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BYND

Konstantin Arnold

IDOL

IDOL

Die Flitterwochen sind vorüber. Nun zeigt sich Taubenscheiße auf den romantisch hervorstehenden Balkonen und der fließende Verkehr zieht sich in Wahrheit wie stundenlanges Kaugummi durch die Straßen der Stadt. Der Marktplatz vor dem Haus ist nicht mehr schön und frisch und authentisch, sondern muss morgens unbedingt schon vor Sonnenaufgang beliefert werden. Mit sieben Lastern, die frische Früchte und lautes Treiben vom Land bringen. Und Schinken, der zwar in Portugal groß geworden ist, aber in Spanien seine luftgetrocknete Vollendung finden durfte. Das läuft immer so, die Spanier können das mit dem Lufttrocknen einfach besser. Und das mit dem lautlosen Markt beliefern. Laster, Treiben, Serrano-Schinken klingen zusammen nicht mehr nach einer südländischen Symphonie, nach wildem Temperament, sondern wie die Abgase eines wütenden Orchesters. Wie ein Lieblingslied, das leider zur falschen Zeit läuft. Wie plötzlich Pickel! Auf einem Gesicht, das bisher so schön geglänzt hat. Sonnenverbrannt, aalglatt. Nichts auszusetzen. Makellos bis auf den allerletzten Backstein. Kein Stau zu lang, kein Laster zu laut, kein Tag zu heiß und keine Bedienung zu langsam. Und wie über Nacht sind die Hügel plötzlich zu steil, der Ausblick zu weit, die Balkone voller Scheiße und die Langsamkeit läuft fast schon rückwärts. Alle Fenster zu, alle Affen tot und im Sommer gibt’s dann keine Frischluft, die nicht vom Lärm verseucht ist. Alles schreit zu verständlich, wenn man anfängt Portugiesisch zu sprechen und in den Unterhaltungen, die uns im öffentlichen Nahverkehr umgeben, soweit Kronjuwelen vermutet hatte. Rosenblüten des Dialogs, die mehr vom Leben fordern als nur schlecht bezahlte Arbeit. Fragen des Durchschnitts, Antworten der Gewohnheit, das Allerprofanste. Oder, wie erst gestern im Bus, die letzte Hoffnung in einen Präsidenten und seinen schicken Pullunder, einen echten Mann des Volkes, der im Sommer mit weißem Haar und ohne Leibwächter schwimmen geht und pro Tag ein Buch liest. In Lissabon geboren und in Merino und Alpaka aufgewachsen. Keine Fauxpas, keine Affären, bis auf den Pullunder. Alles, was er sagt, sagt er mit einer Stimmlage, der man glaubt, weil sie brummt wie die eines Vaters. Oder noch früher das Wort Gottes. Nett, auf eine unfreundliche Art und Weise. Alles, was er ins Mikrofon sagt, klingt nach der allerletzten Wahrheit, wie alles wird gut. Alles, in einem Land, das soweit gut ohne Nachrichten ausgekommen ist, weil mein Speisekartenvokabular keine Naturkatastrophen und Skandale übersetzen konnte. Maximal den Wetterbericht und das Madonna mitten in der Innenstadt ein belegtes Brötchen gegessen hat. Einfach so! Auf offener Straße. So eine Hure. Grund zum Auszusteigen, obwohl der Bus noch nicht ganz dort ist, wo ich hingehöre. Zwar da, aber nicht ganz […]

