Welt polynesische Drinks von einem englischen Kellner in einer portugiesischen Kneipe serviert bekommen kann. Ein zerfallenes Haus, mehr Gefühl als Fassade. Am Rande einer Stadt, die von einem Hochplateau auf einem landschaftlichen Silbertablett getragen wurde, an deren Rändern die Berge Wache standen. Das ist alles! Dann haben uns schmale einspurige Straßen ins Nichts entführt. In die Empfangslosigkeit. Immer weiter weg. Straßen, wie in Berge geworfene Spaghetti, die weichgekocht nie geradeaus führen. Vorbei an immer kleiner werdenden Dörfern, tief durch die Dämmerung einer noch nie gemalten Landschaft. Links waren Olivenhaine, rechts wuchs der Wein. Auf den Straßen totgefahrenes Wild. Schweine, Füchse und andere Lebenszeichen. Irgendwann kam nur noch Wald, der an großen steilen Wänden hing. Hinter der Leitplanke wurde das Tal zur Schlucht, ohne ersichtlichen Grund, aber wir spürten, dass es tief war. Dann begann sich die Sonne den Horizont mit den Gipfeln der Berge zu teilen, flutete das Tal und legte nichts als brutalen Fels und Ununternehmbares frei. Hier angekommen, wo Kurzmitteilungen nicht mehr hinkommen, alle Gedanken dicht beisammen bleiben müssen, weil man aus den Tiefen der Täler zwischen den Höhen der Berge keinen einzigen von ihnen versenden kann, ist man richtig da, weil man richtig weit weg ist. Weil man Niemandem erzählen kann, wie steil die Bäume hier wirklich am Hang stehen und wie schön die Sonne auf den alten Schiefer der Dorfhütten scheint. So weit oben, so kurz vor Gott, an der […]

PAMPA

PAMPA

Kaum geschwitzt, Schwimmen gewesen, beim Lesen eingenickt und ums Buch rum braun geworden. Fast alles erreicht. Nach einem harten Tag am Strand kehren wir heim. Auf langen Schotterpisten, die uns von der Dämmerung bis tief in die Nacht führen. Die Frauen spülen sich den Sand von den Waden, die Männer das Salz von den Eiern. Alle cremen sich danach ein. Irgendjemand öffnet den Wein, jemand anderes schneidet den Käse. Wer Oliven mag, spuckt ihre Kerne von der Veranda ins Dunkel und befruchtet die Pampa. Eine Landschaft, die immer noch brummt und leuchtet, wie den ganzen grellen Tag lang aufgeladen. Nachts ist es so klar, dass man den Himmel nur durch Sterne erkennen kann und der Mond scheint tadellos und voll, wie ein noch nie gedroschener Golfball. Es gibt Moskitos, ansonsten nichts auszusetzen. Die Kerzen kämpfen im Wind. Drinnen steht lauwarme Luft zusammen mit Möbeln und die Holzregale biegen sich unter den Schwergewichtstiteln nie gelesener Bücher. Abgewetzte Gesellschaftsspiele, Dorffotos von oben. Hausbacken. Mit einem weißen Hemd in der Hose bin ich zu schön angezogen für diese windelweichen Umgebungsbeschreibungen, portugiesisches Monopoly und Kafka, nichts als die Gesellschaft fressender und scheißender Nachbarn mit Glocke um den Hals. Es ist zwar schön, nur nicht idyllisch, dafür sieht man zu wenig. Harmonie, die kaum auszuhalten ist. Wenn mal ein Auto vorfährt, selten so wie Sternschnuppen, bellen die Hunde plötzlich durch Megafone der Angst. Und wenn dann doch keins kommt, fürchtet man, dass Einbrecher in dieser alles verschlingenden Finsternis gerade irgendwo ein Hoftor knacken. Spannung, die nur darauf lauert, von einem Ereignis erlöst zu werden. Wenn der Wind richtig steht, hallen aus der Ferne die einsam machenden Fetzen eines Volksfests. Konservierungsstoffe der Tradition, die den Norden jenes Südens zwar gelegentlich wieder beleben, aber auf Dauer nicht am Leben erhalten. Auch nicht mit Girlanden vor dem Kirchplatz und einem, der es am Akkordeon auf einem Biertisch kann. Im Dorf selbst gibt es eine Kneipe, in der Geburtstage, Trauerfeiern und Hochzeiten gefeiert werden. Manchmal am gleichen Tag, wenn gleichzeitig geboren oder gestorben wurde. Ein Ort aus dem Bilderbuch der Trivialitäten. Zu klein für zwei Kneipen, mit Leichen im Keller und einem Kreisverkehr, der sonntags ein sanft befahrener Marktplatz ist. Ein mit Ortschildern und familiären Ketten zusammengehaltenes Ungetüm der Urigkeit. Landwirtschaft statt Burnout. Ein Dialekt sie alle […]