DEMENTI

DEMENTI

Regen, endlich ein Grund irgendwo Urlaub zu machen. Ein Grund die Stadt zu verlassen. Ihr zu zeigen, dass es noch ohne sie geht, andere gibt, andere Städte, in denen noch andere Mütter wohnen, die auch schöne Töchter haben. Sevilla oder Cádiz oder noch weiter südlich. In einem fernen Land, in dem es nicht durch die Decke regnet. Ganz Europa versinkt im Schnee, von Berlin bis nach Mallorca. Schnee, der hier nur noch geschmolzen ankommt und dich nass macht. Nass wie Hund. Die Wohnung nass, alles nass, sogar das Internet nass, weil in Lissabon die Welt in langen Kabeln von Haus zu Haus hängt. Wenn Lissabon nass ist, ist es hässlich. Praça do Comércio hässlich, die Brücke hässlich, sogar die schöne Kopiererin aus dem Kopierladen hässlich. Man verkriecht sich nach innen, in dickes Gemäuer, die eigenen vier Wände, den dicksten Rollkragenpullover, soweit wies nur geht, bis einem schlecht wird, weil man innen angekommen ist und plötzlich über Dinge nachdenkt, über die man nicht nachdenkt, wenn einem die Sonne permanent ins Gesicht scheint. Verlorene Liebe, vergessene Freunde, neue Ziele. Klingt wie ein Lied von den Onkelz! Egal, Lissabon hat sich etwas zu sicher gefühlt, sich das Make-Up wegschiffen lassen, abends nicht mehr in Schale geworfen, weil sowieso alle kommen, auch wenn es regnet. Die sonnigste Stadt Europas versinkt mit 2800 Sonnenstunden im Jahr, hinter Valletta (ist aber eine Insel) und Marseille (ist gelogen), im Regen, sonnt sich auf einer Statistik. Natürlich ist Regen nichts Neues. Nichts Neues für Statistiken, nichts Neues für mich -mir ist er so vertraut wie der Klang von Skateboards und der Geruch von Kuhscheiße, nur eben etwas zu Nass für den trockenen Traum vom Tajo. Statistisch gesehen, gibt es wichtigere Themen als das Wetter. 2007 gab es im Parque das Nações zum Beispiel die längste La-Ola-Welle der Welt im mit 8453 Menschen. Nur möchte ich mich hin und wieder meinen deutschen Gepflogenheiten hingeben dürfen. Dem Scheißwetter, den Statistiken, den Rufen meiner Vorfahren folgen, mit denen ich nichts zu besprechen hätte, wenn es nichts zu meckern gäbe. Wir müssen uns einfach beschweren, weil uns die schweren Dinge, die tief in unserem inneren auf […]