AGUARDENTE

AGUARDENTE

Ich sitze unter den Wolken neben der Stierkampfarena. Über mir dickes portugiesisches Ahorn und eine ausgerollte Markise. Der Bürgersteig liegt mir zu Füßen und all die zwischen den Pflastern verlorenen Zigarettenstummel auch. Der Flieder blüht wie verrückt, die Straßen sind leer. Vor mir tropft ein Käsetoast vor lauter Butter von einem Metalltisch und neben mir wird schon Wein getrunken, obwohl ich noch mit Mundgeruch am Kaffee hänge. Für einen Vormittag im Juni ist es zu dunkel. Die Luft riecht von weit hergekommen, dick und aufgeladen, man muss sie kauen, bevor man sie atmen kann. Ein bisschen als wäre die Welt vor dem Untergehen, weil sie jemand gestern nicht weiter gedreht hätte. Independence Day. Stimmung, die sich ausbreitet, wie ein großer, starker Sumoringer, der sichs nach dem Kämpfen in einer Zentrifuge gemütlich macht. Es blitzt, ohne zu donnern und die Kellner stellen die Stühle rein. Wie in der Bibel oder was man nach 2000 Jahren Christentum eben so denkt, wenn der Wind peitscht, die Blätter fliegen und die Wolkendecke aussieht wie die schlechte Laune des Herrn. Eine Art gemütliche Offenbarung mit Happy End oder bis Portugal ein Tor schießt. Auf den Straßen nichts als die Ungläubigen und ich, Aussätzige und Busfahrer, alle die Christiano Ronaldo scheiße finden und deswegen in der Hölle schmoren. Der Rest des Landes vor dem Fernseher, eine gespannte Nation. Wenn sich die Portugiesen mit Querpässen den Ball zu schieben, ist es so still, dass man sich atmen und kauen, seinen eigenen Stift schreiben, sich selbst Leben hören kann. Nichts ist so selbstverständlich wie das Funktionieren eines Herzens, bis man es während eines Fußballspiels schlagen hört. Unaufhaltsam in die Zukunft pumpend, ohne Stecker, ohne Lob,  ohne jemals ein oder ausgewechselt worden zu sein, ohne Garantie, irgendwo hin, die muskelbepackte Basis unsers Tuns. Ob man froh, müde, kalt oder traurig ist. Man kriegt die Krise, weil jeder Schlag ein Grund zum Feiern ist und man hofft, dass sich die Portugiesen weiterhin mit Querpässen im Ruhepuls der eigenen Hälfte den Ball zu schieben; oder ohne großes Tamtam endlich eine Bude schießen, damit diese aufgeladene Ruhe, die bisher ohne Sturm auskommen konnte, aufhört an alle leisen Dinge des Lebens zu erinnern, die man liebend gerne überhören möchte. Jene trügerische Stille, die alles was kommen wird, laut werden lässt. Und staubtrocken, bevor alles in dieser kurz vor dem Wolkenbruch gefangenen Spannung erlöst wird. Es ist gottverdammt heiß hier. Hitze so erdrückend, wie eine aus Harmonie geflochtene Steppdecke, die immer schwerer zu werden scheint, je mehr man unter ihr verdecken möchte. Meine beiden deutschen Achseln sind zu den Quellen eines bis zu meinen Füßen rinnenden Baches geworden. Mein Gesicht zu keiner küssenden Begrüßung bereit, übersäht mit nicht zu zivilisierender Menschlichkeit. Wie es dieses Land in seinen weißen […]