VISAVIS

VISAVIS

Nicht Almada. Und auch nicht Aroeira. Weiter Südlich und dann irgendwo dazwischen. Definitiv von der Küstenstraße irgendwann nach links, wenn man lange genug Richtung Äquator gefahren ist. Auf einen genauen Ort möchte ich mich ungern festlegen und wie lange wir dort bleiben werden, noch viel weniger. Mindestens bis wir herauszufinden, was diese Gegend im Innersten ausmacht und warum sie so voller Dinge ist, die man nur im Urlaub gut gebrauchen kann. Die meisten Geschäfte verkaufen Swimming Pools und Wohnwagen, Kaugummis und was man sonst noch an den Kassen von Geschäften findet, die Swimming Pools und Wohnwagen verkaufen. Überall stehen hohe Bäume unter die große Häuser passen. Pinien und Villen, wenn mich nicht alles täuscht. Die Nadeln sind grün, die Hauswände bunt. Wirklich! Ein Ort wie ein einsames kanadisches Bergdorf ohne Berge und kalifornische Straßen ohne kalifornischen Verkehr. Das Bifana ist billig und das Wetter ist gut. Die Deutschen sind wenig und alles ist so friedlich, dass man glauben könnte schlechte Nachrichten seien, an dem Ort der nicht mehr Almada und auch nicht Aroeira ist, verboten. Sogar die Sirene der Krankenwagen klingelt gelassen und freundlich, als ob sowieso alles gut werden wird! Die meisten Häuser stehen leer und alleine und warten darauf, im Sommer benutzt zu werden. Von den meisten ist es ein ganzes Stückchen zum Strand, mit dem Bus und einigen Schritten zu Fuß. Von den Wenigsten, wenige Minuten, egal wie. Es ist ein Nirgendwo im Irgendwo, an dem wir vielleicht schon längst vorbeigefahren sind, weil sich der Ort, der nicht Almada und auch nicht Aroeira ist, keinem Durchreisenden offenbaren möchte. Keinem Ankömmling um den Hals wirft und nicht mit einfachen Reizen lockt. Dieser Ort hat keine knallroten Lippen, keinen tiefen Ausschnitt und keine langen Beine, die durch hohe Stiefel, nackte Knie und kurze Röcke in drei dich wahnsinnig machende Drittel geteilt sind. Dieser Ort sitzt mit Spliss in Strickjacke und Khakijeans direkt vor deiner Nase und hat kein Problem damit, dass du durch ihn durchguckst, weil dein Blick von einem dahinter sitzenden Drittel angezogen wird. Man kann seine Schönheit sehen, wie man die Stille hören kann. Nämlich gar nicht, wenn alles um dich herum nach Aufmerksamkeit giert! Eine Gegend, die alles sein kann, was man sie sein lassen möchte. Weil es keine Ortschilder gibt, noch keine Erinnerungen und Erfahrungen, die alles Mögliche in eine Schublade stopfen wollen, für die sie viel zu groß oder zu klein sind. Wir könnten den ganzen Tag vergessen, was wir eigentlich vorhatten und in Gedanken so von einem leerstehenden Haus ins nächste ziehen. Aus ihnen Luftschlösser machen, in denen Pina Colada fließt und Zigaretten umsonst sind. In einem fernen Land in dem Erfüllung in Orangen an Bäumen wächst, ohne Steuerpflicht und Zahnärzte. Wenn der Sommer dann wirklich kommt, im März, kannst du dich am Strand im Sand suhlen, bis die Haut rein wird und die Sauerei dann im Meer einfach wieder abspülen. Wer in diesem großen Dorfe oder dieser kleinen Stadt eine schöne Portugiesin sitzen hat, sollte das zusammen mit ihr tun. Portugiesinnen lieben Sand und Sauereien, die man danach einfach wieder abspülen kann. Nach […]

MENINA

MENINA

Maria Terreira hat weiche Hände und eine Nase, die aussieht wie eine Skisprungschanze in die Liebe. Maria Terreira spricht kein Englisch und lebt in einem schweren Haus mit jungem Putz, der neben einer dicht befahrenen Hauptstraße ziemlich alt aussieht. Der Boden ihrer Wohnung besteht aus kalten Fliesen und an der Wand hängen billige Gemälde über gelber Tapete, deren Wahllosigkeit etwas Kreativität in ihr getaktetes Leben bringen –zeigen sollen, dass hier noch mehr drin ist. Wenn Maria Terreira freitags Freunde besuchen, dürfen alle im Badezimmer schminken und im Wohnzimmer rauchen, weil Sie nach dem zweiten Muskateller die gedämpften Töne ihres durchgetakteten Lebens satt hat. Maria Terreira kann sich nicht von Gegenständen trennen, die ihr vor der Jahrtausendwende geschenkt wurden. Die Zimmer sind voller schwerer Möbel aus vergangenen Leben, die ihre kleine Wohnung noch kleiner werden lassen und Maria Terreira davon abhalten sollen, leichtfertig alles hinzuschmeißen, ohne schweres Haus und kalte Fliesen in Gedanken irgendwo neu anzufangen. Es herrschen Dunkelheit und Dekoration, die Ihr manchmal Angst machen, wie Unternehmungen, die gar nichts verändern. Zu nichts führen und keiner absehbaren Funktion folgen. Dich weder reifen noch stärker werden lassen und erst ganz am Ende ihre eingebildete Schicksaalhaftigkeit enthüllen, durch die wir uns wichtig fühlen. Maria Terreira möchte Platz für Zufälle lassen, weil sie alles liebt, was sich weit außerhalb ihres Zuständigkeitsbereichs befindet. Alles, was sich Ihrer Kontrolle entzieht. Männer, Jahreszeiten und das letzte Oberteil in genau Ihrer Größe. Wenn Winter ist, es in Lissabon durch die Decken regnet und man seinen Atem vom Bett aus bis in alle Unendlichkeit verfolgen kann; wenn man sich drinnen wärmer anziehen muss, als draußen und Schreiben will, ohne dabei Fingerkuppen zu verlieren; wenn endlich diese verfluchte Kälte aufhört, die eigentlich gar nicht kalt ist, aber durch kalte Fließen, jungen Putz und gelbe Wände, an denen billige Gemälde hängen, noch viel kälter ist. Dann ist endlich Sommer! Und es ist so heiß, dass Maria Terreira erst nachmittags das Haus verlassen kann, ohne sich von einem Ort zum nächsten schwitzen zu müssen. Auf dem Weg von einem Ort zum nächsten geht Maria Terreira stets auf der Schattenseite eines sonnendurchflutenden Lebens und lässt nachts alles laufen, wenn Sie sich ohne Ventilator vom verschwitzten Bauch auf den noch trockenen Rücken windet. Weil Maria Terreira dann die meiste Zeit draußen verbringt, ähneln sich die meisten portugiesischen Wohnungen in ihrer Anspruchslosigkeit von innen, und unterscheiden sich in ihrer anspruchsvollen Eitelkeit von außen. Meistens sitzt Maria Terreira auf kleinen Plätzen, die Touristen zu klein sind und widmet sich den übersehenen Kleinigkeiten ihrer eigenen Empfindung. Wenn Maria Terreira an einem leerstehenden Haus […]

MAMMON

MAMMON

Ich kann meine eigenen Notizen nicht lesen. Nicht ein Wort. Nicht einmal entziffern. Alles voller Superlative und Asche. Fettflecken und Wörtern mit mehr als einer Bedeutung, die trotz gleicher Buchstaben hier eine andere Aussprache fordern. Angefertigt gestern Nacht in einem dunklen Restaurant in der Rua de O Século zwischen Schweinelende und Unterhaltungen mit Matilda. Ein besonderer Ort! Dunkel, charmant, in manchen Ecken noch viel dunkler, Bescheidenheit vom Zapfhahn bis zur Handseife, weil sein Besitzer nicht ahnt, wie charmant er wirklich ist. Manche Tische haben eine grüne Bankierlampe, die Stühle braune Sitzbezüge aus wildem Leder. Viele Tische haben Tischdecken, die in anderen Restaurants Teppiche wären und auf jedem einzelnen von ihnen steht ein großer schwarzer Aschenbecher. Man raucht hier zwischen Vorspeise und Hauptgang, in Gesprächspausen und kurz vor dem Ausholen, nach dem Essen sowieso und eigentlich sogar noch eine mehr zwischen jeder einzelnen Zigarette. Es gibt keinen Empfang und aus einem versteckten Lautsprecher singt eine leise Tina Turner, dass wir keine Helden mehr brauchen und du einfach der Beste bist. Wenn jemand dazwischen die Klingel gehört hat, sich die schwere Eingangstür öffnet und du die Türschwelle betreten darfst, begrüßt dich ein saftig-satt gegessener Opa wie seinen eigenen Enkel und begleitet dich und deine Begleitung an einen Tisch seiner Wahl. Einen, von dem er denkt, dass er zu dir passt. Zum Grund deines Kommens, zum Anlass dieses Diners, zum Verhältnis zu Matilda und dem alles verschlingenden Loch in deinem Bauch. Wohlüberlegt entscheidet er im Verlauf des Abends, welche Beziehungsprobleme er neben welches erste Date setzt. Welche Gewohnheit neben welche Wertschätzung. Welche Weltanschauung neben welchen Tunnelblick. Welche Gruppen guter Freunde neben einsame Nachtschwärmer kommen und wer von den wenigen hier anwesenden Touristen eine Lektion in kurzen Hosen verdient hat. Im Sommer wie im Winter. Alles aus Weisheit, Erfahrung und Langeweile, die aus über 40 Jahren Schweinelende-Servieren schöpfen können. Die Freude eines kleinen Mannes, der somit dem Laufe des Schicksals seine ganz eigene Prägung aufsetzen kann. Die alleinige Regie führt in einem Reich, dass er schon Jahrzehnte bestimmt und bewirtet, besser kennt als die eingestaubten Bedürfnisse seiner Ehefrau, zu der er nur spricht, wenn es etwas aus der Küche zu bestellen gilt. Es ist ein Ort, der sich durch die Traditionen zieht, durch Trends gekämpft hat und nun davon lebt, dass Enkel, Söhne und Väter hier alle das gleiche bestellen. Schweinelende mit Soße, Pommes und einem Ei für 16.25€. Im Verhältnis könntest du zwei Häuser weiter eine Karaffe Hauswein, Oliven, Steak und Reis, mit einem Kaffee zum Abschluss, für die […]