MUNDART

MUNDART

Ich musste dich einfach verlassen. Für ein lausiges 24 Stundenhotel in Flughafennähe. Eingerichtet mit Minderwertigkeitskomplexen und kostenpflichtigen Extras. Großer Fernseher, Rauchen verboten, Leitungswasser, so gelb wie die Sonne selbst. Menschen kommen hier her, um bald wieder gehen zu dürfen. Nicht schön, nur schön nah. Frühstück gibt es von fünf bis zehn, der ausgelatschte Teppichboden zeigt mir wo’s langgeht. Ich bin hängen geblieben. Wurde meiner selbst überlassen. Bin nicht mehr hier, aber auch immer noch nicht da. Irgendwo dazwischen, mit Zimmerservice und Rocky 2. Voller Gedanken, die einfach nicht bei der Sache bleiben, beschäftigt werden wollen oder sogar noch am Gepäckband liegen. In einem nicht weit entfernten Land, in dem 18 Uhr schon alle gegessen haben und sich Taxifahrer durch Nachtleben gezeichnetes Sicherheitsglas bezahlen lassen. Auf Abstand, alles auf Links. Die Pubs stinken nach Fußboden und verschüttetem Bier. Süßlicher Geruch, der sich im gesamten Commonwealth breitgetreten hat. Wie auch immer. Verbrauchte Stimmung, die darauf wartet, wieder entfacht zu werden, irgendwie brenzlig. Etwas das lauert und gewaltbereit in der Luft liegt. Testosteron, das erlöst werden möchte. Manieren, die eine Nummer zu eng sitzen und nach dem dritten Pint nur noch übers Ficken reden. Fast jodelnd, wie ein läufiges Tier im gebügelten Anzug. Hinter übergestülpter Freundlichkeit, in die sich jeden Morgen hinein gewunden wird, völlig überzogen. Und dann noch diese selbstgefällige Zufriedenheit, die andere Steckdosen braucht, um noch einmal betont zu werden. England bleibt hässlich, sogar seine schönsten Ecken sind irgendwie versalzen. Dafür gibt es in dieser von Frischhaltefolie behüteten Tradition wenigstens noch einige bescheuerte Regeln, die man brechen könnte. Ausgangssperren und Polizisten auf Pferden, die ohne richtige Kanone das Gute beschützen wollen. Alle paar Meter liegt ein bisschen Scheiße auf der Straße und dazwischen darf am Wochenende gekotzt werden. Kaum einer raucht, aber alle mögen Pommes und die Steinhäuser sind alt und unterscheiden sich durch Hausnummern. Ich will diesen Gleichmut, diese ganze Stadt, zusammenschlagen. Die ganzen Backsteine und Schaufenster, die mit der Schere geschnittenen Vorgärten, alle Parkverbotsschilder. Alles, nur die roten Telefonzellen dürfen stehen bleiben, weil sie an gute alte Tage erinnern, die man heute nur noch im Flugzeug oder auf dem  […]

NABELSCHAU

NABELSCHAU

Viele Viertel machen viele Backsteine zu einer Stadt, wie Charakter viele Eigenschaften zu einer richtigen Persönlichkeit werden lässt. Es gibt Viertel, die sich sehen lassen können, wie es Eigenschaften gibt, die man bei frischen Begegnungen durch Zigarettenrauch blitzen lassen sollte. Es gibt Viertel, die man voraussetzt, wie man voraussetzt, dass sich eine Person zu benehmen und zu organisieren weiß. Rathausplätze und Orte voller Ministerien. Gut gefegte Bürgersteige, glänzendes Kopfsteinpflaster, auf denen nichts als gute Manieren spazieren, mit denen man sich im Bewerbungsgespräch bei portugiesischen Schwiegereltern sehen lassen könnte. Es gibt Viertel, die da sind, wenn’s drauf ankommt und erst auffallen, wenn sie das nicht sind. Ihr wahres Gewicht erst zeigen, wenn keiner mehr weiß, wohin mit den Unentbehrlichkeiten, die eine Stadt zum Überleben braucht. Baumärkte und Saunaclubs, Kläranlagen, Vergnügungsparks mit Wasserrutschen und Einkaufszentren, in denen man sich etwas Neues kaufen könnte. Platz für Normales, Plattenbauten und Dinge, die für alle Städte gleich sind, wie Durst und Hunger für alle Persönlichkeiten gleich sind. Nicht der Rede wert, außer man hat sonst nichts zu erzählen oder kommt gerade frisch aus der Wüste. Es gibt Viertel, die nur einen Augenblick wert sind, in dem sie sich in gutem Wetter kleiden und ihre Alleen mit dichtem Ahorn dekolletieren. Antlitz, das viel erlebt und viel gesehen hat, ohne es den anderen zeigen zu müssen. Ohne, dass die Gegenwart davon Wind bekäme, weil die Menschen des Viertels von der Wiege bis zum Friedhof an alten Tagen hängen und von neuen träumen, bis der Moment schon wieder vorüber ist. Es gibt Viertel, die Polizisten brauchen, weil ihre Ursachen nie wirklich erzogen wurden. Oder die Feuerwehr, weil’s ständig brennt, wie es brenzlig werden kann, wenn Menschen keine Tropfen, sondern Eimer voller Alkohol für die heißen Steine nehmen, die den Weg in ihre Gegenwart gepflastert haben. Wanken mit den Erfahrungen, die auf ihnen gemacht wurden oder trinkfest sind wie Bauarbeiter, die zwischendurch eben verdient einen zischen, weil sie die Backsteine immerhin zu dem gemacht haben, was sie sind. Nobel, bis zum Hals vermietete Viertel, die ihre Tradition und Sehenswürdigkeit im schönsten Laternenlicht erstrahlen lassen. Blenden, über alle Macken ihrer wahren Geschichte hinweg. Wie eine Persönlichkeit, die sich selbst schmückt, mit allem, was von anderen gelobt und bewundert werden kann. Weit über die Ecken und Kanten hinaus, mit denen wir uns voneinander unterscheiden und sich Viertel erst richtig in Form bringen. Unreinheiten, die eine Wahrheit sagen, die eine Stadt mit all ihren Touristenattraktionen am liebsten umgehen, in Unerreichbarkeit verbannen würde. Metrostationen schließt, solange sich das Viertel nicht mit renoviert hat. Oder zumindest frische Marmorstatuen aufstellt, die bewundert werden können und der ganzen  […]

FAMOS

FAMOS

Die Häuser stehen da, als wäre nichts gewesen. Die Straßen folgen immer noch den gleichen Schildern und der Platz, mit der Seefahrerstatue in der Mitte, liegt genauso gelangweilt und befahren wie sonst auch in der Hitze des Nachmittags. Der Himmel ist blau, die Sonne heiß und der Wind bläst frisches Deo unter die glühenden Achseln der Stadt. Die Tageskarten der Lokale hängen wie handgeschriebene Gardinen in den Fenstern, Wand an Wand, sodass man sich zwischen ihnen kaum noch neuen Hunger anlaufen könnte. Besetzte Bänke, die Orte erst zu richtigen Plätzen werden lassen und eine Stimmung, die durch Bäume und Fassaden bis zur Atmosphäre aufsteigt. Es riecht nach aufgeheizter Luft, nach Spülmittel und Kopfsteinpflaster, nach einer halben Millionen Menschen. Nach nicht mehr nur ausziehen, sondern richtig nackig machen, denn alle drehen auf, wenn sie die Heizung abdrehen können und ihr Leben endlich wieder mit nach draußen nehmen. Dorthin, wo es dreckig werden kann, benutzt wird und schwitzt, wie ein Fußball ohne das Schwitzen oder ein Mensch ohne das Benutzen, wie ein richtig aufreibendes Leben eben, das du nicht selbst in die Hand nehmen kannst, weil es dich fest im Griff hält. Am Schlafittchen packt, an den Eiern deines Egos und dir im Gegenzug eine tiefere Etage in das Haus deines Lotterlebens zimmert, das eigentlich nur hoch hinauswollte. Das Leben, das mich im Griff hält, hält meistens auch eine Zigarette, an der es ziehen kann, wie eine heimliche Affäre, bevor es erleichtert ausatmet, als würde man sich gerade frisch geliebt haben. Es kann grüßen, wie eine Fremde und elegant Platz nehmen, als würde die ganze Welt dabei zugucken. Es kann Bier trinken wie ein alter Freund, der vertraut ist, weil ihr genügend erzählen könntet und es kann Grillhühnchen mit Messer und Gabel wie ein […]