STELLDICHEIN

STELLDICHEIN

Donnerstag, 14 Uhr hatten wir gesagt. Im Jardim de Torel. Ob am Brunnen, im Park oder unten bei dem kleinen Kiosk wollten wir dem Zufall überlassen. Dass Sie zu spät kommt, habe ich erwartet. Dass nach der zweiten Zigarette immer noch keine Spur von Ihr ist, nicht. Vielleicht hat Sie den Park verwechselt? Ist mir auch schon passiert. Vielleicht steht Sie im Stau auf der Ponte do Arbil, hat kein Benzin mehr oder keinen Handyakku? Meine Telefonnummer hätte Sie sowieso nicht. Vielleicht hat Sie mir im Internet eine Nachricht hinterlassen? Kein Smartphone, kein Facebook, keine Freundin! Dafür habe ich mich drei Tage lang auf dieses Treffen freuen können. Auch etwas wert. Wir hatten uns in einer Bar kennengelernt, die schon vierzig Jahre lang einen auf 20’er macht. Am Eingang steht ein Portier und kein Türsteher, und drinnen arbeiten Büfettiers und keine Kellner. Es ist eine gute Bar, um eine gute Frau kennenzulernen, aber auch Platz für gute Freunde, die sich gut alleine beschäftigen können und nichts gegen latenten Blickkontakt und völlig verführte Aufmerksamkeit einzuwenden haben. Eine Bar zum Angucken gebaut, zumindest wenn man nicht zu weit voneinander entfernt sitzt und im Zigarettennebel verschwindet. Dort, im Zigarettennebel sagte Sie, wenn wir ohne Absprache den gleichen Drink bestellen würden, hätte sie zwar immer noch einen Freund, würde sich aber vom Schicksal gezwungen fühlen, eine Runde mit mir durch einen Park meiner Wahl zu spazieren. Eiskalt ausgetrickst, weil Sie so viel klüger und vergebener ist, als ich. Ihre Schönheit geht mir bis zum Kinn und Ihre Locken hätten, wenn man sie ausfahren könnte, an diesem Abend bis zu mir nach Hause gereicht. Sie konnte über sich selbst lachen, wie Emily Ratajkowski und Sie sah Dinge in mir, über die wir dann gemeinsam lachten, wie Steve McQueen und Ali MacGraw. Ich zeigte Ihr, wie man nichts als das Gute in den Dingen sieht, und Sie mir, wie gut sich neurotischer Tatendrang in einem warmen Bett mit nackter Haut behandeln lässt. Nun Theorie, fragte die Praxis, was nun ist das Gute oder das noch viel Bessere daran, dass Sie jetzt nicht hier ist und ich 30 Minuten bis nach Hause laufe? Erstens, sagte die Theorie, werden wir so nie herausfinden müssen, dass Sie all die Dinge vielleicht nicht ist, die du seit dem Abend in der Bar in Ihr siehst und zweitens, fügt die Praxis hinzu, hat Ihr Freund […]