IDOL

IDOL

Die Flitterwochen sind vorüber. Nun zeigt sich Taubenscheiße auf den romantisch hervorstehenden Balkonen und der fließende Verkehr zieht sich in Wahrheit wie stundenlanges Kaugummi durch die Straßen der Stadt. Der Marktplatz vor dem Haus ist nicht mehr schön und frisch und authentisch, sondern muss morgens unbedingt schon vor Sonnenaufgang beliefert werden. Mit sieben Lastern, die frische Früchte und lautes Treiben vom Land bringen. Und Schinken, der zwar in Portugal groß geworden ist, aber in Spanien seine luftgetrocknete Vollendung finden durfte. Das läuft immer so, die Spanier können das mit dem Lufttrocknen einfach besser. Und das mit dem lautlosen Markt beliefern. Laster, Treiben, Serrano-Schinken klingen zusammen nicht mehr nach einer südländischen Symphonie, nach wildem Temperament, sondern wie die Abgase eines wütenden Orchesters. Wie ein Lieblingslied, das leider zur falschen Zeit läuft. Wie plötzlich Pickel! Auf einem Gesicht, das bisher so schön geglänzt hat. Sonnenverbrannt, aalglatt. Nichts auszusetzen. Makellos bis auf den allerletzten Backstein. Kein Stau zu lang, kein Laster zu laut, kein Tag zu heiß und keine Bedienung zu langsam. Und wie über Nacht sind die Hügel plötzlich zu steil, der Ausblick zu weit, die Balkone voller Scheiße und die Langsamkeit läuft fast schon rückwärts. Alle Fenster zu, alle Affen tot und im Sommer gibt’s dann keine Frischluft, die nicht vom Lärm verseucht ist. Alles schreit zu verständlich, wenn man anfängt Portugiesisch zu sprechen und in den Unterhaltungen, die uns im öffentlichen Nahverkehr umgeben, soweit Kronjuwelen vermutet hatte. Rosenblüten des Dialogs, die mehr vom Leben fordern als nur schlecht bezahlte Arbeit. Fragen des Durchschnitts, Antworten der Gewohnheit, das Allerprofanste. Oder, wie erst gestern im Bus, die letzte Hoffnung in einen Präsidenten und seinen schicken Pullunder, einen echten Mann des Volkes, der im Sommer mit weißem Haar und ohne Leibwächter schwimmen geht und pro Tag ein Buch liest. In Lissabon geboren und in Merino und Alpaka aufgewachsen. Keine Fauxpas, keine Affären, bis auf den Pullunder. Alles, was er sagt, sagt er mit einer Stimmlage, der man glaubt, weil sie brummt wie die eines Vaters. Oder noch früher das Wort Gottes. Nett, auf eine unfreundliche Art und Weise. Alles, was er ins Mikrofon sagt, klingt nach der allerletzten Wahrheit, wie alles wird gut. Alles, in einem Land, das soweit gut ohne Nachrichten ausgekommen ist, weil mein Speisekartenvokabular keine Naturkatastrophen und Skandale übersetzen konnte. Maximal den Wetterbericht und das Madonna mitten in der Innenstadt ein belegtes Brötchen gegessen hat. Einfach so! Auf offener Straße. So eine Hure. Grund zum Auszusteigen, obwohl der Bus noch nicht ganz dort ist, wo ich hingehöre. Zwar da, aber nicht ganz […]

DEMENTI

DEMENTI

Regen, endlich ein Grund irgendwo Urlaub zu machen. Ein Grund die Stadt zu verlassen. Ihr zu zeigen, dass es noch ohne sie geht, andere gibt, andere Städte, in denen noch andere Mütter wohnen, die auch schöne Töchter haben. Sevilla oder Cádiz oder noch weiter südlich. In einem fernen Land, in dem es nicht durch die Decke regnet. Ganz Europa versinkt im Schnee, von Berlin bis nach Mallorca. Schnee, der hier nur noch geschmolzen ankommt und dich nass macht. Nass wie Hund. Die Wohnung nass, alles nass, sogar das Internet nass, weil in Lissabon die Welt in langen Kabeln von Haus zu Haus hängt. Wenn Lissabon nass ist, ist es hässlich. Praça do Comércio hässlich, die Brücke hässlich, sogar die schöne Kopiererin aus dem Kopierladen hässlich. Man verkriecht sich nach innen, in dickes Gemäuer, die eigenen vier Wände, den dicksten Rollkragenpullover, soweit wies nur geht, bis einem schlecht wird, weil man innen angekommen ist und plötzlich über Dinge nachdenkt, über die man nicht nachdenkt, wenn einem die Sonne permanent ins Gesicht scheint. Verlorene Liebe, vergessene Freunde, neue Ziele. Klingt wie ein Lied von den Onkelz! Egal, Lissabon hat sich etwas zu sicher gefühlt, sich das Make-Up wegschiffen lassen, abends nicht mehr in Schale geworfen, weil sowieso alle kommen, auch wenn es regnet. Die sonnigste Stadt Europas versinkt mit 2800 Sonnenstunden im Jahr, hinter Valletta (ist aber eine Insel) und Marseille (ist gelogen), im Regen, sonnt sich auf einer Statistik. Natürlich ist Regen nichts Neues. Nichts Neues für Statistiken, nichts Neues für mich -mir ist er so vertraut wie der Klang von Skateboards und der Geruch von Kuhscheiße, nur eben etwas zu Nass für den trockenen Traum vom Tajo. Statistisch gesehen, gibt es wichtigere Themen als das Wetter. 2007 gab es im Parque das Nações zum Beispiel die längste La-Ola-Welle der Welt im mit 8453 Menschen. Nur möchte ich mich hin und wieder meinen deutschen Gepflogenheiten hingeben dürfen. Dem Scheißwetter, den Statistiken, den Rufen meiner Vorfahren folgen, mit denen ich nichts zu besprechen hätte, wenn es nichts zu meckern gäbe. Wir müssen uns einfach beschweren, weil uns die schweren Dinge, die tief in unserem inneren auf […]