HALLODRI

HALLODRI

Damals als alles besser war, Rauchen noch als gesund galt, hinter dem Horizont das Ende der Welt lag und man Gedanken vom Hirn über die Hand durch den Kugelschreiber direkt auf das Papier brachte, ohne sie dann wieder löschen zu können. Damals als Cais do Sodrè ein Ort der Begegnung zwischen Nah und Fern war, an den man die Ladung der Handelsschiffe bewundern konnte und die Frauen an Land in den Kneipen der Docks auf abenteuerliche Seemänner warteten, um sich noch näher und ihrem Alltag noch ferner zu sein. Damals als man sich noch von einer guten Geschichte ficken ließ und dann sicherlich auch von damals redetet und rauchte, weil es gesund war, war eigentlich alles wie heute nur eben von gestern. Der Buchdruck von gestern, die Smartphones von heute. Der Mars von morgen so weit weg wie das Amerika von gestern (oder heute) und die wenigen in Frage kommenden Frauen im abgelegenen Heimatdorf, die weder Mutter noch Cousine waren, mit Tourismus und Internet ins unermessliche getrieben. Da haben wir’s! Nicht alles war besser. Damals rationale Zweckgemeinschaft mit Fortpflanzungsdoktrin, ohne Zufälle in denen man zur gleichen Kohlrabi greifen könnte, ohne Schicksal und ohne Kondome. Heute alles voller Romantik und Einwegbeziehungen, die sich durch gelbes Laternenlicht träumen und an der nächsten Ecke miteinander Schluss machen, weil man in Sachen Urlaubsplanung einfach zu unterschiedliche Vorstellungen hatte. Der eine wollte Mittag inklusive, die andere in den Straßen selbst nach guten Restaurants suchen. Wie soll man da nur zusammenfinden. Vor allem wenn an jeder Ecke alles noch Schönere, noch Neuere noch Spannendere lauert. Förmlich vibriert, weil hier die Erde öfters bis 4,9 Mw (Momenten-Magnitude) bebt. Das heißt laut Definition sichtbares Bewegen von Zimmergegenständen und Erschütterungsgeräusche ohne Schäden. Übersetzt und praktisch bedeuten 4,9 Mw, dass du dich erst einmal fragst, ob du spinnst, weil es bis 5 Mw auch noch der Alkohol sein könnte. Aber keine Panik! Lissabon ist ein Parnass, Sitz der Musen, eine Libertin in der Brandung, gebaut ohne selbstauferlegte Disziplin, der man ohnehin nicht gewachsen wäre. Eine Naturgewalt und so etwas passiert hier ständig. Deshalb ist es nie zu spät für die wahre Liebe und ein portugiesisches Mädchen, weil portugiesische Mädchen immer noch viel später sind. Vor allem wenn du einen Tisch für 10 Uhr im Zé da Mouraria hast und du dich nach einer Dreiviertelstunde um eine Mahlzeit deines Lebens beraubt fühlst. Warten wäre so schön, wenn man nur auf hungrigen Magen rauchen könnte oder wir uns nicht zwischen Erasmusbar und Irish Pub in Cais do Sodrè, sondern zwischen Pinien und Ausblick im Jardim de Torel treffen würden. Denn von dort hätte man einen anderen Blick auf die Stadt. Einen ehrlichen, ganz ohne kirchliche Highlights und restaurierte Prunkbauten. Dort gibt es wilde Hühner und Enten und Obdachlose, die kämpfende Enten wie Ringrichter auseinanderhalten und dich nach dem Spektakel nach Geld fragen. Dort […]