VISAVIS

VISAVIS

Nicht Almada. Und auch nicht Aroeira. Weiter Südlich und dann irgendwo dazwischen. Definitiv von der Küstenstraße irgendwann nach links, wenn man lange genug Richtung Äquator gefahren ist. Auf einen genauen Ort möchte ich mich ungern festlegen und wie lange wir dort bleiben werden, noch viel weniger. Mindestens bis wir herauszufinden, was diese Gegend im Innersten ausmacht und warum sie so voller Dinge ist, die man nur im Urlaub gut gebrauchen kann. Die meisten Geschäfte verkaufen Swimming Pools und Wohnwagen, Kaugummis und was man sonst noch an den Kassen von Geschäften findet, die Swimming Pools und Wohnwagen verkaufen. Überall stehen hohe Bäume unter die große Häuser passen. Pinien und Villen, wenn mich nicht alles täuscht. Die Nadeln sind grün, die Hauswände bunt. Wirklich! Ein Ort wie ein einsames kanadisches Bergdorf ohne Berge und kalifornische Straßen ohne kalifornischen Verkehr. Das Bifana ist billig und das Wetter ist gut. Die Deutschen sind wenig und alles ist so friedlich, dass man glauben könnte schlechte Nachrichten seien, an dem Ort der nicht mehr Almada und auch nicht Aroeira ist, verboten. Sogar die Sirene der Krankenwagen klingelt gelassen und freundlich, als ob sowieso alles gut werden wird! Die meisten Häuser stehen leer und alleine und warten darauf, im Sommer benutzt zu werden. Von den meisten ist es ein ganzes Stückchen zum Strand, mit dem Bus und einigen Schritten zu Fuß. Von den Wenigsten, wenige Minuten, egal wie. Es ist ein Nirgendwo im Irgendwo, an dem wir vielleicht schon längst vorbeigefahren sind, weil sich der Ort, der nicht Almada und auch nicht Aroeira ist, keinem Durchreisenden offenbaren möchte. Keinem Ankömmling um den Hals wirft und nicht mit einfachen Reizen lockt. Dieser Ort hat keine knallroten Lippen, keinen tiefen Ausschnitt und keine langen Beine, die durch hohe Stiefel, nackte Knie und kurze Röcke in drei dich wahnsinnig machende Drittel geteilt sind. Dieser Ort sitzt mit Spliss in Strickjacke und Khakijeans direkt vor deiner Nase und hat kein Problem damit, dass du durch ihn durchguckst, weil dein Blick von einem dahinter sitzenden Drittel angezogen wird. Man kann seine Schönheit sehen, wie man die Stille hören kann. Nämlich gar nicht, wenn alles um dich herum nach Aufmerksamkeit giert! Eine Gegend, die alles sein kann, was man sie sein lassen möchte. Weil es keine Ortschilder gibt, noch keine Erinnerungen und Erfahrungen, die alles Mögliche in eine Schublade stopfen wollen, für die sie viel zu groß oder zu klein sind. Wir könnten den ganzen Tag vergessen, was wir eigentlich vorhatten und in Gedanken so von einem leerstehenden Haus ins nächste ziehen. Aus ihnen Luftschlösser machen, in denen Pina Colada fließt und Zigaretten umsonst sind. In einem fernen Land in dem Erfüllung in Orangen an Bäumen wächst, ohne Steuerpflicht und Zahnärzte. Wenn der Sommer dann wirklich kommt, im März, kannst du dich am Strand im Sand suhlen, bis die Haut rein wird und die Sauerei dann im Meer einfach wieder abspülen. Wer in diesem großen Dorfe oder dieser kleinen Stadt eine schöne Portugiesin sitzen hat, sollte das zusammen mit ihr tun. Portugiesinnen lieben Sand und Sauereien, die man danach einfach wieder abspülen kann. Nach […]