ESSENZ

ESSENZ

Willst du zuerst die gute oder die noch bessere Nachricht hören? Es ist Samstag. Und du bist frei. Kerngesund, nur leicht verkatert. Im Vollbesitz deiner Kräfte. Voll mit Saft! Das sollte man erst einmal zu schätzen wissen. Willst du etwas tun, das du wirklich liebst, oder lieber eine Sache leben, die dich so lange genervt hat, dass du sie am Ende doch noch geliebt hast? Willst du wissen, was ich meine? Ein gelesenes Leben leben? Gut, das will ich auch, also komm und wir treffen eine Verabredung. A Tabacaria ist die Bar am Praca do Sao Paolo, vor die wir uns stellen, wenn wir uns gut fühlen. Drinnen ist meist kein Platz mehr und heute fühlen wir uns gut, weil wir vorher gut gegessen haben und nachher in einem alten Theater feiern wollen. A Tabacaria ist eine Bar wie im Bilderbuch, auch wenn es keine Bilder von Bars in Bilderbüchern gibt, weil sich der Bilderbuchleser nicht für gezapftes Bier interessiert. Noch nicht. Was diesen Ort so besonders macht, ist mir bis heute unerklärlich. Tradition und dunkles Holz mitten an die Ecke einer unbedeutenden Kreuzung gezimmert. Fertig ist die Atmosphäre. Ich konnte kein Foto schießen, aber Stimmung lässt sich mit Worten sowieso besser einfangen. Selbst für eine Geschichte, die gar nicht viel reden muss, um erzählt zu werden. Hinter der Theke tragen alle volles Brusthaar, das mit einer silbernen Halskette geschmückt und durch drei geöffnete Hemdknöpfe prächtig zur Schau gestellt ist. Bringst du im Sommer noch dein eigenes Hawaiihemd mit, kannst du eigentlich direkt heute Abend anfangen, die besten Drinks der Stadt zu mixen, ohne es dir auf deine Stirn zu schreiben. Die meisten Besucher drängen sich in einen engen dunklen Raum, in dem sicherlich auch einige dunkle Tische stehen, an denen Leute sitzen, die sich etwas zu erzählen haben. Der ganze Rest ist hier, um locker zu plaudern, sich mit einfachen Wörtern abzugeben, die man nicht hören muss, um sie zu verstehen -und natürlich um gesehen zu werden. Ich für meinen Teil sehe in der Tabacaria lieber, weil draußen, vor den saftig grünen Fliesen meistens Frauen mit Klasse und wenig Make-up stehen und ihre Zigaretten in die Spurrillen der Straßenbahnen werfen. Direkt an einer richtigen Straßenecke, auf einem ein Meter breiten Bürgersteig drängt sich also alles, was heute Nacht für mich die Welt bedeutet. Für dich auch? Na dann komm, wir holen uns noch Einen, bevor wir zu der Party in dieses alte Theater torkeln. Lass den Typen an der Bar ruhig machen, ohne dazwischen zu quatschen. Alles, was er tut, tut er […]

HABITUS

HABITUS

Gegenüber des Museo Calouste Gulbenkian, dem besten Museum mit dem besten Garten der Stadt, gibt es die besten grünen Oliven der Stadt. Steht man unmittelbar vor dem Haupteingang, begibt man sich einfach die zu großen Treppenstufen hinunter, biegt an der Hauptstraße nach rechts ab und verläuft sich von nun an, weil ich den Weg nicht weiter beschreiben möchte. Diese Oliven sind zu gut und zu billig und zu wenige, damit wir sie teilen könnten. Ich habe endlich Gold gefunden, nachdem ich mich bis zur Magenverstimmung durch die Tagesgerichte sämtlicher Tascas der Stadt gegessen habe. Der Stockfisch schlecht, die Chorizo zu fett oder einfach keine ansehnlichen Menüs, die von ansehnlichen Kellnerinnen transportiert werden. Und plötzlich stand sie da! Wie ein Eisbein in der Wüste. Einfach in das Erdgeschoss eines traditionellen Wohnhauses gezimmert. Grelles Licht, keinen Fernseher und eine riesige metallische Theke für sterile Stimmung, wie auf dem Operationstisch. Voller Fliesen. Noch ein paar ständig stehende Opas, die über Fußball reden und eine Zeitung vor sich liegen haben, weil neben Kaffee und Shamusa eben noch Platz ist. Gut geschlagenes Bifana mit Käse und Knoblauch und Piri-Piri, das du nur essen solltest, wenn du heute Abend nicht mehr küssen möchtest. Nicht zur Begrüßung, sondern so richtig, mit Zunge. Generell solltest du dich nach dem Mittag erst einmal hinlegen, weil du ein Kind aus drei Gängen mit dir rumträgst und wegen des Rotweins auf nüchternen Magen, etwas zu fröhlich für 14.30 Uhr bist. Aber keine Sorge! Carolina, eine 120 Kilo-Wirtin, die ihres Charakters nach zu urteilen jedoch ein absolutes Topmodel ist, pflegt zu sagen, dass jedes Essen erst durch Alkohol zu einer richtigen Mahlzeit wird. Also, verabschiede dich dankbar und versprich Carolina, dass du morgen unbedingt wiederkommen möchtest. Und dann, versuch dein Glück! Trau dich, finde dein Aschenputtel im Gastronomie-Gewerbe, von dem du selbst niemandem erzählen möchtest. Nicht einmal deinen Freunden. Ich finde, jeder sollte einmal alleine in einem solchen Restaurant gegessen haben, Mittag oder Abendbrot, ganz ohne Ablenkung auf das, was um dich herum passiert. Man muss die Wege dorthin nur kennen, um sich später über Umwege ärgern zu können. Und warum das ganze Essensgefasel? Weil man die Dinge leider nicht einfach so sagen kann. Man muss sie verpacken wie Weihnachtsgeschenke und verkaufen wie ein Marktschreier. Lieber zweimal lesen, als kein Mal. In irgendeinem sinnstiftenden Rahmen, in […]

KAVALIER

KAVALIER

Mir ist das Ansprechen vergangen. Das Überzeugen, das Begeistern und sogar die, die dort drüben im senfgelben Pulli steht. Mir sind die Worte ausgegangen. Einfach alle verbraucht. Jetzt bleibt mir nichts anderes übrig, als bis zum Frühling mit Mantel in der Ecke zu stehen und an meinem Cognac zu nippen. Nicht zu schnell, denn noch einen kann ich mir nicht leisten. Entschuldigung, hättest du vielleicht eine Zigarette? Keine Sorge, diese Worte habe ich noch zu genüge auf Halde. Für die zu langen Nächte in kurzen Geschichten. Für zu viel getrunken, für zu viel geraucht. Für zu viel von zu vielem, nur eben zu wenig geschlafen. Eine ganze Generation voll bis unters Dach, bis genug zu viel ist oder die Kopfschmerzen länger bleiben, als einen einzigen Vormittag. Ich will nicht schneller reden, als meine Taten sprechen könnten, nichts vom Krieg erzählen, nichts klarstellen, obwohl es gar nichts zu sagen gibt. Nur, was sollte ich sonst tun, wenn ich nicht tanzen möchte? Nicht, dass ich nicht tanzen würde, aber ich entscheide mich eben ganz bewusst, es nicht zu tun. Sollten Männer überhaupt Tanzen? Natürlich, aber dann ganz oder gar nicht! Nicht zu irgendeinem Lied, mit irgendeiner Frau an genau diesem Ort. Sondern zu genau diesem Lied, mit genau dieser Frau an irgendeinem Ort. Nur, weil man gerade nichts Besseres zu tun hat oder es einfach nicht aushält, die eigenen Waden für ein paar Minuten stillzuhalten. Überall Gemenge. Portugiesisches Gelächter in hohen Räumen voller Tradition und jungem Putz. Musik, die klingt wie eine frivole Ode, in der alle einfach nur mittanzen. Schau genau hin, Herrgott, sieht das doof aus. So ungefühlt und unecht. So scheiße ich kann den Text nicht, will meine Lippen aber trotzdem bewegen. Dann noch Arsch an Schwanz, weit vor Mitternacht und Wortfetzen, die man nicht verstehen muss, um sie waden-wippend in den Gehörgang des Weibchens zu prügeln. Männer begehren und Frauen begehren die Begierde des Mannes, aber nehmt euch doch ein Zimmer, oder einfach einen Hocker an der Bar. Redet über die Mitesser, die hinter teurem Makeup liegen. Das Wetter wäre auch ein Thema. Immerhin baue ich mittlerweile eher auf den Sommer, als auf portugiesische […]